Die Google-Gefahr

Schürfrechte am Leben

Von Shoshana Zuboff
 - 12:27
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Erinnern Sie sich an die Fabel von den Fröschen, die glücklich in ihrem Märchenteich planschen? Fröhlich. Abgelenkt. Die Temperatur des Wassers steigt langsam an, aber die Frösche bemerken es nicht. Als das Wasser den Siedepunkt erreicht, ist es zu spät, um ans rettende Ufer zu springen. Wir sind die Frösche in den digitalen Gewässern, und Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, warnte kürzlich in einem offenen Brief an den Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt (als Antwort auf dessen Artikel „Die Chancen des Wachstums“) vor der drohenden Gefahr: „Die Temperaturen steigen rasch.“ Falls dieser Alarmruf Sie beunruhigt, ist das gut. Die Gefahr, die er beschreibt, ist nicht auf die Verlagsindustrie beschränkt. Sie hat radikale Konsequenzen für alle anderen Industrien, Gesellschaften und Bürger. Warum?

(Unabridged English version: Dark Google by Shoshana Zuboff)

Erstens, weil uns dämmert, dass Google dabei ist, ein neues Reich zu errichten, dessen Stärke auf einer ganz anderen Art von Macht basiert – allgegenwärtig, verborgen und keiner Rechenschaft pflichtig. Falls das gelingt, wird die Macht dieses Reiches alles übertreffen, was die Welt bisher gesehen hat. Das Wasser ist nahe am Siedepunkt, weil Google diese Feststellung weitaus besser versteht als wir.

„Vertrauen Sie mir. Ich weiß es am besten“

Zweitens, weil der Zugang zum Web und dem übrigen Internet heute in weiten Teilen der Welt eine wesentliche Voraussetzung für eine effektive Beteiligung am sozialen Leben darstellt. Nach einer 2010 durchgeführten Meinungsumfrage der BBC hielten 79 Prozent der in 26 Ländern Befragten den Zugang zum Internet für ein fundamentales Menschenrecht. Wir sind heute für unsere Suchanfragen, unser Lernen, die Herstellung von Verbindungen, die Kommunikation und für unsere Transaktionen auf Google angewiesen. Die erschreckende Ironie liegt darin, dass wir das Internet für unser Leben brauchen, aber die Tools, die wir dort benutzen, drohen die Gesellschaft in einer Weise zu verändern, die wir nicht verstehen und für die wir uns nicht selbst entschieden haben.

Wenn man Google mit einem Wort beschreiben könnte, dann mit dem Ausdruck „absolut“. Das Lexikon definiert „Absolutismus“ als ein System, in dem „die herrschende Macht keiner geregelten Kontrolle durch irgendeine andere Instanz unterworfen ist“. Im Alltagsleben ist Absolutismus eine moralische Einstellung, in der Werte und Prinzipien als unangreifbar und universell angesehen werden.

Vor sechs Jahren fragte ich Eric Schmidt einmal, welche Unternehmensinnovationen Google einsetze, um sicherzustellen, dass seine Interessen mit denen der Endnutzer übereinstimmten. Wäre Google bereit, deren Vertrauen zu missbrauchen? Die Antwort, die er mir damals gab, setzte mich in Erstaunen. Er und die Mitbegründer von Google hielten die Mehrheit der (stimmberechtigten) Stammaktien. So könnten sie Entscheidungen treffen, ohne auf den kurzfristigen Druck der Wall Street Rücksicht zu nehmen.

Was er nicht sagte: Natürlich befreite sie das auch von jeglichem anderem Einfluss. Man kämpfte nicht für die Schaffung eines transparenten Governance-Systems oder vertrauenswürdiger Feedback-Verfahren. Schmidts Antwort klang stattdessen wie der Inbegriff von Absolutismus: „Vertraut mir. Ich weiß es am besten.“ In diesem Augenblick war mir klar, dass ich da etwas Neues und Gefährliches vor mir hatte, dessen Auswirkungen weit über den ökonomischen Bereich hinaus- und tief ins alltägliche Leben hineinreichten.

