Zum Tod Hans-Michael Rehbergs

Im Abgrund gibt’s so schöne Stellen

Von Gerhard Stadelmaier
 - 18:04
zur Bildergalerie

Um ihn schien auf der Bühne die Luft immer wie geladen. Er setzte sie unter eine Spannung, die in den Zuschauerraum übersprang. Man genoss dort förmlich die Gefahr, die er ausstrahlte: Als entlade sich jeden Moment ein funkensprühend dreinfahrender Donnerschlag – in höchstem Aggressionsgrad zwar, aber abgefedert und ausgehalten mit einem glanzvoll nervösen Flattern seiner ungeheuer sprechenden Augenlider oder mit einer selbstherrlichen Bändigungsgeste. So trieb der Schauspieler Hans-Michael Rehberg die Dämonen, die er entfesselte, auch wieder zurück in ihre Schlupfwinkel. Aber er ließ sie weder aus den Augen, noch verbarg er ihr Versteck. Die Geister, die er rief, hielt er noch in der Contenance, mit der er über sie gebot, präsent.

Es gehört zu den Paradoxien des Schauspielerlebens von Hans-Michael Rehberg, dass er in seinen späten Jahren Päpste (Pius XII. im Berliner Ensemble in Hochhuths „Stellvertreter“) oder Bischöfe (in der „Pfarrer Braun“-Fernsehserie), einmal sogar Gott (2002 auf dem Domplatz in Salzburg im „Jedermann“) spielte. Und als Oberst Kottwitz schlug er in Andrea Breths Salzburger „Homburg“-Inszenierung 2012 über der Leiche des Prinzen, den die Regisseurin leider werkuntreu hatte sterben lassen, derartig fromm ein himmlisch-katholisches Kreuzeszeichen (als Protestant in brandenburgischen Diensten!), dass man an Rehbergs Höllentauglichkeit zweifeln konnte. Denn nicht Himmelshöhen – Abgrundtiefen waren sein ureigenstes Revier. Wiewohl er als Papst schon auch eine aasige Penetranz, als Bischof eine perfide Heimtücke, als Gott gar die Gefinkeltheit eines levantinischen Händlers durchschimmern ließ.

Die hochgewachsene, hagere Gestalt; der wie ausgeglüht wirkende knochenmagere, herrenhafte Schädel; die in allen opaken Tonartenfarben dunkel sonor schlierende Stimme mit ihrem wunderbar funkelnden Aggressionsglanz; die brennend auf Distanz blinzelnden Augen – sie sorgten allesamt schon dafür, dass er nie ganz in einer Figur aufging. Es blieb immer ein Rest an Geheimnis übrig.

So wurde aus einem Opfer ein Clown

Wenn er zum Beispiel in seiner tollsten, umwerfendsten, Theatergeschichte gemacht habenden Rolle, dem Baumeister Solness, 1983, im Münchner Residenztheater in Peter Zadeks Regie, zeigte, wie einer sich versteigt. In einen Traum vom ganz anderen Leben hinein. In einen Wunsch, taggeträumt seit langem. Plötzlich erfüllt. Neues Leben, neue Liebe, junges Mädchen. Rehberg aber ließ Ibsens Baumeister den Preis für all das, nämlich den Tod, den Absturz, bezahlen mit einer irren Lust: Mit ihr als hell leuchtender Trotz-Tapete stattete Rehberg den dunklen Abgrund aus, in den hinein sein Solness sich verstieg, als er, der Höhenkranke, den Turm erkletterte, auf den ihn die junge Hilde hinauftrieb, damit er dort den Richtkranz aufstecke. Und so wie die junge Barbara Sukowa damals „Mein Baumeister! Mein Baumeister!“ in unvergessenem Sehnsuchtsfrischeton rief, war der Tod des alternden Abstürzenden eine Feier des Lebens, wie sie das Theater nur alle Dezennien einmal sich gestattet.

