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Zum Tode Georg Kreislers

Immer mit der Angst

Von Dieter Bartetzko
 - 16:50
Georg Kreisler um das Jahr 1955 an seinem satirischen Instrument Bild: Getty Images, F.A.Z.

„Immer mit der Ruhe“, diesen Leitspruch aller Saturierten hasste Georg Kreisler. Und die Saturierten hassten ihn inbrünstig zurück: Das war schon so, als er 1955 in der legendären Wiener Marietta Bar debütierte. Viele waren begeistert, aber nicht wenige geiferten über einen singenden, klavierspielenden Defätisten. Bis in die Sechziger gab es staatliche Rundfunk- und Fernsehboykotte, landeten seine Lieder auf dem Index und verweigerten Konzertsäle Auftritte.

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Der Taubenvergifter sei eigentlich ein Anstandsvergifter, giftete man. Dass Georg Kreisler darin das Echo des berüchtigten „gesunden Volksempfindens“ hörte, das nach 1933 in Deutschland triumphiert und sich nicht erst nach 1938 in weiten Kreisen Wiens durchgesetzt hatte, lag auf der Hand: Georg Kreisler, 1922 in Wien als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geboren, dort als zusätzlich Klavier, Geige und Musiktheorie lernender und wegen seiner Herkunft gehänselter Gymnasiast aufgewachsen, hatte 1938 mit seinen Eltern nach Amerika emigrieren müssen; der Schock saß fürs Leben.

Chaplin pfiff, Kreisler setzte sie in Noten

Kreisler hätte in Amerika bleiben können. Denn die Familie war in Hollywood ansässig geworden, er verkehrte mit prominenten deutschjüdischen Emigranten, wurde von Arnold Schönberg protegiert, heiratete die Tochter Friedrich Hollaenders. Seit 1943 amerikanischer Staatsbürger und Soldat, unterhielt Kreisler in England mit Liederabenden die Truppen, bis er 1945 als Dolmetscher an Verhören Görings, Julius Streichers und Ernst Kaltenbrunners teilnahm. Es hieße, Holzhammerpsychologie betreiben, daraus seinen Zynismus als Künstler abzuleiten. Aber dass die Einblicke in die Brutalität und die Erbärmlichkeit autoritärer Charaktere ihn künstlerisch nicht in Richtung „Sentimental Journey“ oder „Caprifischer“ trieben, versteht sich fast von selbst.

Zurück in Hollywood, schien mit Charlie Chaplins „Monsieur Verdoux“ die Karriere in Reichweite: Chaplin pfiff spontan eine Melodie, Kreisler setzte sie in Noten, brachte sie Hanns Eisler, der daraus die Titelmusik dieses Films über einen kleinen Bankangestellten und Familienvater machte, der aus unverschuldeter Geldnot zum Heiratsschwindler und Frauenserienmörder wird, wofür er am Ende, überzeugt von seiner eigentlichen Unschuld, unter der Guillotine liegt. Die heute anerkannte schwarze Komödie über „Mord als logische Erweiterung des Kapitalismus“ erhielt zwar 1948 eine Oscar-Nominierung für ihr Drehbuch (Idee Orson Welles, Ausarbeitung Chaplin), fiel aber beim Publikum durch.

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Die zeitlose Aktualität seiner Bösartigkeiten

Derweil wurde Georg Kreisler es müde, in Chaplin-Filmen das anonyme Double für den Meister zu geben. Er ging nach New York, arbeitete dort mit selbst verfassten Liedern als Entertainer - und erlebte sein eigenes Verdoux-Desaster: „Please Shoot Your Husband“, seine erste Platte, lag wie Blei in den Regalen. Amerika, auf dem Weg ins Heimchen-Ideal der Mummy Eisenhower, brauchte niemanden, der seinen Ehefrauen riet, ihre Gatten zu erschießen. Im Jahr 2005 ließ Georg Kreisler die wiederentdeckte Originalaufnahme als CD seiner Biographie „Leise flehen meine Tauben“ beilegen. Die Zeit war günstig, denn seit Ende der neunziger Jahre hatte der Chansonnier Tim Fischer mit Kreisler-Abenden und -Alben, gipfelnd 2002 in der Uraufführung von Kreislers Ein-Mann-Musical „Adam Schaf hat Angst“ im Berliner Ensemble, den musikalischsten und bittersten aller Kabarettisten wieder in allgemeine Erinnerung gebracht.

