Bundeswehr-Debatte

Das Land kennt seine Soldaten nicht

Von Gerald Wagner
 - 08:55
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Es gehört zum Wesen des Generalverdachts, dass vor ihm immer erst dann gewarnt wird, wenn er bereits auf jemanden gefallen ist. Jetzt ist einmal mehr die Bundeswehr dran. Das Vertrauen der Deutschen in ihre Armee hat innerhalb weniger Tage einen beispiellosen Absturz erlebt. Die kollektive Spindkontrolle, das einfältige Säubern des Traditionsbestands, der Alarmismus der eilig zitierten Statistiken und das öffentliche Beschwören rückhaltlosen Aufklärens: die geläufige Dramaturgie des Skandals hinterlässt ein desaströses Bild der Bundeswehr. Vereinzelte Stimmen aus der Truppe selbst mögen noch Widerstand leisten, doch das Urteil steht längst fest: Die Bundeswehr wird ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht, ihre internen Mechanismen der Selbstkontrolle funktionieren nicht, es braucht Staatsbürger ohne Uniform, die auf die Staatsbürger in Uniform aufpassen.

Natürlich müssen sich Mitglieder einer Organisation, die einen exklusiven Zugriff auf Kriegswaffen hat, grundsätzlich ein größeres gesellschaftliches und auch inneres Misstrauen gefallen lassen als andere. An ihrer absoluten Loyalität zu Parlament und Regierung darf nicht der geringste Zweifel aufkommen. Nun aber steht der Vorwurf im öffentlichen Raum, dass die Glorifizierung der Wehrmacht, das Tolerieren von Schikane und Misshandlungen, das Bekenntnis zu rechtsradikalem Denken oder gar das Planen von Terrorakten als Akt eines legitimen Widerstands von einem organisationsspezifischen „Muster des Wegsehens“ – so selbst der Generalinspekteur – ermöglicht, ja gar motiviert wurden.

„Falsch verstandener Korpsgeist“

Wer da noch fragt, ob es sich vielleicht doch nur um schlichte Mängel der Selbstüberwachung handelt, wie man sie in jeder lose gekoppelten Großorganisation finden kann, gilt schon als parteiisch oder naiv. Zum Wesen des Generalverdachts gehört eben, dass jeder entdeckte und bestrafte Vorfall nicht als Beweis für das Funktionieren der Organisation gelten kann, sondern nur für deren Versagen gewertet wird. Der Titel, unter dem diese Unterstellung an die Truppe adressiert wird, lautet „falsch verstandener Korpsgeist“.

Durchsuchung in Kasernen
Peinlicher Versuch, sich reinzuwaschen
© F.A.Z., Andreas Brand, F.A.Z., Andreas Brand

Natürlich gibt es den in der Bundeswehr – so wie es Opportunismus aus Feigheit oder unbedingter Loyalität in jeder Organisation gibt. Niemand innerhalb oder außerhalb der Truppe käme auf die Idee, diesen zu verteidigen. Es hat aber auch noch keiner den Vorwurf erhoben, die ganze Bundeswehr sei falsch, es könne also auch keinen richtig verstandenen Korpsgeist geben. Wem schon dieser Begriff zu rechts klingt, mag sein Befinden durch dessen Ersetzung mit „Corporate Identity“ beruhigen. Im Hintergrund des aktuellen Skandals um die Bundeswehr steht jedenfalls die Frage, welcher Geist in der Bundeswehr denn eigentlich herrschen solle. Es gibt seit einigen Jahren in der Bundeswehr den beachtlichen Versuch, über diese Frage einen differenzierten Diskurs zu führen. Die Ereignisse der vergangenen Wochen dürften diesen Versuch vorläufig beendet haben, und es ist äußerst fraglich, ob die daran beteiligten Soldaten besser beraten wären, ihn auch nicht wiederaufzunehmen.

