„El Chapo“ und Sean Penn

Die Mission ist noch längst nicht beendet

Von Don Winslow
 - 13:20
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Nach der erneuten Festnahme des Drogenkönigs Joaquín „El Chapo“ Guzmán vor zwei Wochen stellen sich einige Fragen. Sean Penns Interview mit Guzmán hat mehr für Empörung gesorgt, als dass es Licht in die Sache gebracht hätte. Die mexikanische Regierung behauptet, man habe von dem Treffen a) gewusst, b) nichts gewusst oder c) jedenfalls nichts Genaues gewusst. In keiner dieser Varianten gibt die Regierung ein gutes Bild ab. Wenn sie von dem Treffen wusste, was hat man dann in den drei Monaten vor Guzmáns Ergreifung getan? Wenn sie nichts davon wusste, wie können ein Filmschauspieler und ein Seifenopernstar das Versteck des meistgesuchten Verbrechers finden, wenn die Regierung das nicht geschafft hat (oder kein Interesse daran hatte)? In dieser Variante sieht die Regierung bestenfalls inkompetent aus, schlimmstenfalls will sie etwas vertuschen. Solange noch immer nicht alle Fakten bekannt sind, müssen wir davon ausgehen, dass die Aktion das Ergebnis eines Deals ist.

Guzmán hielt sich in seinem Heimatstaat Sinaloa auf und soll mit hundert Leibwächtern in der Gegend herumgefahren sein - nicht gerade unauffällig für eine gesuchte Figur, ungeachtet seines Flirts mit Hollywood. Höchstwahrscheinlich hatte Guzmán die Unterstützung und das Vertrauen seiner Partner innerhalb des Kartells verloren und damit auch politischen Einfluss und Schutz. Zweifellos gab es Leute in den mexikanischen Sicherheitsdiensten und Bundesbehörden, die bei seinem jüngsten „Ausbruch“, angeblich durch einen Tunnel, um den viel Tamtam gemacht wurde, eine Rolle gespielt haben, und andere, die ihn unbedingt ergreifen wollten. Letztere haben den Machtkampf offenbar für sich entschieden. Aber wie und warum?

Er hält sich, solange er anderen nützt

Im organisierten Verbrechen kann sich jeder, auch Guzmán, nur so lange halten, wie er anderen nützt. Die Amerikaner haben die mexikanische Regierung so stark unter Druck gesetzt, dass der Mann nach sechs Monaten zu einem Geschäftsrisiko wurde. Seit seinem „Ausbruch“ hat er schlechte Geschäftsentscheidungen getroffen, und seine Idee von einem Film über sein Leben kann seinen öffentlichkeitsscheuen Partnern nicht gefallen haben. War er zu einer Belastung geworden, deren man sich entledigen musste? Ist ein Nachfolger bereits gekürt? Guzmán war exakt so lange in Freiheit, wie die Klärung dieser Frage dauerte. Sein bizarres Treffen mit Penn und Kate de Castillo hat die Sache womöglich entscheidend beschleunigt.

Warum wurde Guzmán lebend festgenommen? Fünf seiner Leute wurden bei der Aktion erschossen, sechs andere gefangengenommen. Noch liegen nicht alle Informationen vor, aber bekannt ist, dass die Aktion von den FES durchgeführt wurde, einer Spezialeinheit der mexikanischen Marine, die im Ruf steht, nicht besonders zimperlich zu sein, zumal wenn es um Figuren wie Guzmán geht. Bei der Aktion haben amerikanische Fahnder mitgeholfen, die seit langem mit den Marines kooperieren und ihnen, aber nur ihnen, wichtige Informationen zur Verfügung stellen. Auch hier gibt es mehrere Möglichkeiten. War das Ganze abgesprochen, wie bei den letzten beiden Malen, als Guzmán einsaß und sein Kartell aus dem Gefängnis heraus dirigierte? Seine erste Haftzeit glich einem Aufenthalt in einem Fünf-Sterne-Hotel. Er führte ein luxuriöses Leben - Prostituierte, Filme, Gourmetessen, Partys. Er verfügte über eigene Leibwächter, die mit Baseballschlägern bewaffnet waren. Aus der zweiten Haft entkam er mit einer Mühelosigkeit, die komisch wäre, wenn sie nicht so ernste Konsequenzen hätte.

