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Computerweltenschöpfer

Der Mann mit der Mars-Mission

Von Martin Burckhardt
 - 16:39
The Sky is no Limit: Elon Musk will den Weltraum erobern. Bild: dpa, F.A.Z.

Zweifellos befinden wir uns in der postheroischen Epoche der Computerkultur. Die Apparatschiks haben die Macht übernommen, und mit ihnen ist eine lärmende Mut- und Phantasielosigkeit eingekehrt. Was hat Peter Thiel gesagt? „Wir haben von fliegenden Autos geträumt und stattdessen 140 Zeichen erhalten.“ Vor diesem Hintergrund erscheint ein Mann wie Elon Musk wie ein Comicheld aus dem Marvel-Universum: wie Tony „Iron Man“ Stark. Mag sein, dass uns Tesla den Vorschein künftiger Automobilität beschert – was aber hat Elon Musk in der Ruhmeshalle der Computerkultur zu suchen?

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Der Schlüssel dazu ist ein kleines Computerspiel, das ein zwölfjähriger Südafrikaner mit seinem Commodore VIC-20 programmiert und der Zeitung „PC Office Technology“ zugesendet hat. Die druckt es ab und lässt dem Verfasser, einem gewissen E.R. Musk, ein Honorar von fünfhundert Dollar zukommen. Mag das Spiel Blastar (als Kopie eines Arcade-Games) nicht sonderlich einfallsreich gewesen sein, so erwies es seinem Verfasser doch hervorragende Dienste als mentaler Schutzschild und Anti-Realitäts-Prinzip. Schon als Kleinkind war Elon Musk regelmäßig in Trancen verfallen, während derer er unansprechbar war – was seine Eltern nötigte, das Kind auf Taubheit untersuchen zu lassen. Doch diese Absencen waren nichts als Wachträume, die den Jungen gegen die Außenwelt immunisierten, wie auch die Science-FictionBücher aus der Leihbibliothek, die er verschlang, bis er dazu überging, seinen Wissensdurst mit der Lektüre der Encyclopedia Britannica zu befriedigen.

Waren die wirtschaftlichen Umstände der Familie Musk durchaus kommod, so war Elons Kindheit doch keine behütete. Nach der Scheidung der Eltern waren er und sein jüngerer Bruder zum Vater gezogen, einem Ingenieur, der eine befremdliche Leidenschaft für sadistische Psychospiele hegte. Neben diesen häuslichen Übergriffen musste sich der junge Träumer in der Schule einer Bande erwehren, die ihn beständig verprügelte, einmal sogar lebensgefährlich verletzte. Angesichts der Brutalität des Apartheid-Südafrikas erschien der Computer wie eine Botschaft aus einer anderen Welt, eine extraterrestrische Ordnung, die zum eigentlichen Habitat des Halbwüchsigen wurde. So sann er, wenn er sich nicht gerade mit „Dungeons and Dragons“-Rollenspielen vergnügte, über die Möglichkeiten von Raumkolonisierung, papierlosen Banken und Solarenergie nach – alles Fragen, die er auch später mit aller Verve verfolgen würde.

Mit 17 machte sich Elon Musk nach Kanada auf, wo er einen Studienplatz an der Queen’s University in Ontario erhielt. Als Student legte er beträchtlichen Geschäftssinn an den Tag: Zusammen mit einem Mitbewohner, mit dem er ein Vierzehn-Zimmer-Haus bewohnte, veranstaltete er Partys für Hunderte Gäste. Weil diese jeweils fünf Dollar Eintritt bezahlten, reichte ein einziger solcher Abend aus, um Miet- und Lebenhaltungskosten eines ganzen Monats zu decken.

