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Emmanuel Macron

Der Mann, der Frankreich enteilt

Von Jürg Altwegg, Genf
 - 15:38
Er denkt an Europa, Frankreichs Denker erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Kein Wunder, dass Emmanuel Macron seine Kritiker für vorgestrig hält. Bild: AFP, F.A.Z.

Wie deutsch denkt Emmanuel Macron? Mit der Aufforderung an die Franzosen, „die Lichter der Aufklärung nicht auszumachen“, hatte ihn Peter Sloterdijk im Wahlkampf unterstützt. In „Le Monde“ tat es Jürgen Habermas. „Will Macron das deutsche Modell übernehmen?“, titelte das „Journal du Dimanche“ vor der Bundestagswahl. Macrons Reformen werden von seinen Kritikern als Kniefall vor Berlin und Brüssel gesehen. Seiner Nähe zu Angela Merkel und deutschen Philosophen steht seine Ablehnung durch viele französische Intellektuelle, die weiter ihre ideologischen Rückzugsgefechte führen, gegenüber.

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Zwei Präzedenzfälle hält die Geschichte für den jungen Präsidenten bereit: Napoleon, der die Revolution mit Reformen zu kanalisieren verstand, und de Gaulle, der die „Grande Nation“ nach der schlimmsten Niederlage ihrer Geschichte – und vier Jahren Kollaboration – als Siegermacht auferstehen ließ. Die innenpolitischen Kriegsgewinner prägten die Nachkriegsgesellschaft, die auf dem trügerischen Résistance-Mythos begründet wurde: der Rechten die politische Macht, der Linken die Kultur.

Die linke Hegemonie orientierte sich an der Revolution und hatte die politische Machtübernahme zum Ziel. Es wurde erreicht, allerdings auf paradoxe Weise: nachdem die Intellektuellen auf den Marxismus verzichtet und die Sozialisten die Kommunisten überflügelt hatten. Von Mitterrand bis Hollande zeichnete sich die „göttliche Linke“ (Jean Baudrillard) durch Rückzugsgefechte aus. Für 2017 war der Sieg der Rechten erwartet worden. Sie schienen den von der „Nouvelle Droite“ nach dem Mai 68 begonnenen Kulturkampf gewonnen zu haben. Nur brachte der Triumph der Rechtsintellektuellen weder Marine Le Pen noch François Fillon an die Macht.

Grundsatzrede
Macron will die „Neugründung Europas“

Bei Mitterrands Wahl spielten die linken Intellektuellen eine wegweisende Rolle. Sein Nachfolger Jacques Chirac gewann mit der Unterstützung von Régis Debray und Emmanuel Todd, der 2012 für François Hollande den Begriff des „revolutionären Hollandismus“ prägte. Für Sarkozy hatte der antitotalitäre André Glucksmann votiert. 2017 hielten es die Intellektuellen mit den Mélenchon, Fillon oder Le Pen.

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Das System hat sich zu seiner Erhaltung als Antisystem ausgegeben

Frankreichs Intellektuelle reagieren auf Macrons Erfolg mit anhaltendem Ressentiment und schreiben damit die Zeitungen voll. Der Philosoph Michel Onfray nennt ihn eine „Gummipuppe des Kapitals“. Sein Kollege Alain Finkielkraut, Mitglied der Académie francaise, bescheinigt Macron eine „seligmachende Fortschrittsgläubigkeit“. Alain Badiou ging gar nicht zur Wahl. Der maoistische Philosoph und Mathematiker trauert immer noch dem „Verschwinden der kommunistischen Hypothese“ nach. Alain de Benoist, der Chefideologe der „Nouvelle Droite“, freut sich derweil über den Zusammenbruch der traditionellen demokratischen Parteien. Er hatte einst die „Sterilisierung der Tauben, Blinden und Epileptiker“ propagiert. Seit ein paar Jahren war ihm eine gewisse Rehabilitierung zuteilgeworden. Doch wie Marine Le Pen im TV-Duell mit Macron lässt auch Alain de Benoist seine Maske fallen: Eine „petite chose“ sei der Staatspräsident, ein „Flötenspieler“ – Rattenfänger – im Elysée, „von dem uns die Morphopsychologie sagt, dass er manipulierbar und entscheidungsunfähig ist“. Auch der Altlinke Régis Debray denkt, in der französischen Politik gehe es mit unlauteren Mitteln zu: „Das System hat sich zu seiner Erhaltung als Antisystem ausgegeben.“ In „Le nouveau pouvoir“ schreibt Debray, das katholische (und kommunistische) Frankreich werde zur „neoprotestantischen“ Gesellschaft, die dem Kapitalismus huldige, und werde vollends „amerikanisiert“. „Wir Franzosen sind kein freies Volk mehr“, schreibt Emmanuel Todd. Macrons Wahl sei eine „reine Komödie“ gewesen, mit dem Resultat der vollendeten „Unterwerfung unter Maastricht“ und das deutsche Diktat. Todd wählte Mélenchon – und blieb bei der Stichwahl zu Hause.

