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Besetzung der Volksbühne

Wer beansprucht als nächstes Platz?

Von Simon Strauss
 - 09:30
Die Berliner Volksbühne wird derzeit von der Gruppe „Staub zu Glitzer“, als Protest gegen Gentrifizierung und die Kultur- und Stadtpolitik Berlin, besetzt. Bild: Imago, F.A.Z.

Seit fast einer Woche besetzen jugendliche Gentrifizierungskritiker die Berliner Volksbühne. Sie sind gegen steigende Mieten, knappen Wohnraum und soziale Verdrängung. Was sie machen, sind Workshops zur marxistischen Kapitalismuskritik, Vorführungen von Dokumentarfilmen und blitzlichternde Partys. Das gut fünfzigköpfige Besetzerkollektiv, das sich selbst mit den konjunkturellen Wertadjektiven „feministisch, antirassistisch und queer“ adelt, gibt sich redlich Mühe, sympathisch zu wirken: Ein „Awareness-Team“ wurde einberufen, das alle Besetzer zur Einhaltung der selbstaufgestellten Hausregeln ermahnt, auf Facebook bittet man vorsorglich um Putzmittel-Spenden und spricht sogar mit dem Evangelischen Pressedienst. So weit, so harmlos.

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Jugendliche Revolution klingt ja immer erst einmal gut. Und in der Tat ist die städtische Wohnungspolitik eines der drängendsten Themen unserer politischen Gegenwart: Wie wir wohnen, bestimmt unser Sein. Sozialer Zusammenhalt kann auf Dauer nur gewährleistet werden, wenn Städte nicht zu einer Ansammlung von vergitterten Käfigen werden.

Das sozialpolitische Grobprogramm der enthusiastischen Aktivistengruppe, die unter dem Decknamen „Staub zu Glitzer“ firmiert, hat also durchaus seine Berechtigung. Was aber ganz und gar kein Recht hat, ist seine Umsetzung auf Kosten der Kunst. Denn wenn die Besetzer dazu angetreten sind, sich den freien Raum „zurückzuholen“ – ein Begriff, der ja gerade auch in ganz anderem Kontext Verwendung findet –, den ihnen die Stadt genommen hat, dann stellt sich automatisch die Frage: Wem nehmen sie ihn jetzt wieder weg?

Der Streit um die Nachfolgeregelung an der Berliner Volksbühne hat offensichtlich bei einigen Akteuren alle Sicherungen durchbrennen lassen. Ob man den belgischen Kurator Chris Dercon für einen geeigneten Nachfolger für Frank Castorf hält oder nicht, ob man den Marketingsprech des dafür verantwortlichen ehemaligen Kulturministers Tim Renner für verfehlt hielt oder für progressiv – hier und jetzt geht es allein um die Frage: Kann eine Stadt es dulden, dass ein Theater zum fidelen Protestcamp umfunktioniert wird, während die Künstler draußen vor der Tür stehen?

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Denn genau so stellt sich die Situation gerade dar: Sowohl die Theaterregisseurin Susanne Kennedy als auch das Team um den Choreographen Tino Sehgal hätten seit Anfang der Woche im Haus probieren sollen. Wenn sie die Lautstärke störe oder ihnen der Protesttrubel im Foyer „sonstwie unangenehm ist“, dann unterstütze man die Künstler gerne bei der Suche nach umliegenden Proberäumen, hieß es aus Besetzerkreisen. Im Übrigen arbeite man gerade daran, dass „das Projekt Menschheit auf eine andere Zukunft hinauslaufe“, so eine Sprecherin des Kollektivs.

Es geht bei der jetzigen Debatte nicht mehr um die – eigentlich alles entscheidende – Frage, in welche künstlerische Richtung sich die „Neue Volksbühne“ bewegt. Ob man von Kopf bis Fuß ablehnt, was Chris Dercon als Spielzeitprogramm und künftige Organisationsstruktur (Stichwort: fehlendes Ensemble!) angekündigt hat. Es geht jetzt nur noch darum, ob man wirklich hinnehmen will, dass die politische Gebärde so brachial von außen in den geschützten Raum der Kunst einbrechen darf, wie es hier gerade geschieht. Ob das Theater als gesellschaftliche Institution überhaupt noch unter einem besonderen Schutz steht?

Es kann, bei aller Erregung über den einzelnen Fall, nicht ganz vergessen werden, was das alles grundsätzlich bedeutet. Eigentlich muss ein Theater doch ein Ort des temporären Exils und Schutzes sein. Während jemand dort arbeitet, muss er das Gefühl haben, sich in Sicherheit zu befinden. Er muss darauf vertrauen können, dass er etwas ausprobieren kann, was fernab öffentlichen Interesses und politischer Moral liegt. Theater ist ein Streitraum. Aber eben einer, wo der Streit künstlerisch hergestellt wird. Und dazu braucht es sichere Rahmenbedingungen. Die haben die von Dercon engagierten Künstler im Moment offenbar nicht.

Gestern gaben dann der für das Staatstheater verantwortliche Senator sowie Intendant Dercon bekannt, dass man den Besetzern zwei Nebenräume – den sogenannten Grünen Salon und den ehemals als Büchershop genutzten Pavillon – angeboten habe. Dort könnten sie sich auf Dauer einrichten und ein eigenes Programm gestalten. Im Angebot für die Besetzer, die abends noch im Plenum über den Vorschlag verhandelten und am heutigen Donnerstag darüber abstimmen wollen, steht jetzt also nichts weniger als ein autarker Repräsentationsraum, in dem, von der Theaterleitung unkontrolliert, politische Propaganda gemacht werden kann. Wenn die Besetzer ihre Chance nutzen – und sie wären blöd, wenn sie es nicht täten –, dann hätten sie jetzt schon mehr erreicht, als eben noch vorstellbar schien.

Zu Recht könnten dann allerdings auch andere Gruppierungen ihren Freiraum einklagen. Was wäre beispielsweise, wenn die ebenfalls jugendliche, spontihaft-rechtspopulistische „Identitäre Bewegung“ auf die Idee käme, hier ein Politbüro aufmachen zu wollen? Würden man ihnen dann nicht auch einen Platz einräumen müssen? Diese Gewissensfrage muss man sich schon stellen.

Quelle: F.A.Z.
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