Google fragt nicht nach Erlaubnis

Eric Schmidts Artikel in der F.A.Z., der in Wahrheit ein Sendschreiben an die Europäer ist, zeigt Anzeichen solch eines Absolutismus. Demokratische Kontrolle wird als „plumpe Regulierung“ abgetan. Die Ausdrücke „Internet“, „Web“ und „Google“ werden verwendet, als wären sie austauschbar und als stünden die Interessen von Google für das gesamte Web und das Internet. Das ist ein Taschenspielertrick, der von den wirklichen Problemen ablenken soll.

Schmidt warnt, wenn die EU den Praktiken von Google entgegentrete, könne daraus „ein schwerer Rückschlag für die Innovationskraft in Europa“ resultieren. Genau das Gegenteil dürfte zutreffen. Gerade wegen Googles genialer Fähigkeiten in der Wissenschaft der Überwachung, wegen der Unverfrorenheit, mit der das Unternehmen die Nutzer enteignet und sich deren Datenschutzrechte selbst aneignet, und wegen des aggressiven Vorgehens der NSA verlieren die Menschen das Vertrauen in das gesamte digitale Medium. Und erst dieser Vertrauensverlust droht die Innovation abzuwürgen.

Um dieses Dilemma besser zu verstehen, wollen wir uns noch einmal anschauen, wie wir dahin geraten sind, vor welchen Bedrohungen wir stehen und was in der Zukunft auf dem Spiel steht.

In seinem umfangreichen Essay „Über die Einsamkeit der Sterbenden“ schrieb der Soziologe Norbert Elias, die „Sterbesituation“ sei „in unseren Tagen weitgehend ungeformt, ein weißer Fleck auf der sozialen Landkarte“. Zu solchen „weißen Flecken“ kommt es, wenn frühere Bedeutungen und Praktiken nicht mehr funktionieren, aber noch keine neuen an ihre Stelle getreten sind. Google konnte deshalb so rasch zu einer Macht aufsteigen, weil es in solch einen weißen Fleck vorstieß und ihn sehr schnell kolonisierte, ohne dabei auf Widerstand zu stoßen. Google fragte nicht um Erlaubnis, suchte keinen Konsens, bat niemanden um seine Meinung und machte nicht einmal deutlich, nach welchen Regeln und Vorschriften man verfuhr. Wie konnte das geschehen?

Nutzerdaten als Währung im Anzeigen-Geschäft

Am Anfang standen veränderte Ansprüche. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts brachten größere Bildung und komplexe soziale Erfahrungen eine neue Art von Individuum hervor. Immer mehr Menschen, die nicht länger mit der Masse konform gehen wollten, suchten nach eigenständigen Wegen zur Selbstbestimmung. Die Menschen wollten soziale Erfahrungen neu erfinden. Sie wünschten sich Informationen nach ihren eigenen Bedürfnissen, frei von der Kontrolle durch alte Normen, berufliche Festungen und Geschäftsmodelle.

Die Entstehung des Internets eröffnete einen neuen Weg. Als Browser und Suchmaschinen aufkamen, drängten die neuen Individuen mit ihrem aufgestauten Bedürfnis nach echtem Ausdruck und einer Verbindung mit anderen ins Web. Der Zugang zu Information und die Kommunikation konnten alte Grenzen umgehen und an jedes Bedürfnis angepasst werden. Dies war ein neuer „vernetzter öffentlicher Raum“, wie der Rechtswissenschaftler Yochai Benkler ihn nannte. Und man blickte nicht zurück.

Google und andere Unternehmen drängten gleichfalls rasch in den neuen Raum, und eine Zeitlang schien es, als hielten sie sich an die öffentlichen Erwartungen des Vertrauens, der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Respekts. Doch mit wachsendem Profitdruck wechselten Google, Facebook und andere zu einem werbefinanzierten Modell, das die verdeckte Erhebung von Nutzerdaten als Währung für den Verkauf von Anzeigen erforderte. Die Profite stellten sich auch bald ein und motivierten zu einer immer skrupelloseren Datensammlung. Die neue Wissenschaft des Data-Mining explodierte, zum Teil angetrieben von Googles spektakulärem Erfolg.

