„Brave“ von Rose McGowan

Die Jeanne d’Arc der #MeToo-Bewegung

Von Anne Philippi
 - 13:24
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Zurzeit sieht es so aus, als ob die amerikanische Schauspielerin Rose McGowan zum Messias oder, schon wegen der Jean-Seberg-haft kurzen Haare, zur Jeanne d’Arc der #MeToo-Bewegung werden könnte. Denn Rose McGowan hat ihr eigenes Leben aufgegeben; angeblich verkauft sie auch ihr Haus in Los Angeles, um die Anwälte gegen Harvey Weinstein bezahlen zu können: Sie lebt jetzt für ihren Kreuzzug. Sie hat, wie kaum jemand sonst, die Debatte um „HW“ oder „the pig monster“, wie Weinstein genannt wird, angeheizt in den vergangenen Monaten. Und sie will nicht aufhören damit.

Rose McGowan hatte früh angefangen über die „Geschichte“ zu sprechen. Auf Dinnerpartys, bei Mittagessen in Hollywood. Eines Abends erzählte sie Ronan Farrow davon, dem Journalisten, der für den „New Yorker“ die große Weinstein-Enthüllungsstory schrieb. McGowan wurde zur „key source“, wenn es um Weinsteins kriminelle Karriere ging, nicht nur für Farrow. Sie hörte einfach nicht auf über das „pig monster“ zu sprechen, machte sich unbeliebt. Es gibt Leute in Hollywood, die sagen, McGowan radikalisiere die Debatte bis ins Unerträgliche, Nervtötende. Doch McGowan glaubt einfach nicht, dass Veränderungen von denen betrieben werden, die in Hollywood an der Macht sind. Das ganze System muss sterben.

Die schöne Hexe aus „Charmed“

Sie wird dabei von ihrer Gefolgschaft auf Twitter unterstützt. Sie selbst hat mehr als 900.000 Follower. Dazu kommt der Twitteraccount der „RoseArmy“. Das Hollywood-Leben von Rose McGowan ist beendet. Sie ist nicht mehr daran interessiert, sympathisch oder versöhnlich rüberzukommen. Oder liebenswert. Geschweige denn sexy, in der bisher üblichen Hollywood-Interpretation. Auf neueren Fotos für „Vanity Fair“ bevorzugt sie einen asexuellen Look, trägt flache Lackschuhe, schwarze Rollkragenpullover. Die schöne Hexe aus der Serie „Charmed“, die schöne Pam aus Tarantinos „Death Proof“ ist verschwunden. Als McGowan neulich bei Barnes & Noble ihr neues Buch „Brave“ vorstellte, machte sie den Eindruck einer Frau, die unter dem Einfluss einer dieser kalifornischen Sekten steht. Von außen cool, schick, scheinbar gefasst. Aber in ihr scheint irgendetwas zu wirken, das tendenziell gefährlich werden könnte.

Warum das so ist, erfährt man bei der Lektüre von McGowans Buch „Brave“. Darin beschreibt sie ausführlich die Vergewaltigung. Vor allem aber schreibt sie über ihre Kindheit in der Hippie-Sekte „Children of God“, gegründet 1968 in Huntington Beach. 1977 in „Famliy of Love“ umbenannt, später nur noch „The Family“. Dem Gründer, David Berg, genannt „Dad“, wurde einmal „abuse of authority“ nachgewiesen.

Warum habt ihr nicht laut und entschieden nein gesagt?

McGowan erzählt, wie die Sekte sie mental darauf vorbereitete, später Männer wie Weinstein nicht mehr einschätzen zu können, ja deren Misshandlungen als Normalität hinzunehmen. Die Sekte machte sie zum Weinstein-Ziel, zur perfekten Frau für Männer mit Erniedrigungsphantasien.

Ein anderes Weinstein-Opfer, Asia Argento, mit der sich McGowan in ihrer neuen Doku-Show „Citizen Rose“ beim Fernsehsender E! unterhält, bestätigt das. Die Männer „erkennen die, die schon verletzt sind. Ich war es schon vorher. Verletzt“, sagt Argento.

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Andere Frauen, die an Sex mit Weinstein nicht interessiert waren, sind aufstanden und haben das Hotelzimmer verlassen, wenn der Produzent im Bademantel erschien – und natürlich werden Rose McGowan und Asia Argento immer wieder gefragt: Warum seid ihr nicht gegangen? Warum habt ihr nicht laut und entschieden genug nein gesagt?

Abgesehen von der Karriere, die bewiesenermaßen für manche Neinsagerinnen beendet war, war bei McGowan und Argento möglicherweise das sogenannte „Trauma-Bonding“ am Werk. Das tritt ein, wenn Menschen lange in Missbrauchsbeziehungen leben. Der Körper reagiert irgendwann mit physischer Abhängigkeit, reagiert auf Bestrafung – und mit Belohnung, wenn man sich „benimmt“. Man kann sich in McGowans Fall kaum vorstellen, dass sie ohne Trauma-Bonding aufgewachsen ist.

