Digitale Profile

Spur der Speicher

 - 13:50

Wir haben die Schwelle zur computerisierten Gesellschaft ganz beiläufig überquert. Unser Leben wird in Bits und Bytes gespeichert, ob wir wollen oder nicht. Wir telefonieren, lesen und schreiben digital, unsere Musik und unsere Bilder sind auf Festplatten gespeichert, der Großteil unserer Nachrichten stammt aus Online-Quellen. Unser Mobiltelefon kann verraten, wo wir gerade sind, und unsere „Freunde“ bei Facebook erfahren alles über unseren Alltag.

Egal, was und wo wir arbeiten, es gibt praktisch keine Tätigkeit mehr, die keine Datenspuren hinterlässt. Ohne direkte oder indirekte Computerhilfe werden heute nicht einmal mehr Bäume gefällt, Brote gebacken oder Busse gefahren. Die Digitalgesellschaft macht vor kaum einem Lebensbereich halt - und sie erzeugt immer mehr Daten, die ausgewertet, analysiert, gefiltert und verarbeitet werden können. Die Menge an digital gespeicherten Lebensäußerungen wächst weiter exponentiell, ein Ende ist nicht absehbar.

Immer einfachere Oberflächen erlauben jedem den Zugang zur vernetzten Welt per Mausklick. Wir haben uns in die Rolle des ständigen Datengebers eingelebt, erlauben bewusst oder unbewusst tiefe Einblicke in unser Kommunikationsverhalten, unsere Wünsche, unser soziales Umfeld. Die neue Spezies des Homo reticuli hat sich durchgesetzt. Milliarden Informationsschnipsel werden weltweit jede Minute in sozialen Netzwerken und Internetdiensten erzeugt. Sie zu sammeln und aus ihnen Profile zu erstellen, sortiert nach Alter, Geschlecht, Aufenthaltsort und Wohnort, Arbeitgeber oder Nationalität, ist zum lukrativen Geschäft geworden. Das fast magische Verhältnis, das wir zu Computern und Mobiltelefonen entwickelt haben, füllt wie nebenbei die Taschen der Datenfresser, der Profiteure der digitalen Goldmine. Was bleibt, ist ein diffuses Gefühl des Ausgeliefertseins, der Überforderung, der hilflosen Unfähigkeit, die Zusammenhänge und Mechanismen zu verstehen.

Antriebe hinter der Speichergier

Wichtig für das Verständnis der digitalen Welt ist, die finanziellen Mechanismen zu durchschauen, um die daraus resultierenden Motivationen der Menschen und Institutionen erkennen zu können. Wer profitiert davon, wenn sich die sozialen Normen in Richtung weniger Datenschutz und hin zu mehr „digitaler Nacktheit“ verschieben? Schnell stellt sich bei genauerem Hinsehen heraus, dass die lautesten Beschwörer des „Endes der Privatsphäre“ die größten Profiteure dieser Entwicklung sind. Die Bewertungsmechanismen für Internetfirmen belohnen Innovation vor allem in einem Gebiet: den Nutzern immer mehr Informationen zu entlocken, sie auf den Plattformen zu halten und alle ihre Freunde einzuladen. Entsprechend agieren auch die Betreiber und ihre Eigentümer: Ob Google oder Facebook, gepriesen wird eine Illusion von Freiheit durch Datenfreigebigkeit. Zum Wohle des Unternehmenswertes werden menschliche Grundnormen wie die Achtung der Privatsphäre oder die Diskretion zerrüttet.

Und welcher Antrieb steckt hinter der raumgreifenden Speichergier des Staates? Flächendeckend soll unser Kommunikationsverhalten gespeichert werden, mit der vagen Begründung, dass man die Daten ja eventuell mal zur Strafverfolgung benötigen könnte. Durch die biometrische Erkennung macht die Datengier inzwischen nicht mal mehr vor unseren Körpern halt. Die neuen Techniken treten schleichend in unser Leben, wie zum Beispiel die an eine erkennungsdienstliche Behandlung erinnernde Prozedur auf den Meldeämtern, wenn wir einen Pass beantragen. Sie gilt inzwischen fast als selbstverständlich. Auch der Führerschein enthält seit 2008 ein biometrisches Foto. Fragen Sie nicht, warum. Es ist irgendwas mit „Sicherheit“.

