Brief aus Istanbul

Deutschland ärgern, Hans in den Wahnsinn treiben

Von Bülent Mumay
 - 12:15

Als den Osmanen im 19. Jahrhundert bewusst wurde, dass sie ins Hintertreffen geraten, trieben sie Reformen voran, um den Niedergang zu verhindern. In vielen Gegenden unter ihrer Herrschaft, vor allem in Europa, hatte die durch die Französische Revolution befeuerte Nationalismus-Welle Unabhängigkeitsbewegungen ausgelöst. Auch die Industrielle Revolution hatte man verpasst, den Osmanen entglitt die regionale Vormacht, Reformen wurden unabdingbar.

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Die Erneuerungsbewegung nahm ihren Anfang in der Armee, dehnte sich aber auf weitere Lebensbereiche aus. Schulen nach europäischem Modell öffneten, Studenten wurden nach Europa geschickt. Ein auf Gleichbehandlung beruhendes Steuersystem wurde eingeführt, nichtmuslimische Minderheiten wurden den muslimischen Osmanen rechtlich gleichgestellt. Es galt, den Zerfall zu verhindern und sich in die neue Weltordnung zu integrieren. Zugleich wollte man Interventionen des Westens in innere Angelegenheiten vermeiden, indem man Minderheiten mehr Rechte gab.

Die Modernisierung im 19. Jahrhundert trug auch im kulturellen Leben Früchte. Unabhängige Zeitungen und Verlage wurden gegründet, Literatur und Denken blühten auf. Europäisch gebildete Intellektuelle mit Fremdsprachenkenntnissen übersetzten ausländische Werke ins Türkische und schrieben selbst Bücher. Einer von ihnen, Recaizade Mahmud Ekrem, verfasste den ersten realistischen Roman der türkischen Literatur. Ekrems „Auto-Leidenschaft“ (Araba Sevdasi) von 1898 erzählt eine Liebesgeschichte, handelt aber vor allem von der Verwestlichung im Istanbul des 19. Jahrhunderts. Der Held Bihruz, ein junger Snob, bewundert die französische Kultur. Als reicher Erbe hat er nur eines im Sinn: teuer gekleidet mit seinem Auto durch Istanbul spazieren zu fahren. Auf den ersten Blick spielt Bihruz die Hauptrolle in dem Buch, einer Kritik falsch verstandener Verwestlichung, tatsächlich aber ist die stärkste Kraft des Romans das Auto selbst.

Erfolgsstory dringend benötigt

Die Bedeutung, ein Auto zu besitzen, hat sich hierzulande seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, als der Roman geschrieben wurde, kaum geändert. Nach dem Erscheinen des Romans zerfiel das Osmanische Reich, die in seiner Nachfolge gegründete türkische Republik ist bald ein Jahrhundert alt. Da sich die Einkommenskluft zwischen den Schichten kaum geändert hat, ist es noch immer ein Privileg, ein Auto zu besitzen. Und praktisch alle Regierungen träumten davon, ein „heimisches Auto“ zu produzieren. Seit Ende der sechziger Jahre werden in Kooperation mit europäischen und amerikanischen Unternehmen Autos in der Türkei hergestellt. Doch heikle Teile wie Motoren werden aus dem Ausland importiert, Ersatzteile und billige Arbeitskräfte dagegen stellt unser Land.

Da der Privatsektor nicht den Mut zum Aufbau einer vollständig nationalen Autoproduktion aufbrachte, trat 1961 der Staat in Aktion. Nun sollte ein einheimisches Auto produziert werden, zugleich benötigten jene, die ein Jahr zuvor im Zuge des ersten Putsches in der Republiksgeschichte den gewählten Ministerpräsidenten hingerichtet hatten, eine Erfolgsstory. Der nach dem Coup zum Staatspräsidenten gewählte Cemal Gürsel ordnete das Projekt an. Im Juni 1961 wurden Ingenieure aus der Eisenbahnfabrik Eskisehir nach Ankara gerufen. Die Weisung lautete: „Baut ein heimisches Auto!“ Die gesetzte Frist war kurz: „Es soll bis zu den Feierlichkeiten zum Tag der Republik am 29. Oktober fertig sein!“

Das erste einheimische Auto fuhr hundert Meter weit

Zurück in Eskisehir begann für die Ingenieure ein Rennen gegen die Zeit. Sie fertigten in nur 129 Tagen das erste einheimische Auto der Türkei: „Devrim“ (Revolution) nannten sie es. Nach der Endkontrolle am Abend des 28. Oktobers wurde es in Eskisehir per Güterwaggon nach Ankara auf den Weg gebracht. Damit die Funken aus dem Schornstein der Lokomotive nicht gefährlich werden konnten, hatte man den Benzintank geleert. Gegen Morgen erreichte der Zug Ankara. Zum Manövrieren wurden das Auto mit einigen Litern Benzin betankt. Erst am Bahnhof in der Nähe des Parlaments, wo die Feiern zum 29. Oktober stattfanden, sollte es voll getankt werden.

