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Digitales Lernen

Was hat die Schule denn vom Internet?

Von Christian Füller
 - 16:59
Was sie noch zu programmieren hätte: Die Anleitung steht auf dem Papier. Bild: dpa, F.A.Z.

Ines Bieler hat einen Muntermacher mit in ihre Klasse gebracht. Die Deutschlehrerin lässt ihre Schüler eine Zeitschrift gestalten. Kein Heft aus Papier, sondern ein digitales Magazin, das auch Töne und Filme abspielen kann. Anfangs fremdeln die Achtklässler ein wenig mit der Idee. Aber als sie die Magazin-App auf ihren Tabletcomputern verstanden haben, sind sie kaum noch zu halten.

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Boris und seine Kumpels etwa erklären mit der Zeitschrift die Welt, durch die sie sich in ihrer Freizeit bewegen – Computerspiele. Sie kopieren Spielsequenzen in ihr Heft und schreiben Anleitungen für ihre Lieblingsspiele. Am Nebentisch gestaltet Janine mit ihren Freundinnen ein elektronisches Heft zu dem Kinofilm „Fack ju Göhte“. In ihrem Magazin sollen auch große Bilder des Schauspielers Elyas M’Barek zu sehen sein. Da aber muss die Lehrerin die Begeisterung ihrer Schülerinnen bremsen. Denn ihre Hefte im Internet veröffentlichen wollen die Schüler gern, dürfen es aber nicht. Zu riskant. Bilder sind urheberrechtlich ein Problem.

Wann kommen digitale Lehrmaterialen?

Ines Bieler unterrichtet am Burg-Gymnasium in Wettin und ist eine der Vorreiterinnen digitalen Lernens in Deutschland. Die Zeit, in der es reichte, mit den Schülern in Schulbüchern zu blättern, ist für die Lehrerin vorbei. Sie wünscht sich daher ein Pool offener Lernmaterialien - aus dem Internet. Am besten didaktisch aufbereitet, kostenfrei und rechtssicher.

Das Angebot, auf das die Lehrerin hofft, wird gerade getestet. Die Bundesregierung lässt seit April des vergangenen Jahres prüfen, wie Lehrer künftig Aufgaben, Arbeitsblätter und Bildungsmaterial aus dem Netz nutzen können. Der Pool hat einen Namen - „Open Educational Resources“ (OER). So heißen die freien Lehrmaterialien, die das Schulbuch ablösen können. Allerdings weiß noch kaum ein Lehrer, was das Kürzel und die damit verbundene Praxis eigentlich bedeutet.

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Warum noch aus Büchern kopieren?

Dabei betrifft es schon heute den Alltag jedes Lehrers. Warum noch aus Büchern kopieren, die schnell veralten, wo das Netz doch eine unerschöpfliche Quelle pädagogischer Vorlagen ist? Wie könnte man sie ordnen und greifbar machen? Aufklärung soll „Mapping OER“ bringen.

Wikimedia, die Trägerorganisation des Netzlexikons Wikipedia, hat von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) den Auftrag erhalten, eine Landkarte der „Open Educational Resources“ zu zeichnen. Wo sind sie zu finden? Wie kann man ihre Qualität sichern? So lauteten die Fragen. Am kommenden Wochenende will Wikimedia der Ministerin dazu einen Vorschlag überreichen.

Der Mathematiklehrer Dieter Welz kennt sich mit Lehrmaterial im Netz aus. Spricht man mit ihm über das Thema, tritt die Qualitätsfrage schnell in den Hintergrund. Denn Welz produzierte schon vor langer Zeit Qualitätslehrinhalte fürs Netz. Der seit kurzem pensionierte Lehrer war ein Vorreiter der frei zugänglichen Lernmaterialien. Vor zwanzig Jahren begann er, Mathematikaufgaben ins Netz zu stellen. Die Arbeitsblätter wurden seither 45 Millionen Mal abgerufen. Dass seine Materialien didaktisch gut sind, ist für Welz gar keine Frage. Warum also, will er wissen, muss dann noch jemand die Arbeitsblätter und Aufgaben überprüfen, die er online bereitstellt?