Treffen mit Schwerverbrecher
Kritik an Sean Penn für Interview mit Drogenboss
© ROLLING STONE, reuters

Dieselben Leute, die uns das Märchen von seinem kühnen Ausbruch durch einen Tunnel erzählen, wollen uns weismachen, dass ein solcher Tunnel in ein Hochsicherheitsgefängnis gegraben werden konnte, vorbei an einem Armeeposten, ohne dass irgendjemand etwas bemerkt haben soll.

Warum wurde er lebend gefangen?

Hat Guzmán bei seiner Festnahme nicht Widerstand geleistet, weil er glaubte, er werde im nächsten Gefängnis wieder ausbrechen können? Hat er noch immer so gute Kontakte, dass er hinter Gittern ein komfortables Leben führen und seine alte Machtposition wiedererlangen kann? Oder wurde er nicht erschossen, weil es den Befehl gab, ihn lebend zu ergreifen, weil er für irgendjemanden noch nützlich ist? Oder hat man noch immer Angst vor ihm und fürchtet Rache, falls er getötet wird? Ein Kartell, das einst mit Guzmán assoziiert war, tötete die komplette Familie eines Marinesoldaten, der bei einer Razzia umkam, bei der der Boss des Kartells getötet worden war. Offensichtlich wird innerhalb des SinaloaKartells und unter seinen Verbündeten in Polizei und Regierung ein Machtkampf geführt. Die Karten werden neu gemischt. Es wird sich zeigen, wie sich die Dinge entwickeln.

Wie geht es mit Guzmán weiter? Vergessen wir nicht, dass sein jüngster „Ausbruch“ das Ergebnis verstärkten Drucks der Amerikaner war, ihn an die Vereinigten Staaten auszuliefern. Das ist das Schlimmste, was einem Drogenkönig passieren kann: keine Partys mehr, keine Prostituierten, keine Luxusmahlzeiten, sondern dreiundzwanzig Stunden in einer kleinen Betonzelle, Tag für Tag. Noch nie hat ein Drogenboss seine Geschäfte aus einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis heraus führen können. Guzmán, gegen den in Kalifornien, New York, Illinois, Texas, Arizona und Florida Verfahren anhängig sind, ganz zu schweigen von den obersten Justizbehörden in Washington, würde in der Haft sterben, höchstwahrscheinlich in Florence (Colorado), wo einige seiner Rivalen bereits einsitzen.

Es sei denn, er kann einen Deal schließen. Aber wie könnte dieser Deal überhaupt aussehen? Guzmán hat nichts anzubieten - außer Informationen über mexikanische Polizeibehörden und Politiker. Immerhin hat er im Laufe seines langen Lebens Millionen an Bestechungsgeldern gezahlt - er verfügt über Kenntnisse, die für amerikanische Geheimdienste durchaus interessant wären. Aus diesem Grund kann ich mir nicht vorstellen, dass er ausgeliefert wird. Der mexikanische Justizminister hat versichert, Guzmán werde jeden Tag seiner Strafe in Mexiko absitzen, und nach dem peinlichen „Ausbruch“ ist das eine Frage der nationalen Ehre. Dummerweise hat Präsident Peña Nieto von „mission accomplished“ gesprochen. Dieses Wort haben wir schon einmal gehört, und wir wissen, was darauf folgte.

Das Vakuum wird bald wieder gefüllt

Wie geht es in Mexiko weiter? Die Machtstruktur der mexikanischen Drogenkartelle wird zerbrechen. Guzmán ist gewiss ein übler Verbrecher, verantwortlich für unsagbares Leid und Tausende Tote, und er hat es verdient, bis an sein Lebensende hinter Gittern zu sitzen, aber seine Festnahme hat eine Kehrseite. Eine plausible Theorie für seine jüngste „Flucht“ lautet, dass der Staat ihn zur Aufrechterhaltung der „Pax Sinaloa“ benötigte, jenes Zustands relativer Ruhe und zurückgehender Gewalt, der eintrat, nachdem Guzmán und seine Organisation einen zehnjährigen Krieg mit mehr als hunderttausend Toten gewonnen hatten. Wenn seine Herrschaft nun am Ende ist, wofür einiges spricht, bedeutet das, dass es in Mexiko keinen „Drogenkönig“ mehr gibt, sondern ein Vakuum, das auszufüllen andere sich beeilen werden. Die kurzlebige „Pax Sinaloa“ war eine Phase relativer Stabilität, auf die nun Chaos folgen könnte, weil kleinere Kartelle die Macht erobern wollen. Die Parallele zum Irak drängt sich auf - Saddam Hussein haben wir beseitigt, doch nun kämpfen Al Qaida, der IS und andere gewalttätige Fundamentalisten um die Vorherrschaft. Die Struktur der mexikanischen Drogenkartelle wird in ähnlicher Weise auseinanderbrechen. Gut möglich, dass das Sinaloa-Kartell einen Nachfolger für Guzmán bestimmen und die Macht behalten wird, aber die Geschichte zeigt, dass Mexiko noch mehr Blutvergießen erleben wird, wenn Einzelne und Gruppen um die Kontrolle der lukrativsten Drogenrouten kämpfen. Es wird zu Chaos und Gewalt kommen.

