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Kinofilm über Erdogan

„Ich bitte euch, gebt mir den Segen“

Von Karen Krüger
 - 16:24
Siegerpose: Der Schauspieler Reha Beyoglu verkörpert in dem Film „Reis“ den türkischen Präsidenten Erdogan. Bild: dpa, F.A.S.

Eigentlich kann der türkische Staatspräsident sich eine Deutschlandreise sparen, um dafür zu werben, dass künftig alle Macht in der Türkei allein in seinen Händen liegen soll. Das erledigt nämlich schon der Film „Reis“ („Der Anführer“), der seit dieser Woche in der Türkei, aber auch in deutschen Kinos zu sehen ist und auch überall dort anlaufen wird, wo Türken in Europa für die von Erdogan angestrebte Verfassungsänderung stimmen können: In Österreich, Italien, Holland, Belgien, Frankreich, Dänemark.

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Der Film beschreibt die Kindheit Erdogans im Istanbuler Hafenviertel Kasimpaşa, den Aufstieg zum Oberbürgermeister der Stadt 1994 und endet, als Erdogan wegen der Rezitation eines als islamistisch gedeuteten Gedichts kurzzeitig hinter Gitter muss. „Das Volk sieht besser, bewertet besser als wir alle. Ich bitte euch, gebt mir meinen Segen“, sagt der Film-Erdogan, bevor er ins Gefängnis geht. Das Licht im Kinosaal geht an, begleitet von Applaus, und man fragt sich: Wer könnte diesem ach so rechtschaffenen und stets auf der Seite der Schwachen stehenden Erdogan nur jemals seine Stimme verwehren?

Der Film baut auf das Opfergefühl

Das wird zumindest all jenen türkischen Zuschauern schwerfallen, die nur die Erdogan-Lobhudeleien in der türkischen Presse lesen und, weil sie deutsche Medien für gleichgeschaltet halten, die Berichte über den Zerfall des türkischen Rechtsstaats als Merkel-Propaganda abtun. Ein „Nein“ beim Referendum wird auch jenen kaum in den Sinn kommen, deren Angehörige in der Türkei, weil sie aus frommen, ärmeren Schichten stammen, für die kemalistischen Regierungen nichts anderes waren als die Fußabtreter der Nation. Denn auf diesem Opfergefühl, das durchaus auf Tatsachen beruht, baut der Film auf: Zwar geht es in Kasimpaşa rauhbeinig zu, letztendlich haben aber alle Bewohner des von Regisseur Hüdaverdi Yavuz in pittoresken Bildern gezeichneten Viertels das Herz auf dem rechten Fleck.

Es wird in die Moschee gegangen und der Schiedsrichter auf dem Platz schon mal K. o. geschlagen, da er das Fußballspiel beim Ruf des Muezzins zum Gebet nicht unterbrechen will („Bravo!“ im Publikum). Die Frauen tragen fast alle ein Kopftuch, man trinkt Cay und keinen Raki; Alkohol trinkt nur, wer mit dem Bösen, also mit Parteibonzen der regierenden Elite, paktiert. Nach einem Mord, den ein reicher Schnösel zu verantworten hat, bricht es über das Viertel herein. Aber natürlich halten alle zusammen, mittendrin der kleine Tayyip Erdogan.

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Der Imam sieht das „Leuchten“ in seinen Augen

Der Imam sagt von ihm, er habe ein „Leuchten“ in den Augen. Und tatsächlich wandelt Tayyip mit seiner Clique durch Kasimpaşa wie ein kleiner Prophet: Stets freundlich zu allen, respektvoll gegenüber den Eltern, oft betend und eifrig bemüht, die Aufnahmeprüfung auf die Schule zu schaffen, die ihn zum Imam ausbilden soll. Der Film behauptet, der Vater habe seinem Sohn das Fußballspielen aus Sorge um gute Schulnoten verwehrt. In biographischen Schriften über Erdogan heißt es dagegen, den frommen Vater hätten die kurzen Hosen gestört. Dass er den Sohn bisweilen drastisch wegen Fluchen und Ungehorsam bestrafte, bleibt unerwähnt. Dem Film-Tayyip kommt ohnehin niemals ein Schimpfwort über die Lippen. Undenkbar. Niemals.

„Reis“ ist pure Propaganda, geschaffen, um Erdogan, der im Film sagt, der Islam sei in der Lage, „mit allen Pharaonen dieser Welt fertig zu werden“, noch mehr Macht zu ermöglichen. Dass den Film viele Türken bis zum Referendum am 16. April gesehen haben werden, ist absehbar - die Internettrailer wurden vorab mehr als 130 Millionen Mal geklickt. Die Produktionsfirma Kafkasör-Film-Akademie, die ohne Auftrag der türkischen Regierung gehandelt haben will, hat schon jetzt angekündigt, ein zweiter und dritter Teil von „Reis“ werde folgen. Sie sollen jeweils am 26. Februar anlaufen. Für Erdogan-Anhänger kann es kein schöneres Datum geben. Es ist schließlich der Geburtstag ihres „Anführers“.

Quelle: F.A.S.
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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