Debatten
Amerikas Landlust

Vergesst die Großstadt!

Von Ralph Martin
© LAIF, F.A.S.

Eine Stadt zu gründen ist ganz einfach. Sagen jedenfalls meine Freunde aus Brooklyn. Neulich bekam ich mit, wie zwei von ihnen, zwei junge Unternehmer - einer hatte sein Geld mit einem Flohmarkt-Imperium gemacht, der andere vertreibt Vintage-Objekte im Internet-, Pläne machten, in Upstate New York eine Art Kolonie für stadtmüde Städter zu gründen, die nicht einfach aufs Land oder in die Suburbia ziehen wollen. Was sie für eine neue Stadt jenseits der Stadt brauchten, erklärten sie, sei einfach: Man muss eine Kleinstadt finden, die einmal wohlhabend war, dann aber verfiel, es müsste dort noch die klassische amerikanische Kleinstadtarchitektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geben, und sie dürfte nicht weiter als zwei Autostunden von New York City entfernt sein.

Man brauchte etwa zwanzig Paare und Familien, darunter auch ein paar Leute, die sich auf PR verstehen, und müsste die Main Street kaufen und aufmöbeln. Die beiden sprachen über die verschiedenen Phasen des Projekts: den Kauf, dann den PR-Erfolg, der sich einstellte, wenn die „New York Times“ über das Projekt berichten würde, dann den Punkt, an dem immer mehr Leute in die kleine Stadt würden ziehen wollen - so viele, dass man bald schon wieder Bewerber abweisen müsste.

Ich habe nicht die geringsten Zweifel daran, dass die beiden Erfolg haben werden - obwohl oder auch weil sie nicht die Ersten sind. Es gibt schon zahlreiche erfolgreich von Großstädtern kolonialisierte Kleinstädte im Norden von New York, und die sind erst der Anfang. Das Phänomen der Stadtflucht ist nicht nur in meiner Heimat zu beobachten. Auch in Deutschland gibt es, wie auch der Erfolg der seltsamen Zeitschrift „Landlust“ belegt, unter den um 1970 geborenen Stadtbewohnern offenbar eine große Sehnsucht nach dem Landleben.

Die Heimat all derer, die keinen Fluchtplan haben

Viele kaufen sich alte Bauernhöfe oder Scheunen oder leerstehende Schulgebäude, wie es ihnen die Figuren von Judith Hermanns Roman „Sommerhaus, später“ und zahllose Filme der Berliner Schule vorgemacht haben - aber ich habe noch nie gehört, dass die deutsche Großstadt-Hipsteria erfolgreich eine ostdeutsche Kleinstadt kolonialisiert hätte.

Es gab vielleicht immer wieder Versuche von verschiedenen Gestalten der Berliner Kunstwelt, halb verfallene Straßendörfer in Brandenburg zu übernehmen, aber das hat nicht funktioniert, auch weil die von allgemeiner Perspektiv- und Arbeitslosigkeit geplagte Dorfbevölkerung es nicht sonderlich schätzte, zuzuschauen, wie jedes Wochenende eine Armada von weißbehosten Städtern mit KaDe-We-Tüten aus ihren dunkelbraunen Range-Rovern stolperte und sich über die authentisch kaputten Fassaden freute. Die rauschenden Gartenfeste mit Champagner und illegalen Modedrogen wurden mehr als einmal von Auftritten einer unduldsamen Dorfjugend empfindlich gestört.

Gäste blieben weg, schließlich wurden die zum Preis eines Mittelklasse-Autos erworbenen Bruchbuden wieder verkauft; das Experiment war beendet, nur ein paar eiserne Landfreunde blieben und vereinsamten in ihrem Ostidyll. Brooklyn und Berlin ähneln sich in vielerlei Hinsicht, und das ökonomisch heruntergekommene Upstate New York hat viel mit Brandenburg gemein. Aber in Upstate New York findet man viele Kleinstädte, in denen sich die jungen und die schönen Großstädter zurückgezogen haben, was man von Städten wie Prenzlau, Haßleben und Quappendorf nicht sagen kann: Brandenburgs Kleinstädte scheinen sehr oft eher die Heimat all derer zu sein, die keinen überzeugenden Fluchtplan haben.

Und sie singen das Hohelied ihrer Coolness

Dagegen hat die Brooklynisierung von Upstate New York, die mittlerweile bis Maine hochreicht, ein Ausmaß erreicht, dass die „New York Times“ das Hudson River Valley bereits als „NoBro“ - North of Brooklyn - bezeichnet. Warum also ist der Export des Lifestyles von Brooklyn in die Provinz so erfolgreich, während die Berliner nur davon träumen können?

