Debatten
Der Islam und der Westen

Der Kulturkampf wird abgesagt

Von Eren Güvercin
© AP/John Minchillo/dapd, F.A.Z.

Es ist wieder so weit. Die Islamisten greifen nach der Weltherrschaft, schreibt Richard Herzinger in der „Welt“. Die Kulturkämpfer auf beiden Seiten haben seit der Veröffentlichung eines Filmes über den Propheten Mohammed wieder Hochkonjunktur. Eigentlich nichts Neues, schon bei den Mohammed-Karikaturen waren die Scharfmacher hüben wie drüben aktiv.

Der Westen ist erschrocken über die Gewaltausbrüche in der islamischen Welt, aber auch die Mehrheit der Muslime lehnt jegliche Anwendung von Gewalt ab und distanziert sich von diesem Mob. Was aber alle Muslime eint, ist die Ablehnung dieses erniedrigenden und provozierenden Films.

Bundeskanzlerin Angela Merkel merkte an, der religiöse Fanatismus dürfe nicht überhandnehmen. Wie ist es aber mit dem antireligiösen Fanatismus? Für Europa sind nicht etwa die Gewaltexzesse bei den Protesten das eigentlich Interessante, sondern eine andere Seite der Muslime, nämlich ihre Liebe zu ihrem Propheten. Für den westlich-säkularen Menschen mag diese Liebe irrational klingen, aber es kann auch ein durchaus sympathisches Korrektiv sein in einer Welt, die von kalten Systemen geprägt ist.

Von politischen Brandreden bestimmt

Die in Europa geborenen Muslime fühlen sich als Europäer, und auch sie lieben ihren Propheten. Der Kampf der Kulturen, der jetzt wieder von vielen heraufbeschworen wird, macht nach wie vor keinen Sinn. Auch wenn es in Europa Akteure gibt, welche die Zugehörigkeit des Islams zu Europa anzweifeln oder leugnen. Das erinnert uns Europäer an ungute Zeiten des europäischen Rassismus, der schon überwunden zu sein schien.

Uns europäischen Muslimen ist jegliche Form von Freund-Feind-Denken wesensfremd, daher scheint es den ideologischen Gegnern des Islams wichtig zu sein, die Trennlinie zwischen einer islamisch-traditionellen Lebenspraxis und einem islamischen Modernismus im Sinne einer ideologischen Parteiung aufzulösen. Denn der islamische Modernismus, der verschieden gewalttätige Organisationen geprägt hat, lebt durch dieses Freund-Feind-Denken. In der Debatte um den politischen Islam geht unter, dass sich insbesondere Muslime kritisch und wehrhaft mit den Ideologen aus dem eigenen Lager auseinandersetzen.

Wie der französische Soziologe und Politikwissenschaftler Gilles Kepel herausarbeitete, stellt die unheilvolle Reduktion des Islams auf eine politische Bewegung ein sehr junges Phänomen dar. Die Konfrontation mit einem wirtschaftlich und militärisch übermächtigen Westen führte ab dem 19.Jahrhundert dazu, dass sich in der islamischen Welt Ideologien bildeten, die den westlichen Ideologien ebenbürtig waren. Mit dieser Konfrontation entstanden als muslimische Reaktion eigene ideologische Strömungen, und der Islam wurde nun von politischen Brandreden gegen den Feind bestimmt.

Eine kranke Mischform

Wenn man sich Chefideologen und Vordenker wie Sayyid Qutb oder Maududi anschaut, auf die sich heutige Islamisten jeglicher Coleur berufen, so waren diese keine klassischen islamischen Gelehrten, sondern Journalisten, Naturwissenschaftler oder Ingenieure. Auch heute sind die führenden Köpfe ideologisierter Muslime oft Ingenieure und Naturwissenschaftler ohne eine theologische Kompetenz. Sie treten mit einen naturwissenschaftlich-technischen Denken an den Islam heran und bedienen sich aus dem Koran wie aus einem Werkzeugkasten.

Der moderne Islamismus wird deswegen zum Problem, weil er eine kranke Mischform zwischen westlich-politischem Denken und Islam darstellt. Der französische Islamwissenschaftler Olivier Roy betont zu Recht, dass der Modus operandi und die Organisationsform von Al Qaida etwa, das zentrale Feindbild des amerikanischen Imperialismus, wie auch die auf junge, im Westen ausgebildete Muslime und auf Konvertiten ausgerichtete Rekrutierungspraxis darauf hinwiesen, dass Al Qaida nicht etwa ein Ausdruck eines traditionellen, ja nicht einmal eines fundamentalistischen Islams sei. Es sei vielmehr eine neue Auffassung des Islams im Kleid westlicher, revolutionärer Ideologien.

Zeit, zu agieren

Der lautstarke Mob, der westliche Botschaften niederbrennt, ist genau von dieser Ideologie geprägt, nämlich von einer Ideologie, die durch das „Islam gegen den Westen“-Konzept geprägt ist. Dschamal ad-Din al-Afghani, der als Vordenker der Salafisten gilt, hat diese grundlegende Idee des Islamismus geprägt, dass lokale Missstände und Kämpfe in Gesellschaften, die so verschieden sind wie Algerien und Indien, alle in Wirklichkeit Teil eines großen Kampfes zwischen zwei Mächten seien - dem Islam und dem Westen. Mit der Ausgestaltung dieser Idee legte er die Grundlage für den apokalyptischen Millenarismus, der die politischen islamistischen Bewegungen umtreibt.

Die Muslime in Europa sind angehalten, sich nicht unbewusst dieses Freund-Feind-Denken der Kulturkämpfer unterjubeln zu lassen. Vielmehr müssen wir uns als Muslime in Europa die Frage stellen, was wir der ganzen Gesellschaft anzubieten haben. Statt nur auf Entwicklungen von außen zu reagieren, ist es an der Zeit, zu agieren und einen Beitrag zu leisten für gesamtgesellschaftliche Probleme. Gerade in Zeiten der heftigsten Finanzkrise haben Muslime die Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten, jenseits von Religionsunterricht und Kopftuch. Gerade der traditionelle Islam bietet Ansätze, um die Schere zwischen Arm und Reich zu verkleinern. Die Solidarität zu den Armen in Form der Zakat (Armenabgabe) - eine der fünf Säulen des Islam - ist nur ein Beispiel.

Die geopolitische Lage der Erde wandelt sich rasant. Die alten Feindbilder sind längst passé, es ist nicht mehr „Amerika“ oder „der Westen“ gegen den „Islam“. Das müssen wir den Kulturkämpfern auf beiden Seiten immer wieder klarmachen.

Eren Güvercin ist freier Journalist und Autor. Im April erschien im Herder Verlag sein Buch „Neo-Moslems. Porträt einer deutschen Generation“.

Quelle: F.A.Z.
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