Europa-Serie

Ich bin bereit, das christliche Abendland zu verteidigen

Von Hannes Hintermeier
 - 16:39
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Der Schüler besucht das Realgymnasium in Sarajevo. Ein aufgeweckter Knabe, lernwillig und wissbegierig, und doch kein Streber. Die zwei Wochenstunden in Latein sind ihm nicht genug. Er geht ins Franziskanerkloster, wo er kundige Leute vermutet, und bittet Fra Ivo Bagarić, ihm in Latein, Griechisch und Philosophie Unterricht zu geben. Der Mönch willigt ein. Als der Privatunterricht zwei Jahre später zu Ende geht, fragt der Schüler, wie viel er wohl schuldig sei? Ich schulde dir Geld, weil du lernen willst und zu mir gekommen bist, antwortet der Franziskaner.

Die autobiographische Geschichte aus der Schulzeit des späteren Schriftstellers Dževad Karahasan trägt sich 1970 zu. Da ist Tito schon seit einem Vierteljahrhundert Staatsoberhaupt Jugoslawiens, der Eiserne Vorhang fest geschlossen, der Bosnien-Krieg noch mehr als zwei Jahrzehnte entfernt. Jener Krieg, in dem Karahasan Verwandte, Freunde und seine Bibliothek verlor; jener Krieg, den er nur überlebte, weil er durch einen Tunnel ausgeschleust und nach München in Sicherheit gebracht wurde. Dort begann in den frühen neunziger Jahren sein zweites Leben, sein Leben als europäischer Schriftsteller von Rang.

„Wie soll ich mich verstehen ohne Gegenüber?“

Dem „Tagebuch der Aussiedlung“ (1993) folgen Essays und gewichtige Romane wie „Schahrijars Ring“ (1997) und „Der nächtliche Rat“ (2006), zuletzt im vergangenen Jahr „Der Trost des Nachthimmels“. In fünfzehn Sprachen sind seine Bücher, die explizit an die arabische Erzähltradition anknüpfen, übersetzt. In Deutschland erscheinen sie bei Insel. Preise und Auszeichnungen hat Karahasan in Frankreich, Italien, der Schweiz, Österreich und nicht zuletzt hierzulande eingeheimst, darunter den „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“. Heute lebt Karahasan mit seiner Frau, einer Journalistin, in Graz, wo er nach seiner Zeit als Stadtschreiber Wurzeln schlug, und in Sarajevo, wo er Komparatistik und Dramengeschichte unterrichtet.

Über seine Herkunft sagt er: „Meine kulturelle Zusammensetzung ist kompliziert. Meine Eltern waren beide bosnische Muslime, meine Mutter war gläubig, mein Vater war ein tiefgläubiger Kommunist, der bis zu seinem Lebensende ein glühender Titoist blieb. Ich selbst war niemals Kommunist, hatte aber größere Probleme mit den Antikommunisten, denn die Kommunisten ließen mich einfach schweigen, während ihre Gegner wollten, dass ich mich zu allem äußere.“ Das Studium finanziert er mit Schwarzarbeit auf deutschen Baustellen. Damals habe er sein „Jugoslawentum“ stark gespürt, so wie er heute sein „Bosniertum“ spüre, seit Bosnien in seiner Existenz bedroht ist. Sechzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit und eine schwere Wirtschaftskrise drücken aufs Gemüt.

Mit Karahasan über Europa zu reden hat aus Sicht des deutschen Gesprächspartners beinahe etwas Peinliches, so selbstverständlich führt der Mann vom Balkan, den sie in Österreich bestenfalls einen „Balkanesen“ nennen, vor, wie man als bosnischer Muslim den europäischen Gedanken verkörpert. Das hat einmal damit zu tun, dass auch in den Nachfolgestaaten der Habsburger Monarchie viele Ethnien und Religionen Platz in Sarajevo hatten. Und hat es auf einer persönlichen Ebene mit der intellektuellen Neugier des mehrsprachigen, hochgebildeten Schriftstellers zu tun, dessen hintersinniger Humor den Ernst seiner Gedankenwelt auflockert. Als wäre er jeden Augenblick auf der Suche nach einer metaphysischen Begründung für seine Kontaktfreudigkeit: „Wie soll ich mich verstehen ohne Gegenüber? Für mich sind Menschen vor allem Gespräch,“ sagt Karahasan mit einem selbstironischen Achselzucken.

Im Vatikan wären auch Steine und Vögel katholisch

Seine Zugehörigkeit zu Europa sitze so tief, dass er sie so wenig fühle wie „eine funktionierende Niere“. Es werde ohnehin viel zu viel über Europa geredet, befindet er und rückt seinen Hut zurecht, der ihn vor der Sonne schützt. Wir vergäßen gerne, befindet der Schriftsteller, „dass Europa eine stete Suche ist. Seit es existiert, fragt sich Europa, wo seine Grenzen liegen, geographisch und kulturell.“ Dabei sei die Abwesenheit eines Zentrums gerade das Aufregende an Europa: „Johannes Scottus Eriugena stellt sich Gott wie eine Kugel vor, deren Zentrum überall und deren Peripherie nirgends ist. So funktioniert in seinem Empfinden auch Europa.