Noch im Frühjahr 2014 kehrte er triumphal ans Residenztheater zurück: als Penner Davies in Pinters „Hausmeister“ in der Regie von Andrea Breth. Als eine Mischung aus König Lear und Gespenst von Slumville bezauberte Rehberg den Raum, in dem er einen Eindringling unverschämt Platz greifen ließ im Elendsgehäuse zweier zwielichtiger Brüder und alle Perfidie, alle Schläge und Finten und absurden Unterdrückungsspiele der Brüder mit einem unheimlich gerissenen Mimikfeuerwerk parierte. So wurde aus einem Opfer ein Clown – der dem Spiel nicht unterliegt, sondern es vorantreibt. Und noch im ärgsten Clinch ganz er selbst blieb: Oh Herr, das Elend ist sehr groß, Rehberg lässt dagegen seine Witz-Dämonen los!

Ein toller Lebensschreckenslaut

Der Sohn des längst vergessenen Historiendramatikers Hans Rehberg („Der große Kurfürst“, „Wölfe“, „Cecil Rhodes“) wirkte immer wie aus aller Geschichte gefallen, wenn er auftrat. Ein großes Einmann-Theaterwesen. In Andrea Breths Wiener Inszenierung der Alltags- und Absurditätskatastrophensplitter der „Zwischenfälle“ (2011) dirigierte er ein Orchester. Die Musiker waren die Kollegen, die kakophonisch zupfend, schlagend, blasend irgendwelche Geräusche erzeugten. Aber Rehbergs magisch herrische Gebärden machten aus dem wilden Lärm-Witz einen eigenen Zauber. Wie er überhaupt mit einer einzigen Gebärde ganze Welten aufschließen konnte. Als General in Isaak Babels „Marjia“ (Zürich 1999, Regie: Dieter Giesing) verscheuchte er die Trostlosigkeit einer neuen und die Unerträglichkeit einer alten Zeit mit einer Geste, die ihm gleichsam die Schädeldecke auf einen eigentlich längst zerstörten und ruinierten Kopf gewaltsam zurückdrücken wollte. Und so wie er 1986 in Stuttgart in Harold Pinters „Noch einen Letzten“ es schmatzend genoss, einen Whisky um den anderen zu kippen, während er als großer Folterer kühl und geschäftsmäßig die Qualen seiner Opfer bequatschte, denen er die Zungen herausschneiden ließ – war das ein Glanzstück monströser Untertreibung.

In Helmut Henrichs Münchner Staatsschauspiel-Ensemble, in das der aus Fürstenwalde an der Spree gebürtige Jungschauspieler in den frühen sechziger Jahren kam, galt er noch spitznamentlich als „Rehlein“. Wurde aber schnell zum Großwild, das mit kleinsten Mitteln grandiose Wirkungen erzielte. In Luc Bondys legendärer Inszenierung von Ibsens „Gespenstern“ im Hamburger Deutschen Schauspielhaus (1977) spielte er den Pastor Manders (mit Doris Schade als Frau Alving): Der verlegene, verschämte kleine Griff nach der Brille der Frau, die der Pastor sich nicht zu lieben getraute, wirkte wie der Griff nach einem großen, verfehlten Leben, das ihm auf Seele und Miene lag. Und als Artist Karl in Thomas Bernhards Komödie „Der Schein trügt“ im Wiener Theater in der Josefstadt sang er im Jahr 2000 das Wort „irritiert“ derart schrilltückisch, dass nur noch „irr“ davon übrig zu bleiben schien. Als toller Lebensschreckenslaut.

Diesen Laut musizierte er unnachahmlich aus – sein Schauspielerleben lang. Seinen letzten Bühnenauftritt hatte er vor zwei Wochen als Teiresias in Mateja Koležniks Inszenierung von „König Ödipus“ am Münchner Residenztheater. Jetzt ist Hans-Michael Rehberg im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAndrea BrethBerliner Ensemble