Archäologie als Erbe Europas

Das Wissen von den alten Dingen

Von Michael Siebler
 - 14:24
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Die Suche nach dem Ursprung des Wortes Archäologie und seines Bedeutungsspektrums führt an die Wiege Europas, nach Griechenland: „Archaiologia“ verwendet nach Ausweis der Schriftquellen erstmals der Sophist Hippias von Elis (443 bis 399 vor Christus) in einem Streitgespräch mit Sokrates. In dem als „Hippias maior“ überlieferten Dialog erzählt Hippias dem Athener Philosophen, dass er seine liebe Mühe mit den Spartanern habe, da diese etwas ganz anderes interessiere als seine sophistischen Weisheiten, nämlich: „Wenn ich ihnen spreche von den Geschlechtern der Heroen sowohl als der Menschen, und von den Niederlassungen, wie vor alters die Städte sind angelegt worden, und alles überhaupt, was zu den Altertümern (,archaiologia‘) gehört, das hören sie am liebsten; so dass ich um ihretwillen genötigt worden bin, dergleichen Dinge zu erforschen und einzulernen.“

Wie das „Wissen von alten Dingen“ helfen kann, historische und gesellschaftliche Entwicklungen aufzuzeigen, Altertümer oder schriftliche Überlieferungen für das Verständnis der eigenen Gegenwart zu nutzen, das hat der Historiker Thukydides in der als „Archaiologia“ bezeichneten Einleitung seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges formuliert, dieser großen Auseinandersetzung zwischen Athen und Sparta. In den ersten Kapiteln gab Thukydides einen Abriss der ältesten Geschichte Griechenlands seit mythischen Zeiten. Und inwieweit das Ergebnis seiner historischen Recherche dem Leser bei der Einschätzung der politischen Lage am Vorabend des Waffengangs behilflich sein konnte, führte Thukydides in dem sogenannten Methodenkapitel aus.

Was ist eigentlich Archäologie?

Wunderbar, möchte manch einer vielleicht ausrufen, die alten Griechen interessierten sich also schon für die Archäologie! Das ist unter einem bestimmten Blickwinkel nicht ganz falsch, aber es ist auch nicht ganz richtig. Und schon stehen wir vor dem Dilemma um das Verständnis dessen, was Archäologie eigentlich ist.

Denn auch wenn Hippias und Thukydides Überlieferungen und sichtbare Reste der eigenen Vergangenheit zum Gegenstand ihrer Überlegungen über das Wann, Woher oder Warum machten, so hatte das doch wenig zu tun mit dem, was wir heute mit dem Begriff Archäologie verbinden: die systematische Erforschung, Auswertung und Bewahrung der materiellen Relikte unter Anwendung möglichst sämtlicher zur Verfügung stehender geistes- und naturwissenschaftlicher Methoden und daraus folgend der Versuch einer kritischen Darstellung der kulturellen Entwicklung der Menschen – von der gesellschaftlichen Organisation über Städtebau, Religion oder Kunst bis hin zu politisch-sozialen oder wirtschaftlichen Fragen.

Viele verschiedene Archäologien

Angesichts dieser Beschreibung wird schnell klar, dass es heute nicht die eine Archäologie gibt. Vielmehr haben sich zahlreiche Archäologien entwickelt, deren Schwerpunkte und zeitliche Rahmen sehr unterschiedlich, andererseits jedoch auch mehr oder wenig eng miteinander verwoben sein können. Ob nun Archäologie der Steinzeit oder der Industriegeschichte, ob Archäologie des alten Ägyptens oder der Kelten, ob Archäologie Vorderasiens oder der Wikingerzeit: aus moderner Perspektive verdanken sie alle letztlich ihr Entstehen und die Anerkennung als eigene Wissenschaft den historischen Grundlagen und Entwicklungen auf dem europäischen Kontinent.

Hier erwuchs aus einer einmalig produktiv-drängenden Gemengelage von menschlicher Neugier und Schatzsuchermentalität, aus ästhetischem Diskurs und methodischer Quellenkritik, aber auch aus nationalem Wettstreit und politischer Überheblichkeit allmählich etwas, was nirgendwo sonst auf der Welt vergleichbare Voraussetzungen fand.