Am Morgen des Feiertags war die gesamte Staatsspitze, mit Präsident Gürsel, vor dem Parlament versammelt. Voller Neugierde erwartete man „Devrim“. Am Steuer saß einer der Ingenieure, vor dem Parlament holte er Gürsel ab. Anschließend sollte es zum Atatürk-Mausoleum gehen. Doch nach hundert Metern stotterte der Wagen und blieb stehen. In der Aufregung hatte man vergessen, „Devrim“ zu betanken. Gürsel stieg aus und sprach zum Fahrer folgende Worte, die in die Geschichte eingehen sollten: „Mit europäischem Kopf habt ihr ein Auto gebaut, aber mit orientalischem Kopf habt ihr vergessen, es zu betanken.“

Genau richtig zur Propaganda für das Wahljahr

Am nächsten Tag titelten die Zeitungen mit: „Kaputt nach 100 Metern“. In Kommentaren hieß es, das Geld sei verschwendet. Daraufhin legte die Staatsführung, das Projekt „Devrim“ auf Eis. Das Auto „Revolution“, dem das Benzin ausgegangen war, kam in Eskisehir ins Museum. Der Traum einer eigenen Automarke zerfiel zu Asche, wurde aber nie vollständig aufgegeben.

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Die Türkei, wo jährlich rund eine Million Autos ausländischer Marken produziert werden, träumt dieser Tage abermals von „Devrim“. Es geht aber nicht mehr nur darum, eine heimische Marke zu produzieren. Diesmal kam es im Zuge des Begriffs „heimisch und national“, den Erdogan zur Konsolidierung nationalistischer, religiöser Kreise aufbrachte, auf die Tagesordnung. Es begann mit einer Rede 2011: „Es gibt sicher einen Mutigen, der darangeht, ein heimisches und nationales Auto zu bauen.“

Erdogans Erwartungen wurden nicht wirklich erfüllt. Niemand hat sich aufgemacht, ein heimisches Auto zu produzieren. Nach drei, vier Jahren Schweigen nahm der Staat die Sache in die Hand. Für vierzig Millionen Euro wurde der Prototyp eines Modells vom schwedischen Hersteller Saab erworben und in die Türkei geholt. Auf dieser Grundlage sollte ein heimisches Modell entwickelt werden. Natürlich funktionierte es nicht. Das Geld war aus dem Fenster geworfen. Doch Erdogan, der mit einem „Devrim“-Erfolg ins Wahljahr 2019 gehen will, übernahm nun selbst das Steuer. Er bildete ein Konsortium mit einer Mehrheit ihm nahestehender Unternehmer und verkündete die frohe Botschaft eines „heimischen und nationalen“ Autos. Bei den bombastischen Unterschriftszeremonien jüngst im Palast war das Ziel klar: 2019 steht der Prototyp, 2021 geht er in Serienproduktion. Was für ein Zufall, genau richtig zur Propaganda für das Wahljahr!

34 Millionen Schachteln Antidepressiva

Ob sich der Auto-Traum erfüllt, ist ungewiss. Die eigentliche Frage lautet: Selbst wenn dieses produziert werden sollte, wie wirkt es sich auf die „Auto-Leidenschaft“ unserer Staatsmänner für deutsche Marken aus? Glauben Sie, dass unsere Regierenden auf ihre Mercedes-Limousinen verzichten? Oder werden Erdogans Bürgermeister, gescholten, wenn sie einen Audi anschaffen, sich weiter verteidigen mit: „Wie jetzt, sollte ich etwa einen VW-Passat fahren?“

Während wir uns das fragen, laufen Erdogans Propagandamedien heiß. Der Chefredakteur einer loyalen Zeitung erklärte: „Mit dem dritten Flugplatz für Istanbul haben wir Deutschland verärgert. Mit dem Türkei-Auto nehmen wir Hans nun seinen letzten Trumpf!“ In der regierungsnahen Presse klangen die Schlagzeilen ähnlich: „Heimisches Auto macht die Deutschen nervös“, „Die Deutschen können National-Auto nicht verknusen“, „Panik in Deutschland: Seht nur, wie wir es bauen!“.

Ich weiß nicht, ob es Sie aufregt und depressiv macht, dass wir eventuell ein heimisches Auto bauen. Eine kleine Meldung, die zwischen den „Hans-Schlagzeilen“ zu lesen war, rückt manche Dinge ins rechte Licht: In der Türkei mit ihren 80 Millionen Einwohnern wurden im vergangenen Jahr 34 Millionen Schachteln Antidepressiva verbraucht. Substanzgebundene Sucht stieg in nur sechs Jahren um das Siebzehnfache.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
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