Aufruhr um Uni-Ausstellung

Einstein mit Schweineohren

Von Cindy Riechau
 - 20:13

Ist das noch Kunst oder schlicht antisemitische und sexistische Provokation? An der Universität Göttingen wurde eine satirisch gemeinte Ausstellung des Künstlerkollektivs „KomiTee“, die in den Räumen der Mensa ausgerichtet wurde, auf Druck von Besuchern vorzeitig beendet. Diese störten sich unter anderem an der Karikatur einer Künstlerin, die Albert Einstein in rosa Farbe mit herausgestreckter Zunge, Schweineohren und Schweinenase zeigt. Mehrere Besucher der Ausstellung informierten daraufhin Achim Doerfer, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde der Stadt, über das „Judensau“-Bild. Doerfer wiederum beschwerte sich beim Studentenwerk. Auch der Zentralrat der Juden schloss sich inzwischen der Kritik an dem Bild von Ulrike Martens an.

Zuvor hatten Studenten in Exponaten der Schau „Geschmackssache“ bereits Diskriminierung von Frauen erkannt. Die Kritik galt den Werken der Künstlerin Marion Vina, die nackte Körperteile zeigen und mit Wortspielen kombinieren. „Auf den ersten Blick sind die Bilder sehr plakativ und sie sollen auch polarisieren und provozieren“, sagte die Künstlerin im Gespräch mit FAZ.NET, „man muss sie aber auch im Kontext mit den Worten darunter sehen.“ Marion Vina hätte sich gewünscht, dass mit ihren Bildern unzufriedene Studenten nicht den Umweg über die Gleichstellungsbeauftragte der Universität gegangen wären, sondern die direkte Auseinandersetzung mit ihr gesucht hätten. Ihre Werke seien für sie vor allem „eine Selbsttherapie“, um nach der #metoo-Debatte wieder zu einer normalen Sexualität zu finden.

„Antisemitismus und Sexismus war ganz sicher nicht unser Anliegen“, sagte Marion Vina. Das Künstlerkollektiv „KomiTee“ und das Studentenwerk Göttingen seien betroffen von der Kritik an der Ausstellung. Es sei niemals ihre Absicht gewesen, „herabwürdigende Darstellungen von Juden wiederaufleben zu lassen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Der Chef des Studentenwerks, Jörg Magull, sagte, dass die Ausstellung „Geschmackssache“ antisemitische Vorurteile befördern könne, hätten die Beteiligten nicht im Blick gehabt. Anstatt an den jüdischen Wissenschaftler hätten sie vielmehr an den Menschen Einstein mit Humor und Wortwitz gedacht.

Die Bilder der Schau seien Satire, sagte Marion Vina. „Dass da Befindlichkeiten auf Seiten einiger Betrachter entstehen, ist natürlich klar“. Achim Doerfer von der jüdischen Gemeinde spricht im Falle der Einstein-Karikatur jedoch von Satire, „die nur straffrei ist, weil sie nicht beabsichtigt war“. Die Wirkung sei dennoch „mehr als grenzwertig“. Im Gespräch mit FAZ.NET berichtete er, dass ihn die Künstlerin inzwischen kontaktiert und sich entschuldigt habe. Zusammen mit dem Künstlerkollektiv plane er nun eine Podiumsdiskussion über das Thema Antisemitismus. Dass ein Topos wie das der „Judensau“ wie in diesem Fall unbeabsichtigt ausgestellt werde, ließe sich durch eine externe Kuration verhindern.

Die AStA-Vorsitzende der Göttinger Universität, Silke Hansmann, forderte im „Göttinger Tageblatt“ indes mehr Sensibilität von Künstlern im öffentlichen Raum. Anders als in einer Galerie, entscheide sich in der Mensa niemand bewusst dazu, Bilder anzuschauen. Der Deutsche Kulturrat betonte hingegen, dass das Grundgesetz die Kunstfreiheit gerade auch im öffentlichen Raum gewährleiste. Geschäftsführer Olaf Zimmermann forderte die Göttinger Studenten und Professoren dazu auf, die Konsequenzen dieser „Zensur“ zu überdenken. Sie „sollten die Freiheiten in unserem Land mit Nachdruck verteidigen und nicht leichtfertig aufgeben.“

In Berlin fordern Studenten ein angeblich sexistisches Gedicht von der Fassade der Alice Salomon Hochschule entfernen zu lassen. Ob Eugen Gomringers spanische Verse übermalt werden, darüber können Studierende und Angestellte der Hochschule bis Mitte des Monats online abstimmen. Der Kulturrat sieht die Hochschulen in Berlin und Göttingen wegen ihres Umgangs mit umstrittenen Kunstwerken zurzeit „auf Abwegen“. Sie sollten „die Freiheit verteidigen, keine Zensur üben.“

In Göttingen haben die Künstler in Verabredung mit dem Studentenwerk ihre 45 Bilder nach der massiven Kritik abgehängt. Man wolle eine Eskalation verhindern, sagte Studentenwerk-Chef Magull. Es habe Hinweise gegeben, dass Gegner der Schau Aktionen planten. Achim Doerfer hält davon wenig: „Es ist niemand persönlich verletzt worden und die Künstler waren sehr einsichtig.“ Die Grenzen von Satire wolle er auch künftig aufzeigen: „Minderheiten tun solche Grenzüberschreitungen besonders weh.“

Quelle: FAZ.NET
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