Warum er trotzdem oder gerade deswegen der Meinung ist, die kulturelle Identität sollte in jedem Menschen „ein wenig Unbehagen“ erzeugen, illustriert der leidenschaftliche Geschichtenerzähler mit einer Anekdote. „Ende der neunziger Jahre durfte ich in Italien einen Preis entgegennehmen. In meiner Dankesrede erklärte ich, dass mein bester Freund, der Franziskaner Mile Babić, sich seiner katholischen Zugehörigkeit bewusster sei als der damalige Kardinal Ratzinger. Ich wurde gefragt, was ich damit meinte. Ich antwortete: Im Vatikan katholisch zu sein erschiene mir pleonastisch. Dort wären auch Bäume, Stein und Vögel katholisch, sofern das möglich wäre.“

Dass er als Muslim eine enge Freundschaft mit einem katholischen Ordensmann pflege, sei früher nichts Ungewöhnliches gewesen. Heute gebe es in dem von Wahabiten unterwanderten Sarajevo Zeitgenossen, die das skeptisch beäugten. „Bosnien ist kein Paradies, aber das Gespräch zwischen den Kulturen funktioniert immer noch ganz gut. Aber es gibt selbstverständlich auch Leute dort, die jegliches Gespräch mit Andersdenkenden und Andersgläubigen ablehnen.“

Eine Bedrohung gibt es nicht

Dabei sei gerade das die eminente geistige Leistung Europas – die Fähigkeit, nuanciert zu denken, nicht in Schwarz-Weiß-Schemata zu verfallen. „Die Kultur hat Europa geschaffen, nicht die heute gängigen binären Oppositionsmodelle vom Typ: Ich bin ich, weil ich nicht du bin. Diese Leistung müssen wir zurückerobern.“ Europa versus Islam, das sei „einfach Quatsch. Europa existierte niemals völlig ohne Islam. Und es hat sich niemals nur negativ zum Islam gestellt. Man setzte sich mit ihm auseinander, man übernahm einiges, lehnte anderes ab.“ Das christliche Abendland sieht Karahasan demnach keineswegs vom Islam bedroht. Sondern von anderen Kräften wie dem neoliberalen Kapitalismus, „einer schrecklichen Erfolgsideologie, die man uns aufdrängt“.

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Jesus habe in der Bergpredigt klargemacht, dass man Arme nicht verachten soll, dass Armut keine Schande ist. „Das haben wir völlig vergessen. Eine der größten Leistungen des Christentums ist Solidarität. Güte ist eine große Gottesgabe. Ausgerechnet die Leute, die das christliche Abendland verteidigen wollen, haben ,Gutmensch‘ zu einem Schimpfwort gemacht.“ Bei diesem Thema kommt der ansonsten bedächtig und präzise formulierende Karahasan in Fahrt. Er verkündet gar: „Ich bin jederzeit bereit, das christliche Abendland zu verteidigen! Die große Lehre des Christentums ist doch: Angst ist die schlimmste Sünde. Also, befreien wir uns von Angst.“

Er akzeptierte immer alle Vorurteile ihm gegenüber. Dass er so verfährt, um damit eine Einladung zur vorurteilsfreien Kommunikation auszusprechen, dürfte jene überfordern, die es sich im Vorurteil eingerichtet haben, auf dem Balkan wie im Rest der Welt. Gerade in seiner Wahlheimat Österreich ist der „Balkanese“ mit einer massiven Frontstellung gegenüber Ausländern konfrontiert, die dort von der drittstärksten politischen Kraft, den sogenannten Freiheitlichen, befeuert wird. Erschwerend kommt hinzu, weiß Karahasan, dass Ressentiment keine Grenzen kennt: „Man kann auch ein österreichischer Chauvinist sein, wenn man aus Ägypten oder dem Irak kommt.“

Trotz seines Alters, wie der Vierundsechzigjährige augenzwinkernd sagt, gestatte er sich Optimismus. Das gilt besonders auch in der Flüchtlingsfrage, in der er auf der Seite der deutschen Bundeskanzlerin steht. „Einer der wenigen Augenblicke, in denen ich froh war, ein Mensch zu sein, war, als ich im Fernsehen sah, wie in München Tausende von Menschen unaufgefordert die Flüchtlinge begrüßt und versorgt haben. Das war großartig!“ Doch im gleichen Moment habe sich die Fratze einer Politik gezeigt, die eine „Ökonomie der Angst“ verbreitet. Etwa durch die Behauptung, die Flüchtlinge bedrohten unsere kulturelle Identität. „Wie sollen zwei Millionen Geflüchtete eine europäische Gesellschaft bedrohen, die mehr als fünfhundert Millionen Einwohner zählt? Das ginge vielleicht, wenn diese Identität im Zerfallen begriffen wäre. Aber das ist in Europa nicht der Fall.“

Es sei kein Zufall, dass fast alle Flüchtlinge nach Deutschland wollen. Deutschland habe es geschafft, seine Vergangenheit aufzuarbeiten, ohne die eigene großartige Kulturgeschichte zu beschädigen. „Deutschland ist ein wunderbares Beispiel für gelingende Integration. Vielleicht funktioniert diese gerade deswegen so gut, weil eine schlüssige Integrationspolitik fehlt. Und wenn es heute ein europäisches Land gibt, in dem es Totalitarismen aller Couleur schwer hätten, ist es Deutschland.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.
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