<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Friedenspreis des Buchhandels

Ein Forscherpaar wie ein effektiver Superrechner

Von Stefan Trinks
 - 17:37

Zum ersten Mal in seiner achtundsechzigjährigen Geschichte erhalten den Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 2018 zwei Personen: das Wissenschaftler-Ehepaar Aleida und Jan Assmann. Die beiden Kulturwissenschaftler haben über Jahrzehnte hinweg an der Heidelberger Universität über die Bedingungen und Bedingtheiten eines kulturellen Gedächtnisses geforscht. Seit beide sich im Jahr 1968 auf einer Ausgrabung im oberägyptischen Theben kennenlernten und noch im selben Jahr heirateten, bilden sie ein dioskurisches Forscherpaar, einen selten effektiv synchronisierten Superrechner, der nichts vergisst und sich wechselseitig immer wieder liebevoll nachjustiert. So ist der von Beiden verfasste Eintrag zum Lemma „Mythos“ im Handwörterbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe auf einundzwanzig Seiten nicht nur von fast beispielloser Komplexität, es fiele auch schwer, die Anteile beider voneinander zu scheiden.

Die heute einundsiebzigjährige Aleida Assmann, von Haus aus Literaturwissenschaftlerin, wurde mit ihrem Forschungsschwerpunkt der Kulturanthropologie und mit ihren Studien zu Erinnerungskultur international bekannt. Unter anderem mit ihren Büchern „Arbeit am nationalen Gedächtnis. Eine kurze Geschichte der deutschen Bildungsidee“ aus dem Jahr 1993 und dem gemeinsam mit Geoffrey Hartman verfassten „Die Zukunft der Erinnerung und der Holocaust“ von 2012 hat sie hellsichtig Fiktionen, Konstruktionen wie auch Perspektiven in der Memorialkultur aufgezeigt. Für sie ist ein offener und ungeklitterter Umgang mit der Vergangenheit grundlegende Bedingung für ein friedliches Miteinander. Dass Geschichte niemals ein Vogelschiss ist, die Longue durée von Gedanken mithin nicht von der Dauer von Regierungen abhängt, hat Assmann angesichts wieder wachsender politischer Instrumentalisierungen von Geschichte – so auch der jüngeren deutschen – geradezu aufklärerisch in die Öffentlichkeit geschleudert. Sie ist damit selbst zu einem unverzichtbaren Teil unseres kulturellen Gedächtnisses geworden.

Unschätzbares für das Verständnis früher Religionen

Der neunundsiebzigjährige Jan Assmann wiederum revolutionierte als Ägyptologe das Fach mit seinen Publikationen zu Hieroglyphen und Religion, altägyptischen Zeitkonzepten, der Sintfluterzählung oder auch der Ägypten-Rezeption in Mozarts Zauberflöte. In seinem Text zu den Josephsromanen in der Großen Kommentierten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe erschließt Assmann akribisch eine Fülle von kulturgeschichtlichen Quellen Manns, die dieser in die vier Bände seines zwischen 1933 und 1943 erschienenen Exilroman eingewoben hat. Mit diesen polyphonen „ägyptisch“-biblischen Quellen der Erzählung zeigt Assmann nur umso deutlicher, wie quer der Roman von Anfang an zur Nazi-Ideologie stand.

Weit über sein Stammfach Ägyptologie hinaus aber wurde Assmann bekannt durch sein 1998 veröffentlichtes Buch „Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur“, das die Entstehung des Eingottglaubens als Absetzbewegung vom Polytheismus an den Auszug der Israeliten aus Ägypten gekoppelt sieht. Weil ein Monotheismus mit seinem absoluten Wahrheitsanspruch per definitionem konfliktträchtig gegenüber anderen Religionen ist, häufig Andersgläubige zu missionieren oder bekämpfen sucht, plädiert Assmann zudem für mehr Verständnis für diejenigen Kulturen, die dem Polytheismus anhängen. Für das Verständnis der komplexen Genese früher Religionen jedenfalls, ein momentan sehr intensiv erforschtes Feld, hat Assmann Unschätzbares beigetragen. Ebenso hat er mit dem Aufzeigen der überraschend vielen gemeinsamen kulturellen Wurzeln im östlichen Mittelmeerraum internationale Debatten zu den aktuellen kulturellen und religiösen Konflikten angestoßen.

Das Ehepaar Assmann warnt immer wieder vor Geschichtsvergessenheit. Bei der Vergabe des mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, der implizit immer auch politisches Engagement würdigt, werden diese aktuellen Aufrüttelungen des Gedächtnisses sicherlich auch eine Rolle gespielt habe.

Quelle: F.A.Z.
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite