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Digitale Bohème in Berlin

Diese verflixten tausend Euro

Von Rainer Meyer
 - 10:00
Mögen tausend Euro auch nicht viel zum Leben sein: Irgendwie müssen sie eingetrieben werden, sei es nun beim Staat, bei Auftraggebern, den Eltern oder Freunden Bild: Dieter Rüchel, F.A.Z.

Mein Freund H. hat Angst, denn er ist in einem kritischen Alter und nähert sich dem Punkt, da man ihn in der Realwirtschaft als „älteren Arbeitnehmer“ bezeichnen würde. In Berlin ist Mitte vierzig allerdings ein Alter, das man mit etwas Durchwurschteln erreichen kann, ohne jemals einer geregelten Tätigkeit nachgegangen zu sein. H. selbst gehört nicht zu den Berufsjugendlichen, die sich mit unbezahlten Projekten durchgeschlagen haben; er hat in der Medienbranche gearbeitet und führt inzwischen ein normales Leben. Als ich ihn vor acht Jahren in Berlin kennenlernte, lebte er in den Tag hinein und gab sein Geld mit vollen Händen aus.

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Heute besitzt er Immobilien, holt sein Studium nach und hat Angst. Und weil er Angst hat, tritt er für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ein. H. ist ein Malocher. Was immer er unternimmt, scheint zu florieren, er hat Charme und Talent. So ein BGE, sagt er, würde ihn freier machen. Und alle anderen, sagt er träumerisch, von der Notwendigkeit entbinden, sich in der Arbeit für Dumpinglohn unterdrücken zu lassen. Das BGE wäre seine psychologische Befreiung. Er würde weiterackern. Er denkt nicht in Beträgen oder Finanzierung eines sozialen Umbaus, denn rational begreift er, dass man Leute wie ihn immer brauchen wird. Er möchte nur von seiner irrationalen Angst befreit werden.

Dreist pöbeln kann man in Berlin

Es ist die gleiche Angst vor der Zukunft, die meine zwanzig Jahre jüngeren Freunde in München und St.Gallen von einem Studium in Harvard träumen lässt. Sie fragen sich wie H., welche Chancen sie in einer durchoptimierten Welt haben. Dafür gehen sie nach Harvard, wenn sie können. Andere haben keine Lust auf den Druck, die gehen nach Berlin, wo in den internetaffinen Zirkeln viele ähnlich denken, das Leben im Vergleich zu anderen abgelegenen Provinzstädten billig ist und bei den Projekten niemand fragt, welche Kompetenzen man belegen kann. Außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht, Berlin sei die Stadt, in der man kreativ noch etwas in Deutschland bewegen könne. Blogs. Podcasts. Twitter. Websites. Labels. Platten. Buchverlage. Start-ups. Medien. Jeder kennt jemanden, der etwas aufgezogen hat. Sogar Suhrkamp ging nach Berlin.

Das holpert bei bekannten Vertretern der Zunft mitunter so: „Ich habe kein Geld. Ich wohne in einer Dreißigquadratmeter-Wohnung, esse jeden Tag Nudeln und bin trotzdem dauernd pleite.“ Der Nudelfreund heißt Michael Seemann und wird auf Kongressen als Netzphilosoph mit provozierenden Thesen zu Privatsphäre, Urheberrecht und Kontrollverlust herumgereicht. Die Spannungen und Konflikte, zu denen es mitunter kam, wurden im Netz publiziert: „ich protestiere dagegen schärfstens“. Laut muss man im Netz sein, um aufzufallen, und dreist pöbelnd kann man in Berlin sein, wo man keine Sorge haben muss, mit einer Bierflasche in der Hand öffentlich gesehen zu werden.

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Sinnvolles tun auch ohne nervende Amtstermine?

Tausend Euro netto brauche man auch in Berlin im Monat zum Überleben, erfährt man aus den Erklärungen, und mag das auch wenig sein: Irgendwie müssen sie eingetrieben werden, sei es beim Staat, bei Auftraggebern, den Eltern oder Freunden. Im Wiki von Christian Heller, einem weiteren Internetvordenker, kann man sich auf den Cent genau ein Bild davon machen, wie lange ein junger Mensch nur von Billigschokolade, Chicken-Döner und Fertigsuppen leben kann. Sollte einmal mehr Geld hereinkommen, ist der Moment da, um sich neue Produkte von Apple zu kaufen und die Selbstbescherung bei Twitter zu verkünden. Sollte es weniger sein, entspinnt sich im Netz die Debatte, ob die nötige Betäubung mit Bier oder Haschisch vorzunehmen ist. Es herrscht die Überzeugung vor, die geregelte Arbeit der Elterngeneration sei ein Auslaufmodell.

