Theater

Unterm Sessel des Philosophen

Von Gerhard Stadelmaier
 - 16:35
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Er möchte von seiner Frau eigentlich nur, daß sie in der Silvesternacht nicht Illustrierte liest, in denen es um die Rettung des Regenwalds und der Menschenaffen geht, sondern „einen einzigen Blick auf die Kreatur, die an deiner Seite liegt“, wirft. Und: „Sei zärtlich, sei liebevoll.“ Dem Mann, einem Professor für Philosophie, der soeben mit fliegenden Fahnen von Spinoza, dem Substanzdenker der Weltbejahung aus dem siebzehnten Jahrhundert, zu Schopenhauer, dem Willensdenker der Weltverneinung aus dem neunzehnten Jahrhundert, übergelaufen ist und nur noch lust- und antriebslos und weltenekelnd im Morgenmantel herumsitzt, könnte geholfen werden: mit einer Ehe- und Intellektuellenkomödie, in der naturgemäß eine Tragödie versteckt wäre.

Aber so, wie in den Kammerspielen des Berliner Deutschen Theaters der leere, gefängnisschachtelartige Raum, den Johannes Schütz entworfen hat, im Hintergrund sich perspektivisch nicht verliert, sondern ausweglos verschließt; wie auch in diesem fluchtlosen Raum ein alter, verschlissener brauner Ledersessel und ein kleiner harter schwarzer Stuhl sich an Verlorenheitsymbolik geradezu überbieten; und so, wie Ulrich Matthes als Philosophieprofessor Ariel und Corinna Harfouch als dessen Gattin Nadine sich gegenüberstehen, als würden sie sich gegenseitig gleich zum völlig erschöpften Vernichtungsfraß vorwerfen - kann hier niemandem mehr geholfen werden.

Gewaltig überspannte Tragödie

Selbst wenn Nadine an Ariel nur stört, daß er Orangen falsch schält, seinen Arm immer schlaff herunterhängen läßt und seine Orangenschälhand ungalant auf den Tisch plumpsen läßt. In der gewaltig überspannten Tragödie der beiden, die das Theater an diesem Abend aus ihrem Leben macht, ist nicht einmal mehr die Komödie versteckt, in der Morgenmäntel, Orangenschalen, Illustrierte, Lockenwickler und falsch plazierte Zahnpastatuben ihre katastrophal komische Rolle spielen könnten. Der Regisseur Jürgen Gosch stellt Nadine und Ariel in seiner Berliner Uraufführungsinszenierung von Yasmina Rezas neuem Stück „Im Schlitten Arthur Schopenhauers“ mit größtmöglichem Schwung in die größtelende Lebens- und Liebesekelecke.

Dabei haben die beiden nicht einmal ein Drama miteinander. Yasmina Reza, die nach jüngsten Meldungen 1959 geborene, aber immer noch absolut junge französische Dramatikerin, läßt Nadine dreimal zu Wort kommen: in langen beicht- und klage- und bekenntnisartigen Monologen, die sie einmal Serge, dem Freund ihres Mannes, dann zweimal ihrer Psychiaterin, jeweils stummen Zuhörern, zur Kenntnis bringt. Ariel kommt zweimal zu Monolog-Wort: einmal zur Psychiaterin, dann zu Nadine. Serge redet zweimal zu Ariel. Die Psychiaterin redet einmal zu allen dreien.

Wie in Rezas „Kunst“ (1995), wo ein weißes Bild die Leerstelle bildet, in der drei Freunde verschwinden, wie in ihrem „Drei Mal Leben“ (2000), wo eine Essenseinladung die Leerstelle bildet, in der zwei Paare verschwinden, wie in „Ein spanisches Stück“ (2004), wo eine Theaterinszenierung die Leerstelle bildet, in der ein Ensemble -eine Familie - verschwindet, bildet in den acht monologischen Beichten „Im Schlitten Arthur Schopenhauers“ das Leben die Leerstelle, in der alles Mitleid, alles Mitgefühl, alles Sich-gegenseitig-noch-gerade-Wahrnehmen der Menschen verschwinden. Mitgerissen ins Leere ist auch jede Hilfe durch Gedanken, durch Metaphysik, durch Liebe und Güte.

Wundervoll oberflächlich

Yasmina Reza läßt ihre Figuren Katastrophen bekennen: Ariel „verfault“, „verfällt“, „verwest“; Serge predigt hemmungslos und zynisch Wirtschaftsgläubigkeit, lobt den Waffenexport und die Schließung von Zechen; die Psychiaterin wird durch alte, schwankende, tütentragende Frauen, die ihr auf der Straße begegnen und ihr Mitleid erregen müßten, aus jeder Mitmenschlichkeit in eine Haß- und Wutbahn hineingeschleudert und rettet sich in Kauf- und Konsumräusche; Nadine lobt die Spartaner, haßt Familien, wird sich torschlußpanikartik in irgendwelche Liebschaften stürzen und hält sich an Blumenvasen und Erinnerungen an ihre Mutter fest.

