Ausstellung zu Datensicherheit

Der entgrenzte Mensch

Von Hannah Bethke
 - 19:53

Zwölf Meter ausgedruckte Sätze hängen von der Decke im Treppenhaus herab. Es sind die Geschäftsbedingungen von Facebook. Manch einer sagt, man brauche zweihundert Stunden, um sie ganz zu lesen. Wer sie aus der Nähe betrachten will, der muss die ersten digitalen Hürden im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern schon genommen haben. „Ohne Schlüssel und Schloss? Chancen und Risiken von Big Data“ heißt die Ausstellung, die am Wochenende eröffnet wurde. Was eher nach einer theoriebehafteten Podiumsdiskussion klingt, wird im Museum angewandte Praxis. „Das Zentrum der Ausstellung ist der Besucher“, erklärt die Kuratorin Svenja Kriebel. Erfahrbar soll gemacht werden, was sich sonst im Verborgenen abspielt: die Erfassung unserer Daten.

Eigens für die Ausstellung wurde eine App kreiert, die als kostenloser Download jedem Besucher zur Verfügung steht. Sie erleichtert mit Empfehlungen und Informationen den Weg durch die Ausstellung – und speichert alle Daten, die wir ihr geben. Wer mit der Preisgabe seiner Daten geizt, der erhält am Ende zu bestimmten Räumen keinen Zugang. Die Datenerfassung wird auf diese Weise zum Instrument einer reaktivierten Klassengesellschaft. Je mehr Daten wir hergeben, desto größer sind (vermeintlich) unsere Privilegien.

Die Ausstellung macht die schleichenden Prozesse der Entgrenzung in der digitalen Welt sichtbar, indem sie mit Kontrasten arbeitet. Am Eingang errät ein Programm zur Gesichtserkennung das Alter der Besucher. Wenige Schritte entfernt sind die ersten historischen Schlösser zu sehen. Hochkomplex konstruiert, veranschaulichen sie das Bedürfnis vergangener Zeiten, Dinge unter Verschluss zu halten und sie vor dem Zugriff durch andere zu schützen. Tagebücher, Poesiealben, mittelalterliche Minnekästchen, Geheimfächer in Sekretären – vielfältig war seit dem Mittelalter nicht nur der Weg der Verschlüsselung, sondern auch das, was verschlossen worden ist.

Eine restlos entschlüsselte Welt

Während die Besucher über den Erfindungsreichtum der Geheimhaltung staunen und Sargschlüssel, Kammerherrenschlüssel, Papstschlüssel begutachten, erfassen spezielle Kamerasysteme unbemerkt ihre Blickpositionen und errechnen, welches der Objekte den Benutzer am meisten interessiert. Ein Bodyscanner holt die Besucher aus dem Schutz der Verborgenheit und lockt mit neuen Technologien, die ohne die freiwillige Öffnung unserer Datenschlösser nicht funktionieren könnten. In ihrer Gegenüberstellung legt die Ausstellung nahe, dass wir heute jenseits analoger Kernbestände in einer restlos entschlüsselten Welt leben. Die digitale Auswertung ihres persönlichen Rundgangs erwartet die Besucher am Schluss der Ausstellung.

In der interaktiven Kunst versteht sich das Museum als Lernort. Den Besuchern soll vor Augen geführt werden, in welchem Umfang ihre Daten erfasst werden. Die Frage, die sich hier aufdrängt, ist allerdings: Haben wir überhaupt eine Wahl? Ohne die datenbasierten Technologien ist ein Leben und Arbeiten in dieser Welt kaum möglich. Was also wäre die Alternative? Erklärtes Ziel der Ausstellung ist es nach Auskunft von Kriebel, einen kritischen Umgang mit dem zu schulen, was wir „Big Data“ nennen, und uns mehr mit unseren eigenen Daten zu beschäftigen. Doch tun wir das nicht längst?

Wir kennen die Gefahren der digitalen Entschlüsselung. Trotzdem ändert sich nichts an unserem Benutzerverhalten – weil die Technik so bequem ist, weil sie entlastet, für Unterhaltung sorgt, unserem Sinn für Ästhetik schmeichelt. Auch aus diesem Grund ist Skepsis angebracht, ob die Enthüllung der Dateneinspeisung heute noch jemanden erstaunt oder gar abschreckt.

