„Vor Sonnenaufgang“ in Wien

Das Glück ist allen gleich fern

Von Simon Strauß
 - 13:33

Zum Jahresende noch ein Höhepunkt. Ein Theaterereignis. Ohne Wenn und Aber eindrucksvoll. Ewald Palmetshofers Bearbeitung von Hauptmanns Debütstück „Vor Sonnenaufgang“ in Wien, inszeniert von Dušan David Pařízek am Akademietheater, ist ein vorweihnachtliches Überraschungsgeschenk. Allerdings unverpackt, ohne Schleife, ohne Glitzer. In Basel wurde das Stück schon vor einem knappen Monat uraufgeführt, als durchwachsener Adaptionsabend in zwei Teilen. Im ersten sah man ambitionierten Boulevard mit Abstechern ins Milieudrama: Zwei alte Studienfreunde treffen sich wieder, der eine ist ein linker Gesinnungsjournalist geworden, der andere ein rechter Geschäftszyniker. Zufällig führt eine Recherchereise die beiden wieder zusammen, bald streiten sie am Esstisch des populistischen Firmenchefs, stürmen aufeinander los, während oben dessen schwangere Frau mit der Düsternis kämpft und ihre einsame Schwester sich aus lauter Verzweiflung in den ungebetenen Gast verliebt. Der zweite Teil bot in Basel dann einen drastischen Stimmungswechsel, jetzt kam die Tragik Schlag auf Schlag, brachen die Schockwellen plötzlich los: Ein melancholischer Arzt mit Weltanschauung, aber ohne Tatendrang, die Liebesunruhe der kleinen Schwester, endlich die Presswehen und dann das Kind, tot geboren, ein Stück Schicksalsrest. Aus Basel blieb nur der zweite Teil in Erinnerung, vor allem das Ende, der gellende Schreckensschrei der Mutter.

In Wien gibt es keine zwei Teile. Hier ist alles wie aus einem eisernen Guss. Das Stück erkennt man kaum wieder – so unerbittlich genau fügt sich nun alles zusammen. So unvergleichlich präzise wird es hier gespielt. Vor dem kalten Steingemäuer, in einem hölzernen Häuserumriss, treten nacheinander jene Figuren auf, die Palmetshofer aus der hauptmannschen Vorlage geschnitzt hat. Sie tragen hier jedoch nicht den Schatten der Aktualisierung mit sich, sind nicht nur lebensklug im Moment, sondern ganz und gar seelenweise für immer. Seelenverwaist sind sie darüber hinaus. Die kleine Helene, der Marie-Luise Stockinger ihr schönes, hoffnungsverlorenes Gesicht gibt, steht im weißen Shirt da und staunt über ihr Unglück. „In der Phantasie fallen immer nur die anderen“, sagt sie, aber in Wirklichkeit tut man es meistens selbst – fallen, stürzen, rundum scheitern. Sie ist pleite, die Wohnung kann sie sich nicht mehr leisten, deswegen ist Helene ins Elternhaus zurückgekommen, wo der ständig betrunkene Vater seine neue Frau ankeift. Die, vom Eheleben verbraucht, durch den Ekel vorm eigenen Mann entkräftet, schafft nur noch hin und wieder einen Ausbruch. Die großartige Dörte Lyssewski gibt sie als eine gedemütigte Furie, der die Wimperntusche in die Augen läuft und der bestürzte Schrei im Hals stecken bleibt.

Skeptisch, zögernd, verdruckst

Über der Familie liegt ein unsichtbarer Unheilsschleier, schon vom ersten Moment an spürt man, dass hier etwas nicht stimmt, niemals mehr stimmen wird. Da kann die hochschwangere Martha (rauh und bissig gespielt von Stefanie Dvorak) noch so sehr ihren österreichischen Schmähfrust ablassen, der hagere Unglücksarzt Schimmelpfennig (lustvoll-lakonisch: Fabian Krüger) noch so tragikomisch über das kurze Leben eines Grillhähnchens monologisieren und Thomas den abgeklärten Berufszyniker ohne Furcht und Selbsttadel geben – der „schwarze Höllenhund“ steht schon vor der Tür und zerrt bellend an seiner Kette.