Neue Operationslogik

Dann begann sich die gesamte Topographie des Cyberspace zu verändern. Google und Facebook kehrten dem Ethos des öffentlichen Web den Rücken, hielten aber sorgfältig an dessen Rhetorik fest. In einem Bereich, der bis dahin ein weißer Fleck gewesen war, entwickelten sie eine neue Operationslogik. Die neue Zone hatte keine Ähnlichkeit mehr mit der herkömmlichen Geschäftswelt, folgte aber auch nicht den Normen des offenen Web.

Das verwirrte die Nutzer und lenkte sie zugleich ab. Tatsächlich entwickelten die Unternehmen eine gänzlich neue Geschäftslogik, in der sie Elemente des überkommenen Kapitalismus, insbesondere die antagonistische Stellung gegenüber den Endverbrauchern, mit Elementen aus der neuen Internetwelt, vor allem deren Intimität, mischten. Das Ergebnis war eine neue geschäftliche Logik, die auf versteckter Überwachung basiert. Die meisten Menschen bemerkten gar nicht, dass sie und ihre Freunde nun ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung in ihren Aktivitäten verfolgt, analysiert und ausgekundschaftet wurden.

Ein stetiger Strom von Ausbrüchen aus der neuen Zone zeugt von der neuen Operationslogik. So sind gegen Google mehrere Gerichtsverfahren wegen des heimlichen Scannens der gesamten Mails bei Gmail einschließlich solcher von Mailkonten anderer Anbieter anhängig. 2010 versuchte das Unternehmen noch, die Scanpraxis zu leugnen, und gestand das volle Ausmaß erst nach vier Jahren öffentlicher Proteste ein. In einem „potentiell explosiven“ Verfahren räumte das Unternehmen ein, dass es einseitig Millionen von Mails scannt, die von den 30 Millionen studentischen Nutzern seiner Apps-for-Education-Tools gesendet oder empfangen werden. 2012 sorgte Google für weitere heftige Proteste und Klagen, als es ankündigte, es werde ohne jede Zustimmung nutzerbezogene Daten aus all seinen Diensten zusammenführen. Es gibt noch viele andere Beispiele, das Electronic Privacy and Information Center hat vieles dokumentiert.

Wachstum und Erfolg in der „neuen Zone“

2010 vereinbarte Google eine Partnerschaft mit der NSA, die die Komplexität und Undurchsichtigkeit der neuen Zone noch verstärkte. Der angebliche Auslöser für dieses Bündnis zwischen einer staatlichen Stelle und einem Privatunternehmen war die Entdeckung des Unternehmens, dass die Chinesen seine Infrastruktur gehackt hatten. Doch damals hatte die NSA bereits größtes Interesse an allem, was Google tat; sie suchte intensiv nach Möglichkeiten, Objekte in Internet-Zeit zu verfolgen und Muster zu erkennen. Die NSA entwickelte dieselben Tools und Fähigkeiten, die es Google erlaubten, massenhaft anfallende Daten zu durchsuchen und mit Warp-Geschwindigkeit zu analysieren.

Das amerikanische Justizministerium hielt die Partnerschaft geheim, doch Zeitungsberichte, Gerichtsakten und Snowdens Enthüllungen zeichnen das Bild einer wechselseitigen Abhängigkeit und Kollaboration. Der ehemalige NSA-Direktor Mike McConnell sagte dazu: „Jüngste Berichte über eine mögliche Partnerschaft zwischen Google und der Regierung verweisen auf gemeinsame Anstrengungen – und gemeinsame Herausforderungen –, die wir in der Zukunft wahrscheinlich erleben werden. Der Cyberspace kennt keine Grenzen, und unsere Verteidigungsanstrengungen müssen ebenso grenzenlos sein.“ Die NSA entwickelte eigene Software zur Emulation der Google-Infrastruktur, nutzt Google-Cookies, um zu hackende Ziele zu identifizieren, und verschafft sich Zugang zu E-Mails und anderen Daten durch das Prism-Programm, dessen Kosten sie für Google und andere Internetformen übernimmt.

