Ethnologie fürs Humboldt-Forum

„Es ist nicht alles nur geklaut“

Von Boris Pofalla
 - 15:12
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Seit zehn Jahren sind die Mitarbeiter des Ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem mit der Konzeption der Ausstellung im Berliner Schloss beschäftigt. In den Hallen, in denen sich Generationen von den Azteken und den Polynesiern faszinieren ließen, herrscht Leere. Die Räume werden seit Anfang 2017 dazu genutzt, zu sichten und zu konservieren, was teils seit Jahrzehnten nicht bewegt wurde. Hektisch wirkt niemand. Das ist erstaunlich: Eine halbe Million Artefakte gibt es in den Sammlungen des Museums, 300.000 lagern allein im Hauptdepot, und das muss Ende des Jahres einen neuen, besseren Brandschutz bekommen. Siebentausend Objekte müssen dann bewegt werden, darunter die allergrößten: Boote, Häuser, Totempfähle. Sie werden seit Jahresbeginn von Menschen in weißen Schutzanzügen begutachtet, die Atemmasken tragen: Restauratoren nehmen alles in den Blick, reinigen und behandeln Stein, Holz, Papier und Pflanzenfasern.

Dorothea Deterts ist die Herrin über die spektakulärsten Schaustücke, die im Humboldt-Forum über zwei Etagen präsentiert werden sollen: die Südseeboote. Sechzigtausend Objekte ist Ozeanien stark. Deterts ist die einzige Kuratorin für den Wasserkontinent, unterstützt von einem Restaurator und einem Depotverwalter. Die Wissenschaftlerin hat den Schlüssel zur Südsee in der Hand.

Warum die Sammelwut?

Maximal dreißig Minuten dürfen wir im Depot bleiben. Nicht, weil die Ahnen sonst unruhig werden, sondern wegen der Chemikalien, mit denen man die Objekte einst gegen Schädlinge behandelt hat. Wer mit ihnen arbeitet, trägt Schutzkleidung; für Ausstellungbesucher, sagt Deterts, bestehe aber keine Gefahr. Schmucklose graue Stahlvitrinen, in deren Glas man sich spiegelt, nüchternes Licht, sichtbare Leitungen auf der weiß gestrichenen Ziegelwand, ewige Stille. Schilde der Aborigines füllen einen Schrank, mit jedem einzelnen davon könnte man eine Museumswand zum Leuchten bringen, ganze Ausstellungen aus wenigen Regalmetern bestreiten. Das Gros der Sammlung stammt aus der Zeit um die Jahrhundertwende, aber auch Deterts Vorvorgänger Gerd Koch hat noch viel mitgebracht aus der Südsee, darunter das hochseetüchtige Auslegerboot von den Santa-Cruz-Inseln, das letzte seiner Art.

Warum die Sammelwut? Reicht nicht ein Speer von jedem Volk, eine Maske, eine Schale, ein Ohrring? Nicht in der Ethnologie. „Ich kann nur etwas als besonders identifizieren“, sagt Deterts, „wenn ich eine Menge gesehen habe. Erst durch das Sehen begreife ich ja, was außergewöhnlich ist.“ Kunst, Individualität und Entwicklung gibt es eben auch jenseits des Westens. Wer vergleichen will, hat die Wahl: Es gibt in Berlin etwa sehr viele Stücke aus Neuirland, das von 1885 bis 1914 deutsche Kolonie war und so lange Neumecklenburg hieß. Eine 1907 vom Berliner Ethnologischen Museum ausgesandte Expedition kehrte 1909 mit reicher Ausbeute zurück, vor der wir hier stehen, aber auch mit Vokabellisten, Fotos der Bevölkerung und mit achthundert Schädeln. Die sogenannte Deutsche Marine-Expedition soll 2019 im Humboldt-Forum gesondert thematisiert werden.

„Früh wurden sie von Europäern eingesammelt oder gekauft. Bis heute.“

Marine-Expedition, das klingt schon mal nicht gut, das klingt nach problematischer Herkunft, und darauf reagieren alle ziemlich allergisch im Jahr 2017. War das alles Raub im Windschatten des Imperialismus? Stehen wir vor Diebesgut?