Die Ausstellungsidee ist gut, doch sie kommt fast ein bisschen zu spät, umso mehr, als sie nicht mit besonderen technischen Effekten aufwarten kann, mit denen niemand gerechnet hat. Die Digitalisierung bringt nicht nur in rapidem Tempo ständig neue Technologien hervor. Sie stumpft ihre Benutzer auch ab. Datendiebe schockieren uns schon lange nicht mehr. Achselzucken ist die mehrheitliche Reaktion. Und vielleicht ist das auch legitim?

Digitalisierung als Verlustgeschichte

Wo von Big Data und Digitalisierung die Rede ist, wird immer auch eine Verlustgeschichte erzählt. Man diagnostiziert einen Verlust der analogen Kommunikation, einen Verlust des Geheimen, einen Verlust der Stille. Doch all das wurde schon oft befürchtet. Und es hat sich schon oft nicht bestätigt. Es gibt über die sozialen Medien mittlerweile unzählige Untersuchungen, die sich damit beschäftigen, was das permanente Teilen unseres Innenlebens – oder unseres vermeintlichen Innenlebens, das in der digitalen Welt kein Scheitern, keine Einsamkeit, keine Traurigkeit kennt – für seelische Folgen haben kann.

Allerdings ist wohl jede Zeit auf jeweils andere oder ähnliche Weise Bedrohungen solcher Art ausgesetzt. Und jede Gesellschaft hat ihre eigene Pathologie. Erfolgsgeschichten, die stets nur einen Teil der Wahrheit abbilden, werden nicht erst erzählt, seitdem es Twitter gibt. Ein intaktes Bild nach außen zu vermitteln, von sich selbst, von der Familie, der Ehe, der Karriere, während es hinter der Fassade verheerend aussieht, ist ein altes Thema, das nicht erst mit der Erfindung des Computers in die Welt gekommen ist.

So schnell lässt sich der Kulturverfall also nicht herbeireden. „Wenn unsere Daten in die falschen Hände geraten...“ – so beginnt oft die Apokalypse vom bevorstehenden Untergang der Demokratie, direkt vor unserer Haustür. Aber in wessen Hände sollten die Daten denn geraten? Mit welcher rationalen Begründung sollte der sich seit Jahrzehnten bewährende demokratische Rechtsstaat plötzlich so instabil werden, dass eine unüberschaubare Menge von Daten eine Diktatur aus ihm macht?

Eine andere Denkungsart setzt sich durch

Während solche Fragen offenbleiben, macht die Ausstellung doch immerhin eines klar: Das Bedrohliche an der Generierung von Massendaten ist, dass sich die Technik, mit der das vollzogen wird, mehrheitlich unserer Kenntnis entzieht – und zwar in einem völlig neuen Ausmaß. Wir wissen nicht, was alles über uns gewusst werden kann. Wir können nicht erfassen, welche Bezüge aus der Vielfalt unserer Daten hergestellt und was daraus gemacht werden kann.

Umso prekärer erscheint vor diesem Hintergrund der durch die neuen Technologien verursachte tiefgreifende kulturelle Wandel, von dem in erster Linie die Bildung betroffen ist. Eine andere Denkungsart setzt sich durch, insofern die Künstliche Intelligenz in der Lage ist, uns erlernte Fertigkeiten abzunehmen. Dass uns auf diese Weise elementare Fähigkeiten und Wissen verlorengehen könnte oder womöglich schon verlorengegangen sind, ist in Kenntnis der wachsenden Macht der Algorithmen kein Ausblick, der einen nach dieser Ausstellung tiefenentspannt zurücklässt. Die alles entscheidende Frage ist die nach dem Ort der Technik in der Demokratie. Ersetzt die Technik unsere eigenen Fähigkeiten, drohen wir unsere Mündigkeit zu verlieren. Ohne Mündigkeit des Bürgers – und hier ist die kulturkritische Warnung gerechtfertigt – gibt es keine Demokratie.

Am Ende der Ausstellung liegt auf einem weißen Tisch eine Reclam-Ausgabe der „Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant. In diesem Exponat von Timm Ulrichs erkennt man erst auf den zweiten Blick, wo der Haken ist: Eines der Tischbeine wurde gekürzt. Und darunter liegt, ebenfalls in einer Reclamausgabe, Kants „Kritik der praktischen Vernunft“. Dieses Gefälle bezeichnet nicht nur dasjenige zwischen Theorie und Praxis. Wir wenden die praktische Vernunft an, ohne Kenntnis von ihr zu haben. Beide Bücher bleiben in diesem Kunstwerk ungelesen, obwohl sie für jeden verfügbar sind.

Ohne Schlüssel und Schloss? Chancen und Risiken von Big Data, bis zum 18. Februar 2018 im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bethke Hannah
Hannah Bethke
Volontärin
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