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Filmfestival Cannes

Bilder aus der ewigen Stadt des Kinos

Von Verena Lueken
 - 08:37
1955: Der Fotograf bat Brigitte Bardot an den Strand, die Fans hielten Abstand. Bild: Traverso: „Cannes Cinema - A Visual History Of The World’s Greatest Film Festival“ , F.A.Z.

Am nächsten Mittwochabend werden Woody Allen und mit ihm wahrscheinlich Carla Bruni und ihr Mann, der französische Staatspräsident Sarkozy, die Treppen zum Festivalpalast in Cannes emporschreiten. Allens Film „Midnight in Paris“ eröffnet die Filmfestspiele, Carla Bruni hat eine kleine Rolle darin. Am Eingang hoch oben werden sie von Gilles Jacob, dem Präsidenten des Festivals, und Thierry Frémaux, seinem Direktor, begrüßt werden. Hunderte Fotografen werden bereits mittags im Smoking neben den Stufen Position bezogen haben – wie auch Tausende Touristen in Shorts, die am Rand der Straßen und Promenaden in der Nähe picknicken und darauf warten, dass es losgeht. Noch von weither werden sie das Geschehen auf der Großleinwand über dem Palasteingang verfolgen können. Eine Parade berühmter Leute aus dem Filmgeschäft wird vor ihren Augen den roten Teppich hinauf defilieren, unter ihnen Robert de Niro, der Juryvorsitzende, und seine Truppe mit Jude Law, Uma Thurman und Johnny To. Die Absätze der Frauen werden sehr hoch, die Ausschnitte ihrer Kleider tief sein, die Musik irre laut, die Luft vielleicht heiß. Und niemand, der irgend etwas mit Film zu tun hat, wird ehrlicherweise sagen, er wäre nicht gern dabei.

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Woher kommt es, dass Cannes immer noch, nach guten wie nach schlechten Jahren, das Festival ist, das alle anzieht? Die Besten der Branche, die schrillsten Lookalikes? Warum wollen sie alle nach Cannes – die Filmemacher, obwohl die Konkurrenz härter ist als anderswo, die Angestellten der Filmfirmen, obwohl sie sich winzige Kammern mit Kollegen teilen müssen und möglicherweise keinen der großen Filme zu sehen bekommen, weil der Zugang äußerst restriktiv ist und Karten nahezu unmöglich zu kriegen sind, die Filmliebhaber, für die dasselbe gilt? Alle anderen Festivals haben mit dem Kino an Glanz verloren. Cannes nicht. Das mag auch damit zu tun haben, dass immer noch gilt, was Zelda Fitzgerald einst über die Feste an der französischen Riviera sagte: Sie seien ein Karneval, in dem der Untergang lauere. Das erklärt die Nervosität, die über den zwölf Tagen im Mai liegt, die Wachsamkeit. Aber es erklärt nicht alles.

Pünktlich zum Beginn des Festivals ist ein Band erschienen, in dem seine Geschichte durch die Arbeit einer Fotografenfamilie, die von Anfang an dabei war, noch einmal erzählt wird („Cannes Cinema. A Visual History of the World’s Greatest Film Festival.“ Hrsg. von Cahiers du Cinema. Paris 2011). Die Fotografenfamilie heißt Traverso und siedelte bereits Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von Italien nach Cannes über, wo ihr Fotostudio „Maison Traverso“ zum ersten Mal 1919 in einem Branchenblatt Erwähnung findet. Der Gründer, Auguste Traverso, war bereits Anfang September 1939 dabei, als Louis Lumière, einer der Begründer des Kinos, in Cannes aus dem Zug stieg, um seinen Platz als Ehrenpräsident des gerade gegründeten Filmfests einzunehmen. Zwei Tage später brach der Zweite Weltkrieg aus, das Festival wurde abgebrochen.