Google und Facebook hatten den Weg zur Kolonisierung der neuen Zone durch eine auf Überwachung basierende kommerzielle Logik geebnet. Das Bündnis zwischen Google und der NSA fügte neue Schichten und Fähigkeiten hinzu und ergänzte sie um eine komplexe Dimension der Zusammenarbeit zwischen Privatunternehmen und staatlichen Stellen, die sich bislang nur unzureichend durchschauen lässt. Doch wie sie im Einzelnen auch beschaffen sein mag – die neue Logik breitete sich auf andere Unternehmen und Anwendungen aus und steigerte das Wachstum und den Erfolg in der neuen Zone.

Weniger Rechte für uns, mehr Rechte für Google

Trotz dieses Wachstums ist es immer noch schwierig, die veränderten sozialen Beziehungen zu erfassen, die mit der neuen kommerziellen Logik von Google verbunden sind. Das hat zwei Gründe. Erstens bewegen sich die Unternehmen schneller, als Individuen oder demokratische Institutionen folgen können. Zweitens sind die Aktivitäten dort so ausgelegt, dass sie nicht entdeckt werden können. Warum nicht?

Wir hören oft, unser Recht auf Privatsphäre sei ausgehöhlt worden und die Geheimhaltung nehme zu. Doch diese Darstellung ist irreführend. Das Recht auf Privatsphäre ist nicht ausgehöhlt, sondern enteignet worden.

Ich behaupte, die Rechte auf Privatsphäre sind nicht ausgehöhlt worden, sondern haben sich, wenn überhaupt, sogar vervielfacht. Der Unterschied liegt heute in ihrer Verteilung. Statt dass viele Menschen gewisse Rechte auf Privatsphäre haben, sind diese Rechte heute in den Händen weniger Menschen konzentriert. Auf der einen Seite haben wir die Fähigkeit verloren, selbst zu entscheiden, was wir geheim halten und was wir mit anderen teilen wollen. Auf der anderen Seite haben Google, die NSA und andere Akteure in der neuen Zone gewaltige Mengen an Rechten auf Privatsphäre angesammelt. Wie haben sie das angestellt? Die meisten Rechte haben sie uns abgenommen, ohne uns zu fragen. Aber sie haben in der Art von Falschmünzern auch neue Rechte für sich selbst geschaffen. Sie beanspruchen ein Recht auf Privatsphäre für ihre Überwachungspraktiken und entscheiden auf dieser Grundlage, dies alles geheim zu halten.

Die neuen Praktiken betreffen das Wesen unseres Lebens

Schließlich – und das ist der entscheidende Punkt – wird die neue Konzentration der Rechte auf Privatsphäre in den nicht aufzudeckenden automatischen Funktionen einer globalen Infrastruktur institutionalisiert, die auch in den Augen der meisten Menschen von elementarer Bedeutung für die soziale Partizipation ist. Damit verwandelt sich das Alltagsleben in die tägliche Erneuerung eines faustischen Pakts des 21. Jahrhunderts.

Es ist schwierig, sich einen Begriff von der globalen Reichweite und den Implikationen solch einer Aneignung von Rechten zu machen. Einmal abgesehen von der Frage, ob damit die Schwelle zu einer „Revolution“ überschritten wird, handelt es sich um eine radikale Politik, die innerhalb weniger Jahre für eine beträchtliche Umverteilung der Macht gesorgt hat, und zwar durch die Enteignung fremder Datenschutzrechte und der daraus resultierenden Wahlmöglichkeiten. Erreicht wird das durch einen einzigartigen Zusammenschluss staatlicher und privater Akteure und Interessen, die außerhalb jeder demokratischen Legitimation operieren. In mancherlei Hinsicht lassen sich diese aus der Enteignung von Rechten resultierenden sozialen Beziehungen am ehesten mit einem vormodernen Absolutismus vergleichen.

