Theaterstar Yasmina Reza

Im Erfolg des Gemetzels

Von Gerhard Stadelmaier
 - 16:05

Ihr deutscher Theaterverleger, verwöhnt vom weltweiten Dauererfolg von „Kunst“ oder „Drei Mal Leben“, Yasmina Rezas Komödien, in denen Menschen urwitztraurig ins Leere fallen, bekennt, dass er das in seinem langen Berufsleben noch nicht erlebt hat: „Der Gott des Gemetzels“, das jüngste komische Stück der Dramatikerin, ist seit der Zürcher Uraufführung im Dezember 2006 innerhalb eines Jahres von sechzig Theatern für eine Inszenierung fest gebucht worden. Anzahl steigend.

In Pariser Bahnhofsbuchhandlungen liegt der Theatertext des „Gemetzels“ (auf Französisch „Le Dieu du carnage“) neben den Stapeln mit Bestsellern: darunter naturgemäß ihr Reportagebuch über ihre Reisebegleitungserlebnisse im Wahlkampf mit Sarkozy. Es ist im selben knappen, die Dinge an ihrer Oberflächenerscheinung aufblitzend packenden, glänzenden Stil geschrieben, der auch ihre Theaterstücke und ihre Erzählungen ziert. Und was an Tiefe und Grauen, an Verrat und Gewalt und Trauer und (bei Sarkozy) an Perfidie drinsteckt, bleibt zwar an der Oberfläche versteckt. Offenbart sich aber mühelos.

Unaufhörliches Reden

Die gelernte Schauspielerin, Tochter einer weitverzweigten jüdischen Pariser Familie (Mutter Ungarin, Vater Perser mit russischen Wurzeln), in der, so Yasmina Reza, „unaufhörlich geredet“ wird und deren Literatur auch aus nichts anderem besteht als aus unaufhörlichem Reden, ist die zurzeit brillanteste Autorin dessen, was man „Boulevard“ nennen darf - wenn man ihn nicht abschätzig als Schmierseifenrutschbahn abtut. Wenn man den Boulevard als gesellschaftliche Geistesmeile à la Botho Strauß begreift, auf der die Flaneure auf die Gespenster und Monster und Nachtmahre lauschen müssen, die unterm Asphalt spuken. Sonst kämen sie keinen Schritt weiter.

Im Ton elegant, witzig und wahnsinnig unterhaltsam, in der Anmutung schreckenssatt: wenn drei Freunde in das Loch fallen, das ein weißes Bild in ihre Freundschaft reißt („Kunst“); wenn der Albtraum einer Abendessen-Einladung des Chefs dreimal durchlitten werden muss („Drei Mal Leben“); wenn zwei Ehepaare, die eine Schlägerei ihrer Kinder freundlich aufklären wollen, sich selber die wüstesten Tiefschläge versetzen („Der Gott des Gemetzels“).

So wie die womöglich schon Fünfzigjährige (ihr Geburtsjahr schwankt zwischen 1955 und 1959) ihre Figuren zeichnet, wie mit dem Silberstift flirrend ins Gegenwartsgrau gezogen - so inszeniert sie auch, so führt sie Schauspieler, Stars wie Isabelle Huppert oder André Marcon. Leicht, elegant, wehmutswitzig, niemand richtend. Noch für das Schlimmste reichen ihr fünf Buchstaben: human. So buchstabiert sich auch ihr Erfolg.

Quelle: F.A.Z., 29.01.2008, Nr. 24 / Seite 44
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