Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“

Interviews führt immer der Teufel

Von Gerhard Stadelmaier
 - 17:13

Die Angeklagte steht unter schwerstem Verdacht. Die Anklage lautet: „Sie streben nach Erfolg, wie alle Autoren, Nathalie Oppenheim, aber Sie möchten ihn irgendwie rein, ohne Werbung, nicht einmal von Ihrer Seite. Das Werk soll sich mehr oder weniger von selbst durchsetzen. Das denken Sie.“ Und so wie in den Kammerspielen des Berliner Deutschen Theaters die kleine, aasige Teufelin in ihrem roten Kleid, ihrem streng gesteckten blonden Haarhelm, hochhackigen langen Erhabenheitsstiefeln und dem arroganzeitlen Süffisanzdauergrinsen die Anklage verliest, kann für die Angeklagte nur noch die Todesstrafe in Betracht kommen. Die Schauspielerin Katrin Wichmann spielt die Interview-Teufelin denn auch als eiskalt-schaumgeschlagene Staatsanwältin aller Talkshow-Höllen.

Es geht eigentlich nur um ein Buch, das Nathalie Oppermann geschrieben hat und das den Titel „Das Land des Überdrusses“ trägt. Aber so wie die Angeklagte in ihrem schwarzweiß bedruckten kurzen Sünderinnenkleid reagiert, wie sie zuvor schon panisch an ihrem Brillen-Etui gefingert, in ihrer großen Handtasche genestelt, Wasser und Wein in sich hineingeschüttet, die Blumenvase vor ihr vom Tisch gefegt, hie und da wie von Furien des Überdrusses gehetzt den Raum verlassen hatte, ihrer Pein kaum durch kurze Wutschreie Herr wurde - geht es nicht nur um ein Buch, sondern um Leben oder Tod.

Und die überwältigend raubtierhafte Lebenstrauerspielerin Corinna Harfouch lässt keinen furiosen Moment den geringsten Zweifel daran, dass ihre Schriftstellerin nicht um ihre Schrift, vielmehr um ihr Leben kämpft. Eine Königin Courage, die in ihre letzte große Schlacht zieht. Dass es auch ihre erste ist, denn sie gibt sonst keine Interviews, ist die groteske Pointe ihrer Tragödie.

Dramatisch und komisch zugleich

Es ist die dramatischste Situation, die sich denken lässt. Und die komischste zugleich. Die in ihrer Oberfläche das Tiefste versteckt und sozusagen unterm Boulevard die Schreckensgespenster tanzen lässt. Und dort, wo die Gespenster das Pflaster sprengen, entstehen diese geheimnisvollen Leerstellen, um die herum die Menschen droben ins Taumeln geraten. Das sind die Wunder-Stellen der französischen Dramatikerin Yasmina Reza.

In ihrer „Kunst“ (1994) war diese Leerstelle ein großes weißes Bild, das die Freundschaft dreier Männer, in „Drei Mal Leben“ (2000) war es eine Abendeinladung, die das Leben zweier Paare, in ihrem „Spanischen Stück“ (2004) war es eine Theateraufführung, die das Schicksal einer Familie, und in ihrem „Gott des Gemetzels“ (2006) war es eine Kinderprügelei, die das Leben vernünftiger Erwachsener in einen Vernichtungsstrudel zog. Harmlose Anlässe - dramatisch gewitzte Folgen. Die Kunst der großen Komödie.

In ihrem neuen Stück, „Ihre Version des Spiels“, das jetzt der Regisseur Stephan Kimmig in Berlin zur Uraufführung gebracht hat, ist die Situation die allerharmloseste. Eine Dichterlesung in der französischen Provinz. Ein übereifriger Stadtbibliothekar namens Roland Boulanger, der heimlich auch Gedichte schreibt, hat sie arrangiert. Alexander Khuon spielt ihn als juvenil schüchternen, verklemmt stotternden, aber rosig erblühenden Höllenhund mit schwarzer Hornbrille unterm Wuschelkopf. Die berühmte Schriftstellerin wird von ihm und einer berühmten Kulturjournalistin befragt, Rosanna Ertel-Keval, die mit Julian Barnes, Philip Roth und António Lobo Antunes auf Duz- und Freundschaftsfuß steht und den internationalen Literaturbetrieb mit ihrer Fernsehsendung „Die Freunde meiner Nächte“ beherrscht.