Experte für solche Einstellungen ist Johannes Ponader, der politische Geschäftsführer der Piratenpartei, der ebenfalls in Berlin lebt. Zu Ponader gehen die Meinungen auseinander. Er selbst betrachtet sich als „Gesellschaftsveränderer“, andere betrachten ihn als Gefahr für den Sozialstaat. Denn Ponader ist nicht nur ein wichtiger Verfechter des BGE, sondern auch zu seinem Amt gelangt, weil er seiner Partei versprach, angesichts seiner Lebenssituation jede Woche vierzig Stunden dieser unbezahlten Tätigkeit widmen zu können. Während das Arbeitslosengeld 2 eigentlich dazu gedacht ist, Menschen wie Ponader schnell wieder eine Arbeit zu verschaffen, interpretierte es Ponader als Zuschuss für sein Parteiamt: „Der Staat bezahlt, dass ich leben kann, und mein politisches Engagement ist Folge davon, dass ich lebe.“ Vom Bedingungslosen Grundeinkommen, von dem sich mein Freund H. die Freiheit von Angst erhofft, erwarten Menschen wie Ponader, es würde ihnen erlauben, das in ihren Augen Sinnvolle zu tun, „ohne Zwang zu Arbeit oder anderen Gegenleistungen“, und daher auch ohne nervende Amtstermine und Stigmatisierung. Seine Parteikollegen jubeln ihm für seine Ideale zu. Inzwischen hat Ponader dem Arbeitslosengeld öffentlich den Rücken gekehrt und will sich vorerst von Freunden finanzieren lassen.

Vom Opportunismus getriebene Figuren

Dass sich diese Haltung innerhalb der Piratenpartei vor allem in Berlin manifestiert, hat möglicherweise auch etwas mit dem Zustand der Stadt zu tun: Berlin selbst dysfunktioniert seit 1945 nach dem Prinzip des BGE oder, wie es heute heißt, des Länderfinanzausgleichs. Egal, ob Berliner Flughafen oder Landesbankskandal, ob S-Bahn, kostenlose Kitas oder die Unfähigkeit, im Winter die Straßen befahrbar zu halten: Berlin lebt in einem ständigen Zustand der Insolvenzverschleppung, Jahr für Jahr alimentiert durch die reicheren Bundesländer, deren Vermögen und Leistungsfähigkeit als spießig verachtet wird, wie Seemann in einem Beitrag „vom kulturellen Wertegefüge unserer leistungsorientierten und in protestantischer Arbeitsethik ertränkten Gesellschaft“ spricht. Der Rest des Landes wird als altbacken abgetan, aber man erwartet gleichzeitig die Tributzahlung für seine quirlige Metropole.

Ist man aber nicht willig, so brauchen sie ihre Netzwerke, um den Rest zwangszubeglücken. Während der in Westdeutschland besonders erbittert ausgetragenen Debatte um Google Street View versuchte Jens Best, ein weiterer Berliner aus dem Bereich Social Media, eine Gruppe zusammenzubringen, die auf Wunsch der Bewohner verpixelte Häuser bundesweit ablichten und gegen deren Willen ins Netz stellen sollte. Dafür, sagte er in einem Interview, wäre er bereit, ins Gefängnis zu gehen. Für das Projekt wurden mit großer Resonanz Berliner Websites ins Netz gestellt, in Foren wurden die Verweigerer verhöhnt, manche zogen sofort los und schrieben bei Twitter, welche Häuser sie abgelichtet hatten. Dann kam der Winter, draußen wurde es kalt, und im nächsten Frühjahr gab es im Netz andere Aufreger.

In seinem herrlich bösen Roman „Mandels Büro“ hat Berni Mayer diese unsteten und vom Opportunismus getriebenen Figuren der Stadt porträtiert. Die Helden darin verlieren ihren Lebensunterhalt und versuchen sich daraufhin als Detektive, womit sie schnell überfordert sind. Sie probieren etwas aus, kommen nicht weiter, manchmal hilft ein Zufall, meistens aber geht es schief. Über all den kleinen Niederlagen zerbricht ihre Freundschaft in ein unverbindliches Zusammensein. Das einzig wahrhaft Verlässliche im Roman ist der gelbe Audi A8 aus der bayerischen Provinz. Überzeugungen, Beziehungen und Gefühle sind Verhandlungsmasse. Das Berlin im Roman ist eine zynische Bad Bank, in der alle auf den nächsten Bail-out warten, damit ihr Bonus ausbezahlt wird und alles weitergehen kann. Und wenn nicht, suchen sie sich etwas Neues.