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Der Partykönig war aber auch ein fleißiger Student, der in kurzer Zeit seinen Bachelor in Physik machte und einen Ökonomie-Abschluss am renommierten Wharton-College folgen ließ. Seine Themen: Superkondensatoren als Antriebsmittel, Sonnenenergie sowie die Machbarkeit einer digitalisierten Weltbibliothek. Anlässlich eines Praktikums beim Pinnacle Research Institute im Silicon Valley, sah Musk sich vor die Entscheidung gestellt, ob seine Zukunft in der Computerspielprogrammierung oder in der wirklichen Welt liegen sollte. Weil er der Überzeugung war, dass alles auf physikalische Fragen zurückgeht, ging er 1995 nach Kalifornien, um eine Doktorarbeit in angewandter Physik und Werkstofftechnik zu beginnen. Jedoch fiel diese Arbeit dem Engagement für ein Start-up zum Opfer: Mit 28.000 Dollar vom Vater unterstützt, programmierten Elon und sein Bruder Kimbal ein Ortungssystem, das die Logik der Gelben Seiten auf ein Internetkartensystem übertrug.

Mit dem Arbeitsethos eines Besessenen und der Moral eines Samurai, der eher gewillt ist, Seppuku zu begehen, als sich in eine Niederlage zu fügen, stürzte sich Musk auf die neue Aufgabe, schlief im Büro und duschte beim nahe gelegenen YMCA. Um die Investoren zu beeindrucken, verkleidete er seinen bescheidenen Computer mit einer Verschalung und ließ ihn zu den Demonstrationen eigens hineinrollen – ein Theatercoup, der der jungen Firma prominente Kunden wie die „New York Times“ oder die „Chicago Tribune“ einbrachte. Weil die Firma über die Start-up-Gelder fremden Einfluss in Kauf nehmen musste, wurde Musk, der um der Perfektion eines Produktes willen herzliche Rücksichtslosigkeit walten lässt, ein älterer CEO vor die Nase gesetzt. Bald schon begannen professionelle Programmierer, seinen Spaghetti-Code zu entwirren und auf handliche Module einzudampfen.

Trotz dieser Widrigkeiten wurde zip2 ein großer Erfolg und machte den nun Siebenundzwanzigjährigen kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase zum Multimillionär. Als selfmade man im viel zu großen Jackett erschien Musk wie die Karikatur seiner Zeit: ein Goldgräber, der sich von CNN dabei filmen ließ, wie er einen McLaren geliefert bekommt und, begleitet von einer schönen Frau, davondüst. Haftete ihm dieses Blender-Image noch über Jahre an, so hatte es doch nicht das Geringste mit Musks Ambitionen zu tun. Denn statt sich den Freuden des Lebens hinzugeben, stürzte er sich kopfüber in das nächste, sehr viel waghalsigere Projekt: In X.Com investierte er die Hälfte seines aufgehäuften Vermögens, zwölf Millionen Dollar, und schickte sich an, den Bankensektor umzukrempeln.

Für Geld braucht man keine besondere Infrastruktur

Für Geld, so sagte er später einmal vor Studenten in Stanford, brauche man keine besondere Infrastruktur, um den entsprechenden Markt zu bespielen. Zwar war diese Intuition zutreffend, doch die Aufgabe gestaltete sich schwieriger als erwartet. Musk hatte vor allem mit seinen Ansprüchen an die Mitarbeiter zu kämpfen, die ihm in Scharen davonliefen – und ihn nötigten, abermals auf Risikokapital zurückzugreifen. Aber der Stress wirkte wie ein Energetikum, das ihn in einen Zustand kaltschnäuziger Hyperrationalität versetzte. Das Unternehmen wurde aus dem Nichts zu einem überwältigenden Erfolg, zum ersten Beispiel viralen Marketings. Da jeder Kunde ein Startguthaben von zwanzig Dollar erhielt (und wiederum zehn Dollar für jeden Kunden, den er dazu überredete, sich auch auf der Plattform anzumelden), verfügte das Unternehmen nach einem halben Jahr schon über 200.000 Kunden. Aus der Fusion mit Musks Hauptkonkurrenten Confinity, den Peter Thiel gegründet hatte, ging dann Paypal hervor.

