Uwe Tellkamps „Turm“ auf der Bühne

Wir Eingeborenen von Neunbalkonien

Von Andreas Platthaus
 - 11:25

An diesem Abend wird in Dresden Dresden ausgetrieben. Keine verwunschene Zauberwelt hat Olaf Altmann auf die Bühne gesetzt, keine Dornenranken um alte Gusseisenornamente gelegt, keine Jugendstilfassaden nachgebaut, keine Elbhänge aus Pappmaché geformt. Der „Weiße Hirsch“, das Viertel, in dem Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ sein Zentrum hat, ist erlegt und ausgeweidet: Das Segment eines Hochhauses im Rohbau steht vor uns, aufgeteilt in neun Balkone, durch die man hindurchblicken kann in eine wahlweise abendblaue oder tagesgraue Unbestimmtheit. Dieser triste Plattenbau ist so skelettiert wie die tausendseitige Romanvorlage, die Jens Groß und Armin Petras für das Dresdner Staatsschauspiel zum dreistündigen Drama gekürzt haben.

Der Saal ist zur Uraufführung bis auf den letzten Platz mit jenem Kulturbürgertum gefüllt, dessen blinder Liebe zum alten Dresden Tellkamp ein Denkmal gesetzt hat. Wenn sich das Ensemble zu Beginn als Chor versammelt und noch vor dem ersten Wort kollektiv jene Winzermütze von den Loschwitzhängen aufsetzt, die Tellkamp zu seinem Markenzeichen gemacht hat, dann gluckst das Publikum vor Vergnügen. Und natürlich ist es für diese Zuschauer gar kein Problem, dem zum „Weißen Hirsch“ heimkehrenden Internatsschüler Christian Hoffmann einen abgebrochenen Satz zu vervollständigen: „Oben, neben dem zweiten Tunnel der Standseilbahn, kommt das schon vor mehreren Jahren geschlossenen Restaurant ...“ Der Saal ruft ihm zu: „Luisenhof!“ In Heimatkunde Note eins, Alt-Dresden eben. Doch Benjamin Pasquet, der den Christian spielt, korrigiert augenzwinkernd: „Sibyllenhof“. Alles, was auf dem „Weißen Hirsch“ spielt, ist von Tellkamp ja in eine Phantasiewelt übersetzt worden.

Das Theatralische am Text vermieden

Sie fehlt im Dresdner Schauspielhaus. Genauso wie Tellkamps akribische Rekonstruktion des Lebens in der DDR der achtziger Jahre oder die zahllosen Meeresmetaphern in dieser „Geschichte aus einem versunkenen Land“, wie der Roman im Untertitel heißt. Alles, was theatralisch ist an diesem Text, hat Wolfgang Engel in seiner Inszenierung vernachlässigt. Und die eigene Biographie. Denn Engel war just in der Zeit als Regisseur hier am Dresdner Theater engagiert, in welcher „Der Turm“ spielt.

Was Engel heute in Dresden zeigt, könnte überall handeln und zu jeder Zeit – ein böses Spiel von Menschen mit Menschen. Wenn der winzerbemützte Chor zu sprechen anhebt, tut er es denn auch in nahezu klassischem Duktus mit Zeilen aus der „Ouvertüre“ des Romans. Doch dazu spielt Rafael Klitzing, der vom DJ-Pult auf dem obersten Mittelbalkon aus die rasche Szenenfolge mit Musikcollagen von Thomas Härtel strukturiert, das Geräusch eines kratzenden Tonabnehmers ein. Diese alte Platte ist zu oft abgespielt worden: „Dreeeesden“, dehnt der Chor das magische Wort so sehr, dass selbst die Dresdner drüber lachen. Die „süße Krankheit Gestern“ soll auf der Bühne keine Verheerungen anrichten.

Zusammenlegung von Figuren

Und so versammelt sich im ersten Teil die Geburtstagsgesellschaft zum Fünfzigsten des Chirurgen Richard Hoffmann. Sechzehn Schauspieler spielen vierundzwanzig Rollen, und das ist immer noch nur ein Bruchteil des Romanpersonals. Fürs Theater wurden zudem einige Figuren zusammengelegt, leider nicht immer so schlüssig wie im Falle der von Henner Momann und Eike Weinrich gespielten Kaminski-Zwillinge, jenem staatstreuen Duo infernal, das in die abgeschiedene Turm-Gemeinschaft implantiert wird und in der Bühnenversion gleich noch alle Stasi- und Militärgerichtsrollen mit übernimmt.

Wie diese zwei in ihren Dederon-Jacken in die erkennbar mühsam feingekleidete Festgesellschaft einbrechen, das ist eine echte Schau. Wie auch der Einzug von Albin Eschschloraque als zynischer Dichtersohn in den zweiten Teil nach der Pause. Im Roman eine Nebenfigur, macht Philipp Lux ihn hier als punkigen Kletteraffen zum einzig wirklich Wendigen.

Auch das fehlt: die Wende als Schlusspunkt. Tellkamp erzählt mit der Präzision eines Uhrwerks bis zum 9. November 1989, Engel bricht das Ganze mitten im Satz ab, bei der gewaltsamen Polizeiaktion gegen die Demonstranten vor dem Dresdner Hauptbahnhof, also einige Wochen vorher. Es gibt kein gutes Ende, denn dieser „Turm“ will nicht auf festem Boden errichtet sein. Die konkrete Geschichte der Einzelnen, sie ist weg. Was wir hören, sind zwar Dialoge und Berichte, doch vom epischen Roman sind nur Thesen geblieben. Und meist Archetypen statt lebender Figuren. Aufstehen will hier niemand. Sie reden vom Aufbruch, aber wechseln doch nur ständig den Balkon.

Weniges, das erzählerisch über den Roman hinausweist

Da hilft nicht, dass Christine Hoppe die dissidente Schriftstellerin Judith Schevola mit allem Raffinement einer kühlen Femme fatale ausstattet, Philipp Lux in seiner Zweitrolle als fluchtwilliger Ingenieur ein schön salopper Fremdkörper im saturierten Bildungsbürgertum ist oder Anna-Katharina Muck als Christians Tante Barbara in angetrunkener Feierlaune plötzlich zur Nemesis in all der Selbstbezüglichkeit wird. Zu selten gelingt der Inszenierung etwas, was nicht nur thetisch, sondern auch erzählerisch über die Romanvorlage hinauswiese.

Immerhin zweimal aber gelingt es. Der von Lars Jung gespielte Dramatiker und Dichter Eduard Eschschloraque, der von Tellkamp als Parodie auf Peter Hacks zur Kassandra der DDR stilisiert wird, bleibt hier als Einziger im Schlusschor stumm, wenn selbst die Kaminski-Zwillinge in die Schilderung der Protestbewegung einfallen. Und Meno Rohde, das Herz des Romans, erscheint auf der Bühne nicht als innerer Emigrant. Benjamin Höppner legt ihn als Opportunisten an, der sich jeweils in Gestik und Habitus den Gesprächspartnern auf den verschiedenen Balkonen anpasst. Am Ende spricht er im Chor mit rotgeschminktem Mund. Da hat Wolfgang Engel eine Facette des Meno Rohde erkannt, die der Roman bestenfalls andeutet.

Und doch ist auch das Potential dieser Adaption nur angedeutet worden. Ausdeuten müssen es andere Bühnen, und das mag außerhalb Dresdens leichter sein. Gefallen hat es dem Publikum trotzdem. Alt-Dresdner Applaus für die Beteiligten, aufstehen zu Ovationen aber wollte dann doch niemand.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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