Bei seiner Wiederaufnahme im Jahr 1946 hatte Auguste Traversos Sohn Henri das Geschäft übernommen, der vor einigen Jahren seinerseits die Kamera an seinen Sohn Gilles weitergab. Abnehmer der Fotos der Maison Traverso waren und sind die lokalen, manchmal die nationalen französischen Zeitungen und Magazine, deren Hausfotografen niemals jenen bevorzugten Zugang zu den Hotels, den Parties und den Festivalgästen hatten, den die Traversos als Ortsansässige genossen. Alle kannten sie, vom Bürgermeister bis zum Zimmermädchen. Sie fotografierten übers Jahr Hochzeiten, Taufen und bei Trauerfeiern, dokumentierten Unfälle, Feuer und Schuleinweihungen. Bis heute, da sie ein unschätzbares Archiv der Kinogeschichte, soweit sie in Cannes spielte, ihr eigen nennen, verstehen sie sich nicht als Künstler oder als Geschichtsschreiber mit der Kamera, sondern als Gebrauchsfotografen. Sie wollen ihre Bilder verkaufen. Deshalb fotografieren sie, wofür es einen Markt gibt: Stars.

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Sie haben sie alle vor dem Objektiv gehabt: von Maurice Chevalier und Jean Cocteau über Michèle Morgan, Simone Signoret, Rita Hayworth und Sophia Loren zu Alfred Hitchcock, Michelangelo Antonioni, Federico Fellini, Truffaut und Godard, Cary Grant, Grace Kelly und Edward G. Robinson bis hin zu Clint Eastwood, Brad Pitt und Angelina Jolie. Über die Jahrzehnte verändert sich der Charakter der Fotos, wie sich auch das Festival verändert hat. Die Mode wechselt und der Grad der Förmlichkeit. Vor allem aber verändert sich der Zugang der Fotografen zu den Stars.

Was es heißt, ein Star zu sein

Von den fünfziger bis in die frühen achtziger Jahre konnten die Traversos ihnen noch am Strand begegnen, auf der Croisette, konnten sie am Pool treffen, sich mit ihnen verabreden, sie posieren lassen. Entsprechend lebendig wirken die Fotos, entsprechend groß ist die Differenz zwischen den ausgelassenen Bildern und dem Image, das von der Leinwand herunterstrahlte, dem Zugriff entrückt. In den späten Siebzigern änderte sich das. Kein Star konnte mehr unbehelligt, das heißt erkannt, aber aus respektvollem Abstand begafft, von seinem Hotel zum Festivalpalast spazieren. Jetzt wurde der roten Teppich der einzige Ort, von dem aus sie sich ihren Fans und auch den Kameras noch zeigen konnten. So verlieren in den letzten zwanzig Jahren auch die Bilder der Traversos ihre besondere Vitalität, sie werden Starfotos wie viele andere auch.

Was es heißt, ein Star zu sein, damals wie heute, darum geht es in Cannes im Zentrum auch. Paul Newman, der einige Male in Cannes war, erzählte einmal davon, wie er zum ersten Mal die Stufen mit dem roten Teppich hoch ging, sich in der Mitte umdrehte und eine Menge von achttausend Leuten sah, die ihm zujubelte. „I get it“, sagte er, „I’m an emperor now.“ Was zeigt, dass die Stufen von Cannes auch für die Größten noch eine Überraschung bereithalten.

Das Festival in Cannes ist natürlich viel mehr als der Aufmarsch von Superstars. Aber deren leibliche Präsenz ist es, die den magischen Raum schafft, in dem die Filme (auch die, in denen sie gar nicht auftreten) etwas werden, das sie im Kinoalltag kaum noch sind – schillernde Gebilde der Phantasie, vor denen wir sitzen und staunen. Nur in ganz schlechten Jahren wird diese Magie gebrochen. Dann sehen wir, was in Cannes auch regiert, die Vulgarität und die gierigen Geschäftemacher. Nichts deutet darauf hin, dass es in diesem Jahr dazu kommen wird.

Quelle: F.A.Z.
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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