Als Bote schickt er Alfred vor, den linken Hauptstadtjournalisten auf Provinzerkundungstour, der im hHauptmannschen Original ein sozialistischer Lebensreformer mit starken Thesen zur Rassenhygiene ist und als ein zwielichtig-geheimnisvoller Störer auftritt. In Basel blieb dieser Alfred blass, war nicht mehr als ein harmloses Moralapöstelchen ohne Aura. Voreilig war man schon versucht, das dem Stück und seinem modernen Bearbeiter als Übertragungsfehler anzukreiden – in Wien wird man jetzt eines Besseren belehrt: Denn hier ist Alfred der eigentliche Hauptakteur der Tragödie. Wie Michael Maertens ihn spielt, skeptisch, zögernd, verdruckst, als wäre er wider Willen da, als wüsste er eh schon, wie nah alle dem Abgrund sind, kann man den Blick nicht von ihm lassen. Gebannt verfolgt man jede seiner Bewegungen und Gesten, jedes Kniescheibenreiben und Ohrläppchenziehen, jede Mundwinkelveränderung, jeden Taschengriff.

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Maertens gilt schon lange als Schauspielergenie, aber so wirkungssouverän wie hier hat man ihn wohl noch nie gesehen: Seine Könnerschaft besteht darin, dass er den Anschein erweckt, vollkommen gleichgültig gegenüber allem zu sein. Monoton, emotionslos, in sich gekehrt. Noch beim stürmischsten Kuss denkt er ans ruhige Atmen, selbst seine ideologischen Ausbrüche wirken absolut kontrolliert. In Wahrheit aber reagiert er hochsensibel auf jede Nuance im Text, jeden Haltungswechsel seiner Kollegen. Sein Spiel drückt trotzdem immer nur etwas Ungefähres aus, deutet vorsichtig an, ohne zu viel zu verraten. Deswegen ist man sich nie sicher, ob sein Alfred schwermütige Traurigkeit ausstrahlt oder verbitterte Langeweile. Sein politisches Streitgespräch mit dem fatalistischen Kleinkaliber Thomas, den Markus Meyer als coolen Bösewicht gibt, ist denn hier auch nur ein Exkurs unter vielen. Alfred denkt zwar von Berufswegen utopisch, privat fühlt er sich jedoch als reines „Provisorium“. An so jemanden kann man sich nicht „schmiegen“, wie Helene schon bald feststellen muss. Alfred verschwindet grußlos mit den gleichen hochgezogen Schultern, mit denen er gekommen ist. Die Verzweifelten lässt er zurück, denn „das Glück sei ja allen gleich fern“, murmelt er.

Pařízeks zurückhaltend-ruhige Inszenierung (in der, wie schon bei seiner letzten Berliner Produktion von „Amerika“, als zentrale Lichtquelle OH-Projektoren zum Einsatz kommen – soll das ein Markenzeichen werden?) lässt den rundherum vorzüglichen Schauspielern klugerweise allen Platz, den sie brauchen. Dadurch – und auch wegen der österreichischen Sprachfärbung mancher Ensemblemitglieder – klingt Palmetshofers Text abgründiger, unwirklicher als in Basel. Manchmal können ein Ortswechsel und eine andere Besetzung also den Blick auf den Stoff entschieden verändern. Es muss einem immer wieder klar sein: Das Theater lebt nicht vom Text allein, es braucht kongeniale Interpreten. Und wenn das der Fall ist, wie an diesem Abend, dann hält einen am Schluss nichts mehr zurück. Dann will man sie feiern und vergöttern und sofort wiedersehen.

Quelle: F.A.Z.
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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