Zufriedene Mitarbeiter oder harte Kämpfer

Es ist ein Streit um die Kultur einer Organisation, die sich über ihre Besonderheit nicht einig ist. Darum streiten hier Soldaten mit Soldaten darüber, was der „Kern des Soldatischen“ ist. Es ist auch eine Auseinandersetzung über wahrscheinliche Zukünfte: Soll sich die Bundeswehr auf weitere Kampfeinsätze im Ausland einstellen oder zurück zur Landesverteidigung nicht am Hindukusch, sondern eher im Baltikum oder im Cyberspace? Braucht die Bundeswehr mehr IT-Experten, zufriedene Mitarbeiter mit komfortabler Work-Life-Balance oder harte Kämpfer, welche die Bewährung im Einsatz geradezu herbeisehnen?

Für die Verteidigungsministerin steht fest, dass es im „Grundbetrieb der Bundeswehr“ nicht ums Töten und Getötetwerden geht. Als Marcel Bohnert, selbst aktiver Major der Bundeswehr, in dieser Zeitung vor wenigen Tagen den Mut hatte, dagegen die soldatische Härte der Ausbildung in der Bundeswehr als eine wesentliche Voraussetzung des Überlebens einer Kampfgemeinschaft im Einsatz zu verteidigen, bestand er auf Grenzen der Diversität: Erfahrene Härte, und sei es nur die simulierte der Ausbildung, schließe Gemeinschaften, lasse sie funktionieren, befähige sie also zum Töten, um nicht getötet zu werden. Militärische Kampfkraft wird hier nicht waffentechnisch verstanden, sondern als die mentale Überlegenheit einer dafür geformten Elite.

Identitätssuche verantwortungsbewusster Staatsbürger

Bohnerts bewusster Tabubruch war nicht der erste. Als Mitherausgeber des Bandes „Armee im Aufbruch“ war er bereits vor drei Jahren gemeinsam mit einer Gruppe junger Offiziere der Hamburger Bundeswehr-Universität an die Öffentlichkeit gegangen. Der Band schloss an ähnliche Schriften wie „Soldatentum – Auf der Suche nach Identität und Berufung der Bundeswehr heute“ von 2013 an und fand im vergangenen Jahr eine Fortsetzung in dem Buch „Die unsichtbaren Veteranen – Kriegsheimkehrer in der deutschen Gesellschaft“. Diese Publikationen sollten nicht weniger als den „erheblichen Raumverlust der bisherigen Zurückhaltung des deutschen Offizierskorps im gesellschaftlichen Diskurs“ beenden, so Bohnert. Er wollte die Meinungsäußerungen seiner Kameraden nicht als gedankliche Verwirrungen oder besorgniserregende Alarmzeichen verstanden wissen, sondern als Ausdruck einer Identitätssuche verantwortungsbewusster Staatsbürger.

Die Autoren sprachen von der „Diskrepanz von offiziellem Leitbild, soldatischer Erlebniswelt und gesellschaftlichen Normen“, die nur im Diskurs verringert und versachlicht werden könnte. Mit dem Sendungsbewusstsein einer in Afghanistan „gereiften Einsatzarmee“ im Rücken, aber auch ohne Leugnung der „immerwährenden Angst“ der Gesellschaft vor einem möglichen Kontrollverlust über die Bundeswehr erhoben diese Offiziere den Anspruch, ohne Preisgabe ihrer soldatischen Identität aus ihrer selbstempfundenen Isolation in der deutschen Gesellschaft ausbrechen zu können. Man wollte Brücken bauen, ohne das Besondere des Soldatentums sui generis zu verbergen, das für die Gesellschaft aber kein Grund für Misstrauen sei.

Eine besonders demütigende Enttäuschung

Was diese Soldaten einte, war die tiefe Überzeugung, dass es in der Bundeswehr nicht zu viel wahren Korpsgeist, sondern zu wenig davon gibt. Denn nur dieser, verstanden als die Fähigkeit der militärischen Gewaltexperten, mit Gewalt verantwortungsbewusst umgehen, sei das beste Mittel gegen besagte Auswüchse. Dass die deutsche Öffentlichkeit ihren Soldaten diese Anerkennung der Selbstführungsfähigkeit jetzt wieder versagt und sich mit einer unter die Kuratel der Politik gestellten Armee doch sicherer fühlt, muss für diese darum eine besonders demütigende Enttäuschung sein.