Er schafft es, immer oben zu schwimmen

So wie die Samwer-Brüder, die an der Spree als vorzeigbare Investoren und Unternehmer gelten. Die großen Geschäfte machen sie mit fast identischen Kopien von Geschäftsmodellen, die andernorts bereits Erfolg, aber noch nicht expandiert haben: Hier versuchen die Samwers, eine Konkurrenzfirma hochzuziehen, die schnell verkauft werden soll. Ihre Klone von Twitter und Pinterest waren erfolglos, der ehemalige Marktführer StudiVZ ist am Ende, und die Geschichte von Groupon wurde für die Investoren ein Debakel, aber die Kurzlebigkeit solcher Firmen stört nicht, wenn sie verkauft wurden. Es gibt noch so viele andere Geschäftsmodelle, leere Bürogebäude und junge Leute, die bereit sind, auf dem Fußboden zwischen Sechzehn-Stunden-Schichten zu übernachten und davon Bilder ins Netz zu stellen.

Nehmen wir Sascha Lobo. Lobo wollte nach seinen Pleiten in der New Economy einen Blogwerbevermarkter aufziehen, um so die deutsche Bloglandschaft zu professionalisieren. Das funktionierte so gut wie die Berliner S-Bahnen. Er versuchte es mit Büchern, die unter anderem Second Life als Geschäftsmodell vorstellten. Es kam ein Roman über seine Erlebnisse in der New Economy, den man gegenüber Rowohlt-Mitarbeitern nur ansprechen sollte, wenn man seelisch grausam sein will. Trotzdem tingelt Lobo weiterhin über Kongresse und erklärt den Zuhörern ihre Rückschrittlichkeit angesichts der digitalen Zukunft. Inzwischen auch bei der Buchbranche, die er mit der Ankündigung überraschte, er werde jetzt seinen eigenen netz- und communitybasierten Verlag gründen, im Internet, mit Crowdfunding und so. Lobo schafft es, immer oben zu schwimmen.

Gestern noch Studienabbrecher, morgen Abgeordneter

Da, wo Lobo und die Samwers sind, an den Plätzen an der Sonne und bei „Spiegel Online“, da wollen sie alle hin und Gastbeiträge schreiben oder was auch sonst immer nötig ist, um an diese tausend Euro zu kommen, solange es kein Bedingungsloses Grundeinkommen für sie gibt. Mit so einem BGE kann man es lange in Berlin aushalten, Jahre, Jahrzehnte, es gibt immer die Chance, Germany’s next Lobo, Ponader oder Samwer zu werden und in einer Talkshow zu sitzen, und das alles in Freiheit, ohne Leistungsdruck und Angst. Tausend Euro kostet die Angstfreiheit im Monat, oder man lässt sich zum Autotest oder Hotelbloggen einladen. Irgendwann kommt vielleicht ein Verlag und zahlt, weil er glaubt, das Geschnatter im Netz sei die Jugend von heute. Wie man sich aus dem Netz ein Buch zusammenklaubt und zur Autorin wird, hat Helene Hegemann vorgemacht, andere werden folgen. Man tritt den Piraten bei, die viele Mandate für viele Amateure haben. Gestern noch Studienabbrecher, morgen Abgeordneter.

Die Sache mit der Angst und dem BGE hat mir mein Freund H. im Süden der Republik erzählt, am Tegernsee, bevor wir nach Italien gefahren sind. In Hall haben wir dann über Torten gesprochen, in Südtirol über Speck und am Gardasee über die Frage, ob er, wenn er seine Immobilien verkauft, nicht weg aus Berlin ziehen könnte. Nur noch am See sitzen und etwas tun, das er wirklich gut kann. Vielleicht würde auch das seine Angst und den Vorkämpfer des BGE aus jener Stadt vertreiben, die niemand bestellt hat, aber sehr genau weiß, wer für die tausend Euro aufkommen soll.

Rainer Meyer ist unter dem Namen Don Alphonso einer der bekanntesten deutschen Blogger.

Quelle: F.A.Z.
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