Sharing Economy und Europa

Die Vorteile der Nachzügler

Von Shoshana Zuboff
 - 18:13

Sind Deutschland und Europa im Blick auf digitale Zersetzung - „Zersetzung“ hier verstanden als zerstörerische Durchdringung aller Lebensbereiche - hinter dem Mond? Unlängst sagte Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, gegenüber der „Financial Times“: „Uber ist keine revolutionäre Technologie, sondern ein neues Geschäftsmodell. Und darin sind wir noch nicht gut genug. Dort sehe ich die größten Gefahren.“ Auch die Europäische Kommission spricht gerne von der Notwendigkeit größerer digitaler Zersetzung in Europa. Hat Volkmar Denner recht? Sollten Deutschland und Europa das Uber-Modell nachahmen? Wird dieses Modell Wirtschaftsgeschichte schreiben? Wird es den Wohlstand unserer Gesellschaften mehren? Wird es sie demokratischer machen?

(English version: „Disruption's Tragic Flaw“ by Shoshana Zuboff)

Was sagt die amerikanische Erfahrung zu diesen Fragen? Betrachten wir zunächst einmal die treibenden Kräfte hinter der digitalen Zersetzung. An erster Stelle wären da fundamentale Veränderungen im Konsum zu nennen, die eine Verschiebung von der Masse hin zum Einzelnen signalisieren. Wir leben in einer neuen Gesellschaft von Individuen, deren Bedürfnisse und Forderungen jahrzehntelang enttäuscht wurden.

Das ist kein bloßer Kohorteneffekt. Heute erwarten die meisten von uns psychologische Selbstbestimmung - das Gefühl, dass wir uns selbst hervorbringen. Generationenübergreifend sind wir der Überzeugung, dass wir unser Leben selbst gestalten: das Familienleben, das Arbeitsleben, Glaube, Sexualität, Gemeinschaft, was wir essen, wie wir uns kleiden - die Liste ist lang. Wir gehen nicht mehr schlichtweg davon aus, diese Dinge wären durch Tradition oder Konvention vorgegeben. Wenn diese Erwartungen sich als falsch erweisen, fühlen wir uns schlecht. Wir sehnen uns nach vertrauenswürdigen Zugängen zu diesen Ressourcen, werden in aller Regel jedoch enttäuscht.

Eine zweite treibende Kraft ist der gesamte Komplex neuer digitaler Möglichkeiten. Nur diese Technologien vermögen letztlich neue Marktformen hervorzubringen, die es dem Einzelnen erlauben, seine Bedürfnisse zu einem erschwinglichen Preis zu befriedigen.

Drittens suchen die meisten Menschen einen passenden Zugang zu den Ressourcen, die sie für ihr Leben benötigen. In Amerika führen heute viele ein äußerst aufreibendes, hektisches Leben. Familien mit zwei Einkommen sind die Regel. Die meisten Familien haben Probleme mit der Ausbildung ihrer Kinder, der Gesundheitsversorgung und der Sicherheit ihrer Arbeitsplätze.

Die vierte treibende Kraft ist die Notwendigkeit, angesichts stagnierender Einkommen und einer Beschränkung der Konsumentenkredite nach erschwinglichen Möglichkeiten zu suchen. Die Reallöhne der amerikanischen Arbeiter sind seit 1979 niedrig. Ein beträchtlicher Rückgang des gewerkschaftlichen Organisationsgrads, die Auslagerung der Produktion im Rahmen der Globalisierung und die Verringerung des Anteils der Arbeitseinkommen sind Faktoren, die zu dieser Stagnation beigetragen haben.

Fünftens gibt es ein auf Abruf verfügbares Arbeitskräftepotential. In Amerika sind 37 Prozent der arbeitenden Bevölkerung, also 92 Millionen Menschen, ohne dauerhafte Beschäftigung und scheinen die Suche nach Vollzeitjobs aufgegeben zu haben. Daneben gibt es viele andere, die von einem einzigen Job nicht leben können.

Das Credo der digitalen Zersetzung kommt unter der Fahne der von dem österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter (1883 bis 1950) so genannten schöpferischen Zerstörung daher. Die Zerstörungsrhetorik dient zur Rechtfertigung einer Geschichtstheorie nach dem Muster der „Jungen und ihres Spielzeugs“ - als ginge es im Kapitalismus immer nur darum, die Dinge durch neue Technologien in die Luft zu jagen. Schumpeters Analyse war jedoch weitaus nuancierter, als die aktuelle Rhetorik glauben macht. Was sagte Schumpeter tatsächlich über diesen Prozess?

