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Das Unglück von Eschede

Kondoliert wird nur bei gültiger Fahrkarte

Von Roman Grafe
 - 16:02
Der Gedenkstein für die Opfer von Eschede Bild: dpa, F.A.Z.

„Ich werde mich im Namen der Bahn bei den Opfern und ihren Angehörigen für das entstandene menschliche Leid entschuldigen“, verkündete Bahnchef Rüdiger Grube in einem Interview mit dieser Zeitung wenige Tage vor dem fünfzehnten Jahrestag des ICE-Unfalls von Eschede am 3. Juni 1998. Eine Bitte um Verzeihung ist das nicht - der Bahnchef führt öffentlich Entschuldigung durch. Das soll heißen: Wir sind unschuldig.

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Ein zerbrochenes Rad hatte das „Flaggschiff der Deutschen Bahn“, das „Wunderwerk der Technik“ zerschellen lassen - 101 Tote, 105 Verletzte, doch niemand will dafür verantwortlich sein. „Hier hat es kein Versagen irgendwelcher Sicherheitseinrichtungen gegeben“, hatte schon ein paar Stunden nach der Katastrophe der damalige Bahn-Vorstand Peter Münchschwander behauptet. „Die Radreifen-Technologie war zugelassen und durfte eingesetzt werden“, hat Bahnchef Grube nun im Interview noch einmal bekräftigt (F.A.Z. vom 25. Mai).

Tatsache ist, dass die gummigefederten Räder 1992 nach deutlich verkürzter Erprobungszeit eingeführt wurden, um den „kommerziellen Erfolg des ICE“ zu sichern. Dabei wusste der Bahnvorstand vom „gewissen Risiko wegen der fehlenden Betriebserfahrung“. Die „laufenden Kontrollen“ der Räder, die der damalige Bahnvorstand Roland Heinisch bei deren Einführung zugesichert hatte, fanden nicht statt. Die Festigkeit der Räder wurde nicht durch regelmäßige Untersuchungen überprüft.

Mit der in den ICE-Betriebswerken München und Hamburg praktizierten Ultraschalluntersuchung ließen sich Risse im Innern der Räder, wo die höchsten Spannungen auftreten, nicht feststellen. Zuletzt hatte bei der Kontrolle des ICE 884 im Münchner Betriebswerk in der Nacht vor dem Unfall ein Disponent am defekten Rad eine Rundlaufabweichung festgestellt, die fast das Doppelte des zulässigen Grenzwerts betrug. Das Rad hätte laut Dienstanweisung zwingend ausgetauscht werden müssen, zumal Zugbegleiter in den Wochen davor achtmal die Flachstelle gemeldet hatten.

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Kein Schuldeingeständnis seitens der Bahn

Ein Polizist der Sonderkommission Eschede berichtete später, bei der Überprüfung der Raddurchmesser am ICE 884 sei in der Zeit vor dem Unfall fast die Hälfte der Messungen offensichtlich unglaubwürdig gewesen. Teilweise hätten die Messgeräte angezeigt, die abgefahrenen Radreifen seien um drei Zentimeter „gewachsen“.

Der Bahnvorstand solle ihn um Verzeihung bitten für den Tod seiner Frau und seiner beiden Kinder im ICE, sagte Erwin Weidmann aus Schwabach. Doch auf ein solches Schuldeingeständnis warten die Hinterbliebenen und Überlebenden seit nunmehr fünfzehn Jahren vergebens. Bei der Bahn entschuldigt man sich für ein paar Minuten Verspätung, nicht aber für 206 Tote und Verletzte. Udo Bauch, der nach dem Unfall mit dreißig Jahren als Schwerbehinderter erwerbsunfähig wurde, sagte, er habe den Eindruck, er solle sich bei der Bahn dafür entschuldigen, im ICE gesessen zu haben.