Wie Hollywood die Gedanken kuratiert

Sie wird 1973 in Certaldo, nahe Florenz, in der Scheune eines Anwesens geboren. Das gehörte Graf Emanuele, auch Graf Zoagli genannt, einem italienischen Adeligen, der den „Children of God“ seinen Besitz vermacht hat. Als Mädchen stellte man ihr täglich die Frage, ob sie Gott schon in ihr Herz gelassen habe – und wehe, wenn nicht! Die Sekte ermutigte Männer und Frauen zu sexuellen Phantasien mit Jesus; McGowan schreibt, dass sie sich „sehr früh wie eine Prostituierte und sehr dreckig“ fühlte. Man ermutigte die Mädchen außerdem, mit fremden Männern in der Öffentlichkeit zu flirten, um neue Mitglieder zu werben.

Der Umzug nach Amerika, als sie neun war, änderte wenig. Die Eltern waren längst getrennt. McGowan wechselte zwischen den Wohnungen ihres narzisstischen, auf die „Children of God“ abgerichteten Vaters und der ihrer Mutter, die sie liebte, trotz ihrer Schwäche für Männer, die sie misshandelten. Schließlich landete McGowan bei ihrem ersten Boyfriend: einem reichen Jungen aus Beverly Hills mit Hollywood-Kontakten. Das war der Zeitpunkt, da McGowan die Sekte verließ. Ihre neue Sekte hieß Hollywood. Sie schreibt: „Mein Leben, so werden Sie es lesen, hat mich von einer Sekte zur nächsten gebracht. ,Brave‘ ist die Geschichte, wie ich mich aus diesen beiden Sekten befreite und mein Leben zurückeroberte.“

„Brave“ übt eine merkwürdige Faszination aus. McGowan beschreibt auf eine klare, ab und zu zynische, sehr präzise Art, „wie Hollywood die Gedanken und Bilder kuratiert“.

Sie gibt ihre Selbstkontrolle auf, um zu erzählen

Das Buch erzählt von der Vergewaltigung durch Weinstein beim Sundance Festival. Und von McGowans Naivität, die sie selbst an sich feststellt, wenn sie von damals, vom Ort des Geschehens, erzählt. Sogar den Orgasmus aus „Harry und Sally“ habe sie schließlich nachgespielt, damit die Sache schneller vorbei sei. Auch die Kapitelüberschriften sind nichts für schwache Nerven. Sie heißen „Brutality“, „Death of Self“, „Destruction“ oder „Cult of Thought“, doch McGowan ist nicht weinerlich. Sie gibt ihre Selbstkontrolle, ihre Rationalität, ihre Zartheit auf, um zu erzählen, was passiert ist und welche Folgen das für jemanden haben kann, der keine harte Nuss ist oder Eltern hatte, die einen als Kind beschützten. Natürlich hat das, wie bei vielen traumatisierten Menschen, zur Folge, dass er sich gleichzeitig gegen sich selbst wendet. Sich selbst hasst, sich selbst als Märtyrer begreift. Das ist der Punkt, an dem McGowan einem Leser auch auf die Nerven gehen kann. Aber das ist in Ordnung. Man muss sie nicht mögen. Man soll ihr aber zuhören.

McGowan erlebte mit Weinstein genau das, was ihr als Sektenkind normal erschien. Nachdem sie sich nicht mehr „richtig“ verhielt, sich also nicht mehr mit ihm traf, nicht mehr zurückrief, nicht seine Geliebte sein wollte, kamen die Konsequenzen. Weinstein erzählte in Hollywood, man solle sie nicht casten, sie sei „bad news“. Er zahlte ihr 100.000 Dollar, damit sie die Klappe hielt: „to buy peace“, wie der schöne Fachbegriff heißt. Das war keine Besonderheit. Für Weinstein arbeiteten ein paar ehemalige Mossad-Agenten, die ausspionierten, wer vorhatte, ihm zu schaden. Die möglichen Zeugen oder Opfer erhielten Schweigegeld.

Zur späten Selbstheilung hat sie jetzt ihre Show

Anscheinend vertraute McGowan noch anderen falschen Männern. Einer davon ist Robert Rodriguez, mit dem sie sich nicht nur privat verabredete; er gab ihr auch die Hauptrolle in seinem Film „Planet Terror“. McGowan vertraute sich Rodriguez an, erzählte ihm, was sie mit Weinstein erlebt hatte – und Rodriguez fühlte sich inspiriert: gleich in der Anfangsszene attackiert Quentin Tarantino (der nicht inszeniert hat, aber eine Rolle spielt) die von McGowan gespielte Figur, und sie muss „Vergewaltigung“ spielen. McGowan schreibt, sie sei auf dem besten Weg gewesen, den „Verstand zu verlieren“.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Zur späten Selbstheilung hat sie jetzt ihre Show. „Citizen Rose“ – schon der Titel definiert einen Anspruch. Was sie damit will, sagt sie mit einem Zitat von Gertrude Stein: „Ich will mit der Welt im Gespräch sein, nicht nur in meinem Wohnzimmer.“

Rose McGowan: „Brave“. HarperOne, 272 Seiten

Quelle: F.A.S.
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