Als Musk sich gerade auf Hochzeitsreise befand, kam es abermals zur Verschwörung gegen den eigenwilligen Firmenchef. Er wurde entmachtet, Thiel übernahm. Musk trug seine Entthronung mit Fassung: Wenig später übernahm Ebay – für den damals unerhörten Betrag von 1,5 Milliarden Dollar – das Unternehmen und entschädigte seinen Gründer damit reichlich.

2001 zog Musk nach Los Angeles. Mit dreißig Jahren war er, wie er selbst bedauernd sagt zu alt, um noch als Wunderkind der Branche zu gelten. Bei einem Barvermögen von zweihundert Millionen Dollar hätte er sich den Wonnen der Frühverrentung hingeben können, tatsächlich aber ließ er seine Kindheitsträume wiederaufleben. Diese Wendung war, von außen betrachtet, die merkwürdigste Volte seines Lebens: einer jener merkwürdigen Trancezustände, denen ein neues, gänzlich verrückt anmutendes Vorhaben entspringt. Erste Zeugen dieser Verwandlung wurden einige ältere Nasa-Veteranen, die im Rahmen einer „Mars-Gesellschaft“ den verlorenen Träumen ihrer Jugend hinterhertrauerten. Unversehens sahen sie sich einem neuen Mitglied gegenüber, das ihre Treffen mit nie gekannten Summen sponserte. Anders jedoch als die spleenigen Millionäre, die sich sonst gelegentlich in diesen Zirkel verirrten, war Musk wirklich davon überzeugt, dass es eine Menschheitsaufgabe sei, den Mars zu besiedeln.

Mit seiner Bereitschaft, den Start einer entsprechenden Unternehmung aus seinem Privatvermögen zu finanzieren, gewann er das Vertrauen der Szene. Um zu eruieren, wie teuer es würde, eine Maus auf den Mars zu bringen, pilgerte er dorthin, wo es eine zwar museal anmutende, gleichwohl noch halbwegs funktionstüchtige Weltraumindustrie gab: nach Russland. Die misstrauischen Russen, die sich nicht vorstellen konnten, dass das amerikanische Milchgesicht ein ernsthafter Gesprächspartner sein würde, verlangten acht Millionen Dollar für einen Start. Musk verlangte zwei Starts für dieselbe Summe – womit die Verhandlungen ein jähes Ende fanden.

Verrückt oder genial?
Verrückt oder genial? Elon Musk will Los Angeles untertunneln

Doch Musk war überzeugt, dass man die Raketen sehr viel billiger selbst herstellen könnte. Was nach einer verrückten Geschäftsidee klang, war freilich nichts anderes als eine rationale Gegenwartsdiagnose. Wie zuvor der Bankensektor, so hatte Musk erfasst, war die Raumfahrtindustrie seit den sechziger Jahren in einen Dornröschenschlaf gefallen. Warum also deren Geschicke nicht selbst in die Hand nehmen und die Industrie revolutionieren? Musk investierte hundert Millionen Dollar in das neue Unternehmen SpaceX und scharte eine Anzahl hochmotivierter Wissenschaftler um sich, die bereit waren, sich über Jahre hinweg einem Projekt zu verschreiben, das die staatliche Raumfahrtbehörde längst ins Reich der Träume verbannt hatte. Das Wunder gelang: Binnen weniger Jahre und mit einem Bruchteil der von Außenstehenden prognostizierten Mittel gelang es SpaceX, von einem Atoll in der Südsee aus eine Rakete in den Orbit zu schießen – und schon nach einem weiteren Jahrzehnt folgte die versprochene wiederverwertbare Rakete.

