Genreparatur an Embryonen

Letzter Ausweg

Von Jörg Albrecht
 - 10:30

An Nachrichten aus der Biomedizin hat man sich gewöhnt. Sie müssen schon spektakulär ausfallen, wenn sie noch Aufmerksamkeit erregen sollen. Vergangene Woche war das wieder mal der Fall. Da wurde bekannt, dass ein Team von amerikanischen, chinesischen und südkoreanischen Forschern unter Leitung des Zellbiologen Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Health and Science University in Portland das Erbgut von Embryonen verändert hat. Der Eingriff war präziser, als man es bis dahin für möglich gehalten hatte: In 42 von 58 Fällen gelang es, ein Gen zu entfernen, das für eine Herzmuskelschwäche verantwortlich ist, und durch ein gesundes Gen zu ersetzen.

Die Entwicklung neuartiger Genskalpelle, im Fachjargon „Crispr“ genannt, hat solche Manipulationen zur Routine werden lassen. Die Technik hat sich in Windeseile verbreitet, jeder halbwegs ausgebildete Laborant kann sie erlernen. Sie hat aber auch einige Schwächen. Vorangegangene Experimente hatten gezeigt, dass es zu Mutationen und Fehlreparaturen kommen kann.

Diese Schwachstelle scheint nun entschärft zu sein. Was zu der Frage führt, wie weit man die Sache künftig treiben soll. Mitalipov und seine Kollegen hatten Embryonen erzeugt, die prinzipiell lebensfähig gewesen wären. Sie wurden zwar nach kurzer Zeit zu Untersuchungszwecken zerlegt. Man hätte sie stattdessen aber auch in die Gebärmutter einer Frau einpflanzen können. In Deutschland und vielen anderen Ländern sind solche Versuche ohnehin verboten. Das Argument, man dürfe ungeborenes Leben nicht töten, fiele aber fort, wenn diese Art der Keimbahntherapie hinreichend sicher wäre. Denn dann wäre sie vom Grundsatz her nicht anders zu bewerten als eine Operation des Fetus im Mutterleib, um beispielsweise einen offenen Rücken zu schließen oder einen Harnstau zu beseitigen.

Die schärfste Kritik kommt aus der katholischen Kirche

Die Wissenschaft kennt an die zehntausend Erbkrankheiten, die auf dem Defekt eines einzelnen Gens beruhen. Die meisten davon treten nicht besonders häufig auf, viele sind sogar extrem selten. Aus der Sicht der Betroffenen macht das aber keinen Unterschied. Sie würden sich durchaus Kinder wünschen, wenn es denn die Chance gäbe, sie vor der Krankheit zu bewahren. Die Forscher, die an Gentherapien arbeiten, sehen sich als Anwälte dieser Menschen oder schlüpfen zumindest in die Rolle des Helfers, wenn sie öffentlich attackiert werden.

Mit solchen Attacken können sie zuverlässig rechnen. Die schärfste Kritik kommt aus der katholischen Kirche, doch die Front reicht bis in die Reihen der Feministinnen, Grünen und Linken. Aber es gibt auch religiöse Gemeinschaften, die sich mit dem genetischen Schicksal nicht abfinden wollen. Die streng orthodoxe jüdische Gemeinde New Yorks beispielsweise lässt sich von einer Organisation beraten, die Heiratswillige einem Test unterzieht, bei dem ihr Erbgut auf das Vorhandensein von Anlagen für das Tay-Sachs-Syndrom und acht weitere Erbkrankheiten untersucht wird. Die engen Verwandtschaftsbeziehungen haben dazu geführt, dass sich solche Anlagen in der Gemeinschaft häufen.

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Wenn sich zwei Träger defekter Gene dennoch für Nachwuchs entscheiden, steht ihnen die Präimplantationsdiagnostik (PID) zur Verfügung. Dabei werden die Embryonen nach einer künstlichen Befruchtung auf eventuelle Erbschäden getestet. Die PID ist ebenfalls umstritten, in Deutschland wurde sie 2011 von einer Mehrheit des Bundestages für zulässig erklärt, falls die begründete Gefahr einer Weitergabe von schweren Erbkrankheiten besteht.

Die Chancen, die eine PID bietet, sind allerdings auch der schärfste Einwand, der sich gegen die Keimbahntherapie vorbringen lässt. Der Eingriff, den Mitalipovs Team vorgenommen hatte, richtete sich gegen die sogenannte Familiäre Hypertrophe Kardiomyopathie, die mit einer Häufigkeit von eins zu fünfhundert in der Bevölkerung auftritt und zum plötzlichen Herztod führen kann. Sie wird dominant vererbt. Das heißt: Nur eine Kopie des entsprechenden Gens reicht, um die Krankheit auszulösen. Die Forscher hatten Eizellen gesunder Frauen mit dem Samen eines Mannes befruchtet, der Träger der Herzschwäche ist. Bei dieser Konstellation beträgt die Chance, auf natürlichem Wege gesunden Nachwuchs zu zeugen, genau fünfzig Prozent. Durch die Reparatur mit dem Crispr-Skalpell stieg diese Chance auf etwas mehr als siebzig Prozent. In der Praxis wäre also eine zweite PID-Untersuchung nötig, was die Prozedur einigermaßen fragwürdig macht.

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Forschern gelingt präzise Genreparatur in Embryonen

Die allermeisten Erbkrankheiten werden ohnehin nicht dominant vererbt. Sondern rezessiv. Das heißt, sie treten nur zutage, wenn der Träger zwei defekte Genkopien geerbt hat. Selbst wenn sein Partner ebenfalls eine defekte Kopie besitzen sollte, wäre immer noch ein intaktes Gen vorhanden und damit ein Viertel der Nachkommen frei von der Krankheit. So gesehen, ist die Mitalipov-Methode, wenn sie denn jemals zum Einsatz kommt, nur der allerletzte Ausweg für außerordentlich wenige tragische Fälle.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Albrecht Jörg (echt)
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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