Geldschöpfung

Reichtum per Tastendruck

Von Wolfgang Krischke
 - 19:39

Der eine spart, der andere braucht Geld, das er noch nicht hat. Das muss organisiert werden. Das nennt man Bank. So einfach ist das.“ Wolfgang Schäubles Erläuterung bestärkt eine volkstümliche Vorstellung: Geld ist ein begrenztes Gut. Die Banken verteilen es, indem sie das Ersparte ihrer Kunden an andere Kunden verleihen, die damit gewinnträchtig produzieren, um dann den Kredit mit Zinsen zurückzuzahlen. Schäubles Ministerkollege im Herzogtum Weimar zeichnete allerdings ein anderes Bild vom Kredit: „Es fehlt das Geld, nun gut so schaff es denn!“ fordert der bankrotte Kaiser im zweiten Teil des „Faust“. Mephisto tut ihm den Gefallen und erfindet das Papiergeld. Gedeckt sind die kaiserlich unterzeichneten „Zettel“ allenfalls durch die vage Hoffnung auf ungehobene Bodenschätze, aber der Zaubertrick tut Wirkung: Handel und Handwerk blühen erneut, die Staatsfinanzen sind saniert – vorerst jedenfalls.

Die faustische Geldschöpfung aus dem Nichts hat etwas Alchemistisches an sich. Doch genau damit kommt sie dem, was die heutige Geldwelt im Innersten zusammenhält, viel näher als die betont bodenständige Definition Schäubles. Wie nahe, das machte eine Veranstaltung am Hamburger Institut für Sozialforschung deutlich. Dort präsentierten der Soziologe Axel Paul von der Universität Basel und sein Kollege Aaron Sahr, der am Hamburger Institut forscht, ihre Erkenntnisse und Thesen zum Wesen und der Zukunft des Geldes. Eine Kontroverse entspann sich allerdings nicht zwischen ihnen, dafür lagen ihre Analysen und Befunde zu dicht beieinander. Stattdessen lieferten sie gemeinsam Bausteine für eine politische Ökonomie des Geldes in der kapitalistisch-algorithmischen Moderne. Dass es angesichts finanzpolitischer Krisen und blühender Kryptowährungen einen Bedarf dafür gibt, zeigte der Publikumsandrang. Da der Vortragsraum nicht ausreichte, wurde die Veranstaltung per Lautsprecher in die Kantine übertragen.

Währungen nicht an reale Gegenwerte gekoppelt

Goethes Dichtung ist längst schon Wahrheit geworden: Seit 1971 die Goldbindung des Dollars gekappt wurde, sind Währungen nicht mehr an reale Gegenwerte gekoppelt. Aber die Entmaterialisierung des Geldes ist gegenüber Fausts Zeiten deutlich weiter fortgeschritten: Banknoten sind für viele Transaktionen nicht mehr nötig und auch eine zentrale Instanz wie den Kaiser braucht es nicht mehr. Heutiges Geld erzeugt jeder Bankangestellte in dem Moment, in dem er einen Kredit vergibt. Sahr spricht von „Keystroke-Kapitalismus“: Das Geld entsteht durch den Druck auf die Tasten, mit denen die Kreditsumme eingegeben wird. Sahr sieht darin ein einmaliges Privileg der Banken gegenüber allen anderen Unternehmen: Sie können Profite erzeugen, ohne vorher Kapital akkumulieren zu müssen – eine „Anomalie im Herzen des Kapitalismus“. Die immer noch verbreitete Vorstellung, die Zentralbank kontrolliere die Privatbanken, indem sie die Geldmenge begrenzt, hat mit der Realität nicht mehr viel zu tun. Zwar dürfen Geschäftsbanken kein Bargeld produzieren und müssen deshalb entsprechende Geldreserven der Zentralbank vorhalten. Doch die liefert das Gewünschte zuverlässig nach Bedarf. Öffentlich eingestanden hat die Bundesbank ihre nur noch marginale Kontrollfunktion allerdings erst im vergangenen Jahr.

Dass das „offene Geheimnis“ der Geldschöpfung in Politik und Gesellschaft immer noch so wenig zur Kenntnis genommen wird, hängt für die beiden Soziologen mit der Eingängigkeit der klassischen Geldtheorie zusammen. Ihr zufolge ist Geld in erster Linie ein Tauschmittel, entstanden aus frühen Formen der Marktwirtschaft. Für Axel Paul stellt das die Verhältnisse auf den Kopf: „Die historischen Kausalitäten sind genau umgekehrt. Marktwirtschaften setzen die Erfindung des Geldes voraus.“ Geld entstand demzufolge zunächst als Symbol für Schulden, eingeführt zum Beispiel von staatlichen Verwaltungen zur Organisation von Abgaben, bevor es zum Instrument des Handels wurde. Auch für Sahr rangiert die Kreditfunktion des Geldes an erster Stelle. Sie erzeuge ein riesiges, von immer neuer Verschuldung genährtes Beziehungsgeflecht zwischen Gläubigern und Schuldnern.

Rückkehr zum „ehrlichen“ Geld ist Sackgasse

Die philosophische Tradition dieser Sichtweise ist offenkundig: Es war Marx, der Geld nicht als Sache, sondern als ein gesellschaftliches Verhältnis charakterisierte, das von der kapitalistischen Ökonomie zum „Heiligen Geist“ erhöht wird. Mit der Religion ist solches Geld – auch „Fiat-Geld“ genannt – nicht nur durch den Schöpfungsakt verbunden, sondern auch dadurch, dass der Glaube die Voraussetzung für seine Existenz ist. Dass flexible Geldschöpfung gleichwohl ein unentbehrlicher Motor moderner Volkswirtschaften ist, der aus irrealen Voraussetzungen reale Werte schaffen kann – daran ließen die Sozialwissenschaftler keinen Zweifel.

In der vermeintlichen Rückkehr zum „ehrlichen“ Geld, wie es die Bitcoin-Währung verspricht, sieht Paul eine Sackgasse: Eine strikte Begrenzung wie bei den Bitcoins würde bei wachsender Gütermenge in eine Deflation führen, die die Wirtschaft abwürgte. Trotzdem warfen Paul und Sahr einen sehr kritischen Blick auf die Praxis der Geldschöpfung in den vergangenen vierzig Jahren. Das rasant gewachsene Geldvolumen hat ihrer Diagnose zufolge beträchtliche soziale Ungleichheit produziert.

In diesem Szenario haben die Banken ihr Privileg vor allem verwendet, um Geld für bereits vermögende Investoren zu schaffen, die damit erfolgreich auf den Preisanstieg von Aktien, Anleihen oder Immobilien spekulierten und noch reicher wurden. Gegenüber dem entfesselten Finanzkapitalismus verliert so die Realwirtschaft an Bedeutung und die Löhne der dort Beschäftigten steigen nur langsam oder stagnieren gar. Einer Verstaatlichung der Geldschöpfung reden Sahr und Paul trotzdem nicht das Wort, wohl aber einer demokratischeren Kontrolle. Sie plädieren für eine ordnungspolitische Diskussion, die anerkennt, dass die Geldschöpfung Verteilungsfragen berührt: „Die ‚Neutralität des Geldes‘ ist Ideologie.“

Quelle: F.A.Z.
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