Als Welz begann, gab es noch kein Web 2.0 und keine Smartphones, auf denen Tausende Lernapplikationen zu laden sind, vom Wörterbuch bis zum Spiel. Lehrer arbeiten heute mit Blogs und Schreib-Editoren, setzen Tablets und Notebooks so ein, dass Schüler damit eigene Produkte erstellen können. All das folgt dem Motto des Netzes: copy, remix and share – Kopiere, baue um und teile.

Wikimedia-Workshop fast ohne Lehrer

Warum sich in diesen Prozess jemand einschaltet beziehungsweise wer die Kompetenz dazu haben soll, ist die eine Frage, die sich stellt. Die andere ist, was mit dem bisherigen Medium der Lehrinhalte wird - dem Schulbuch. Früher war das Schulbuch das Leitmedium. Nun können Lehrer und Schüler E-Books selbst verfassen, sie drängen die dominierende Rolle des Schulbuchs zurück. Ob es ganz verschwinden wird, weiß niemand. Ein neues Leitmedium ist noch nicht in Sicht, die „Open Educational Resources“ fächern sich in eine Vielzahl von Formaten auf. Zum Beispiel Lernvideos: Das Angebot an Videos im Netz wird größer, viele werden von Lehrern selbst erstellt und zur Nutzung freigegeben. Schüler können sich Prozentrechnen und Kurvendiskussion zu Hause per Video erklären lassen. Diese Lehrfilme sind bereits jetzt eine offene pädagogische Ressource im Netz.

Die Szene der OER-Fans ist nicht selten von der Realität der Lehrer weit entfernt. Die Workshops von „Mapping OER“ etwa waren schwach besucht. Über zwei Dutzend Teilnehmer kam Wikimedia kaum hinaus, obwohl es immerhin um den Kanon eines Schulsystems mit mehr als acht Millionen Schülern geht. Lehrer waren in den Workshops praktisch keine zu sehen. Da fragt es sich schon, warum Bildungsministerin Johanna Wanka Wikimedia mehr als 600.000 Euro für das Projekt bezahlt: Ein kleiner Experten-Zirkel trifft sich ein paar Mal, stellt einen schmalen Band von 177 Seiten zusammen und eine Homepage ins Netz. „Das Projekt hätten wir auch gerne gemacht, wenn wir die Chance gehabt hätten, uns darum zu bewerben“, sagt der Schulbuchverleger David Klett. „Ich denke, dass wenige so genau über die Bedürfnisse der Lehrer Bescheid wissen wie wir.“

Wofür gibt die Ministerin Geld aus?

Als „Mapping OER“ kürzlich auf einer Konferenz ein Zwischenresümee zog, konnte man in Umrissen erkennen, um was es geht: Die Macher treten für eine „Schule der Zukunft“ ein, die nur noch mit frei verfügbaren Bildungsressourcen arbeitet. „Ob und wie die Verlage weiterbestehen können, wird sich zeigen“, sagt die Wikimedia-Projektleiterin Elly Köpf. Wenn sie die Schule von heute beschreibt, spricht sie vom „Tatort Klassenzimmer“. Der „Shift“ zu einer neuen Lernkultur sei überfällig. „Shift“ – das ist in der Open-Szene das Codewort für „Lernrevolution“. Doch ob es klug ist, eine solche lostreten zu wollen - ohne den Rat der Lehrer und ohne die Verlage?

Auch in den Details hat der Vorschlag, den Wikimedia der Bildungsministerin Johanna Wanka jetzt unterbreiten will, seine Tücken. Ein Beispiel sind die sogenannten „CC-Lizenzen“, mit denen offene Bildungsmaterialien gekennzeichnet werden. Sie sind das Gütesiegel, das OER-Formate für Lehrer als rechtssicher ausweist. Während die einen in der Arbeitsgruppe Urheberrecht die international verbreitete CC-Lizenz für den Goldstandard halten, warnen andere. Wer ein bearbeitetes Lernblatt, Video oder Schaubild wieder im Netz teile, der hafte in vollem Umfang für Fehler – auch für Urheberrechtsverletzungen, die der Erstautor womöglich begangen hat.

