England im Dauerstreit

Brexit und Schlangenöl – das passt zusammen!

Von Gina Thomas, London
 - 15:52

Dinnerpartys seien wieder „in“, verkündet „Tatler“. Die Hochglanzzeitschrift, die sich gern als Stilbibel der besseren Kreise oder jener dorthin Strebenden stilisiert, nahm den vermeintlichen Trend zum Anlass, um zwölf Gebote für Gastgeber zu veröffentlichen, darunter die Empfehlung, dass eine ideale Runde aus Freunden, Fremden, Alleinstehenden und Paaren zu bestehen habe. Kinder dürften allenfalls fünf Minuten dabei sein, um die Gäste zu begrüßen. Auf Veganer und andere pingelige Esser müsse bei der Zusammenstellung des Menüs keine Rücksicht genommen werden.

Diese sollten vorher essen und ihre Nahrungsbedürfnisse nicht weiter erwähnen. Um den Abend nicht zu beinträchtigen, legt „Tatler“ Gastgebern nahe, davon abzusehen, Raucher nach draußen zu verbannen und Frauen zu bitten, ihre Stöckelschuhe auszuziehen, damit der Teppich verschont bleibe. Darüber hinaus sei der Brexit zum Tabu-Thema zu erklären. Bis jetzt sei es zwar unannehmbar gewesen, die Unterhaltung mit einem Veto zu belegen, belehrt das Gesellschaftsmagazin. In diesen unruhigen Zeiten, sei es jedoch ratsam, ein Brexit-Moratorium zu verhängen. Jedes andere Thema sei erlaubt.

Empfehlungen sind freilich ironisch gehalten

Die Empfehlungen sind freilich ironisch gehalten. Aber sie sind symptomatisch für die sich zuspitzende Polarisierung zwischen Gegnern und Anhängern des Brexits, auf die „Tatler“ bereits vor einigen Monaten in einem ähnlich frotzelnden Beitrag über die Auswirkungen der Volksabstimmung auf das Sexualleben Bezug nahm. Bis etwa 4.39 Uhr am Morgen des 24. Juni 2016 hätten Männer und Frauen, die sich interessiert in Augenschein nahmen, auf gepflegte Fingernägel, den Beruf, Humor, eine Präferenz für Katzen oder Hunde und saubere Unterwäsche geachtet. Nun sei keine Frage bei der Partnersuche wichtiger als die, wie jemand zum Brexit stehe. Die Behauptung wurde durch eine Statistik belegt, wonach für 88 Prozent der Nutzer einer App namens „Hater“, die Menschen nach ihren Abneigungen zusammenführt, die gemeinsame Einstellung zur Europa-Frage bestimmend gewesen sei. Eine Beratungsstelle meldete, dass ein Fünftel ihrer Betreuer mit Kunden zu tun habe, die sich über den Brexit stritten. Das Thema wird in Umfragen denn auch immer wieder als zusätzlicher Belastungsfaktor in kriselnden Ehen genannt.

Im persönlichen Umfeld spiegeln sich die Spannungen in der politischen Arena. Sie verleihen dem öffentlichen Diskurs in Britannien eine Gehässigkeit, die selbst jene tiefen Affekte übertreffen, die Margaret Thatcher geweckt hat. Im vergangenen Jahr hat die Regierung einer Forschungsstelle, die mit dem Brexit verbundene Hassverbrechen in den sozialen Netzwerken registriert, einen Zuschuss in Höhe von 250 000 Pfund bewilligt. Der Leiter des Pojektes an der Universität Cardiff stellte fest, dass Hassverbrechen in der Folge von sogenannten Auslösemomenten wie dem Referendum über Britanniens Zukunft in der Europäischen Union tendenziell zunähmen. Nach seiner Einschätzung habe der Volksentscheid bestimmte Vorurteile unter Minderheiten wachgerüttelt, die der Hasskriminalität Vorschub leisteten.

Die bitteren Diskussionen über das schottische Unabhängigkeitsreferendum vor etwas mehr als drei Jahren boten bereits einen Vorgeschmack auf die extremen verbalen Drohungen, die jetzt in der Brexit-Debatte ausgesprochen werden. Seitdem macht sich jedoch gerade in der Politik eine Vergröberung des Tones bemerkbar, als fühlten sich die von Leidenschaft beflügelten Akteure auf beiden Seiten der Trennlinie im Hinblick auf den Ernst der Lage nicht mehr an die zivilen Umgangsformen gebunden.

In den letzten Tagen ging es besonders hoch her, nachdem der Erz-Brexitier Jacob Rees-Mogg in scheinbar abgekartetem Spiel einen Staatssekretär des Brexit-Ministeriums im Parlament fragte, ob er bestätigen könne, dass der Direktor der Denkfabrik „Zentrum für Europäische Reform“ ihm bei einem Mittagessen erzählt habe, Beamte des Finanzministeriums hätten absichtlich ein Folgenabschätzungsmodell entwickelt, um darzulegen, dass alle Optionen außer dem Verbleib in der Zollunion schlecht seien und dass sie diese Belege benutzen wollten, um die Politik zu beeinflussen. Der Staatssekretär bejahte die Frage mit Einschränkungen, musste sich aber später entschuldigen, als ein Mitschnitt des Gespräches offenbarte, dass der betreffende Direktor nichts dergeichen gesagt hatte. Das hielt Rees-Mogg nicht davon ab, damit hausieren zu gehen, dass das Beamtentum die Zahlen frisiere, um den Austritt aus der Zollunion zu verhindern, womit er eine jener Debatten über die Unabhängigkeit der Beamten entfachte, die immer wieder aufflackern, wenn über große politische Frage gestritten wird.

Rees-Moggs Beschuldigungen provozierten einen ehemaligen Leiter des öffentlichen Dienstes dazu, die Brexit-Anhänger als Quacksalber zu bezeichnen, die der Bevölkerung Schlangenöl verkauften. Der Vorwurf, wonach das Beamtentum den Brexit sabotiere, sei „absolut wahnsinnig“. Dem pflichteten zwei seiner Vorgänger energisch bei. Einer von ihnen zog sogar den Vergleich mit den Einschüchterungstaktiken des Hitler-Regimes.

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Das Stichwort dazu hatte Nick Cohen vom „Observer“ gegeben, indem er in seiner Kolumne am vergangenen Sonntag im Zusammenhang mit Rees-Moggs Einlassungen den Begriff der „Dolchstoßlegende“ ins Spiel brachte. So wie seinerzeit in Deutschland argumentiert worden sei, dass die Armee nicht von den Feinden in Frankreich geschlagen worden sei, sondern von Kommunisten, Juden und Pazifisten im eigenen Land, so werde der Austritt aus der EU den Brexit-Anhängern zufolge nicht daran scheitern, dass die rechten Tories den Briten eine Fantasie untergejubelt hätten, sondern weil Richter, Beamte, Saboteure und Meuterer einen glorreichen Sieg untergraben hätten, spotterte Cohen.

Mit der Nennung dieser Gruppen spielte Cohen freilich auf die sogenannte „liberale Elite“ an, die vom „Daily Mail“ gern als Feind des Volkes beschimpft wird. Der ehemalige konservative Abgeordnete Matthew Parris hat in seiner „Times“-Kolumne von einem mutierenden Gen im Körper der Konservativen gesprochen, das sich jetzt wie ein Krebs in der Regierungspartei ausbreite. Mitunter scheint es, als wäre das ganze Land davon befallen.

Quelle: F.A.Z.
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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