“Das Verhältnis zu den Hinterbliebenen war lange stark belastet“, erklärte Rüdiger Grube im Interview, obwohl doch die Bahn „weit mehr als dreißig Millionen Euro Entschädigung gezahlt“ habe. Richtig ist, dass die Bahn für jeden Getöteten rund 15 000 Euro Schmerzensgeld gezahlt hat (also 1,5 Millionen Euro insgesamt). Diese Summe bezeichnete Heinrich Löwen, der Sprecher der „Selbsthilfe Eschede“, angesichts des Bahn-Etats als „einen Akt der Geringschätzung“. Otto Ernst Krasney, der vom Bahn-Management als Vermittler eingesetzt worden war, konterte kurz, es werde keinen glücklich machen, durch den Verlust von Frau und Kind zum Millionär zu werden.

Den ehemaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn, der sein Amt anderthalb Jahre nach dem Unglück antrat, erlebte Heinrich Löwen als hart und kalt: „Wenn Sie einen Autounfall haben, können Sie auch nicht zu VW gehen und ein neues Auto verlangen“, belehrte ihn der Spitzenmanager. Das bis 2002 an rund zweihundert Betroffene gezahlte Schmerzensgeld entsprach etwa einem Jahresgehalt Mehdorns. Millionenbeträge zahlte die Bahn an diverse Versicherungen, um Zivilprozesse zu verhindern, in denen das Verschulden des Staatsbetriebes hätte festgestellt werden können.

Warnungen als Panikmache diffamiert

Pünktlich zum fünfzehnten Jahrestag der Bahnkatastrophe von Eschede verbreitet der jetzige Bahnchef Grube, „dass an der Sicherheit der Züge niemand zweifelt“. Beruhigungspropaganda. „Sicherheit ist für uns das oberste Gebot“, lautete Grubes Schlusssatz im Interview mit dieser Zeitung. „Sicherheit hat für die Bahn höchste Priorität“, hatte auch Bahnchef Johannes Ludewig beteuert, als die Trümmer des ICE noch am Unfallort lagen.

Anfang 1999 entgleiste dann bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Hannover ein ICE infolge eines Weichenbruchs, weitere ICE-Unfälle folgten: ein Achsbruch bei 120 Stundenkilometern, ein Beinahe-Frontalzusammenstoß zweier ICEs nach einer Entgleisung, noch eine Entgleisung in einem Tunnel bei Fulda. Im Sommer 2008 brach die Achse eines ICE, der mit Tempo 300 zwischen Frankfurt und Köln unterwegs war. Als das Eisenbahnbundesamt darauf hinwies, dass es beinahe zu einer Katastrophe wie in Eschede gekommen wäre, warf Bahnchef Mehdorn der Aufsichtsbehörde „unverantwortliche Panikmache“ vor.

Rüdiger Grubes „Geste der Menschlichkeit“

Die Bahn habe aus dem Eschede-Unfall gelernt, wird seitdem unermüdlich behauptet. Für die Sicherheit nehme die Bahn „bewusst auch Umsatzeinbußen in Kauf“, versicherte Bahnchef Ludewig ein Jahr nach dem ICE-Desaster. Im Januar 2011 stießen auf einer eingleisigen Strecke in Hordorf, Sachsen-Anhalt, zwei Züge zusammen - zehn Tote, 23 Verletzte. Es stellte sich heraus, dass es die Deutsche Bahn unterlassen hatte, in den zwei Jahrzehnten nach der Vereinigung im Osten Deutschlands flächendeckend die notwendige PZB-Sicherungstechnik (punktförmige Zugbeeinflussung) zu installieren, wie sie im Westen längst normal war. Sicherheit vor Gewinn?

Von einem „Signal der Versöhnung“, sprach Rüdiger Grube nun im Interview, von einer „Geste der Menschlichkeit“, die ihm „sehr am Herzen liegt“, von „Respekt, Wertschätzung und Anteilnahme“. Doch erscheinen solche Worte als Taktik, solange der Kern der Botschaft lautet: Wir haben nichts falsch gemacht, doch entschuldigen wir uns herzlich dafür, obwohl wir schon „Wiedergutmachung geleistet“ haben. Also: Entschädigung, Entschuldigung, Schlussstrich - Weiterfahrt!

Roman Grafe veröffentlichte 2008 ein Hörbuch zum ICE-Unfall von Eschede.

Quelle: F.A.Z.
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