Jean-Paul Sartre, der „totale Intellektuelle“ der linken Hegemonie, hatte Wahlen noch als „Idiotenfallen“ bezeichnet. An seinem Todestag erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Le Débat“, die Pierre Nora und Marcel Gauchet ausdrücklich zur „Demokratisierung der Intellektuellen“ gegründet hatten. Gauchet hält Macron, der nicht nur Banker bei Rothschild, sondern auch Assistent des Philosophen Paul Ricœur war, für den „ersten wirklich liberalen Präsidenten“ Frankreichs. Dass er einiges mit Machiavelli gemein habe, unterstreicht der Historiker Patrick Boucheron, der mit seiner „Weltgeschichte Frankreichs“ im Wahlkampf Furore machte: gleiche Jugend, gleiche Kühnheit.

„Keine der Ursachen, die Marine Le Pen ermöglichten, ist beseitigt“, sagt Michel Onfray. Mit der „Gummipuppe des Kapitalismus“ im Élysee habe sich nicht die Wirklichkeit, sehr wohl aber ihre Wahrnehmung geändert. Alain Finkielkraut meint, Macron markiere das „Ende der Revolution“, das der verstorbene Historiker François Furet zu deren 200. Jahrestag diagnostiziert hatte. Furet war Marxist und seine Geschichtsschreibung von 1789 lange vom kommunistischen Katechismus geprägt.

Frankreichs „Neue Philosophen“ hatten ihre Wende ein gutes Jahrzehnt vor dem Fall der Berliner Mauer vollzogen. Furet veröffentlichte 1988 das politische Programm seiner historischen Einschätzung zusammen mit Jacques Julliard und Pierre Rosanvallon in einem Plädoyer mit dem Titel „Republik der Mitte. Das Ende der französischen Ausnahme“. Noch war eine Koalition der Parteien der Mitte undenkbar. Vorübergehend wurden die Präsidenten Mitterrand und Chirac zur „cohabitation“ gezwungen, zum Regieren mit einem Premierminister der Opposition. Mit Macron ist die Mauer, die Linke und Rechte trennte, eingestürzt. Seine Republik der Mitte ist eine demokratische Wiedervereinigung unter Ausschluss der ideologischen Extreme links wie rechts.

Wunder oder Fata Morgana?

Der Philosoph Jean-Claude Milner verankert den neuen Präsidenten in der „longue durée“ zumindest seit 1940 und der „größten Niederlage“. Damals begann die „gaullistische Sequenz“, mit der Niederlage der „Republikaner“ geht sie zu Ende. Für Ran Halévy, Professor am Raymond-Aron-Institut, riecht es im „Frankreich von 2017 ein bisschen nach 1789“: Tabula rasa. „Und eine nach der Vorstellung eines einzigen Mannes gebildete, aus lauter Unbekannten bestehende Partei beschert Macron die absolute Mehrheit im Parlament.“ Der Intellektuellen-Experte Pierre-André Taguieff macht in „Macron – miracle ou mirage?“ – Wunder oder Fata Morgana? – eine dritte Präzedenz aus: 2017 ist 1830 und Macron wie Louis-Philippe, „er vereinigt die linke und die rechte Bourgeoisie“.