Wir sind der Versuchung des Versprechens von der immer größeren Effizienz, von der Plan- und Berechenbarkeit, von Sicherheit und Fortschritt erlegen, ohne nachzufragen, ob wir einen adäquaten Gegenwert für die Daten bekommen, mit denen wir kollektiv für die Verheißungen bezahlen. Wir geben Informationen über uns preis - freiwillig und unfreiwillig -, von denen wir nicht einmal ahnen, wie sie in Zukunft verwendet werden. Doch dass die Datenwährung, mit der wir faktisch für all die kostenlosen Internetdienste und auch für das Versprechen von mehr staatlicher Sicherheit bezahlen, uns später noch viel teurer zu stehen kommt, als wir momentan annehmen, ist absehbar. Daten zu speichern und aufzuheben gilt als besser, als sie zu löschen: Man weiß ja nie, wozu sie noch gut sein können. Das digitale Gedächtnis wächst und wächst, ein Ende ist nicht vorgesehen.

Was man tun kann

Die gute Nachricht ist, dass wir nicht wehrlos sind gegenüber der Informationsmagie und -gier, dass Entwicklungen keineswegs zwangsläufig sind. Es gilt, die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas in eine positive Richtung zu lenken, auch dadurch, dass man sich zuallererst um seine eigene Datensouveränität kümmert. Auch die digitale Zukunft entsteht durch die Summe der vielen kleinen Handlungen, die wir alle jeden Tag tun, lassen, ignorieren oder kritisieren. Erste Anzeichen eines Umschwungs weg von der Herrschaft der Datenfresser sind schon zu beobachten. Die Diskussionen der letzten Jahre über staatliches und privates Datenhorten, über Skandale und Missbrauch zeigen eine wachsende Sensibilität für Fragen der digitalen Privatheit. Selbst die noch bis vor kurzem als hoffnungslos dem Netz-Exhibitionismus verfallen geglaubte junge Generation beginnt in Scharen, den Wert der Privatsphäre wiederzuentdecken.

Sich der Bedeutung seiner Privatsphäre bewusst zu werden, darüber nachzudenken, wo die Grenzen sind, was man wirklich für sich behalten will, ist der erste Schritt zur digitalen Mündigkeit. Jeder von uns hat etwas zu verbergen - die Frage ist immer nur, vor wem. Wir können uns - als Individuen und als Gemeinschaft - nicht einfach ungesteuert im wilden Strom der Bits und Bytes treiben lassen. Wir sollten bewusst und wohlinformiert auf das Geschehen Einfluss nehmen, denn neue soziale Normen und Regeln sind notwendig. Die private Balance zwischen den Interessen des Individuums und den Möglichkeiten einer vollvernetzten Welt zu finden ist das Ziel.

Die Währung des Internets sind Aufmerksamkeit und Nutzerzahlen. Benutzergenerierte Inhalte, also Daten und Informationen, die Nutzer kostenlos ins Netz stellen und die gewinnbringend verkauft werden können, sind der Rohstoff von Flickr, Facebook; E-Mail-Adressen, persönliche Profile, Postleitzahlen, Telefonnummern, Fotos, aber auch die sozialen Verbindungen der Benutzer untereinander werden zur Ware.

Scheinbar kostenfrei

Besonders die sozialen Netzwerke offerieren etwas höchst Menschliches: Kontakte, Kommunikation und letztlich die Sichtbarkeit der eigenen virtuellen Identität im Netz. Die persönliche Repräsentanz, das digitale Abbild unseres Selbst, findet mehr und mehr in den Online-Netzen statt. Freundes- und Kollegenkreise bilden sich auf Facebook, StudiVZ oder Stayfriends ab, es wird online geflirtet und gearbeitet. Der Kern der Angebote ist die einfache Publikation und vielfache Weiterverlinkung von fast allem, egal ob Katzenbilder, Geschäftskontakte, Urlaubserinnerungen oder digitale Todesanzeigen. Und scheinbar sind all die praktischen Dienste und Netze kostenfrei.

„Werden Sie Mitglied, unsere Plattform bietet Ihnen alles kostenlos!“, schallt es einem im Netz an vielen Stellen entgegen. Internetdienste versprechen mehr Spaß, mehr Freunde, mehr Produktivität, mehr Sex, mehr Informationen oder Shopping-Empfehlungen - meist ohne Bezahlung. Wenn man nicht genau hinsieht, scheint es fast, als wäre im Netz der Kommunismus ausgebrochen: Alles für alle und umsonst.