Die Gründe dafür liegen natürlich zunächst in den aktuellen Vorkommnissen selbst. Die Selbstgerechtigkeit einer darüber zu Recht empörten Öffentlichkeit sollte sich allerdings im Klaren sein, dass nicht die Bundeswehr der Schöpfer der rechten, linken oder religiösen Extremisten ist, sondern dass dieser nur eine besondere Anziehungskraft auf sie ausübt. Manches Haltungsproblem mag sich mit der Verpflichtung zum Dienst in der Truppe verschärfen, seine biographischen Ursprünge liegen in gesellschaftsbedingten Persönlichkeitsstörungen lange vor dem Anziehen einer deutschen Uniform.

Nicht gleich vor dem Staat im Staate warnen

Die nichtaktuellen Gründe für diese abermalige Entfremdung der Bundeswehr liegen anderswo. Dazu zählt mit Sicherheit auch der Anspruch der „Generation Einsatz“, aus den Kämpfen der jüngsten Vergangenheit und der erwarteten Zukunft Erfahrungs- und Deutungshoheit über die Identität der ganzen Bundeswehr beanspruchen zu dürfen. Ein Großteil der Truppe und eben auch Parlament und Regierung sind ihnen darin nicht gefolgt. Dass man in Berlin ein zweites Afghanistan unbedingt vermeiden möchte, liegt ja nicht daran, dass man den jungen Oberleutnants nur die Bewährungsprobe im Feuer missgönnt. Die politische Klugheit wiegt da einfach schwerer.

Noch schwerer aber wiegt der Umstand, dass die publizistischen Versuche des Brückenbaus vom Militär als heroischer Gemeinschaft hinüber zur postheroischen Gesellschaft von einem unangenehmen Gestus der Überlegenheit begleitet wurden, von dem sich zumindest einige Stimmen aus dem Militär zur Diffamierung der Gesellschaft hinreißen ließen. Dass diese hedonistisch, postheroisch, konsumfixiert, Leid und Tod verdrängend sei, so der Grundtenor von „Armee im Aufbruch“, mag dahingestellt bleiben. Das dort ebenfalls gebrauchte Etikett einer „grundsätzlichen Dekadenz“ der Gesellschaft nicht. Mehr noch: Wen die Verachtung der Gesellschaft in die Gemeinschaft der zu ihrem Schutz mit der Waffe Befohlenen treibt, der muss den Argwohn wecken, er suche im Militär doch etwas anderes als nur das bedingungslose Dienen für Deutschland. Die Abscheu in solchen Urteilen fügte den redlichen Versuchen der differenzierten Vermittlung der rechten Semantik, in denen diese Offiziere ihre Gedankenwelt ausdrückten, vermeidbaren Schaden zu. Man muss nicht gleich vor dem Staat im Staate warnen, wenn das Lob der soldatischen „Erziehung untereinander“ gesungen wird. Der Schaden liegt darin, dass man es der Gesellschaft auf diese Weise viel leichter macht, der Herausforderung auszuweichen, in Wörtern wie Nation, Ehre, Treue und Gehorsam, Tapferkeit, Elite und geistige Kampfkraft nicht immer gleich den inneren Feind sprechen zu hören.

Aber kann man es diesen Repräsentanten des deutschen Offizierskorps vorwerfen, mit ihrer Semantik die gesellschaftlichen Grenzen der Diversität missachtet zu haben? Sie hätten es sich schließlich auch leichter machen und ihre Überzeugungen für sich behalten können. Dass sie für ihre Offenheit nicht belohnt wurden, ist bedauerlich. Die Bitterkeit des Fazits aus „Soldatentum“, Deutschland sei eine Gesellschaft, die ihre Soldaten nicht kenne, aber über sie urteile, dürfte bei den intelligenten unter den deutschen Soldaten weiter gewachsen sein.

Quelle: F.A.Z.
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