Er überführte die Rationalität des Computers in die Realwirtschaft

Anders als Mitbewerber wie Delta, Boeing oder Lockhead Martin, die sich auf die Arbeit Tausender von Zulieferern verlassen, stellt SpaceX 80 bis 90 Prozent seiner Raketenteile selbst her. Von Elektronik und Motherboards bis hin zu den Verbrennungsmotoren wird alles auf kostengünstige Weise selbst produziert, mit dem Effekt, dass ein SpaceX-Start nur einen Bruchteil dessen kostet, was die Konkurrenz veranschlagt. Dabei folgt diese Rückabwicklung der Globalisierung keinem anderen Kalkül als der Logik des integrierten Schaltkreises, der, wie man weiß, eine monolithische Struktur besitzt. Das ist die Einsicht und das Genie Elon Musks: Er überführte die Rationalität des Computers in die Realwirtschaft, sei es, dass er auf Kostenersparnisse durch Simulationen und 3D-Drucker oder auf die intellektuelle Potenz und Leidenschaft seiner Mitarbeiter setzte. SpaceX blieb eine Spielwiese, bei der die Mitarbeiter sich zur Entspannung von ihrem Chef mit Raketen und Plasma-Bomben beschießen lassen. Vor allem blieb es eine verschworene, zukunftsbegeisterte und beängstigend effiziente Gemeinschaft.

Dieser integrale Blick, das Beharren auf einem in sich schlüssigen Weltbild, ist auch der Grund dafür, dass Tesla reüssierte: als erste erfolgreiche Neugründung einer amerikanischen Autofabrik seit 1925. Zwar wurde das Unternehmen von Beginn an totgesagt, doch es überlebte die Finanzkrise von 2008 genauso wie die Wankelmütigkeit seiner Anhängerschar. Wie PayPal oder SpaceX sorgte es dafür, dass sich die Spielregeln änderten. Mögen die Tesla-Modelle noch immer wie Autos aussehen (und mit jener Liebe zum Detail gebaut sein, die auch Steve Jobs seinen Fetischprodukten zugedacht hatte), handelt es sich doch eher um Computer auf Rädern: Rechenmaschinen, die, mit dem Internet verbunden, beständig auf die Weiterentwicklung der innewohnenden Intelligenz rechnen können. Während ein herkömmliches Automobil aus Abertausenden beweglicher Teile besteht, sind die Komponenten eines Tesla-Gefährts auf eine Hundertschaft reduziert.

Diese Sparsamkeit ist Prinzip. Hier geht es nicht um die mechanische Welt, sondern darum, der Materie Intelligenz einzuhauchen. Genau in dieser Umkehrung des Blicks besteht Musks eigentliche Leistung. Haben die Zeitgenossen den virtuellen Raum als unverbindliche, letztlich irreale Hinterwelt aufgefasst, stellt im Denken des Elon Musk umgekehrt die Welt selbst eine Terra incognita dar: eine noch unerschlossene, ungedachte, nicht implementierte Computersimulation. Aus dieser Warte erscheinen rauchende Schlote, wie überhaupt das Regiment der Mechanik, als Überreste einer längst untergegangenen Zivilisation. Musks Weltfremdheit mag an die Naivität eines Kindes erinnern oder an den grundfremden Blick einer extraterrestrischen Spezies – strukturell ist sie nichts anderes als das Wesen unserer Computerkultur.

Insofern sind die Ausgeburten seiner Phantasie (mag es sich um die Gigafactory in Nevada, die totalautomatisierte Fabrik in Fremont, den Hyperloop oder das interplanetare Internet handeln) keine Verrücktheiten, sondern logische Folgerungen einer kulturellen Umwälzung. Hier schreibt sich die Realität des Computers in die Wirtschaft ein und führt vor, dass die vermeintlich ehernen Gesetze des Kapitalismus einer neuen, anderen Ökonomie weichen müssen. Wie kein anderer Unternehmer taugt Musk als Beispiel dessen, was Joseph Schumpeter den „kreativen Zerstörer“ genannt hat: Mit höchst bescheidenen Mitteln und der Logik des Computers lehrte er die Bankenwelt, die Raumfahrt-, Auto- und Energieindustrie das Fürchten. Mag sein, dass dies kein besonders großer, vielleicht sogar nur ein ausnehmend kleiner Gedanke ist. Für die Menschheit indes ist es ein großer Schritt. Immer weiter, dem Mars entgegen.

In unserer Reihe Computerweltschöpfer erschien zuletzt ein Porträt von Steve Jobs.

Quelle: F.A.Z.
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