Arabische Kunst der Moderne

Ein Buch, das Maßstäbe setzt, ohne es zu wollen

Von Lena Bopp
 - 22:49

Vor kurzem wurde in Beirut ein Buch vorgestellt, das in der arabischen Welt noch kein Äquivalent hat. Ein Traum sei dieses Buch, wie es jemand aus dem Publikum formulierte, ein Werk, auf das man jahrelang gewartet habe, wie auch Zeina Arida sagte, Direktorin des Sursock Museums, in das die Kunstszene nicht nur der Stadt gekommen war, um zu sehen, wie es geworden ist, das knapp fünfhundert Seiten starke Werk „Modern Art in the Arab World: Primary Documents“.

Das Buch versammelt gut einhundert Texte, die zeigen sollen, welche Gestalten die Moderne als kunstgeschichtliche Epoche in der arabischen Welt annahm. Es enthält Manifeste von Künstlern, Briefe, Interviews, Essays, Tagebucheinträge und Kommentare, die in Gästebüchern von Ausstellungen hinterlassen wurden, und umfasst einen Zeitraum, der von 1882 bis zum Ende des Kalten Krieges reicht. Es enthält außer einem Aufsatz zur Geschichte der arabischen Länder von Ussama Makdisi, der vor allem die Rollen, die Europäer und Amerikaner hier spielten, mit bemerkenswerter Schärfe zusammenfasst, ein paar weitere kurze Essays aus der Sekundärliteratur. Ganz überwiegend aber enthält es Primärquellen, von denen etliche erstmals in englischer Sprache erscheinen. Kurzum, das Buch formuliert einen gewaltigen Anspruch, den die drei Herausgeberinnen klugerweise nur defensiv vertraten, als sie ihr Werk im vollbesetzten Auditorium vor kundigem Publikum präsentierten.

Statt ihr Buch ein künftiges Grundlagenwerk zu nennen, was sachlich vertretbar wäre, konzentrierten sich die drei amerikanischen Kunsthistorikerinnen Anneka Lenssen, Sarah Rogers und Nada Shabout auf die jahrelange Arbeit, die es gekostet hat. Das tut bekanntlich jedes Buch, doch in der arabischen Welt stößt man bei der Quellenforschung auf besondere Probleme: Es gibt nur wenige Archive und kaum bibliographische Systeme, ein vergleichsweise dünnes Netz an Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie zuweilen schlichtes Unverständnis für die Nöte von Autoren, die auf der Suche etwa nach einem Copyright sind.

Historische Schlüsselthemen

Nada Shabout berichtete von vergeblichen Versuchen, von irakischen Behörden die Erlaubnis zum Nachdruck von Werken aus den vierziger und sechziger Jahren zu erhalten. „Wir haben sie jetzt, weil keiner sie wollte.“ Viele Arbeiten, seien es Texte oder Bilder, befinden sich außerdem in privaten Sammlungen, die nirgends registriert sind und zu denen Zugang nur erhält, wer seine Kontakte spielen lässt. Folglich wurde das Buch immer wieder als großes Gemeinschaftsprojekt gepriesen oder, wie es jemand beim Apéro auf der sommerabendlichen Terrasse formulierte: Im Grunde habe die ganze Zunft daran mitgewirkt.

Die Quellensammlung beginnt mit dem Beiruter Gelehrten Butrus al-Bustani, dessen 1882 erschienene Enzyklopädie zum ersten Mal eine moderne Definition von Malerei in Arabisch lieferte. Außerdem findet sich eine interessante Reflexion des ägyptischen Imams Muhammad Abduh, der im frühen zwanzigsten Jahrhundert den Nutzen von Bildern für die Erziehung pries und sich damit gegen die im Islam herrschende Auffassung vom Bilderverbot stellte. Zu Wort kommen bekannte Künstler, etwa César Gemayel, der im Jahr der libanesischen Unabhängigkeit (1943) den Stand der Bildenden Künste zum Gradmesser für die Entwicklung einer Nation ausrief. Und Shakir Hassan Al Said, der in den frühen fünfziger Jahren die „Baghdad Group for Modern Art“ mitbegründete.