Zunächst einmal betonte er, dass der Kapitalismus als ein „evolutionärer“ Prozess verstanden werden muss. Er ist nicht stets dasselbe. Außerdem erklärte Schumpeter, dass nur bestimmte Veränderungen im Kapitalismus evolutionäre Bedeutung erlangen. Diese seltenen Ereignisse nannte er „Mutationen“. Mutationen sind keine zufälligen oder zeitweiligen Reaktionen auf Ereignisse. Vielmehr sind sie dauerhafte, nachhaltige, qualitative Veränderungen in Logik, Verständnis und Praxis des kapitalistischen Unternehmens.

Ist Uber ein Vorbild?

Wie kommt es zu solchen Mutationen? Schumpeter behauptete, diese Entwicklung werde in erster Linie von neuen Konsumbedürfnissen ausgelöst, in Verbindung mit den neuen institutionellen Formen, die erfunden werden müssen, um diese Bedürfnisse zuverlässig zu befriedigen. Er schrieb: „Der fundamentale Antrieb, der den kapitalistischen Motor in Bewegung hält, kommt von den neuen Konsumgütern, den neuen Produktions- und Transportmethoden, den neuen Märkten, den neuen Formen der industriellen Organisation, die das kapitalistische Unternehmen hervorbringt.“ Als Beispiel verweist Schumpeter auf „die organisatorische Entwicklung vom Handwerksbetrieb und der Fabrik zu solchen Konzernen wie dem US Steel“.

Diese Vorstellungen unterstreichen einen weiteren wichtigen Punkt: Zu Mutationen gehören neue Formen der Institutionalisierung sozialer Beziehungen, die im Einklang mit den neuen Bedürfnissen der Verbraucher stehen. An Schumpeters Beispiel illustriert: US Steel war eine revolutionäre Form der Massenproduktion, die den neuen Erfordernissen des Massenkonsums gerecht werden sollte. Das Unternehmen arbeitete mit neuen Formen der Arbeitsorganisation und mit neuen sozialen Formen, die über Gewerkschaften und Tarifverträge sowie über interne Arbeitsmärkte, Karriereleitern, Arbeitsplatzsicherheit, Ausbildung, Personalentwicklung und anderes einen fairen Umgang mit den Beschäftigten gewährleisten sollten.

Auf diesen sozialen Erfindungsreichtum und die zugehörige Institutionalisierung kommt es an. Dem entspricht die Betonung zweier Prozesse durch Schumpeter. Der Kapitalismus, so schrieb er, „erschafft und zerstört“. Im Gegensatz zur Rhetorik der beschleunigten Innovation behauptete Schumpeter außerdem, dass jede echte Mutation Zeit benötige. Und Geduld. Wir haben es mit einem Prozess zu tun, schrieb er, in „dem jedes Element beträchtlich Zeit braucht, um seine wahren Eigenschaften und seine endgültigen Wirkungen zu enthüllen. Wir müssen seine Leistung über eine längere Zeitspanne hin beurteilen, wie sie sich während Jahrzehnten oder Jahrhunderten entfaltet.“

Eines ist klar: Nicht jede digitale Zersetzung, nicht jedes digitale Geschäftsmodell ist eine Mutation. Der Status der „Mutation“ ist durch eine hohe Schwelle gekennzeichnet, die durch eine ernsthafte, in neue Konsumanforderungen eingebettete Erfindung neuer institutioneller Formen mit der Zeit überschritten werden muss. Mutationen verändern den Charakter des Kapitalismus grundlegend, indem sie ihn noch radikaler auf diejenigen ausrichten, denen er angeblich dient. Diese Vorstellung ist nicht annähernd so sexy oder explosiv, wie der Ansatz der „Jungen und ihres Spielzeugs“ uns glauben macht; aber nur so lässt sich die Uhr der Wirtschaftsgeschichte weiterdrehen.

