Eingemachtes auf Twitter

Sorge, du hast ausgesorgt

Von Christian Geyer
 - 15:21

Je unpolitischer es zugeht auf Twitter, desto bekömmlicher. Und umgekehrt: Vollzieht sich die politische Willensbildung im Gemetzel der Tweets, kann von Streitkultur keine Rede sein, auch dort, wo Streitkultur reklamehaft behauptet wird. Anderen Leuten ans Bein zu pinkeln, indem man ihnen das Wort im Munde herumdreht, ohne den Zusammenhang des Gemeinten zu würdigen, ihn, den Kontext, im Gegenteil unterschlagend und verzerrend, immer schön auf sozialen Ausschluss, aufs Unmöglichmachen der Unliebsamen zielend statt auf die Auseinandersetzung mit ihnen (auf Twitter genügt es, jemanden im selben Atemzug mit schlecht Beleumdeten zu nennen, um ihn fertigzumachen, dabei Gründe munter durch Andeutungen ersetzend) – diese strukturelle Niedertracht, die den digitalen Stammtisch beherrscht, rechts wie links, macht Twitter zu einem Medium der Denunziation, wenn es um Politik geht.

Doch zu welch humaner Hochform gelangt dasselbe Medium, wenn es aus den Tiefen der Lebenswelt aufzeichnet, aus ihren Kellerlöchern, in die kein Sonnenstrahl fällt, dort also, wo der Überlebenswille seine Vorräte findet, in den Metallregalen voller Einweckgläser, vakuumverpackt unterm Schraub- oder Gummiverschluss, akkurat sortiert nach Marmeladen, eingelegten Tomaten und Beerensäften, Schildchen auf den Gläsern weisen Inhalt und Abfülldaten aus. Wie cool ist das denn?, fragt man sich, wenn man in den Thread von Anja Amaranth hineinliest, der unter der Überschrift „Meine Mutter ist jederzeit auf die Apokalypse vorbereitet“ momentan durch die digitale Decke schießt.

Aus Mirabellengläsern naschen

Hier werden jede Menge Fotos von Eingemachtem gepostet, von Vorratskellern, wie man sie längst nicht mehr für möglich gehalten hätte. Doch, doch, die Einkochszene lebt, so die tröstliche Botschaft dieses großartigen digitalen Gesprächs mit seinen Sehnsüchte weckenden oder auch nur fachsimpelnden Tweets. „Ich bin hier bei Twitter lange nicht mehr so beeindruckt worden“, schreibt jemand. Und tatsächlich: Hier, im regen Austausch übers Haltbarmachen des Lebens, über die Verlangsamung des natürlichen Verfalls, hier springen Funken über. Erfahrbar wird der große Zusammenhang von Werden und Vergehen, in welchem uns das Paradox aller sogenannten Prepper entgegentritt, aller bis an die Zähne vorbereiteten Katastrophen-Erwarter („be prepared!“), ein Paradox, welches darin besteht, dass Überleben keine Frage von Bruch, Hervorbringen von Neuem und Veränderung sei, sondern im Gegenteil von Konservierung.

Wer, von den Schocks der Moderne erschüttert, seine Existenz auf Eingemachtes, auf Selbstgeerntetes und Verwertetes, gegründet hat, bildet sich ein, am Ziel zu sein. Es ist diese Einbildung, in einem Früher auf ewig angekommen zu sein, in glücklicher Vorzeit, als die Gläser befüllt wurden – „ich sehe mich in den Keller schleichen und von den Mirabellengläsern naschen“ –, es ist diese gütige Illusion, immer schon zu Hause zu sein, die den kindlichen Wärmestrom hervorbringt, die zehntausendfache Anteilnahme, mit der es für Twitter jetzt augenscheinlich ans Eingemachte geht. „Mutter freut sich sehr über die vielen Favs [Herzchen] und sagt: Wenn euch das beeindruckt, habt ihr noch nicht die drei Tiefkühltruhen gesehen. Unter anderem 41 Zwetschgenkuchen“, notiert Anja Amaranth unter einem Belegfoto. Sorge, wo ist dein Stachel? Sorge, du hast ausgesorgt.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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