Das ist alles tieftraurig. Aber wundervoll oberflächlich. Konversationskammerton eines Boulevardorchesters aus lauter Einsamkeitsvirtuosen, die unter Schmerzen lächeln und scherzen. Und hinreißend formulieren. Yasmina Reza füllt die Leerstellen mit Andeutungsakkorden, spielerischen Verzierungen, wehenden Klängen. Es klingt so harmlos. Und hat so viel Generalbaß. Nur wer die Reza-Oberfläche ehrt, bekommt Tiefe von selbst geschenkt.

Die Reza ist nicht Albee und schon gar nicht Strindberg. Ihre Paare geraten nicht aneinander. Sie geraten nebeneinander. In der Lücke dazwischen stecken die Dramen. Jürgen Gosch und seine superben Berliner Schauspieler machen bei der Uraufführung nur den einen virtuosen Fehler: Sie schließen die Lücke. Sie zerren das, was an Drama eigentlich gar nicht da ist, hervor.

Ungeheure Nervenzerrüttung

Corinna Harfouch treibt in braunem Rock, braunen Pumps und blaßblauem Kaschmirpulli ihre Nadine sofort in eine ungeheure Nervenzerrüttung: mit fliegenden Händen Zigaretten auslöschend, neue anzündend; in Verzweiflungsschreie über Orangenschälkatastrophen ausbrechend; den Kopf einer Boulevard-Megäre schier in Medea-Höhen stemmend, wenn sie den Abfall ihres Mannes von aller Kraft und allem Saft beklagt, heulend und jaulend vor verlorener Liebe und vor Wut darüber, kein Gegenüber, keinen Haß- und Lustgegner mehr zu haben; ein frustriertes Raubtier, dem man den Knochen genommen hat, auf dem es herumbeißen kann. Eine Furie am Rande des Weltzusammenbruchs. Die Banalitäten, über die sie bei Reza klagt und die sie dort eher depressiv amüsiert vorträgt (man stellt sich beim Lesen dauernd ein leises Achselzucken dieser Frau vor), werden hier zu Zentnergewichten, aus Seelentiefen hervorgewuchtet. Das ist imponierend und erinnert an die schönsten Rollen der Harfouch. Aber es ist zuviel für diese Figur.

Auch Ulrich Matthes gibt im Morgenmantel und im leichten Sakko überm T-Shirt den Über-Dämon, dem die Verwesungsgedanken und die Todeslust von innen gegen den ausgeglühten Schädel hämmern, der selbst, wenn er den Tiraden seines Freundes Serge zuhört und darüber die Augen verdreht, diese so verdreht, als blickte er bereits aus Grabesferne in diesen Oberflächenabgrund hinein. Er dehnt, wenn er „Nissaaaan“ automäßig heruntermacht, die Vokale, als singe er Sterbelitaneien, fuchtelt mit den Armen, als dirigiere er wutentbrannt schon Engelsscharen vor Schopenhauers Thron. Er sucht, wenn er von „entsetzlicher Nähe“ redet, verzweifelt streichelnd die Wange seiner Frau - als habe ihn der tollste strindbergsche Geschlechterkampfteufel geritten.

An der falschen Haustür geklingelt

Nur Ernst Stötzner als Serge im blauen Blouson zu blauer Krawatte, der Optimist unter lauter Katastrophalen, bringt seine Auto- und Wirtschaftswachstum- und Sexverachtungs- und Lebensbejahungstiraden traubenmampfend und souverän Pointen setzend wie ein Vertreter für Komödienwaren an, der zufällig an der falschen Haustür geklingelt hat und nun zum Seelenzerfleisch-Menü dableiben muß.

Einmal schaut die biedere Psychiaterin der Gabriele Heinz, die treuherzig dem Tiefenverzweiflungsschürfen rings um sie herum zuhört, unter den braunen, abgewetzten Sessel des Philosophen, ob da etwa etwas verborgen wäre: Leichen unter den Dielen? Aber da sind nur die schönen Oberflächensätze der Reza, die hier wie in gewichtsvergessener Schwere im Raum groß gemeißelt dastehen. Als würde aus einem klassischen französischen Soufflé eine expressionistische deutsche Statue. Womöglich hat also die Saison mit einem Mißverständnis begonnen. Aber selten noch war ein Mißverständnis so ansehnlich.

Quelle: F.A.Z., 02.09.2006, Nr. 204 / Seite 35
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