Es geht um Schlüsselthemen der arabischen Welt: etwa die militärische Niederlage, die der Staatsgründung Israels 1948 vorausging und sich als Katastrophe ins kollektive Gedächtnis der Araber einbrannte. Aber auch um die Folgen der Kolonialisierung, den Einfluss etwa, den die Franzosen auf die libanesische oder algerische Gesellschaft und so auf ihre Malerei ausübten.

Fehlendes Fundament

Dabei tut das Buch sein Bestes, um den Anschein einer losen Textsammlung zu vermeiden. Es lässt sich natürlich als Nachschlagewerk benutzen, aber weil die einzelnen Texte oft so arrangiert sind, dass sie aufeinander verweisen, kann man es einfach durchlesen – wobei man sich bei der Lektüre zuweilen fühlt, als würde man auf einem schmalen Steg durch ein Reich wandeln, dessen Ausmaße man erahnen, doch kaum erfassen kann. Bis auf knappe, nie mehr als ein paar Zeilen zählende Einführungen zu den einzelnen Kapiteln liefert das Buch keinerlei Kontextualisierung. Hintergründe und Zusammenhänge stehen dahin, müssen erarbeitet oder gegoogelt werden, ohne dass man sicher sein darf, zu bestimmten Themen überhaupt auf irgendwelche Erkenntnisse zu stoßen.

Darauf zielte denn auch die erste Kritik: Es sei mit diesem Buch, als würde man ein Haus bauen und mit den Fenstern beginnen. Es fehle das Fundament. Will sagen: Wie soll man die Bedeutung der Quellen ermessen, wenn über viele Künstler, ihre Werke und etwaige Verbindungen zwischen ihnen so wenig bekannt ist? Denn die Grundlagenforschung der Kunstgeschichte arabischer Länder ist wahrlich keine Disziplin, in die in den vergangenen Jahrzehnten große Energien, geschweige denn Mittel, geflossen wären.

Einladung zum Selbstdenken

Umso berechtigter schien eine andere Sorge. Das Buch „Modern Art in the Arab World“ wird vom Museum of Modern Art in New York herausgegeben und ist der achte Teil der sogenannten „Primary Documents“-Reihe, die zu erkunden versucht, was man jenseits der westlichen Welt unter Moderne verstand – eben durch das oft erstmalige Übersetzen von Schlüsseltexten ins Englische. In dieser Reihe ging es unter anderem um Osteuropa, Japan und China. Der Band über die arabischen Länder sei nun ein weiterer Versuch, „sich anhand von Quellentexten auf die Welt einzulassen“, wie es Glenn D. Lowry, Direktor des MoMA, in Beirut vornehm formulierte.

Aber natürlich ist auch denkbar, dass es sich genau umgekehrt verhalten wird: dass nämlich die Leser auf aller Welt dem MoMA folgen und die in dem Buch getroffene Auswahl an Künstlern und Konflikten, die unter der Patronage dieser prestigeträchtigen Institution getroffen wurden, zum Maßstab nicht nur für weitere Recherchen nehmen. Und hätte das Museum dann nicht mitgeholfen, einen Kanon zu bilden, den es bislang nur in Umrissen gibt? Das wiesen die Autorinnen sowie Glenn D. Lowry weit von sich. Man stelle grundlegende Informationen zur Verfügung, so Lowry, mit deren Hilfe sich darüber nachdenken ließe, was ein Kanon überhaupt sein soll. Und man glaubte ihm sofort, als er hinzufügte, er wolle das Buch lieber als einen Anfang, eine Einladung zum Selbstdenken und Weiterforschen verstanden wissen. Allein, es fiel schwer zu glauben, dass es tatsächlich so kommen wird.

Quelle: F.A.Z.
Lena Bopp
Redakteurin im Feuilleton.
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