Die Antwort liegt in den Ritualen des Cool. Leute, die in Brooklyn wohnen, sind sich in ästhetischen Fragen ebenso einig wie in ethischen, und sie stimmen das Hohelied ihrer Coolness an, wo immer sie auftauchen. Manhattan war einmal die Heimat des Cool mit seinen Punkrockkellern und seiner rohen Do-it-yourself-Haltung, aber die Szene, und mit ihr das Versprechen der wilden Großstadt, ist seit langem schon über den East River nach Brooklyn abgewandert. Die Straßen in Kleinstädten wie Hudson und Beacon sehen aus wie die Kulisse eines Sciencefictionfilms, in dem gebildete Menschen mit Kurzirokesenfrisuren und Tätowierungen in idyllischen alten Eisläden und Friseursalons herumhängen.

In Beacon gibt es eine Bar, in der Leute wie Trippy Thompson - den ich noch aus Manhattans East Village kenne - ihre raffinierten Drinks anrühren. Übrigens gibt es hier keine einzige weiße Hose, das Symbolkleidungsstück des jungen New Yorker Long-Island-Fahrers. Ganz im Gegenteil: Man sieht auf den ersten Blick, dass fast jeder erwachsene Bewohner von Brooklyn Mitglied einer Rockband ist, weiß, wie man klassische Cocktails der sechziger Jahre anrührt, und eine große Sammlung von alten 45er-Schallplatten besitzt.

Keine Gegend mehr, in die junge Leute ziehen: Die Friedrichstraße in Berlin-Mitte
© Thiel, Christian, F.A.S.

Natürlich reicht diese ebenso sichtbare wie ästhetisch homogene Coolness nicht, um eine Stadt zu erobern. Die Kolonialisierung der amerikanischen Kleinstadt erfordert eine gute Dosis frontier mentality - den alten amerikanischen Drang, neues Terrain zu besetzen und jedem, den man dort vorfindet, seinen Willen aufzuzwingen.

Mag sein, dass sich die Ostberliner über den Einmarsch der Schwaben beschweren, aber die steigenden Mieten haben nichts mit Schwaben zu tun, sondern sind das Ergebnis eines langsamen, weltweit zu beobachtenden Bourgeoisifizierungsprozesses. Er hat wenig mit der frontier mentality der neuen amerikanischen Kleinstadteroberer zu tun. Die Brooklynites, die aufs Land gehen, tun das im festen Glauben, dass sie recht haben, dass sie den rechten Weg, gut und richtig zu leben, gefunden haben und damit nicht nur die Städter, sondern auch das Land bekehren werden, egal, ob sie Ökogemüse im Internet verkaufen, Absinth destillieren oder ein seltsames Instrument spielen.

Echte Pioniere on a mission haben keine Angst vor ein paar herumstehenden Neonazis oder übriggebliebenen grimmigen Ostrentnern: Sie wissen, dass ihre massenhafte Ankunft auf dem Land für Verstimmung sorgen wird, aber das ist ihnen egal. Die Deutschen, die diesen robusten Kolonialisierungsgeist der amerikanischen Siedler nicht mitbringen, sollten besser auf dem städtischen Balkon bleiben.

Fahrräder, Nachbarn und Retro-Phantasie-Essen

Aber was unterscheidet die Hipsterkleinstadt des großstadtmüden Jungamerikaners und das Leben in ihr von den vielen künstlichen Kleinstädten, die in den vergangenen zwanzig Jahren unter dem Label „New Urbanism“ in Amerika errichtet wurden? Zum Beispiel von der Idealstadt Celebration City, die 1994 bei Orlando errichtet wurde nach den Ergebnissen einer Marktforschungsgruppe, die herausfand, dass der besserverdienende Durchschnittsamerikaner am liebsten in einer kleinen Stadt im Stil des 19. Jahrhunderts mit Holzhäusern, Main Street, Dorfkirche und kleinem Kino wohnen würde - was Disney dann von Architekten wie Robert Stern und Robert Graves genauso bauen ließ und ein großer Erfolg bei alten, konservativen Amerikanern wurde.

Nun sieht diese nachgebaute Retrokleinstadt aus der Entfernung genauso aus wie die neuen, von der Hipsteria besetzten Kleinstädte: Ihr Reiz liegt darin, dass man alles mit dem Fahrrad erledigen kann, seine Nachbarn kennt und dass die Läden keine seelenlosen Filialen von Großkonzernen und Kaffeehausketten sind, sondern von leidenschaftlichen Einzelunternehmern betrieben werden.