Das hat uns unvorbereitet getroffen. Weder wir als Individuen noch unsere öffentlichen Institutionen haben ein klares Bild von diesen neuen Beziehungen, ihren Implikationen, von den einzuschlagenden Wegen und den anzustrebenden Zielen. Es gibt gute Gründe für so viel Verwirrung und Bestürzung. Die hier beschriebenen Dynamiken entfalten sich im Bereich eines weißen Flecks, der sich mit den vorhandenen sozialen, ökonomischen und politischen Kategorien nicht leicht erfassen lässt. Und sie gehen weit über den Bereich der Ökonomie und die alten Debatten über Monopole und Wettbewerb hinaus.

Die neuen Geschäftspraktiken betreffen nicht nur den Geldbeutel, sondern auch das Wesen unseres Lebens. Sie entziehen sich unseren geistigen Modellen und rationalen Erwartungen in einem Maße, dass wir am Ende an unserem eigenen Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen zweifeln. Unglücklicherweise verschlimmert sich die Lage noch weiter, wenn Google seine radikale Politik vom Cyberspace auf die reale Welt überträgt.

Göttliche Perspektive

Was wird Google als Nächstes tun? Wir wissen, dass es geheim ist, aber für mich ergibt sich folgendes Bild: Google begnügt sich nicht mehr mit dem Datengeschäft. Für Google ist die „Realität“ die nächste große Sache, die es zerstückeln und verkaufen kann. Beim Geschäft mit Daten geht es um Datenmuster, mit deren Hilfe man Anzeigen plazieren kann. Beim Geschäft mit der Realität geht es darum, das Verhalten von Menschen und Dingen im realen Leben in millionenfacher Weise zu prägen und zu kommunizieren, so dass Google Einnahmen erzielt. Das Geschäftsmodell breitet sich aus und umfasst schließlich nicht nur den digitalen, sondern auch den realen Menschen. Der Schauplatz ist nicht mehr die virtuelle Realität, sondern die eigentliche Realität. Es kann kaum überraschen, dass die Vorhut dieser neuen Welle Google und die NSA bilden.

Im „Geschäft mit der Realität“ spiegelt sich ein Wechsel in der Avantgarde der Datenwissenschaft vom Data-Mining hin zum „Reality-Mining“. Pionierarbeit auf dem Gebiet dieses neuen Ansatzes hat im letzten Jahrzehnt das MIT Media Lab geleistet. Jetzt findet der Ansatz Eingang in die Aktivitäten militärischer Geheimdienste und in kommerzielle Anwendungen.

In einem MIT-Paper aus dem Jahr 2011 erläutert Professor Alex Pentland den Wert des Reality-Mining. „Wir müssen die Systeme der Gesellschaften innerhalb eines Kontrollrahmens neu erfinden“. Dazu bedürfe es eines „exponentiellen Wachstums der Daten über menschliches Verhalten“. Und in einem anderen Paper erklärt Pentland, die immer größere Zahl der Sensoren, Mobiltelefone und sonstigen Datenerfassungsgeräte werde bald die „Augen und Ohren“ eines „weltumspannenden lebenden Organismus“ bilden. „Wo essen die Menschen? Wo arbeiten Sie? Wo verbringen sie ihre Freizeit?“ „Verteilte Sensornetze“, so meint er, ermöglichten eine „göttliche Perspektive auf uns selbst. Zum ersten Mal können wir das Verhalten einer großen Zahl von Menschen aufzeichnen, während sie ihr alltägliches Leben führen.“

Die Realität gestalten und kontrollieren

Die NSA und andere Geheimdienste greifen schon heute auf die „Analyse von Lebensmustern“ zurück, um Bedrohungen zu erkennen, darunter auch solche innerhalb ihrer eigenen Organisation, um den nächsten Edward Snowden zu verhindern. Eine Reihe von Software-Unternehmen, manche aus den Geheimdiensten hervorgegangen, andere von ihnen finanziert, bieten Dienstleistungen auf dem Gebiet der Analyse von Lebens- und Aktivitätsmustern und der aktivitätsbasierten geheimdienstlichen Analyse an.

