Der Begriff des Digitalen

Das Wort der Stunde

Von Urs Humpenöder
 - 19:07
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Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) geht in die Offensive – in die Digitalisierungsoffensive. Bei seinem Besuch auf der Elektronikmesse Cebit stellte er die „Digitale Strategie 2025“ vor – einen Zehn-Punkte-Plan zur Digitalisierung in Deutschland. Im Strategiepapier ist die Rede von der „digitalen Gesellschaft“, dem „digitalen Lernen“ und vom „digitalen Wandel“. Demnächst soll in Dortmund ein Museum für digitale Kultur eröffnen, in wenigen Tagen veranstaltet das Frankfurter Schauspiel die Thementage „Digitale Welten – Welchen Fortschritt wollen wir?“. Egal, ob Konferenzen, Museen oder Positionspapiere – digital geht immer. Was genau aber hinter diesem Wort steht, ist unklar. Ein Gespräch mit der Medienwissenschaftlerin Beate Ochsner.

Wenn heute überall von „digitaler Kultur“ die Rede ist – was ist damit gemeint?

Mit „Digitalkultur“ wird heutzutage häufig die Nutzung des Internets und der sozialen Medien in Verbindung gebracht. Dabei ist das „Digitale“ ganz eng mit einer Partizipations-Kultur verwoben, die es letztlich erst seit dem Web 2.0 gibt. Vorher war das Internet eher mit dem Begriff der Virtualität, also der Erzeugung von Möglichkeitswelten, konnotiert. Interessant ist dabei, dass man besonders in sozialen Medien aufgrund ihrer Struktur häufig nur auf eine bestimmte Art kommuniziert, nämlich in Form von Kommentaren zu Kommentaren. Es geht im Wesentlichen um ein Sich-Einschalten, um das Dabei- und Beteiligt-Sein und weniger darum, Fragen zu stellen oder konkrete Antworten auf ebenso konkrete Fragen zu erhalten. Im Rahmen der digitalen Partizipationskultur, die häufig als demokratische Errungenschaft bezeichnet wird, werden soziale Ungleichheiten reproduziert und verstärkt. Denn mit dem Versprechen auf Teilhabe gehen neue und komplexe Ein- und Ausgrenzungsmechanismen einher. Man muss sich einloggen, braucht Passwörter und Benutzernamen, muss wissen, wie soziale Medien funktionieren. Gleichzeitig muss man seine persönlichen Daten preisgeben, Zeit aufwenden, kommentieren. Durch diese medialen Bedingungen der Beteiligung, des Anspruchs- und der Inanspruchnahme von Partizipation, werden Asymmetrien und Ungleichheiten erzeugt und bestehende markiert.

Aber was ist eigentlich dieses Digitale?

Ich kann Ihnen nicht sagen, was das „Digitale“ ist – das ist mittlerweile zu einem Passepartout-Begriff geworden. Es ist jedoch unbestreitbar, dass der Begriff neben seinem alltäglichen Gebrauch als medienhistorische und –theoretische Leitdifferenz der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu begreifen ist, der die meisten medienwissenschaftlichen, aber auch soziologischen oder philosophischen Diskurse unserer Zeit prägt. Die Unterscheidung zwischen analog und digital ist dabei nicht immer genau definiert, sondern wird häufig vorausgesetzt.

Digitale Codierung bezeichnet letztlich eine binäre Programmierbarkeit von Maschinen, wie sie im Bereich der Kybernetik und der Informationsverarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg realisierbar wurde. Sie und damit auch digitale Medien stehen dabei im Gegensatz zur analogen Verschlüsselung ober Übersetzung einer physikalischen Größe mittels eines stufenlosen und kontinuierlichem Signals. Auf dieser Basis erscheint das „Digitale“ faszinierend, scheint es doch – so einige Forscher – die alte Metaphysik abzulösen und durch eine neue kybernetische (digitale) Philosophie zu ersetzen, die das frühere Substanzdenken durch reine Relationalität ersetzt. So scheint das digitale Objekt – was auch immer das dann heißen mag – keine Substanz mehr zu besitzen, immateriell und nur durch Relationen beschreibbar zu sein.

