DFB-Kommentar

In der Tugendherberge

Von Jürgen Kaube
 - 12:58

Fußball ist ein Spiel, ein Sport, eine Show, ein Geschäft und eine Verlogenheit. Als Spiel leicht und schwer, als Sport die Aufmerksamkeit fesselnd und Geschichten erzeugend, als Showgeschäft weltumspannend und massenmedial, als Politikum voller Selbstdarstellungsmöglichkeiten für das Entscheidungspersonal aller Regierungsformen. Mitunter wird sogar behauptet, der Fußball sei das letzte große Lagerfeuer in Gesellschaften, die ansonsten nur aus Unterschieden bestehen.

Wie kommt es zur Verlogenheit im Fußball? Ein Beispiel lehrt es gerade: Die türkischstämmigen deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil haben sich mit dem Staatschef der Türkei ablichten lassen, haben ihm Trikots ihrer englischen Vereinsmannschaften gewidmet und „ihrem Präsidenten“ darauf Hochachtung ausgedrückt. Die törichte Handlung – Herr Erdogan korrumpiert sein Land, tritt den Rechtsstaat mit Füßen, lässt verhaften, wer ihm nicht passt, hat der deutschen (also Gündogans wie Özils) Kanzlerin „Nazi-Methoden“ vorgeworfen und so weiter – ist das eine.

Bei Diktaturen zeigte sich der DFB auslegungsbereit

Das andere ist, dass die Spieler jetzt mit erhobenem Zeigefinger an die Werte erinnert werden, für die der Deutsche Fußball-Bund stehe. Welche Werte sind es denn? Nur die üblichen, die aus den Reklamespots, die sich an Rassisten mit der Aufforderung wenden, den Rassismus sein zu lassen, oder auch noch besondere? Klugheit ist von den Spielern sicher nicht bewiesen worden. Wer sie als Erwartung an Profifußballer heranträgt, muss mit Enttäuschungen rechnen. Deswegen haben sie ja Berater. Aber lupenreines Demokratsein und Distanz zu Autokratien – auch das ein DFB-Wert? Man fuhr 1978 nach Argentinien, man fährt jetzt nach Russland und dann nach Qatar. Wann immer es um Diktaturen ging, zeigte sich der DFB in seiner Geschichte auslegungsbereit. Stets noch hatte Fußball dann letztlich doch nichts mit Politik zu tun. Und dass der Zweck den Beckenbauer heiligt, war das nicht soeben noch ein DFB-Wert ersten Ranges?

Doch wie auch immer: Wären wirklich wichtige Werte ignoriert worden, dann müssten die Spieler aus dem Kader genommen werden. Aber so wertbetont will man dann doch nicht agieren. Vielmehr wird den Spielern mitgeteilt, das sei „keine glückliche Aktion“ (Joachim Löw) gewesen. Sie hätten sich missbrauchen lassen, formuliert der DFB-Präsident. Eine Besprechung der Sache wird angekündigt. Der Team-Manager der Nationalmannschaft weiß aber schon vor dieser Aussprache, dass sich die beiden der Symbolik jener Fotos nicht bewusst gewesen seien. Woher er das weiß, bleibt offen. Die Spieler haben, wie gesagt, Berater. Sollten die von der Sache gar nichts gewusst haben? Oder waren die Berater sich der Symbolik ebenfalls nicht bewusst? Der Berater des Bundestrainers wiederum ist der Chef des Beraters der beiden Spieler. Joachim Löw wirbt auf der Website von dessen Agentur damit, sich blind mit ihr zu verstehen, was heiße, dass man stets wisse, was der andere gerade mache. Auch so ein Wert: blindes Vertrauen.

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Löw zeigt Verständnis Treffen mit Erdogan „keine glückliche Aktion“

Es geht gar nicht um Haltungen

Soll man also annehmen, dass für die Spieler mehr folgt als ein „tut das bitte nicht wieder“ seitens der Funktionäre? Die Phrase Oliver Bierhoffs, er sei sicher, dass sie sich „mit unseren Werten“ identifizierten, deutet auf das Gegenteil hin. Bierhoff formuliert mit Bedacht nicht, dass er sicher sei, den Spielern sei das politische Geschehen in der Türkei widerwärtig, oder sicher, sie fänden die dortige Rechtsstaatlichkeit zweifelhaft. Vermutlich schätzt er ganz zutreffend ein, dass Gündogan nicht einmal versteht, inwiefern Erdogan nicht „sein Präsident“ ist und was es überhaupt soll, darauf herumzureiten.

Es geht mithin gar nicht um Haltungen, für die man zu verzichten – zum Beispiel auf starke Spieler, WM-Teilnahmen oder Geschäfte – bereit wäre. Es geht nur um moralisches Händeringen vor der Öffentlichkeit. Als Stefan Effenberg einst dem Publikum den Mittelfinger zeigte, flog er auf Geheiß des DFB aus dem Kader. Max Kruse hat es später auf seine Weise auch geschafft, weil er zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort in falscher Begleitung angetroffen worden war. Zu scharfen Entscheidungen war der DFB immer dann bereit, wenn er sich damit wider besseres Wissen als Tugendherberge darzustellen vermochte.

Und also lautet eine Antwort auf die Frage, wie es zur Verlogenheit im Fußball kommt: dadurch, dass man partout behauptet, es gehe im Fußball um Werte, sich aber einfach nicht entscheiden kann, um welche. Und außerdem fürs Gewinnen nicht selten Leute braucht, denen solche Fragen im Zweifel sowieso egal sind.

Quelle: F.A.Z.
Jürgen Kaube
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