Wie Hollande und Sarkozy, über dessen Wahlkampf Yasmina Reza das beste Buch schrieb, hatte sich Macron von einem Schriftsteller begleiten lassen. Philippe Bessons Bericht „Un personnage de roman“ ist nicht sehr spannend zu lesen. Bemerkenswert aber ist Macrons Kritik an den Intellektuellen Onfray, Finkielkraut, Debray und Todd: „Sie bleiben den alten Schemen verhaftet. Sie blicken mit den Augen von gestern auf die Welt von morgen. Seit langem haben sie nichts wirklich Umwerfendes produziert. Sie leben auf ihrem Aventin und vom Kommentieren des politischen Handelns, das sie verabscheuen. Traurige Geister der permanenten Beschimpfung. Sie hassen die Idee einer Versöhnung. Ich ziehen ihnen wirkliche Denker vor, Jürgen Habermas zum Beispiel. Da befinden wir uns auf einem anderen Niveau.“

Im „Figaro“ kommentiert Jacques Julliard, Koautor von Furets „Republik der Mitte“, Frankreichs neue politische Landschaft. „Drei intellektuelle Eiszeiten habe ich in meinem Leben erlebt: Stalinismus, Maoismus und jetzt den Islamismus, die Stilisierung des Islams zur ,Religion der Armen‘ und dem Dogma, dass er mit den Attentaten rein gar nichts zu tun habe.“ Eine intellektuelle Eiszeit zeichnet sich für Julliard durch ideologische Blindheit und den Meinungsterror gegen Andersdenkende aus, auf die Intellektuelle „im Rudel Jagd machen“. Julliard erwähnt ein paar Beispiele. „Der Intellektuelle ist der religiöseste aller Menschen“, schreibt er: „Wenn er seinen Glauben verliert, wird er nicht Agnostiker. Er sucht sich einen neuen.“ Die „engagierten Intellektuellen“ – wie sie Sartre nach dem Krieg verkörperte – kompensierten mit ihrem ideologischen Engagement ihr schlechtes Gewissen, „dass sie weder arm noch Auserwählte der Geschichte sind“. Der Historiker will den Begriff nur noch im Singular verwenden: „Der Intellektuelle hat die Pflicht, allein zu sein.“

Auch Emmanuel Todd besinnt sich wieder auf die Ideologiekritik. Lange bevor er Chirac zur Wahl verhalf und mit Mélenchon scheiterte, hatte er 1976 den Zusammenbruch der Sowjetunion vorausgesagt: die familiären Systeme und demographische Entwicklung ließen keinen anderen Befund zu. Nun kritisierte er nach den Attentaten in „Wer ist Charlie?“ die Solidaritätsmärsche mit vier Millionen Teilnehmern als hysterische und „leicht totalitäre“ Veranstaltung. Auch den Euro packt er in seine „Soziologie einer religiösen Krise“: Er sei dem Land von den „Zombie-Katholen“, die gegen die Muslime auf die Straße gingen, aufgezwungen worden: „ein Gott, eine Währung“. Todd bekämpfte den Euro, der Deutschland von Frankreich als Preis für die Wiedervereinigung aufgezwungen wurde, als „1940 ohne Wehrmacht“. In der „Euro-Euphorie und den deutsch-französischen Fusionsgelüsten vieler Franzosen“ macht Todd die heimliche Sehnsucht aus, den Krieg doch noch zu gewinnen: „Und Deutschland zum Verschwinden zu bringen.“

Seit Maastricht und bis Macron, so Todd, „habe ich alle meine Kämpfe gegen den ‚Europäismus‘ verloren und muss anerkennen, dass ihr Projekt ein gewaltiger politischer und ideologischer Erfolg ist“. In seinem gerade erschienen Buch „Où en sommes-nous?“ bekämpft er den Euro mit den Waffen des Wissenschaftlers. In den Stammlanden der EU hätten die „familiären Strukturen“, die Todd schon in den Religionskriegen ausmacht, Pétain, Mussolini, Hitler, Franco, Salazar und Dollfuß hervorgebracht. Die Briten leisteten und leisten Widerstand. Ob Todds postnationales Europa aus dem Geiste des Faschismus dasselbe Schicksal ereilen wird wie die Sowjetunion, bleibe dahingestellt. In deutscher Übersetzung erscheint Todds „umwerfende“ Antwort auf Macron und dessen Vision für ein neues Europa mit gemeinsamer Außen-, Verteidigungs- und Finanzpolitik im kommenden Sommer bei C.H. Beck. Man kann es auch als letztes ideologisches Rückzugsgefecht lesen.

Quelle: F.A.Z.
Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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