Bernard-Henri Lévy

Der Fall Rushdie und die Folgen

 - 09:35
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Ich weiß es noch wie gestern.

Wir sind gleich alt. Uns verbindet dieselbe Leidenschaft für Indien und das Privileg, Zulfikar Ali Bhutto gekannt zu haben, den Vater von Benazir und ehemaligen Premierminister Pakistans, der gehängt wurde. Von weitem verfolgte ich also die Laufbahn meines nahezu vollkommenen Zeitgenossen, als an einem Februartag 1989 die Nachricht kommt: Ajatollah Chomeini, der selbst nur noch wenige Tage leben wird, hat in einer Fatwa das Todesurteil über den Autor der „Satanischen Verse“ verhängt.

Ich reagiere wie viele andere Schriftsteller: augenblickliche, instinktive und vorbehaltlose Solidarität mit Rushdie, eine Reaktion, die freilich im Gegensatz zur Vorsicht der damaligen politisch Verantwortlichen und der Religionsführer steht.

In derselben Sekunde merke ich, dass vor dem Hintergrund der Anti-Rushdie-Demonstrationen in Teheran, London und Karachi etwas Wesentliches auf dem Spiel steht. Es geht zweifellos um das Leben eines Menschen. Es geht weiter um das Recht eines Autors, seine Stoffe selbst zu spinnen. Darüber hinaus aber war die Fatwa ein Erdbeben, das unsere ideologische Landschaft gründlich und nachhaltig erschüttert hat.

Eine Fatwa bleibt eine Fatwa

Salman ist heute ruhiger, fast frei - ich sage fast, denn wenn er die ausgesprochene Eleganz aufbringt, so zu leben, als ob nichts wäre, bleibt eine Fatwa, selbst eine ausgesetzte, doch eine Fatwa. Aber im Grunde muss ich meine Analyse um kein Jota verändern: Der Fall der „Satanischen Verse“ markiert den Beginn einer Reihe von Rückschritten des Westens, von denen der letzte die Karikaturenaffäre ist. Sicher sind die Umstände verschieden, nicht jeder hat das Zeug zum Salman Rushdie. Aber da war doch dasselbe Entsetzen, dieselbe Lähmung der großen Zeitungen, die sich geweigert haben, den dänischen Kollegen beizustehen. Dieselbe Kapitulation vor religiösen Gruppen, die der Republik ihre Privatgesetze aufdrängen wollen.

Der Fall brachte auch eine Wende in unserem Begriff von Toleranz: Bis dahin war es darum gegangen, dass die Mehrheit die Überzeugungen der Minderheit respektiert und ihr öffentliche Foren einräumt, diese auszudrücken. Nach der Fatwa wurde daraus das Recht jeder Minderheit, Aussagen zu treffen, die dem Geist der Demokratie widersprechen. In Amsterdam sollten die Meinungen, die den Mörder von Theo van Gogh zu seiner Tat trieben, denselben Stellenwert genießen wie die „Provokationen“ des Filmemachers. In Paris galt die „Verletzung“, die gewisse Chefs islamistischer Gruppen bei der Apostasie von Ayaan Hirsi Ali empfanden, als ebenso gerechtfertigt wie das Recht der ehemaligen Abgeordneten, ihre Religion frei zu wählen. Da wird die Toleranz von jenen hochgehalten, die keinen Unterschied mehr gelten lassen wollen zwischen Kulturen, in denen Frauen Menschenrechte genießen, und solchen, in denen sie als störende Elemente angesehen werden, deren Gesicht und Körper es um jeden Preis zu verhüllen gilt.

Das Recht auf Blasphemie

Der moralische Relativismus ist das andere Erbe des Falls Rushdie. Der Fall ist ein Zeichen eines wirklichen Zurückweichens der Aufklärung. Denn was ist Aufklärung? Das Recht, zu glauben und nicht zu glauben. Das Recht dessen, der nicht glaubt, sich über den Glauben lustig zu machen. Das Recht auf Blasphemie, das sich im Judentum und Christentum nicht ohne Schmerzen allmählich durchgesetzt hat, im Islam aber ein Verbrechen bleibt, jedenfalls da, wo jene herrschen, die sagen: Zwar mag es ein Recht auf Meinungsäußerung und eines auf Unglauben geben, beides soll aber im Stillen ausgeübt werden und ohne dass die Idee Gottes von den Ungläubigen beschmutzt werde. Ich übergehe mal die Armseligkeit der Vorstellung eines Gottes, der durch einen Karikaturisten beschmutzt zu werden vermag. Ich übergehe den Umstand, dass Gott am heftigsten durch jene beschmutzt wird, die mit seinem Namen ihre Mordlust rechtfertigen.

Die Wahrheit ist doch, dass eine Welt, in der man nicht mehr über Dogmen lachen darf, eine ärmere Welt ist. Die Wahrheit ist, dass eine Welt, in der man nicht aus jedem Stoff eine Geschichte weben kann, eine entfremdete Welt ist. Düstere Zeiten. Verdunkelung des Geistes, das ist der Zeitgeist. Sicher, die Ajatollahs waren nicht die Ersten, die Bücher verbrannten. Das stimmt, der Angriff auf die Sicherheit des Geistes ist immer schon eines der Anzeichen für das Aufziehen des Schlimmsten gewesen. Daher ist der Fall Rushdie ein so gravierender Indikator, ein Signal für das Ende der alten Welt und des Aufkommens einer neuen Form von Faschismus, des Islamofaschismus. Dann kamen die drei Schläge des 11. Septembers. Als Prolog zu ihnen der Mord an Oberst Massud. Etwas später das Martyrium Daniel Pearls. Davor die Massenmorde in Algerien. Doch der erste Schlag war das Todesurteil gegen einen Schriftsteller wegen Beleidigung des Korans.

Seltsames Abenteuer für einen literarischen Beschwörer, einem schwarzen Datum der Geistesgeschichte den eigenen Namen zu geben. Und doch ist es so gekommen.

Aus dem Französischen von Nils Minkmar

Quelle: F.A.S.
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