In beiden Städten wird Retro-Phantasie-Essen wie handgemachtes Eis oder Cupcakes oder andere, an eine Kindheit in der Provinz der Vorkriegszeit erinnernde Dinge angeboten - und man muss schon genau hinschauen in Kingston, Hudson und Beacon, bis man die Tätowierten und die Wilderen ausfindig macht, deren ästhetisches Ideal eher die wilde Kleinstadt der Motorradgangs von 1955 ist.

Was aber macht die massive Auswanderung des Bohemian Cool aus der Großstadt mit dieser? Manhattan hat längst aufgegeben, cool zu sein, und in Brooklyn steigen die Mieten so sehr, dass sich hier nur noch „Trustafarians“ ansiedeln, Kinder aus extrem wohlhabenden Familien, die sich hier als Bohemians verkleiden. Künstler, Schriftsteller und Autoren, also die Leute, deren sichtbare Anwesenheit einen Ort „cool“ werden lässt, sind zu großen Teilen nach Upstate New York oder nach Maine gezogen, so etwa ein Großteil der Autoren des „New Yorker“.

Diese Ruralisierung der Boheme ist ein Schock für alle, die mit Träumen von einem wilden Großstadtleben aufwuchsen. Fast scheint es, als sei die um 1970 geborene Generation die letzte, für die ein Leben in New York, Paris oder London ein glitzerndes Versprechen war. Ich zum Beispiel zog nach Manhattan ohne einen Job, mit Geld nur für einen Monat, den ich zur Untermiete bei einem Studentenpaar aus Israel verbrachte. Hier wohnten Künstler und Schriftsteller, niemand wollte Banker werden, die Metropole zog eine ganz besondere Spezies an: die Jungen.

Die anderen verstanden es nicht. Als ich nach Manhattan zog, konnte meine Familie es nicht fassen, dass ich die heile Welt der Provinz verlasse, um mich der Hässlichkeit und den Gefahren der Großstadt auszusetzen. Für sie war New York Gomorra, und genau das begeisterte mich. Aber seit einigen Jahren haben New York, Berlin, London und Paris die real existierende Boheme durch ihr Simulacrum ersetzt. Manhattans berühmter Club „CBGB“, wo Blondie und die Ramones auftraten, wurde geschlossen, am selben Ort ist nun eine teure Boutique, in der sich ein Punk-Museum befindet.

In den Händen von Reichen, Alten und Finanzkonzernen

New Yorks und Berlins ehemalige Bohemeviertel, die die Träume der Jungen befeuerten, sind zu begehrten Reisezielen und Wohnorten der Alten und Reichen geworden. Auch in Berlins Prenzlauer Berg gibt es jetzt das Projekt Marthashof, wo man Rentner auf City Bikes zum Biomarkt fahren sieht. Die Stadt verliert offenbar gerade die Fähigkeit, allen Altersgruppen ein Zuhause zu bieten - und sie verliert die Fähigkeit, ein Versprechen für die Jungen zu sein.

Mitte und Prenzlauer Berg sind keine Viertel mehr, in die die Jungen ziehen, genauso wie Manhattan aus ihrem Blickfeld verschwunden ist. Die nach New Yorker Vorbild NoTo and SoTo getauften Viertel an der Torstraße werden immer mehr zu NoGo-Zonen, und nirgendwo ist es besser: Alle großen europäischen Städte sind längst in die Hände von Reichen, Alten und Finanzkonzernen gefallen. Die Stadt als wilder, heterogener, unübersichtlicher Ort, als Versprechen an die Jungen, als Sitz von Cool, ist offenbar keine kulturelle Konstante, sondern eine historische Erscheinung, die zumindest in der westlichen Welt - in China und Indien mag die Lage anders sein - an ihr Ende gekommen ist.

Aber wenn das so ist, warum können die jungen Europäer dann nicht das machen, was in New York getan wird: rausgehen und die eigene funkelnde, wilde Kleinstadt gründen? Die Deutschen lassen es bei „Landleben“. Warum gibt es, abgesehen von ein paar ökomuffigen Misthaufenverklärungsgazetten, kein Äquivalent zu „Landleben“ für die Jungen? Um die Dorfstraße zu erobern, braucht man Sex, Drugs and Rock and Roll. Auch in Europa könnte jenseits der Sterilität der Stadt und des Muffs der Dörfer eine neue Form von Country Cool entstehen. Dabei könnte die alte amerikanische Einsicht helfen, dass weiße Hosen immer gleich mal für Ärger sorgen, wohingegen zerrissene schwarze Jeans überall funktionieren.

Der Autor ist Schriftsteller. Er lebt in Berlin. Aus dem Amerikanischen von Niklas Maak.

Quelle: F.A.S.
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