Theaterfusion Mecklenburg

Sehnsucht ist hier keine Endstation

Von Jan Brachmann
 - 21:06

Um nicht schon wieder sofort bei den Problemen anzufangen, sondern auch einmal das Gelingen zu würdigen, beginnen wir mit einer überzeugenden Operninszenierung: Widersinnig, aufreizend, geradezu pervers ist die gute Laune von Stella Kowalski mit ihren glücksglucksenden Räkel-Vokalisen, die sie beim Ankleiden zwischen Ehebett und Kombi-Herd aus ihrem biegsamen Körper entlässt.

Ihre Schwester Blanche – immer noch etepetete, obwohl sie keinen Cent mehr in der Tasche hat – steht daneben und fasst es nicht: „Wie kannst du dich nur von diesem Polacken beschlafen lassen! Der hat doch keine Kultur! Das ist ein Affe! Und er schlägt dich, obwohl du schwanger bist. Du musst weg von diesem Mann!“ Aber Stella hopst über diese Lawine von Worten hinweg mit einem Lustlallen, das sagt: Ja, ich schlafe gern mit Stanley, auch wenn er mich schlägt. Du bist doch bloß neidisch, weil du alt wirst und dich keiner mehr anfasst.

Diese Szene gehört zu den stärksten in André Previns Oper „Endstation Sehnsucht“, weil sie dem Drama von Tennessee Williams etwas hinzufügt, was es von sich aus nicht hat: einen Moment der Überlegenheit wortloser Musik über die Sprache; einen Ausbruch aus dem Korsett der Kultur hinein in die Körperlichkeit des reinen Klangs. Die heitere Mühelosigkeit, mit der Franziska Ringe am Theater Vorpommern in Stralsund und Greifswald derzeit diese Vokalisen der Stella Kowalski singt, und die ätzende Beständigkeit, mit der Gunta Cese als Blanche DuBois ihrer Schwester zusetzt, machen diesen Moment zu einem Höhepunkt, angeheizt vom diskreten Flimmern des Orchesters unter der Leitung von Florian Csizmadia, zugleich gut vorbereitet durch die wohltuend klare Erzählweise des Regisseurs Horst Kupich.

Passt die Lollipopästhetik an die Grenze zu Polen?

Die Oper wurde 1998 in San Francisco unter dem Originaltitel „A Streetcar Named Desire“ uraufgeführt und ist in dieser Fassung auch schon mehrfach in Deutschland gespielt worden. Doch in Vorpommern kann man das Stück jetzt erstmals in der deutschen Fassung erleben. Anderthalb Jahre habe man mit den Erben von Williams verhandelt, erzählt der Intendant Dirk Löschner. Immer gab es Widerstand. Dann bat man Bettina Bartz und Werner Hintze, mit einer Übersetzung in Vorleistung zu gehen. Vom Ergebnis waren die Erben überzeugt.

Ob dieses amerikanische Südstaatendrama, das der Ausstatter Christopher Melching auch in der Lollipop- und Brausepulverästhetik der fünfziger Jahre ansiedelt, wirklich nach Vorpommern, an die Grenze zu Polen, passt und ob man mit den Ängsten einer abgehalfterten Elite vor den proletarischen Polacken tatsächlich die Konfliktlinien genau dieser Region treffend beschreibt, ist zu bezweifeln. Schon bei der Premiere sieht der Zuspruch des heimischen Publikums, das sonst bei Wagner-Opern oder bei Tschaikowsky keinen Platz leer lässt, eher zögerlich aus. Aber die ganze Produktion zeigt, dass man sich hier am Theater Vorpommern, das die Spielstätten Greifswald, Stralsund und Putbus auf Rügen betreut, nicht mit „Grundversorgung“ und Notspielplänen begnügt.

Seit längerem (F.A.Z. vom 5. Dezember 2016) galt eine weitere Fusion des Theaters mit den Bühnen in Neubrandenburg und Neustrelitz als unausweichlich. Die Kommunen können den Spielbetrieb im gegenwärtigen Umfang aus eigenen finanziellen Mitteln nicht mehr aufrechterhalten; das Land Mecklenburg-Vorpommern wollte bislang nur helfen, wenn durch eine Fusion Stellen im künstlerischen Bereich, in Technik und Verwaltung eingespart werden. So sah es eine Zielvereinbarung von 2015 vor. Für die verbleibende Belegschaft sollte dann auch endlich Gehalt nach Flächentarif gezahlt werden, nachdem in Vorpommern seit 1994 ein Haustarifvertrag in Geltung war, der bei der Bezahlung im Schnitt um siebzehn Prozent unter dem Branchenüblichen lag.

Der Erhalt aller Standorte und vieler Arbeitsplätze sollte einhergehen mit einer regionalen Schwerpunktsetzung: Musiktheater in Stralsund, Ballett und Schauspiel in Greifswald, Konzert und Kammerbühne des Sprechtheaters in Neubrandenburg, Gastbespielungen in Putbus, Theater mit musikalischem Schwerpunkt – also aufwendigere Musicalproduktionen – in Neustrelitz. Doch am Montag hat Mecklenburg-Vorpommerns Kulturministerin Birgit Hesse (SPD) beschlossen, wieder Alternativen zur Fusion zu prüfen. Die kommunalen Träger der Theater – der Landkreis Vorpommern-Rügen, die Städte Stralsund, Greifswald, Neubrandenburg und der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte – konnten untereinander keine Einigung über den Standort von Werkstätten, über wichtige Personalien und lokale Spielpläne erzielen. Besonders in Neustrelitz fühlt man sich als Hauptverlierer der Fusion. Und Widerstand der Bevölkerung, die stolz ist auf ihre Theater, gab es in allen betroffenen Landesteilen. Schließlich hatte Stralsund erst vor einigen Jahren sein städtisches Krankenhaus verkauft, um vom Erlös sein Theater zu sanieren. So groß ist dort die Opferbereitschaft für Kunst.

Auch die Gewerkschaften zeigten sich zunehmend reserviert gegenüber dem, was da geplant war: Das Orchester, das aus der Fusion der Philharmonie Neubrandenburg mit dem Philharmonischen Orchester des Theaters Vorpommern hervorgehen würde, soll insgesamt 107 Stellen umfassen. Damit wäre es eigentlich ein A-Orchester; doch eine solche Spitzeneinstufung ist der Landesregierung in Schwerin nicht zu vermitteln. Schon die Tarifgruppe B-Fußnote, nach der das Orchester des Theaters Vorpommern momentan bezahlt wird, würde schwer durchzusetzen sein; am Ende würde es dann auf die Tarifgruppe B hinauslaufen, vielleicht mit Sonderregelungen für die Erweiterung der Dienste aufgrund langer Fahrzeiten. Denn das „Staatstheater Nordost“ – so der Arbeitstitel, der an ein Energiekombinat erinnert – würde im Extremfall Entfernungen von bis zu hundertsechzig Kilometern zwischen Putbus und Neustrelitz zu überbrücken haben.

Keine Einsparungen durch Kooperation?

Löschner – der gegen geballtes Misstrauen aus Neubrandenburg und Neustrelitz ab August 2018 von Greifswald aus die Generalintendanz hätte führen sollen – glaubt, dass durch Kooperationen keine Einsparungen mehr zu erzielen seien. Angebot und Qualität zu stabilisieren und dennoch die Gesamtfläche weiterhin zu erreichen, das könne man aber durch eine Fusion – gerade so – noch einmal schaffen. Ein Kooperationsmodell liefe am Ende darauf hinaus, dass man an einigen Standorten ganze Sparten schließe und Produktionen importiere oder aber die Belegschaften zu noch mehr Gehaltsverzicht bewege.

Birgit Hesse zumindest wäre bereit, die Landeszuschüsse für die kommunalen Theater, die derzeit bei etwa 36 Millionen Euro stagnieren, zu erhöhen, wenn die Theater – bei gewahrter Selbständigkeit – durch Kooperationen und neue Haustarifverträge wirklich zu Einsparungen kämen. Diese Option ist neu, denn die Landesregierung hatte bislang ein Anwachsen der Zuschüsse an die Bedingung geknüpft, eine Staatstheater-GmbH mit dem Land als Mehrheitsgesellschafter zu gründen und die Unterbezahlung mittelfristig zu beenden. Darin lag durchaus Vernunft, doch die Vermittlung des Konzepts wurde von den Kommunen teilweise als „erpresserisch“ empfunden. Jetzt soll ab Januar alles wieder von vorn verhandelt werden.

Am Theater Vorpommern hat man durch diese ungeklärte Situation bereits den Dirigenten Golo Berg ans Theater Münster verloren, doch mutlos wird man deshalb nicht. EU-Fördermittel für ein Opernnetzwerk im südlichen Ostseeraum von Stralsund bis Klaipeda habe man zwar nicht erhalten, erzählt Löschner, aber ein anderes großes Vorhaben sei in Gang gekommen: die Theater-Hanse. Schon bei der ersten Einladung kamen im Oktober fünfundzwanzig Theaterleiter aus Norwegen, Schweden, Estland, Litauen und Polen nach Stralsund, um über zweierlei zu beraten: ein neues Festival, das als Biennale ein Theatertreffen des Ostseeraums werden soll; und über ein Netzwerk der Bühnen, das ökonomische und politische Absicherungen schaffen könnte gegen Beschränkungen künstlerischer Arbeit.

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Die Dramaturgische Gesellschaft wird ihre Jahrestagung 2018 in Greifswald abhalten und sich „Dramaturgien des Widerstands“ widmen in einer Zeit immer stärkerer politischer Einflussnahme, besonders in Osteuropa. Löschner ist froh, dass die Zusammenarbeit mit der „Oper auf dem Schloss“ in Stettin, der früheren Hauptstadt Pommerns, jetzt der polnischen Woiwodschaft Westpommern, so gut funktioniert. Da Stettin nicht im Aufmerksamkeitsfokus der nationalkonservativen Zentralregierung in Warschau liege und der Marschall der Woiwodschaft pro-europäisch gesinnt sei, könne man die Zusammenarbeit noch wenigstens zwei Jahre lang fortsetzen. „Stettin strahlt als Metropole immer mehr auch in den deutschen Osten aus. Es ist ja unsere nächstliegende Großstadt“, sagt Löschner.

Doch die Strukturprobleme der Theaterlandschaft in Deutsch-Nordost müssen von Schwerin, nicht von Stettin aus gelöst werden – mit allen Beteiligten, mit Stolz auch, aber vor allem mit Vernunft.

Quelle: F.A.Z.
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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