Auch arabische Gelehrte führten die Suche fort

Die Konstante, die sich dabei wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte zieht, gleichsam der Nährboden für diese Entwicklungen, war das nahezu ungebrochene Interesse an der griechisch-römischen Antike mit all ihren Hinterlassenschaften, Schriftquellen, Architekturen oder Kunstgegenständen. Beispielhaft aufzeigen lassen sich einige Spielarten und Wirkmechanismen dieser Besonderheit an einer europäischen Epoche, deren Selbstverständnis sich aus der Begeisterung für das antike Erbe speiste und die ihrerseits eine ungeheuer faszinierende Prägung auf die nachfolgenden Zeiten ausübte und bis heute ausübt: die italienische Renaissance.

Die für die europäische Kulturgeschichte überragende Bedeutung der Renaissance und ihrer Antikenbegeisterung steht außer Frage. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass neben Byzanz als bedeutender Drehscheibe für die Vermittlung antiker Kultur es auch arabische Gelehrte waren, die mit ihrer Neugier und Wertschätzung die griechischen Wissenschaften fortführten und pflegten, etwa die Philosophie des Aristoteles. Damit fiel ihnen eine nicht zu unterschätzende Vermittler- und sogar Vorreiterrolle zu. Über Córdoba oder Toledo konnten Manuskripte antiker Autoren oder Schriften und Gedanken zu deren Interpretation den Weg in europäische Gelehrtenstuben finden und dort den Wissensdurst stillen helfen.

Rom fasziniert die Forscher am meisten

Zentrum der Antikenbegeisterung und Wallfahrtsort von Antiquaren, Künstlern, Dilettanten und Reisenden aber war Rom mit seinem unerschöpflichen Schatz an archäologischen Zeugnissen. Wie kaum ein anderes Kunstwerk hat die 1506 in der Erde Roms entdeckte Marmorgruppe des sterbenden Laokoon und seiner beiden Söhne tiefe Spuren in der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte gezogen. Michelangelo und andere beeindruckte die ungeheure Kraft und Präsenz von körperlichem Schmerz und anatomischer Wucht, die diese Skulptur ausstrahlt. Nicht zuletzt in den Körperdarstellungen der Sixtinischen Kapelle ist Michelangelos Laokoon-Begeisterung offensichtlich.

An diesem Laokoon exemplifizierte im 18. Jahrhundert Johann Joachim Winckelmann den Primat der Schönheit griechischer Kunst: „Laokoon war den Künstlern im alten Rom das, was er uns ist: des Polyklets Regel, eine vollkommene Regel der Kunst. Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt und stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdruck.“ Winckelmann, der vielen als Begründer der Klassischen Archäologie und Stilkritik gilt, setzte damit nicht nur gegen das Überladene des Barocks und Rokokos einen Kontrapunkt, sondern – durch das Vorziehen der griechischen gegenüber der römischen Kunst – auch einen gegen die politischen Konstellationen seiner Zeit: also die Demokratie Griechenlands gegen den Despotismus Roms, Freiheit gegen Knechtschaft; insbesondere Frankreich favorisierte damals ja die römisch-antike Überlieferung.

Eine Abgrenzung ist kaum möglich

Der Klassizismus, das Weiß des Marmors als höchste Reinheitsstufe der griechischen Kunst, Lessings Schrift „Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie“, die Weimarer Klassik um Goethe, die von Napoleon unterstützte Erforschung des alten Ägyptens, die Elgin Marbles von der Akropolis in Athen, Hölderlin, Jacob Burckhardt, Nietzsche – all das waren Wegmarken europäischer Geschichte, die national und international Beachtung fanden, aber auch Aufregung verursachten. Die Entdeckungen in Pompeji, Herculaneum und anderswo taten ein Übriges, um Kunst, Architektur, Kunsthandwerk und Dekor mit frischem Wind zu beleben; und dieser Wind war auch schon in der Neuen Welt zu spüren.