Der Ehrgeiz, den Google auf diesem neuen Feld entfaltet, erscheint grenzenlos. Das Unternehmen hat die meisten führenden Firmen auf dem Gebiet der lernenden Maschinen und der Robotik aufgekauft, um das, wie es heißt, „größte Laboratorium der Welt für künstliche Intelligenz“ zu schaffen. Google hat viel Geld für ein Unternehmen gezahlt, das in großen Höhen agierende Drohnen herstellt, und ebenso für Nest Labs, einen Vorreiter auf dem Gebiet intelligenter Haustechnik, der es eine wichtige Rolle im neuen Internet der Dinge beimisst.

All das legt den Schluss nahe, dass Google den Aufbau weitaus ehrgeizigerer Fähigkeit anstrebt als bloßes Reality-Mining. Es geht nicht nur darum, alles zu sehen wie Gott; es geht um eine gottgleiche Macht, die Realität zu gestalten und zu kontrollieren. Google Glass, intelligente Kleidung und selbststeuernde Autos dienen einem eindeutigen Ziel: Sie sollen darüber informieren, wo man war und wo man ist, und sie sollen Einfluss darauf nehmen, wohin man geht. So hat ein Wissenschaftler den Vorschlag gemacht, dritte Parteien könnten für eine Programmierung zahlen, die den Wagen zu ihrem Restaurant, ihrem Laden oder ihrer politischen Veranstaltung fährt.

Den Verfall der Gesellschaft verhindern

Das Internet der Dinge bietet gewaltige Möglichkeiten zum Reality-Mining und zur Beeinflussung der Realität. Damit ist das wachsende Netz aus intelligenten Sensoren und mit dem Internet verbundenen Geräten gemeint, die eine intelligente Infrastruktur für alle Objekte und sogar Körper bilden sollen. Von den Windeln für Ihr Baby bis hin zu Ihrem Kühlschrank, von der Heizung über die Matratze, die Wände und die Kaffeetasse bis hin zum künstlichen Knie – all das wird das intelligente neuronale Netzwerk bilden, in dem Sie atmen, essen, schlafen, reisen und arbeiten. Es wird zahllose Konfigurationen aus Aktionen, Beobachtungen, Vorschlägen, Mitteilungen und Eingriffen ausführen, die alle auf eine neue Art von Produkt ausgerichtet sind: die Realität. Google und andere werden ihr Geld damit verdienen, dass sie diese Realität kennen, manipulieren, kontrollieren und in kleinste Stücke schneiden.

Wenn wir dieses große Rätsel verstehen wollen, kann ein kurzer Blick in die Geschichte hilfreich sein. Im Werk des Historikers Karl Polanyi finden sich dazu zwei nützliche Ideen. Er beschrieb den Aufstieg eines neuen menschlichen Konzepts: der selbstregulierenden Marktwirtschaft. Er erkannte, dass die Marktwirtschaften des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts auf drei erstaunlichen geistigen Erfindungen basierten. Er nannte sie „Fiktionen“. Die erste besagte, dass menschliches Leben der Marktdynamik unterworfen und als „Arbeit“ wiedergeboren werden kann; die zweite, dass die Natur der Marktdynamik unterworfen und als „Grundbesitz“ wiedergeboren werden kann; und die dritte, dass die Kaufkraft als „Geld“ wiedergeboren wird. Die Erfolge des Industriekapitalismus beruhte auf der Schaffung dieser drei „fiktiven Waren“. Das Leben, die Natur und der Austausch mussten in Dinge verwandelt werden, die sich mit Gewinn kaufen und verkaufen ließen.

Google führt uns an den Wendepunkt in der Reichweite der Marktwirtschaft. Eine vierte fiktive Ware entsteht hier und wird zum beherrschenden Merkmal der Marktdynamik des 21. Jahrhunderts. Die „Realität“ erfährt dabei dieselbe Umwandlung ins Fiktive und wird als „Verhalten“ wiedergeboren. Dazu gehört das Verhalten der Lebewesen, ihrer Körper und ihrer Dinge, das Verhalten selbst sowie Daten über das Verhalten. Es ist der weltumspannende Organismus samt den winzigsten Elementen darin.