Was bedeutet das alles für die Vereinigten Staaten? Sooft ein Drogenbaron gefasst wird, ist von einem Sieg im Kampf gegen Drogen die Rede. Wir könnten eine ganze Wand mit Plakaten ehemaliger Drogenkönige vollpflastern - Miguel Angel Gallardo, Carlos Lehder, Griselda Blanco, Frank Lucas, Nicky Barnes, Benjamín Arellano Félix, Pablo Escobar (jüngst in der Netflix-Serie „Narcos“ porträtiert), Amado Carrillo Fuentes ( „Herr des Himmels“), Osiel Cárdenas und nun Joaquín Guzmán.

Ich nenne all diese Namen, weil es eine aufschlussreiche Liste ist. Jede Gefangennahme wurde als Sieg im Krieg gegen Drogen gefeiert, und jedes Mal hat sie zu nichts geführt. Es gibt mehr Drogen denn je, stärker und leichter erhältlich denn je. Sieht so ein Sieg aus? Ich will den unerschrockenen Männern, die Guzmán schnappten, nicht zu nahe treten, aber es wird ähnliche Konsequenzen haben. Unter seiner Führung überschwemmte das Sinaloa-Kartell den amerikanischen Markt mit billigem Heroin, um die Pharmaunternehmen zu schwächen, die Opioide wie Oxycodon und Vicodin produzieren. Mexikanisches Heroin ist inzwischen billiger und leichter erhältlich als diese Pillen, und das befördert die grauenhafte Heroinplage, die das Land inzwischen im Griff hat.

Der Heroinexport floriert weiter

Glauben wir wirklich, durch die Verhaftung von Joaquín Guzmán wird der Heroinexport beendet oder auch nur zurückgehen? Das Sinaloa-Kartell mag für einen Moment zögern, aber eben nur für einen Moment. Und seine Rivalen sind schon dabei, den Markt aufzumischen. Guzmáns Partner Ismael Zambada, möglicher Nachfolger an der Spitze des Kartells, vielleicht auch sein Verräter, hat mit dem Export von Methamphetaminen und dank seines Monopols auf dem amerikanischen Markt Millionen verdient. Wird er einfach aufhören? Solange es Käufer gibt, wird es Anbieter geben, und in nicht so ferner Zukunft werden wir die Festnahme des nächsten „Guzmán“ feiern, der gerade im Begriff ist, an die Spitze der Drogenpyramide aufzusteigen.

Joaquín Guzmán soll für seine unzähligen Verbrechen büßen. Wenn dies sein Ende bedeutet - ich bin mir da nicht so sicher -, werde ich und sollten wir alle ihm keine Träne nachweinen. Aber machen wir uns nichts vor: Hier wurde nur ein - zugegeben brutaler - Verbrecher festgenommen. Solange wir diese Drogen kaufen und sie gleichzeitig verbieten, wird sich der Kreislauf von immer neuen Joaquín Guzmáns endlos fortsetzen. Ändern wird sich nichts.

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Von Don Winslow ist zuletzt der Roman „Das Kartell“ erschienen (Droemer Knaur Verlag, 832 Seiten, 16,99 Euro). Don Winslow ist im März auf Lesereise in Deutschland (14. März Berlin, Arena Berlin - Glashaus; 15. März Hamburg, Magazin Kino; 16. März Olpe, 17. März Köln, MS Rhein-Energie Literaturschiff).

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.
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