Pöbeleien von AfD-Anhängern

Die Unkultur in Reinkultur

Von Christian Geyer
 - 11:36

Die Simulation von Masse ist das geheime Merkmal der rüden Störaktionen, denen sich die Kanzlerin bei ihren Wahlkampfauftritten ausgesetzt sieht. Ob in Torgau, Finsterwalde, Bitterfeld, Quedlinburg oder Heidelberg: Es gibt Pfiffe, Buhrufe und Trillerpfeifen. „Hau ab!“ wird gerufen, „Volksverräter“. Tomaten fliegen. Die Randalierer geben sich als Anhänger der NPD, AfD und lokaler rechtsradikaler Organisationen zu erkennen. Handelt es sich um organisierte Aktionen? Mitunter lässt sich dieser Eindruck gewinnen. Man hat entsprechende Online-Aufrufe registriert, hier und da wird nach dem Muster agitiert, dass eine Kerngruppe von Störern sich in der Menge so verteilt, dass es nach einem massierten Protest aussieht, der von Hunderten statt – wie es tatsächlich der Fall ist – nur von einigen Dutzend Pöbelaktivisten getragen wird.

Das ist die optische Täuschung im Kalkül dieser Affekthungrigen. In der Amtssprache, in einer Mitteilung des Innenministeriums von Brandenburg, hört sich die Korrektur dieser Täuschung, die auf den Masseneffekt des Protests spekuliert, so an: „Das Protestmilieu setzt sich nach unserer Wahrnehmung vielmehr aus verschiedenen Akteuren zusammen, die zu dieser oder jener Kundgebung der Bundeskanzlerin mobilisieren – teils wohl in Abstimmung miteinander, teils unabhängig voneinander; aber mit demselben Ziel: den Protest auf die Straße zu tragen.“

Doch da, auf der Straße, verläuft er sich, statt sich auf ihr auszubreiten. Der Protest fällt auf die einzelnen Akteure zurück, die ihn schüren. Ihre lautstarke Vergeblichkeit bestätigt die Kritik der Massenkritik des vorigen Jahrhunderts. Damals glaubten die Massenverächter von Ortega y Gasset bis David Riesman, dass das Individuum in der Masse untergehe und erst dort, in diesem zahlenmäßigen Aggregat, zu seinen Enthemmungen finde. Was die Anti-Merkel-Proteste in ihrer simulierten Massenform zeigen, ist das genaue Gegenteil: Das Individuum geht in der Masse nicht unter, sondern nur auf. Es findet in ihr bloß eine andere Form der Äußerung: die der Selbstentäußerung.

Rosenheim
Merkel bei Wahlkampfauftritt ausgepfiffen
© reuters, reuters

Dass die AfD als Partei gegenüber der Selbstentblößung und Selbstverrohung ihrer Krakeeler nicht Stellung bezieht, sich von ihnen nicht absetzt, sie nicht in die Schranken weist, das ist die eigentliche politische Aussage der auf Krawall gebürsteten Protestler. Solches Unterlassen, solches demonstratives Beschweigen von herausgekehrter, herausgebrüllter Ekelhaftigkeit macht diese Partei mehr als ihr Tun unmöglich und nimmt ihr jedes moralische Recht, sich über den Vorwurf des Außenministers zu beschweren, der meinte, mit der AfD zögen die Nazis in den Reichstag. Eine Partei, die ihren Parteigängern bei der Enthemmung nur zuschaut, ist die Partei der Enthemmten.

Merkel massiert den Hass einfach weg

Auf diesen Evidenzeffekt setzt Merkel, wenn ihr der Hass entgegenschlägt. Das meint sie, wenn sie sagt, dass jede dieser Veranstaltungen „auch eine Ermutigung derer ist, die sich gegen Hass stellen“. Dort, wo es zwar nicht massenhaft, aber doch rotten- und rudelhaft plötzlich sehr hässlich zugeht, wo die Minderwertigkeitsgefühle jeder kultivierten Kompensation entraten und stattdessen sich ohrenbetäubend und fratzenhaft Bahn brechen, da hat das Außenseiter-Image verspielt. Da zeigt die Rohheit, was in ihr steckt, und niemand findet sich, um sie zu bemänteln mit dem üblichen Spiel von Aufreizung und Beschwichtigung. Das Gebrüll und Gepfeife, die offene persönliche Herabsetzung selbst verhindern eine solche Bemäntelung. Nach jedem solcherart gestörten Merkel-Auftritt weiß man bestimmter, was die AfD, in deren Namen die Halbstarken sich in Szene setzen, zu schätzen weiß: die Unkultur in Reinkultur.

Und die Kanzlerin? Sie läuft zu ihrer persönlichen Hochform als Prozessdenkerin auf. Es ist schon bemerkenswert, dass sie die augenblickliche Bedrängnis nicht ausagiert (Franz-Josef-Strauß-mäßig etwa: „Ihr könnt einem leid tun mit eurer erbärrrmlichen Dummheit!“, oder, Helmut-Kohl-mäßig, entschlossen das Handgemenge mit den Eierwerfern suchend), sondern der hässlichen Szenerie nur als einem Phasenmoment im Walten des Weltgeistes Aufmerksamkeit schenkt. Auf die Frage, ob die Leute mit den Trillerpfeifen für sie erreichbar seien, antwortet Merkel: „Ein erheblicher Teil hört keine Sekunde zu und kommt auch gar nicht, um für Argumente erreichbar zu sein. Ob die hinterher noch nachdenken, weiß ich natürlich nicht.“ Man muss das einen Moment auf sich wirken lassen: In einem akustischen Feld, das von Geschrei, Beschimpfung und Gejohle beherrscht ist, plaziert die Kanzlerin den Begriff der Nachdenklichkeit, den sie den Krawallern zumindest theoretisch zubilligt, und sei es, wenn sie auf dem Nachhauseweg sind.

Wahlkampf
Merkel trotzt den Störern
© Reuters, reuters

In diesem Merkel-Sound, der die soziologische mit der pastoralen Herangehensweise verknüpft – man soll den glimmenden Docht ja nicht auslöschen, wie es in der Bibel heißt –, zerfällt jede Masse, bevor sie sich bilden kann. Die Kanzlerin massiert auch den Hass einfach weg: Er fechte sie nicht an.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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