Ist Uber eine Mutation? Entspricht das Unternehmen den von Schumpeter gesetzten Maßstäben? Sollte Uber ein Vorbild für Deutschland und Europa sein? Zunächst einmal ist festzustellen, dass Uber zu einer Gruppe neuer Firmen gehört, die die Zersetzung auf die nächsthöhere Ebene gehoben haben. Die erste Runde der Zersetzer, zu denen Apples iPod und iTunes gehörten, umging alte industrielle Strukturen, um digitale Güter und Dienstleistungen direkt an individuelle Konsumenten zu verkaufen. Der Weg, den iPod und iTunes einschlugen, war ein Modell für die erste Welle digitaler Zersetzung. Uber steht für eine wichtige zweite Welle. Das Unternehmen umgeht alte industrielle Strukturen, um materielle Güter und Dienstleistungen direkt an individuelle Kunden zu verkaufen. Das ist so bedeutsam, weil die beiden wichtigsten Sektoren, die einer Mutation bedürfen, das Gesundheits- und das Bildungswesen sind, die zusammen zwanzig Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts ausmachen. In beiden Fällen erfordert der direkte Verkauf von Gesundheits- und Bildungsleistungen an individuelle Konsumenten neue Formen der Organisation von Menschen und materiellen Gütern und nicht nur von digitalisierter Information. Das heißt, dass in dieser zweiten Welle viel auf dem Spiel steht.

Beiden Wellen gemeinsam ist die Verlagerung von der Masse hin zum Individuum. Das legt den Gedanken nahe, dass es in unserer Zeit zur grundlegenden Logik der Mutation gehört, die individuellen Konsumenten mit den Qualitätsgütern, Dienstleistungen, Erfahrungen und Fähigkeiten zu versorgen, die sie haben wollen, und zwar, wann sie dies wollen, wie sie es wollen, wo sie es wollen, all das zu erschwinglichen Preisen. Für solch eine Neuausrichtung am Individuum bedarf es unbedingt einer Vertrauensbeziehung. Sie erfordert einen neuen Gesellschaftsvertrag, der auf dem Versprechen basiert, für die wahren Interessen der Verbraucher einzutreten und sich an ihnen auszurichten. Wie Schumpeter dies ausdrückte, sind die neuen Konsumbedürfnisse disziplinierende Leitlinien.

Das Uber-Modell hat zwar Potential, aber das Handeln des Unternehmens steckt voller Widersprüche. In vielen Städten und Ländern wird Uber vorgeworfen, den neuen Konsumbedürfnissen nicht zu entsprechen. So wurde in Indien ein Uber-Fahrer beschuldigt, einen weiblichen Fahrgast vergewaltigt zu haben. Das führte zu einem Proteststurm, in dessen Gefolge Uber in Neu-Delhi verboten wurde, weil das Unternehmen die Fahrer nicht ausreichend überprüfe. Solch eine Überprüfung müsste sicherstellen, dass die Qualifikation der Fahrer den Anforderungen der Fahrgäste entspricht - vor allem ihrem Bedürfnis nach Sicherheit. In vielen Städten und Ländern stößt Uber im Blick auf die Überprüfung und Zulassung der Fahrer auf Widerstand, dazu gehören Deutschland, die Philippinen, Südkorea, Spanien, Australien, Belgien, Großbritannien, Kanada, Thailand, die Niederlande, Portland, Oregon, San Francisco, London und Los Angeles. Ein Teil dieses Widerstands geht natürlich auf Vertreter etablierter Interessen zurück, die ihr Revier verteidigen. Aber man kann die echte Besorgnis hinsichtlich der Qualität und der Zulassung von Fahrern unmöglich allein als die sprichwörtlichen sauren Trauben einiger Oligopole abtun. Die mangelnde Institutionalisierung grundlegender Verbraucherinteressen verstößt gegen Schumpeters evolutionäres Erfordernis der Ausrichtung an den Bedürfnissen der Konsumenten.

Zersetzung ohne Disziplin

Wegen des Fehlens eines schöpferischen, an den Konsumenten orientierten Aufbaus von Institutionen bleibt Uber anfällig für eine Vielzahl weiterer Verstöße gegen den impliziten Gesellschaftsvertrag. Das ist die systematische Quelle der Skandale, zu denen es in den vergangenen Monaten bei Uber gekommen ist. Eine kurze Erinnerung: Es wurde behauptet, dass Uber gelegentlich seine eigenen Datenschutzbestimmungen verletzt, indem es die Fahrten von Kunden verfolgt und sogar gleichsam als soziale Unterhaltung öffentlich sichtbar macht.

Andere Berichte zeigen, wie leicht Beschäftigte des Unternehmens sich Zugang zu privaten Kundendaten und Bewegungen verschaffen können. Ein Uber-Manager benutzte die in Echtzeit arbeitende „God View“-App, um die Bewegungen einer Journalistin ohne deren Erlaubnis zu verfolgen. Ein anderer Manager machte den Vorschlag, „Oppositionsforschung“ zu betreiben und Journalisten zum Schweigen zu bringen, die negative Artikel über das Unternehmen schreiben. Angeblich versuchte Uber, das Konkurrenzunternehmen Lyft durch eine mit „schmutzigen Tricks“ arbeitende Kampagne in ein schlechtes Licht zu rücken.

