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Arbeitsklima beim Theater

„Eine Atmosphäre der Angst“

Von Simon Strauß
 - 12:37

Das Jahr 1968 hatte Folgen – auch für das Theater. Gefordert wurde damals eine radikale Mitbestimmung. An einigen westdeutschen Theatern wurde versucht, das, was man in der Theorie begrüßte, in der institutionellen Praxis umzusetzen: die Abschaffung der Klassengesellschaft. Sowohl am Frankfurter Schauspiel wie an der Berliner Schaubühne wurden Modellversuche gestartet, die eine Demokratisierung des Bühnenbetriebes zum Ziel hatten. Es wurden Vollversammlungen und künstlerische Räte eingesetzt, denen neben dem Schauspielensemble gleichberechtigt auch die technischen Mitarbeiter angehörten, die die Kontrolle über den Spielplan ausübten, Veto gegen Besetzungen einlegen und Interpretationsansätze in Frage stellen konnten.

Heute, fünfzig Jahre nach 1968, ist wieder von der Notwendigkeit eines Strukturwandels die Rede. Dieses Mal geht es nicht um das revolutionäre Aufbrechen von Hierarchien, sondern um eine nachhaltige Verbesserung des Klimas. In einem offenen Brief haben nun sechzig Ensemblemitglieder des Wiener Burgtheaters in der Zeitung „Standard“ gefordert, „personelle Machtballungen genauer zu betrachten“ und „gemeinsam für eine rücksichtsvolle, respektvolle und faire Arbeitsatmosphäre zu sorgen“. Anlass für das – unter anderem von namhaften Schauspielern wie Nicholas Ofczarek, Elisabeth Orth und Corinna Kirchhoff unterzeichnete – Schreiben ist die durch die aktuelle „MeToo“-Debatte wiederbelebte Erinnerung an offenbar traumatische Erfahrungen während der Direktionszeit von Matthias Hartmann. Der habe in seiner Doppelrolle als Intendant und Hausregisseur „Abhängigkeiten und Betriebshierarchien nicht durch einen verantwortungsvollen Umgang aufgefangen, sondern eine Atmosphäre der Angst und Verunsicherung erzeugt“. Einerseits habe Hartmann auf den Proben sexistische Witze gemacht und eine Stimmung voller Demütigungen geschaffen, andererseits habe er rücksichtslos mit Kündigungen gedroht, die er dann in Form eines „Gnadenakts“ wieder zurücknahm.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Hartmann verwahrt sich gegen die Vorwürfe: Dreckige Witze habe er gemacht, dafür entschuldige er sich, die Nichtverlängerung von Verträgen auf Zeit habe er nur ausgesprochen, um Schauspieler während eines Rollenlochs nicht weiterbeschäftigen zu müssen. Handgreifliche sexuelle Übergriffe werfen ihm die Unterzeichner des Briefes explizit nicht vor, sie reden von „einem Klima, nicht von schweren Straftaten“. Juristisch belangt werden kann Hartmann dafür also nicht. Die neue Debatte um seine Person, die abgeflaut war, nachdem im Dezember 2017 die Vorwürfe gegen ihn wegen Bilanzfälschung, Untreue und Steuerhinterziehung fallengelassen wurden, ist aber wohl auch ohne Richterspruch Strafe genug.

Nicht unwahrscheinlich ist, dass bald auch Fälle von sexuellen Belästigungen im Theaterbetrieb aufgedeckt werden. Bei der Namensnennung von fünfzehn Regisseuren hebe sich bei Branchenkennern „keine Augenbraue“ mehr, deutete die Schauspielerin Pauline Knof unlängst in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ an. Bei ihnen wisse angeblich jeder, was Sache ist beziehungsweise wie sie zur Sache gehen. Was folgt aus solchen besorgniserregenden Andeutungen und Klimaberichten?

Barbara Burckhardt hat in der aktuellen Ausgabe von „Theater heute“ eine mögliche Richtung vorgegeben: Das Risiko für sexuelle Übergriffe sei besonders groß „in Betrieben, die so feudal hierarchisch ausgerichtet sind wie deutsche Stadt- und Staatstheater, die zu 78 Prozent von Männern geführt werden und deren Inszenierungen zu 70 Prozent von Männern stammen. Es sind vor allem Männer, die entscheiden, welche der im Schnitt um 30 Prozent schlechter als ihre Kollegen bezahlten Frauen eine Chance bekommen, um an ihren Häusern sichtbar zu werden“. Um ein Klima geprägt von Respekt und fairem Umgang möglich zu machen, müsse der männlichen Dominanz im Bühnenbetrieb der Kampf angesagt werden. Schon schlägt der frisch gegründete Verein „Pro Quote Bühne“ eine „50-Prozent-Quote in künstlerischen Führungspositionen“ vor, aber ist das wirklich eine verantwortbare Lösung? Wenn Männer in künstlerischen Führungspositionen per se anfällig für sexuellen Machtmissbrauch sind, dann reicht eine 50-Prozent-Quote womöglich gar nicht aus.

Welche anderen Möglichkeiten der Klimarettung sind denkbar? Zum Beispiel die Ämtertrennung zwischen Intendant und Regisseur. Eine selbstbewusste künstlerische Position gegenüber jemandem zu behaupten, der jederzeit mit Kündigung drohen kann, ist in der Tat nahezu unmöglich. Neben diesen Initiativen lohnt aber auch der Blick zurück auf die Mitbestimmungsmodelle der frühen siebziger Jahre: Die gemeinsame Entscheidung über Besetzung und Spielzeitprogramm kann ein Klima gegenseitigen Vertrauens und geteilter Macht schaffen. Allerdings kostet Mitbestimmung viel Kraft und Zeit. Noch mehr, als einen offenen Brief zu schreiben, der das Schweigen aus guten Gründen bricht.

Quelle: F.A.S.
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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