Schriftstellerin als Heldin des Anti-Betriebs

Die Situation ist aber auch die allerabgründigste. Das Publikum (Höchstzahl 120) sitzt auf einem Tribünenhalbrund auf der Bühne. Die Schauspieler nehmen an drei Tischchen an der Rampe zum Zuschauerraum Platz. Hinter ihnen eine große Leinwand, auf die Corinna Harfouchs zerfurchtes Schriftstellerinnengesicht projiziert wird, wenn sie aus Nathalie Oppermanns Buch Passagen vorliest. Die Regie Stephan Kimmigs treibt gewaltigen Verdrehungsaufwand. Dreht aber auch sehr schön auf. Denn verhandelt wird hier nicht eine Dichterlesung. Verhandelt wird ein Gesetzesbruch.

Das eiserne Gesetz des Literatur-, Kultur- und Medienbetriebs, dass nämlich ganz selbstverständlich das Intime ans Allgemeine verraten werden muss, dass Schriftsteller ihr Persönlichstes zum Öffentlichen machen, dass sie jederzeit zu öffentlicher Auseinandernahme ihrer Person - nicht ihres Werks, das nur als Krücke zu ihrer Person hin dient - sich bereitzuhalten haben: dieses eiserne Gesetz hat Nathalie Oppenheim gebrochen. Yasmina Reza macht ihre Schriftstellerkollegin im Stück zur Heldin des Anti-Betriebs.

Zur Widerständlerin gegen einen Nahsucher-Journalismus, der sich mit Prominenten gerne persönlich gemein macht, ohne sich um deren Eigentliches, ihr Werk, zu scheren. Und so wie die Interview-Teufelin Rosanna in Rezas Stück darauf insistiert, dass, wenn Nathalie Oppenheim in ihrem Roman eine Schriftstellerin auftreten lasse, die einen Polizeipräsidenten dazu bringen möchte, die Geliebte ihres Mannes umzubringen, ja wohl auch privat große Probleme mit Männern haben müsse - so wird das hier nicht zum literaturbetriebsinternen Anekdoten-Fight. Es wird zur Grundsatzfrage: Wie sehr darf ich noch mir selbst gehören?

Medial durchleuchteter Mensch im Zentrum

Yasmina Rezas Schriftstellerin beharrt darauf, dass sie selbst und ihr Werk einen Unterschied darstellten. Und Corinna Harfouch macht daraus eine großen, eleganten Wut- und Wuchttanz um die Leerstelle der verlorenen Intimität herum.Yasmina Rezas Journalistin beharrt darauf, dass das Werk alles über die Schriftstellerin verrate. Sie stellt Quizfragen. Sie will ins Seelenbloße der Autorin treffen. Das Tribunal wird zum Literaturrätsel, das sich als Menschenentblößungsrätsel enthüllt. Dabei sind nicht nur Schriftstellerinnen gemeint.

Im Zentrum von „Ihrer Version des Spiels“, das zudem ingeniös mit der Puppe in der Puppe spielt: der Roman Nathalie Oppenheims handelt von einer Schriftstellerin, die einen Roman schreibt, in dem eine Schriftstellerin... - im Zentrum von dem allen steht nicht eine Schriftstellerin. Sondern der medial durchleuchtete Mensch, der verzweifelt nach dem Schalter sucht, mit dem sich das Licht der Schein-Öffentlichkeit, das lange schon nichts mehr aufklärt, wieder abschalten ließe. (Wir grüßen hier eine Erkennerin!)

Es sind der Witz und der intelligente Charme dieser grandiosen Melancholödie, dass sie am Ende, wenn der laute, gar handgreifliche Weiberkrach der Anklägerin und der Angeklagten keifend und gellend das Tribunal sprengt, die Gerichtsposse zum Vorschein bringt. Sie entlädt sich nach der Lesung auf einer Party in trockenen Crackers und süßer Bowle und rauschhaften Reden. Die witzigste und literarischste davon hält der Bürgermeister, weil er der berühmten Autorin gleich einen ganzen Stoff für einen neuen Roman andient, woraus Sven Lehmann in Ostberliner Pachulke-Manier eine Proletennummer in Nadelstreifen macht. Und dann, wenn alle gegangen sind, liest die volltrunkene Verzweiflungsschriftstellerin, auf die sich jetzt der noch trunkenere Stadtbibliothekar nicht nur literarisch, sondern auch sexuell geworfen hat, ein kleines Gedicht des Bibliothekars laut vor.

Es handelt nur davon, dass das Kind, das er einmal war, einmal nur für sich gespielt hat. Und in diesem reinen, kleinen Spiel liegt die Utopie nicht nur der Literatur, darin liegt die Sehnsucht jedes Lebens, das sich selbst leben will. Und nach der Gnade verlangt, nicht weiter befragt zu werden. Es ist der stillste, schönste, reinste Moment in einer tollen, dreistwitzigen Aufführung. Yasmina Reza war anwesend und hat den Schauspielern applaudiert, die der Autorin applaudierten. Denn es ging ganz und gar um ihr Werk. Also ein wunderbarer Abend.

Quelle: F.A.Z.
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