Dem Digitalen fehlt also die Substanz, das Material?

Ja, der Materialitätsbegriff ist spätestens seit der großen Lyotard-Ausstellung „Les Immatériaux“ im Centre Pompidou 1985 prekär geworden. Das Digitale ist deshalb vielleicht so eine Art Hilfsbegriff. Und man fragt sich auch, ob es digitale Objekte an sich überhaupt gibt. Digitale Objekte unterscheiden sich dem Medienwissenschaftler Yuk Hui zufolge von technischen oder substantiellen Objekten, eben weil sie keiner Substanzlogik folgen. Sie referieren nicht auf eine Materie oder ein Substanzdenken. Wenn man sich auf die Suche nach dem digitalen Objekt macht, ist fraglich, ob man irgendwann zu einem Schluss kommt. Würde man elektrische Signale als das digitale Objekt bezeichnen? Oder womöglich Zahlenreihen? Oder Ascii-Codes?

Wenn etwas digitalisiert wird, wird es dann also substanzlos?

Digitalisierung kann heißen, dass man bestehendes, analog-codiertes Material digital übersetzt, um es als digitales und somit als immaterielles Gut tatsächlich bewahrbar zu machen. Digitalisierung heißt also einfach nur Umwandlung, Transformation in eine andere Codierung der Daten. Die ist zwar immateriell, aber um ihrer habhaft zu werden, wird ein Speichermedium gebraucht. Dieses Speichermedium ist jedoch nicht immateriell. Und um die gespeicherten digitalen Daten auszulesen, braucht man auch wieder ein Medium – auch das ist nicht immateriell. Alles, was man also benötigt, um das Digitale und Substanzlose unserer Wahrnehmung zugänglich zu machen, ist materiell.

Ist es deshalb auch so schwierig, das Urheberrecht anzupassen? Und gegen multinationale Internet-Konzerne etwas auszurichten?

Natürlich löst das „Digitale“ Grenzen auf. Das ist auf juristischer Ebene, vor allem im Urheberrecht, folgenreich. Das Problem liegt im Immateriellen – man weiß gar nicht, wie man das schützen soll, weil man gar nicht weiß, was man schützen soll. Die Frage nach dem „Was“ ist schwer zu beantworten. Weil es in unserer begrifflichen Fassung und in der juristischen allzumal kein digitales Objekt gibt. Nicht, wenn man das Objekt als eine Substanz, als ein in Materie vorliegendes bestimmtes Etwas betrachtet. Was schützt man dann – das Display, auf dem etwas gezeigt wird? Den Algorithmus? Den Quellcode? Das elektronische Signal?

Abkommen wie „Safe Harbour“ sollen europäische Daten, die in Amerika verarbeitet werden, besser schützen. Trotzdem haben laut der neuesten Vodafone-Studie immer weniger Menschen Vertrauen in die Regierungen im Bezug auf Datenschutz. Was kann man tun gegen Big Data?

Es kommt im Rahmen zunehmender Vernetzung zu einer Vervielfältigung der Adressen, die gleichzeitig zu einer größeren Erreichbarkeit wie auch zu stärkeren Anonymisierungsmöglichkeiten führen. Früher besaß eine Person eine postalische Adresse und eine Festnetztelefonnummer. Heute verfügt nahezu jeder über einen Facebook-Account, eine Smartphone-Pin, Konto-Zugangsdaten, mindestens drei E-Mail-Adressen, eine Whatsapp-Adresse, einen Twitter-Account und so weiter. Doch je mehr Daten auf diese Weise produziert werden, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass irgendjemand diese Daten tatsächlich noch personalisiert analysieren kann, weil es schlicht zu viel ist – was nicht heißt, dass nicht entsprechende (Reise-, Bewegungs- oder Konsum-) Profile herauskristallisierbar werden. Auch wenn es paradox klingen mag, aber gegen Big Data gibt es, glaube ich, nur eine Möglichkeit: Bigger Data. Alles andere scheint mir wenig effektiv, da jeder Zugang, der im Netz versperrt wird, im gleichen Netz auch entsperrt werden kann.

Quelle: FAZ.NET
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