Deterts möchte nicht pauschalisieren: „Es ist nicht alles nur geklaut. Ich muss bei jedem Objekt schauen, wie es erworben wurde. Auf der Marine-Expedition und der Kaiserin-Augusta-Expedition kamen die Forscher auf Schiffen an und gingen in die Dörfer, oder die Dörfler kamen zu ihnen und tauschten. Gegen Gewehre, Baumwollstoff oder Tabak. Es ist aber Quatsch zu sagen, da wurde nie Gewalt angewendet. Natürlich wurden auch Dörfer und Hütten ausgeräumt, das ist passiert, auch in Ozeanien. Durch europäische Kolonialregierungen sind ethnische Gruppen dezimiert worden, haben den Lebenswillen verloren und haben nicht mehr an ihre Kultur geglaubt.“

Der Kontakt hinterließ Spuren, wer genau hinschaut, sieht sie. Deterts deutet auf die „Haare“ einer Maske aus Neuirland. Rote Wolle aus Europa, eingehandelt wohl bei asiatischen Händlern. Schnitzereien sind mit blauer und tiefroter Farbe bemalt, die ebenfalls importiert war. Und die größten ihrer Malangganfiguren seien so filigran, dass dafür eindeutig Metallwerkzeuge verwendet worden sein müssen, nicht der traditionelle Stein. Für Malanggan-Rituale, bei denen der Toten gedacht wurde, fertigten die Bewohner Neuirlands Masken, Bildsäulen, aber auch viele andere Elemente aus bemaltem Holz an, die anschließend im Wald verrotteten. „Früh wurden sie von Europäern eingesammelt oder gekauft. Bis heute.“

Mit Medienstationen will Deterts den Bezug zu einer Lebenswelt herstellen, von der man wenig weiß. „Ozeanien kommt in den Medien nicht vor. Das Publikum hat Bilder von Australien im Kopf und dann vielleicht noch Tahiti, aber dann höre es auch schon auf.“

Weiter nach Südamerika

Die Region, die ihr Fachgebiet ist, liegt auf der entgegengesetzten Seite der Welt. 7500 Inseln verteilen sich auf einer Meeresfläche, in der ganz Asien und Südamerika Platz fänden. Im Herzen Berlins wird es von 2019 an um den Pazifik gehen. Das Meer als Lebensraum. Navigation wird eine Rolle spielen – die größten Entdecker in der Menschheitsgeschichte waren ja nicht die Europäer, sondern die Polynesier, die ohne Kompass, Sextant und Uhren unvorstellbare Räume erkundeten und besiedelten, gut tausend Jahre vor den großen Entdeckungsfahrten der Europäer im 16. Jahrhundert.

„Das Ethnologische Museum besitzt die größte Ozeanien-Sammlung in Deutschland, sowohl was die Zahl als auch die Bandbreite der Regionen und die zeitliche Tiefe angeht.“ Vieles kam aus den deutschen Südseekolonien, aber nicht alles: Objekte von der Cook–Expedition mit Georg Forster in den 1770ern hat das Museum später auf einer Auktion erworben. Eines der spektakulärsten Objekte in der Ausstellung hat eine sehr spezielle, aber eher unproblematische Provenienz: Im Jahr 1828 schenkte der hawaiianische König KamehamehaIII. den prächtigen Federmantel seines Vaters dem preußischen König Friedrich WilhelmIII. Es gibt heute wenig Vergleichbares, nur in Neuseeland sind ähnliche Exemplare erhalten. Als Gegengeschenk bekam KamehamehaIII. eine Gardeuniform des Königs, einen Sattel, ein gemaltes Porträt, eine Karte von Preußen und Darstellungen des preußischen Militärs aller Waffengattungen – also ungefähr das, was man als Ethnologe von einer fremden Kultur auch gern einsammelt.

Die Zeit ist um. Wir verlassen die Südsee – und landen in Amerika. Die Sammlungen des vorspanischen Amerikas sind die größten in den Beständen des Ethnologischen Museums. Südamerika war der erste Kontinent, der von Europa kolonisiert wurde – mit fatalen Folgen. Die Bevölkerungszahl Mexikos etwa sank von 25 Millionen im Jahr 1519 auf eine Million im Jahr 1605, in Peru fiel sie in einem vergleichbaren Zeitraum um 93 Prozent, in Ecuador um 85 Prozent, unter den Indigenen Brasiliens beträgt der Verlust 94 Prozent bis zum heutigen Tag.

Herkunftsbezeichnungen wie in der Biometzgerei?

Nachlesen kann man das auf zwei von insgesamt 1600 Seiten in Wolfgang Reinhards beeindruckendem Buch über die „Unterwerfung der Welt“ durch Europa, dessen Komplexität und Präzision die Debatte um das Humboldt-Forum bislang leider nicht erreicht hat.

„Maya – Halbinsel Yucatán“ steht an einer Vitrine. Dahinter sitzen Terrakottawesen mit komplexen Ohrringen, sie sind so groß wie eine Hand. Einer liegt und hat grimmig die Arme verschränkt.