Diese Berichte vereinigen sich zum Bild eines Unternehmens, das sich keinerlei Rücksicht auf die für den Weg zu einer Mutation unerlässliche Disziplin auferlegt. Wie es scheint, verhält sich Uber im besten Fall gleichgültig und im schlimmsten Fall verächtlich gegenüber seinen Kunden. Ein Experte für Cybersicherheit rät den Kunden von Uber, ihren wirklichen Zielort zu verschleiern, indem sie eine nahe gelegene Adresse als Ziel angeben.

Eine ähnliche Kritik gilt den Arbeitsbedingungen bei Uber und stellt die Fairness dieses Modells grundsätzlich in Frage. Uber-Fahrer sind Eigentümer ihres physischen Kapitals (Fahrzeuge, Erhaltungsaufwand, Benzin), aber das Unternehmen setzt einseitig die Fahrpreise und sonstigen Bedingungen einschließlich des Anspruchs auf die einzelnen Fahrten fest.

Uber-Fahrer beklagen sich, ebenso wie andere auf Abruf Arbeitende, immer häufiger über den Anspruch solcher Unternehmen, außerhalb der Gesetze zum Mindestlohn, zum Diskriminierungsverbot, zur Versicherungspflicht und zum Recht auf gewerkschaftliche Organisation zu agieren. Die Firmen haben kaum Verpflichtungen, während die Mitarbeiter nahezu alle Risiken übernehmen. In einem Artikel des „Wall Street Journal“ meinte ein Betroffener: „Wir sind keine Roboter. Wir sind keine Fernbedienung. Wir sind Menschen.“ Ein im selben Artikel zitierter Uber-Konkurrent lobte die Gleichgültigkeit des Unternehmens gegenüber den Gesetzen: „Sie denken gar nicht daran, sich Gesetzen zu beugen, die sie für schlecht halten.“

Mir scheint, trotz der ganzen Zersetzungsrhetorik zeugen diese Uber-Praktiken eher von Kontinuität als von Wandel. Sie übernehmen die alte Logik des neoliberalen Paradigmas, das jede besondere Bindung an Menschen und Orte ausdrücklich ablehnt. Sie greifen sogar eine noch ältere fordistische Logik auf, die Menschen als austauschbare Teile in einer standardisierten und anonymen Welt behandelt. Die mangelnde Institutionalisierung auf der Beschäftigtenseite verstößt auch gegen die Interessen der Endverbraucher. Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Wir wissen nur zu gut, dass in Dienstleistungsbereichen mit direktem Kundenkontakt ausgebeutete, unsichere und überlastete Beschäftigte kaum im Sinne der Kundeninteressen arbeiten, da ihre Motivation und ihre Anreize sie zur geringstmöglichen Anstrengung tendieren lassen.

Meines Erachtens zeigt sich bei Uber und ähnlichen Unternehmen eine tragische Schwäche: Zersetzung ohne Disziplin. Zersetzung ohne die für den systemischen Zusammenhalt erforderliche und für Vertrauen unerlässliche Institutionalisierung. Halb Mutation, halb Wiederholung; halb Interessenvertretung, halb Verachtung; halb Zukunft, halb Vergangenheit. Die für Uber typische opportunistische Zersetzung erreicht nicht das Niveau der von Schumpeter formulierten Maßstäbe, um die Entwicklungsuhr des Kapitalismus weiterrücken zu lassen.

Eine Chance für Europa

Bisher hat der Investitionsprozess diese tragische Schwäche ermöglicht und zugleich davon profitiert. Selbst als die Verstöße des Unternehmens gegen die Datenschutzbestimmungen Anfang Dezember 2014 bekanntwurden, konnte Uber dank seiner Gewinne und angeblicher Wachstumsraten von vierzig Prozent weitere 1,2 Milliarden Dollar Venture-Kapital einstreichen und seinen Marktwert auf 41 Milliarden Dollar steigern - laut „Wall Street Journal“ die höchste Bewertung, „die ein privates, von Venture-Kapitalisten getragenes Startup-Unternehmen jemals erhalten hat“. Einen Monat später, im Januar 2015, erhielt Uber von Goldman Sachs weiteres Kapital in Höhe von 1,6 Milliarden Dollar.