Im Verlauf dieses allmählich auch über die Grenzen Europas hinausweisenden Fortschreitens erwuchs der Archäologie immer mehr Anerkennung als eigene Wissenschaft. Eine exakte Grenzziehung zu Nachbarwissenschaften, vornehmlich der Philologie und der Alten Geschichte, erscheint für die Archäologie bis heute ebenso müßig wie die exakte Nennung eines Gründungsdatums. Ein Datum zur Orientierung aber gibt es: den 21. April 1829. An diesem Tag wurde auf Initiative des Archäologen Eduard Gerhard in Rom unter der Schirmherrschaft des preußischen Kronprinzen und späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. das „Instituto di corrispondenza archeologica“ gegründet. Zu den Männern der ersten Stunde gehörte auch der Bildhauer Bertel Thorvaldsen, erster Präsident war ein französischer Diplomat, der Duc de Blacas d’Aulps, sein Nachfolger wurde 1841 Fürst von Metternich. In Rom wurden die Berichte über archäologische Entdeckungen gesammelt, vornehmlich auf dem Gebiet der griechisch-römischen Antike, aber auch aus Ägypten und Vorderasien. Bibliothek, Publikationen, Vorträge und Diskussionen ließen das weit vernetzte Institut zum Mittelpunkt archäologischer Forschungen in Europa werden und zum Vorbild für nachfolgende nationale Institute in den Ländern rund ums Mittelmeer. Aus dem Institut, das 1836 auf dem Kapitol ein eigenes Haus erhielt, ist das Deutsche Archäologische Institut (DAI) hervorgegangen mit seiner Zentrale in Berlin.

Was verbindet uns miteinander?

Wurden im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert zahlreiche Ausgrabungen etwa in Troia oder im Tal der Könige, in Ur oder in Babylon, in Pergamon oder in Palmyra, in Olympia oder Delphi von Engländern, Franzosen oder Deutschen initiiert und manches Mal von deren Regierungen aus nationalen Prestigegründen gefördert und wurden willkürlich oder aufgrund von Fundteilungsverträgen Kunstwerke und andere Gegenstände in die Antikenmuseen dieser Länder abtransportiert, so hat sich das Bild seither doch grundlegend gewandelt. Die Teams sind heute in der Regel international zusammengesetzt, Kollegialität und gegenseitiger Respekt im Grabungsalltag und beim wissenschaftlichen Publizieren sind keine Floskeln, die Funde werden im Land aufbewahrt und ausgestellt.

Die Geschichte von vergangenen Reichen, Städten, Heiligtümern und die Kultur der Menschen, die dort einst gelebt haben, ziehen heute nicht nur ausländische Touristen an, sondern all das wird auch in den Ländern selbst als nationales Erbe geschätzt und deshalb geschützt und ist damit zudem noch ein Wirtschaftsfaktor. Die durch Kriege und religiösen Fanatismus bedingten Zerstörungen von Kunstwerken in Museen und archäologischen Stätten wie Palmyra, Aleppo, Mossul, Nimrud und anderswo zeigen aber auch, wie bedroht dieses Weltkulturerbe ist. Und auch wenn Nofretete und Tutanchamun, Troia und Pergamon, die Athener Akropolis und der Heilige Hain von Olympia, Pompeji und Herculaneum oder Rom sich weiterhin großer Beliebtheit erfreuen: in der Gesellschaft scheint doch ein schleichender Rückgang des Interesses an den historischen und kulturellen Ursprüngen der Menschheitskulturen Raum zu greifen – und damit auch an der Archäologie.

Dem gilt es entgegenzuwirken. Einen Beitrag dazu könnte das Europäische Jahr des kulturellen Erbes 2018 leisten, das unter dem Motto „Sharing Heritage“ steht. Dabei wird es um das Verbindende in unserer Kultur gehen, um das, was Europa charakterisiert jenseits allen nationalstaatlichen Denkens, denn Kulturphänomene haben sich noch nie nach aktuellen Grenzen gerichtet. Unter dem Leitthema „Austausch und Bewegung“ wird von September an im Berliner Martin-Gropius-Bau die Sonderausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ gezeigt werden – eine gute Gelegenheit, für die Archäologie eine Lanze zu brechen und an ihre europäische Wiege zu erinnern.

Quelle: F.A.Z.
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