Schulbuchverlage bleiben außen vor

Das hat ganz praktische Folgen. Eine der bekanntesten deutschen OER-Seiten, „SeGU – Selbst gesteuerter Geschichts-Unterricht“, hat im Monat 68.000 Aufrufe ihrer Module. Aber SeGu gibt Lehrern, die sich Arbeitsblätter herunterladen können, noch nicht die Möglichkeit, eigene Bearbeitungen selbst wieder auf die Seite hochzuladen. Würde das massenhaft geschehen, hätte der Betreiber der Seite, Christoph Pallaske von der Universität Köln, gar nicht die Möglichkeit, die rechtlichen und fachlichen Prüfungen vorzunehmen. Das bedeutet: „remix and share“ gibt es beim selbstgesteuerten Geschichtsunterricht noch gar nicht.

Zunächst gilt es, „Open Educational Resources“ bekannter zu machen. Daher soll es bald eine zentrale Informationsstelle im Netz geben, bei der sich Lehrer informieren und Materialien suchen können. Das wäre so etwas wie ein Karteikasten im Netz. Die Schulbuchverleger sind der Ansicht, dass auch ihre Online-Angebote dort vermerkt sein sollten. OER-Puristen reagieren darauf gereizt: „Ich bin nicht dafür, dass die Materialien der Schulbuchverlage dort angezeigt werden,“ sagt die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken (SPD), eine engagierte Befürworterin von OER. „Ist es denn die Aufgabe der öffentlichen Hand, auf die App eines Verlags hinzuweisen?“ Man könnte aber auch umgekehrt fragen: Ist es richtig, die Angebote der Verlage, die Bücher mit Lehrinhalten produzieren, auszublenden?

Was sich an Äußerungen wie der von Elly Köpf oder Saskia Esken zeigt, ist zugleich Anmaßung und Unsicherheit in einer Übergangsphase. Das Schulbuch ist weiter präsent, aber auch dabei, seine Leitfunktion einzubüßen. Das Neue freilich, die kaum fassbaren Inhalte und Informationen aus dem Netz, hat noch keine Form gefunden. In diesem Niemandsland findet gerade der Streit um die Hoheit darüber statt, wer die Inhalte für rund 30.000 allgemeinbildende Schulen kuratiert. Und ob diese Inhalte frei zugänglich oder urheberrechtlich geschützt sind.

Der Plan mit dem Schultrojaner

Die Schulbuchverlage, so beleidigt sie jetzt tun, hatten ihrerseits versucht, mit einem Handstreich die Sache an sich zu reißen. 2010 wollten sie eine Plagiats-Software programmieren lassen, um unzulässige Kopien zu verhindern. Das wäre nichts anderes als ein Schultrojaner gewesen, der in jeden Schul-Computer eingeschleust werden sollte, um die Festplatte auf Inhalte aus Schulbüchern zu filzen. Immer wenn er fündig geworden wäre, hätten die Verlage die Hand aufgehalten.

Felicitas Macgilchrist hält den Streit um die Lernkultur zwar für verständlich, aber für falsch. „Denn wir wissen heute noch nicht, wie die Zukunft der Bildungsmedien aussieht“, sagt die Professorin für Medienforschung mit dem Schwerpunkt Bildungsmedien an der Georg-August-Universität Göttingen. „Wir müssen beides fördern, auf der einen Seite die professionellen Verlage, die viel Erfahrung und Möglichkeiten haben. Auf der anderen Seite die Community derer, die spannende Lerneinheiten und Materialien gemeinsam bearbeiten und teilen. Der Idealismus, der in dieser Szene herrscht, ist großartig.“

Quelle: F.A.Z.
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