Uber und ähnlich zersetzende Unternehmen bilden angeblich die Korrektur, die Lösung. In Wirklichkeit scheinen sie allenfalls den jahrzehntelangen Trend zur Entleerung des Unternehmens von allem Menschlichen fortzusetzen, während Manager und Investoren den Anteil der Arbeit an sich reißen. Das Tragische für ein Unternehmen wie Uber liegt darin, dass es Gefahr läuft, der „Justin Bieber“ der Zersetzung zu werden - jung, frech und derart verwöhnt, dass es keinen Anreiz hat, zu der bahnbrechenden Mutation heranzureifen, die Anspruch auf Größe hätte.

Die Tragödie ist jedoch nicht auf Uber beschränkt. Sie trifft uns alle. In der ganzen Welt dürsten die Menschen nach echten Mutationen, die vertrauenswürdige, mit den echten Interessen von Individuen übereinstimmende Unternehmensformen hervorbringen. Nach dem Edelman Global Trust Barometer 2015 haben zwei Drittel der Befragten in allen Ländern das Gefühl, dass die Veränderungen in der Wirtschaft zu schnell erfolgen. Und, schlimmer noch, 54 Prozent sagen, das Wachstum des Unternehmens oder Gier der eigentliche Antrieb für Innovation seien - nur halb so viele sind der Ansicht, hinter Innovationen stünde der Wunsch, die Welt oder das Leben der Menschen zu verbessern.

Schumpeter hielt das moderne Unternehmen für besonders verwundbar, weil es immer größere Distanz, Anonymität und Gleichgültigkeit hervorbringe. In seiner Zeit machte er sich Sorgen, der Übergang vom Privat- zum Aktienbesitz werde das moralische Zentrum des Unternehmens zerstören. „Ein Eigentum, das von Person und Materie gelöst und ohne Funktion ist, macht keinen Eindruck und erzeugt keine moralische Treuepflicht, wie es die lebenskräftige Form des Eigentums einst tat. Zuletzt bleibt niemand mehr übrig, der sich wirklich dafür einsetzen will.“

In unserer Zeit reduzieren die Abstraktionen des „God View“ die Menschen auf digitales Kapital und sorgen dafür, dass Unternehmen wie Uber denselben Schaden erleiden: niemand drinnen und niemand draußen.

Europa kann mehr, als dem von Silicom Valley inspirierten Drehbuch zu folgen, in dem trotz so erheblicher Zersetzung die Prinzipien neoliberaler Gleichgültigkeit und deren Folgen nicht wirklich aufgelöst wurden. Stattdessen kann Europa die Vorteile des Nachzüglers nutzen, nämlich von den Defiziten der sogenannten Zersetzer und ihren tragischen Schwächen lernen. So entstehen gegenwärtig in Amerika neue soziale Institutionen, welche die von der fehlenden institutionellen Kreativität und Disziplin der Zersetzer hinterlassenen Lücken füllen sollen. Das Drivers Network will Fahrer verschiedener Fahrdienste organisieren, um fairere und demokratischere Geschäftspraktiken zu gewährleisten. Eine andere Organisation, peers.org, ist eine Online-Community, die Teilnehmer an der Sharing-Economy unterstützen will. Gruppen wie 15 Now, Jobs with Justice und Fight for 15 setzen sich für den Schutz der Mindestlohnbestimmungen bei auf Abruf Arbeitenden ein.

Solcher schöpferischer Sachwalter bedarf es, um die innovativen Regulierungen des 21. Jahrhunderts hervorzubringen, die dazu beitragen, unreife „Zersetzung“ in die Disziplin eines neuen Gesellschaftsvertrags zu zwingen. Es mag manchem paradox erscheinen, doch die gesunde prosperierende Entwicklung des Kapitalismus, samt den Bedürfnissen der Dienstleister wie ihrer Kunden, hängt von dieser Disziplin ab. Interessenorientierter Kapitalismus bedarf der wechselseitigen Rechte und Pflichten, die lange mit starken Marktdemokratien assoziiert wurden. Wenn die Zukunftsaussichten des Kapitalismus und der Demokratie wieder zusammenfallen sollen, müssen sie einander auf diesem Gebiet treffen.

Echte Mutationen heben den Wohlstand auf ein historisch neues Niveau, und das nicht nur für Investoren und Manager, sondern für die gesamte Gesellschaft, in der sie florieren. Auf dem Gebiet der digitalen Zersetzung kann Europa es besser machen. Europa kann die Neue Welt sein.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Shoshana Zuboff ist emeritierte Edward-Wilson-Professorin für Business Administration an der Harvard Business School und Faculty Associate an der Harvard Law School. 1988 erschien ihr Standardwerk zur Informationstechnolgie, „In the Age of the Smart Machine: The Future of Work and Power“.

Quelle: F.A.Z.
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