Der neue Ruhm war doppelbödig. Denn die Lorbeerkränze, die man ihm nun flocht, überstrahlten die zeitlose Aktualität seiner Bösartigkeiten. Aus seinen „Liedern zum Fürchten“ waren solche für selbstbefriedigendes Zuhören geworden. Das hatte Georg Kreisler schon 1980 befürchtet, als er mit seinen „Everblacks“ erfolgreich auf Tournee war: „1963 wurden sie geschmacklos und unmoralisch genannt, denn es gab noch keinen Vietnam-Krieg, und man wollte nicht gerne an Kriegsgreuel erinnert werden.“

Im Jahr 1965, so erzählte er im selben Zusammenhang, habe ihm ein Journalist auf seine Bemerkung, er schreibe jetzt jüdische Lieder, erstaunt mit „Darf man denn das jetzt wieder?“ geantwortet. Zehn Jahre zuvor hätten wenige hierzulande so zu fragen gewagt, viele aber es umso heftiger gedacht. Vier Jahre dauerte es, bis Kreislers erster Hit „Gehn ma Tauben vergiften im Park“ für Funk und Fernsehen freigegeben wurde.

„Ist das legal, ist das normal, ist das erlaubt?“

Dass zuvor mancher im Publikum dem singenden Verbündeten von Helmut Qualtingers ebenso verhasstem „Herrn Karl“ seinen Abscheu ins Gesicht schrie, dürfte auch daran gelegen haben, dass Kreisler aussah wie einer von denen, deren Abgründe er besang - schwarze Hornbrille, akkurater Scheitel, penibler Anzug mit festgezurrter Krawatte; jeder Wiener Kellner hätte ihn verbal promoviert oder geadelt, jeder Berliner zumindest eine Verbeugung gemacht.

Die deutsche Tierliebe, die weit vor der zu Kindern rangierte, wurde gegeißelt bis aufs Blut, wenn Kreisler sein „Der Hansel geht gern mit der Mali. Denn die Mali, die zahlt’s Zyankali“ krähte. „Ist das legal, ist das normal, ist das erlaubt?“, die Anfangsfrage aus seinem ebenso populären „Zwei alte Tanten tanzen Tango“, wendete die Majorität jahrelang gegen Kreisler selbst.

„Die bringt kein greller Pfiff nach Tel Aviv, nach Kairo, nach Korinth. Die bleiben, wo sie sind!“ Kreislers ätzendes Bild vom unverwüstlichen, bei Bedarf jederzeit wieder über Leichen gehenden Spießer, zählt, wie die Worte „Zyankali“ oder das vordergründig tangoselige „Mitten in der Nacht“, zu seinen Codes, in denen, verborgen unter Zynismus, Gallenspott und Anarchie, die Angst verborgen blieb, die den Mann zeitlebens umtrieb.

Ein paar Zeilen milder

Im Musical „Heute Abend Lola Blau“ (1971), seinem wohl berühmtesten Bühnenwerk, kommt diese Furcht, travestiert in das Schicksal einer jungen jüdischen Künstlerin, die nach Amerika emigrieren muss, wo sie, zum Star geworden, mit dem Zwang zu festgelegten Rollen nur eine andere Spielart der Unterwerfung und Entwürdigung erlebt, fast unverhüllt zum Ausdruck. Sein Welt- und Menschenbild? „Ich bin Mensch und Christ, und ein Revolver ist kein Zeichen von Gewalt, wenn ich ihn halt“, heißt es im „Kapitalistenlied“. Was daraus wird, malt „Als der Zirkus in Flammen stand“ erbarmungslos aus: „In zwei lächerlichen Teichen lagen Leichen über Leichen.“

Niemand konnte so tückisch, anzüglich, selbstzufrieden und mörderisch grinsen wie Georg Kreisler, wenn er am Flügel saß und den deutsch-österreichischen Spießer mit Abitur spielte. In den letzten Jahren, wenn er Leseabende gab oder mit Tim Fischer auftrat, schien er zuweilen milder. Doch nur ein paar Zeilen - und man wusste, es ging ihm noch immer darum, dass „die Last der Väter, der Generationen, die in der Erde liegen, ihr Wesen und Unwesen in uns weitertreiben“. Jetzt ist Georg Kreisler im Alter von neunundachtzig Jahren in Salzburg gestorben. In der Woche zuvor haben wir gelernt, dass seine Ängste nicht so unbegründet sind, wie wir uns lange vormachten.

Quelle: F.A.Z.
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