An einem Tisch ist ein Doktorand der Universität Bonn damit beschäftigt, die hier verwahrte Sammlung von Eduard Seler aufzuarbeiten. Er war vier Jahre in Guatemala, „im Feld“, wie er sagt. Die Berliner Sammlung sei sehr wichtig für die internationale Mayaforschung. Und die ist alles andere als langweilig. In den fünfziger und in den achtziger Jahren gab es Durchbrüche bei der Entzifferung der Maya-Schrift, und noch immer versteht man nicht alles. „Es ist für uns ein sehr komplexes System“, erklärt der Museumsmitarbeiter Ilja Labischinski, weil es mit phonetischen Zeichen arbeitet, ähnlich wie unser Alphabet, allerdings auch mit Hieroglyphen wie im Ägyptischen. Die Logik dahinter hat man immer nur schrittweise herausgefunden.“

Geduldig muss man sein als Ethnologe. Ob die Öffentlichkeit das auch ist? Ilja Labischinski wird am Humboldt-Forum mitarbeiten. Nervt es ihn, wenn man das Haus mit Tschernobyl vergleicht wie die Humboldt-Kritikerin Bénédicte Savoy und Herkunftsbezeichnungen einfordert wie in der Biometzgerei?

Ruf nach Provenienzforschung keineswegs neu

Nein, es freue ihn, sagt er, dass das Thema Provenienz immer wieder in den Zeitungen stehe. In seinem Fachgebiet, dem alten Amerika, kamen die allermeisten Sammlungsstücke um die Jahrhundertwende nach Berlin, seit 1970 durfte man nichts mehr ausführen aus den Herkunftsländern. Da es vor allem um archäologische Artefakte verschwundener Zivilisationen geht und nicht um lebenden Menschen entrissene Objekte, ist das Problem ein anderes als im kolonialen Afrika oder in Ozeanien.

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„Die Objekte wurden fast alle angekauft, auch von Privatpersonen. Wir kennen den Verkäufer so einer Sammlung, wie der allerdings an diese Sammlung gelangt ist, ist oft sehr schwierig bis unmöglich herauszufinden. Man kann da nicht wirklich von einer Klärung der Provenienz sprechen. Es geht eher darum, möglichst viel über den Kontext herauszufinden. Man kann eine große Menge bis zu einer gewissen Oberfläche erforschen, indem man die hauseigenen Quellen und Archivalien nutzt. Wenn es dann in die Tiefe geht, kann man mit einem Objekt durchaus Jahrzehnte beschäftigt sein und auch mal nichts dazu herausfinden.“

Jahrzehnte? Nichts herausfinden? Das werden die Kritiker des Humboldt-Forums nicht gern hören. Der Ruf nach Provenienzforschung ist keineswegs neu. Der Ethnologe und Schriftsteller Hubert Fichte sagte schon 1977, er „läse gern an den Schaustücken der Sammlungen, wie sie erworben wurden, ob geraubt, ob bei einer Strafexpedition einkassiert, ob sie mit betrügerischem Preis erhandelt, ob von Geistlichen unter dem Vorwand der Teufelei beschlagnahmt.“

Riesiger Totempfahl mit Adlerkopf

Man muss viel in die Forschung investieren, wenn man wirklich wissen will, wie genau Artefakte aus der weiten Welt nach Berlin gekommen sind. Professor Lars-Christian Koch ist der Leiter der Musikethnologie. Er gehe davon aus, dass es so kommen wird. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz möchte aus den Museumsräumen einen Forschungscampus machen. Experten aus der ganzen Welt sollen an den Objekten arbeiten können, auch solche aus den Herkunftskulturen will man einladen. Endlich hat man den Platz.

Ein riesiger Totempfahl mit Adlerkopf ruht unter eine Plastikplane, einer der ältesten und schönsten seiner Art. Jahrzehntelang lag er unzugänglich im Depot, nun soll er ins Schloss. In Kanada waren im 20. Jahrhundert die religiösen Objekte zerstört worden, erklärt Labischinski, „insofern sind die Museumssammlungen für die Leute oft sehr wichtig.“ Er hat einen Nachfahren des Schnitzers ausfindig gemacht. Der Mann ist selbst Holzbildhauer und wird die Konservierung und den Aufbau im Humboldt-Forum begleiten, ein Jahrhundert nach der Entstehung. Das sind so die Zeiträume. Auch das wusste Hubert Fichte: „Zur Überprüfung einer einzigen Pflanze vergehen oft Jahre. Zur Beschreibung eines Ritus vielleicht Jahrzehnte. Wie lange arbeitete Proust über Monsieur de Charlus?“

Quelle: F.A.S.
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