Wenige wissen, wie sich die Anbieter der digitalen Annehmlichkeiten finanzieren. Womit bezahlen wir die vorgeblich kostenlosen Dienste? Denn eine Gratis-Ökonomie ist es mitnichten. Wie funktioniert die magische Umwandlung von Klicks und Teilnehmerzahlen, von Freunden und hochgeladenen Bildern in Geld? Und was sind die Leitwährungen und Umrechnungskurse? Die meisten Nutzer ahnen vage, dass sich das alles über Werbung finanziert, aber kaum jemand mag sich so recht mit den Details befassen. Klar ist: Kein Unternehmen stellt umfangreiche Dienste bereit, ohne sich davon einen monetären Vorteil zu erhoffen.

Ohne Kenntnis der ökonomischen Hintergründe ist es kaum möglich, die Interessen und Motivationen der Akteure nachzuvollziehen. Für sie ist der Nutzer inklusive seiner Daten nur Mittel zum Zweck, nur ihrem Profit dienlich. Die Mechanismen des Risikokapitals, des Börsengangs und der Monetarisierung von Benutzerdatenbeständen treiben die Datengier zusätzlich an. Die häufigen Fehlschläge, die dazu führen, dass die Daten in den Händen des Höchstbieters bei der Insolvenzversteigerung enden - ganz entgegen der vielleicht einstmals guten Absichten von Firmengründern -, gehören ebenso dazu wie die gängigen Methoden, die Daten der Nutzer zu Geld zu machen.

Daten als Handelsware

Die Methoden zur Unternehmenswertberechnung für ein Internetunternehmen drehen sich neben dem tatsächlich erzielten Umsatz um drei Kriterien: die Anzahl der Benutzer, wie viel Zeit sie auf der Website verbringen und - am wichtigsten - wie viele Daten sie von sich offenlegen. Anhand dieser Kriterien werden die Benutzer segmentiert, typischerweise in fünf bis zehn Gruppen, je nach Komplexität der Nutzerstruktur.

In Gruppe A sind die aktivsten Benutzer, die permanent auf die Website kommen, im Schnitt bis zu zweieinhalb Stunden täglich verweilen, viele Freunde dort haben, freigebig mit ihren Daten sind und positiv auf Werbeangebote reagieren. Mit starker Aktivität auf der Website verbindet sich fast immer eine deutliche Verbesserung der Datenqualität hinsichtlich der Aussagekraft des Profils. Es sind also die datentechnisch gläsernen Mitglieder, die in der Gruppe A zusammengefasst werden. In Gruppe E sind hingegen die Karteileichen, die sich nur einen Account eingerichtet haben, aber kaum je wiedergekommen sind, keine Freunde auf der Plattform haben und nichts über sich preisgeben wollen.

Wenn um die Bewertung des Unternehmens gefeilscht wird, geht es neben etwaigen Umsatzzahlen eigentlich nur noch um diese Kennzahlen zur Gruppierung der Nutzer und den Wert pro Stück in den einzelnen Gruppen. Für die Gruppe A kann der Wert leicht einen zweistelligen Euro-Betrag pro Person erreichen.

Betrachtet wird stets auch der Gewinn, der sich mit den Nutzern in den nächsten Jahren erzielen lässt. Obendrein ist die Wahrscheinlichkeit, dass Benutzer der Gruppe A die Plattform verlassen werden, gering. Sie haben viel Mühe und Zeit in ihr virtuelles Katzenkörbchen investiert, sie haben Bilder hochgeladen und ihre Profilseiten attraktiv gemacht. Sie haben ihre Freunde dorthin eingeladen und sich eine Reputation in den Diskussionsforen erschrieben.

Ihr virtuelles Leben spielt sich zu einem guten Teil auf dem System ab, es ist in ihren Alltag integriert. Sie benutzen die Website auch übers Mobiltelefon, um unterwegs auf dem neuesten Stand zu bleiben. Das systeminterne Nachrichten-Feature hat für sie die E-Mail weitgehend ersetzt, da sowieso alle ihre Freunde ebenfalls Mitglieder sind. Die Karteileichen in Gruppe E sind demgegenüber bestenfalls ein paar Cent wert.

Aus: „Die Datenfresser: Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben und wie wir die Kontrolle darüber zurückerlangen“ von Frank Rieger und Constanze Kurz (Fischer-Verlag, 224 Seiten, 24,95 Euro). Am 20. April 2011 um 19 Uhr werden die beiden Autoren mit Frank Schirrmacher im Berliner Hauptstadtbüro der F.A.Z. über ihr Buch diskutieren.

Quelle: F.A.S.
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