Frankfurter Kammerspiele

Die Frau, die Ödipus vergibt

Von Claudia Schülke
 - 11:50

Das ist alles unvorstellbar. Wer die Frankfurter Kammerspiele verließ, war geschockt. So eindringlich, so ergreifend war dieser Theaterabend, dass mancher Zuschauer nach dem ausgiebigen, aber gedrückten Applaus keine Lust mehr hatte auf ein Glas Wein. Abgebrüht von den Fernsehbildern aus Syrien, Irak und Afghanistan, hatte man längst vergessen, was zwischen 1975 und 1990 im Libanon passiert war – und darüber hinaus, bis Israel im Jahr 2000 seine Truppen aus dem südlichen Libanon abzog. Anschläge auf Zivilisten, Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern, Folterungen und Vergewaltigungen im Gefängnis von Khiam.

Der kanadische Theaterautor und -regisseur Wajdi Mouawad hat es nicht vergessen. Seine Eltern sind 1976 mit ihm und seinen Geschwistern aus dem Libanon nach Paris geflüchtet und fünf Jahre später weiter nach Montréal. Sein Theaterstück „Verbrennungen“ aus dem Jahr 2003 erzählt als Teil einer Tetralogie von der Suche nach Identität, von Gewalt, Rache und Vergebung.

Suche nach ihrem Kind

Verbrennung – das ist, wenn die Haut einer Mutter mit ihrem Kind im Arm schmilzt, weil der Bus mit Benzin übergossen und angezündet wurde. Dieser Anblick macht Nawal zur Aktivistin. Sie ist selbst auf der Suche nach ihrem Kind, das sie als junge Mutter hergeben musste, weil der Vater ein feindlicher Flüchtling war. Sie ermordet den Anführer einer falangistischen Miliz und wird im berüchtigten Foltergefängnis Kfar Rayat inhaftiert. Als sie ihrem Sohn dort begegnet, erkennt sie ihn nicht. Erst als Zeugin bei einem Kriegsverbrecherprozess im Exil begreift sie, dass es ihr Sohn war, der sie gefoltert und vergewaltigt hat. Sie verstummt. Im Testament trägt sie ihren Kindern Jeanne und Simon auf, Vater und Bruder ausfindig zu machen und je einen Brief auszuhändigen.

Damit beginnt die Inszenierung von Daria Bukvić, einer niederländischen Regisseurin bosnisch-kroatischer Herkunft, die das Flüchtlingsschicksal nur allzu gut kennt. Die Zwillinge Jeanne und Simon erhalten ihren Auftrag vom Testamentsvollstrecker Hermile Lebel. Thomas Meinhardt tritt im knallroten Anzug vor einem Vorhang aus knallroten Lackstreifen auf, neben ihm die beiden Erben in mausgrauem Outfit von Kostümbildnerin Dympf Boss. Nach der Testamentseröffnung reißt Hermile den Vorhang ab, stülpt ihn sich über: fortan ein Conférencier mit blutroter Schleppe.

Jeanne, die unerschütterliche Mathematikerin (Altine Emini), bricht auf, Simon (Nils Kreutinger) verweigert sich. Als Jeanne die Spuren ihrer Mutter zurückverfolgt und von deren libanesischem Geburtsdorf mit seinen Legenden bis ins Foltergefängnis ein Kunststoffvorhang nach dem anderen fällt, erfährt sie den Namen ihres Vaters: Abou Tarek war kein Held, wie ihr die Mutter hatte weismachen wollen, sondern ein Heckenschütze und Folterknecht.

Jetzt bricht auch Simon in Begleitung Hermiles aus dem westlichen Exil auf, um seinen Bruder zu finden. Bühnenbildnerin Janne Sterke hat nicht nur die Spielfläche mit Folien verhängt und ausgekleidet, sondern auch die Möbel schwarz abgedeckt, als wollte sie sie vor Zerstörungen schützen. Doch der Bürgerkrieg zerstört die Seelen der Nachgeborenen. Simon erfährt von einem Warlord, wer sein Halbbruder war, den die Mutter verschwiegen hatte: der einst adoptierte Nihad diente als Kindersoldat ebendiesem Warlord und änderte später als Folterknecht im Gefängnis Kfar Rayat seinen Namen. Abou Tarek und Nihad, Vater und Bruder sind eine Person. Das lässt auch Simon verstummen.

Zeugin im Exil

Die Regisseurin übernimmt Mouawads Montagetechnik, die das vielfach verschachtelte Stück zur Verfilmung („Die Frau, die singt“, 2011) prädestiniert hatte. Immer wieder bricht die Vergangenheit in die Gegenwart ein. Die Suche der Zwillinge und das Vorleben Nawals gehen unmittelbar ineinander über. Thorsten Danner, Thomas Meinhardt, Stefan Graf und Kristin Hunold wechseln von einer Rolle in die andere. Doch Heidi Ecks beherrscht die düstere Szenerie als Nawal: als werdende Mutter, als Partisanin mit ihrer Freundin Sawda, von der sie das Singen übernimmt, so dass sie als „die Frau, die singt“ in die libanesischen Annalen einging, zuletzt als Zeugin im Exil.

Ein Opfer, das zur Heldin heranreift. Mouawad hat mit ihr der Aktivistin Souha Bechara ein Denkmal gesetzt. Aber es geht um mehr als den Libanon, dessen Ortsnamen der Autor verändert hat, um mehr als Kampf und Krieg: Sein Stück zeigt, wie man dem scheinbar unausweichlichen Kreislauf aus Rache und Vergeltung entkommen kann. Denn seine Nawal bricht aus den archaischen Zwängen aus, weil sie ihrem kleinen Sohn versprochen hatte, ihn immer zu lieben. Sie hält dieses Versprechen, auch als er, ihr Peiniger Abou Tarek, im Prozess eine Clownsnase zückt, die sie ihm, ihrem Baby, einst geschenkt hatte.

Weitere Vorstellungen am 5. November um 18 Uhr, am 11. November um 20 Uhr und am 12. November um 18 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schülke, Claudia (c.s.)
Claudia Schülke
Feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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