Polanyi erkannte, dass die reinen, ungehemmten Operationen eines selbstregulierenden Marktes zutiefst destruktiv sind. Die Gesellschaft müsse Gegenmaßnahmen ergreifen, um diese Gefahr abzuwenden. Er sprach von einer doppelten Bewegung, einem „in mächtige Institutionen eingebetteten Geflecht politischer Maßnahmen, das die Auswirkungen des Marktes auf Arbeit, Boden und Geld zu kontrollieren vermag“. Regulierung, Gesetzgebung, demokratische Kontrolle – das seien die entscheidenden Reaktionen, die den Verfall der Gesellschaft verhindern könnten.

Demokratische Rechte und Prinzipien nicht aufgeben

Das bringt uns zurück zum Ausgangspunkt. Die in dieser Zeitung ausgetragene Kontroverse zwischen Eric Schmidt und Mathias Döpfner kündet ein historisches Beben an, das die Real-Industrie, die Politik und die Bürger in den Grundfesten erschüttern wird. Nichts ist anti-moderner als der kulturpessimistische Satz, es geschehe dies alles sowieso und es lasse sich nichts dagegen machen. Der moderne demokratische Staat muss ein Gegengewicht zu einem gefährlichen neuen Absolutismus schaffen, der sich auf eine durchdringende, geheime und jeglicher Rechenschaftspflicht enthobene Macht stützt.

Wir befinden uns hier jenseits der Zuständigkeit der Ökonomen. Es geht in diesem Gespräch nicht nur um freie Märkte; es geht um die Freiheit der Menschen. Es handelt sich um eine dringliche neue öffentliche Debatte, die sich nicht auf die technische Debatten nach Art des zwanzigsten Jahrhunderts über Monopole oder Wettbewerb im Blick auf Google reduzieren lässt. Wir greifen auf diese alten Kategorien zurück, weil uns die Sprache und die Gesetzmäßigkeiten fehlen, mit denen wir verstehen könnten, was da Gestalt annimmt.

Aber solch eine spezialisierte Argumentation verschiebt die Debatte aus dem Bereich des alltäglichen Lebens auf die unzugänglichen Interessengebiete von Ökonomen und Bürokraten. Sie verschleiert die Tatsache, dass die Probleme sich von Monopolen im Bereich der Produkte und Dienstleistungen auf Monopole im Bereich von Rechten verlagert haben: von Rechten auf Privatsphäre und von Rechten an der Realität. Diese neuen Formen von Macht, die bislang nur von denen verstanden werden, die diese Macht ausüben, bedrohen die Souveränität des demokratischen Gesellschaftsvertrags.

Auch viele Protagonisten der digitalen Welt schauen auf die EU – und nicht auf Google – und erwarten von ihr, dass sie die Bedrohung durch Absolutismus und die Monopolisierung der Rechte abwendet. Die EU kann für die doppelte Bewegung sorgen. Sie kann für die Zukunft stehen, indem sie für die Herrschaft der demokratischen Rechte und die Prinzipien eines fairen Marktes eintritt. Das sind die kostbaren Errungenschaften eines jahrhundertelangen Kampfes, und wir dürfen sie heute nicht aufgeben.

Die Autorin

Shoshana Zuboff ist emeritierte Edward-Wilson-Professorin für Business Administration an der Harvard Business School, ferner Faculty Associate am Berkman Center for Internet and Society an der Harvard Law School.

1988 veröffentlichte sie „In the Age of the Smart Machine: The Future of Work and Power“, bis heute ein Standardwerk zur Informationstechnologie. 2015 erscheint von ihr „The Summons: Our Fight for the Soul of an Information Civilization“.

Sie twittert unter: @shoshanazuboff

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

In einer früheren Fassung des Beitrags ist die Position Eric Schmidts bei Google leider falsch wiedergegeben worden. Er ist Verwaltungsratsvorsitzender.

Quelle: F.A.Z.
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