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Forschung zu DDR-Volkseigentum

Ruinöser Ausverkauf oder alternativloser Umbau?

Von Constantin Goschler
 - 10:57
Eine Mitarbeiterin des Stasi-Museums im Archiv Bild: dpa, F.A.Z.

Ein heißes Eisen der Zeitgeschichte wartet auf seine Erforschung: die zwischen 1990 und 1994 von der Treuhandanstalt durchgeführte Privatisierung des volkseigenen Vermögens der DDR. Bis heute kollidieren zwei Betrachtungsweisen. Handelte es sich um den ruinösen Ausverkauf des Ostens, der die einen reich machte und den anderen Massenarbeitslosigkeit und Deindustrialisierung bescherte? Oder blickt man zurück auf den alternativlosen Umbau einer bankrotten Staatswirtschaft in eine Marktwirtschaft? Während reißerische Darstellungen diese Thesen Jahr um Jahr zuspitzen, ließen sich seriöse wissenschaftliche Untersuchungen mangels Aktenzugang bislang kaum anstellen. Dabei besitzt das Thema vor allem in Ostdeutschland erhebliche Sprengkraft, und vermutlich beeinflusst es auch politische Präferenzen und das entsprechende Wahlverhalten. Denn die Erfahrung der massenhaften Privatisierung und „Abwicklung“ reichte in Ostdeutschland in alle Lebensbereiche hinein. Sie prägte gleichermaßen das Verhältnis zur Marktwirtschaft wie zur Demokratie und bildet ein schier unerschöpfliches Reservoir ressentimentgeladener Anekdoten.

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Seit kurzem scheinen sich die Voraussetzungen der zeithistorischen Erforschung der Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft zu bessern. Im Bundesarchiv haben sechs Mitarbeiter damit begonnen, die sechzig Aktenkilometer umfassende Überlieferung der Treuhandanstalt archivalisch zu erschließen. Überraschend schrieb nun kürzlich das bislang wirtschaftshistorisch wenig profilierte Institut für Zeitgeschichte in München sieben vom Bundesministerium für Finanzen finanzierte Stellen zur Erforschung der Geschichte der Treuhand aus. Gemessen an geisteswissenschaftlichen Maßstäben, handelt es sich um ein sehr großes Forschungsprojekt, über dessen finanzielle Dimensionen die Beteiligten bislang Stillschweigen bewahren.

Spekulationen über die Hintergründe

Das Institut für Zeitgeschichte gibt an, es habe schon seit längerem die Rolle der Treuhandanstalt in den Blick genommen, und zwar „im Rahmen seines Forschungsschwerpunkts ‚Transformationen in der neuesten Zeitgeschichte‘, der die rasanten Wandlungsprozesse und soziokulturellen Brüche der Industriegesellschaften seit den 1970er Jahren erforscht“. Andere in diesem „Rahmen“ angesiedelte Projekte des Instituts untersuchen „Die Krise der Arbeitsgesellschaft 1973 bis 1989“, „Ökonomisches Denken und Systemtransformation in Polen 1975 bis 1995“ oder „Die Deutschen und Gorbatschow“, aber auch die „Geschichte der Sexualität in Deutschland 1965 bis 2000“ und die „Kulturgeschichte der Nachhaltigkeit“.

Da diese Zusammenarbeit zwischen Institut für Zeitgeschichte und Bundesfinanzministerium, in die auch das Bundesarchiv einbezogen ist, im Vorfeld als Geheimsache behandelt wurde, lässt sich über die Hintergründe lediglich spekulieren. Vieles spricht zunächst dafür, dass das Bundesfinanzministerium als einer der politischen Hauptakteure der Privatisierung des volkseigenen Vermögens in Ostdeutschland den sich wieder intensivierenden Deutungskampf um die Treuhand und ihr Vermächtnis beeinflussen möchte. Um die Unwägbarkeiten einer öffentlichen Ausschreibung des lukrativen Auftrags zu vermeiden, hat es ein individuelles Arrangement mit dem Institut für Zeitgeschichte getroffen. Dahinter dürfte die Absicht stehen, die politischen Risiken der Erforschung dieses Themas zu reduzieren, solange das Bundesministerium der Finanzen noch in der Hand der CDU liegt. Das Haus wird seit 2009 von Wolfgang Schäuble, einem der maßgeblichen Akteure der Wiedervereinigungspolitik, geführt. Angesichts der Geheimniskrämerei liegt der Gedanke an parteipolitische Intentionen hinter dieser wissenschaftlichen Auftragsvergabe jedenfalls nicht fern. Allerdings gelten für Aufträge der öffentlichen Hand strenge Regeln, um die sich das Bundesfinanzministerium hier in keiner Weise scherte. Normalerweise ist im öffentlichen Dienst für jeden Auftrag über 500 Euro ein Angebotsvergleich erforderlich. Hier wurde jedoch ein Millionenbetrag in einem vollkommen intransparenten Verfahren vergeben, über dessen Rechtmäßigkeit Juristen urteilen mögen.

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Das Ministerium mag sich bei dieser Vorgehensweise sicher fühlen, weil es an eine mittlerweile eingeübte Praxis anschließen kann. Nach dem Vorbild der noch von Joschka Fischer initiierten vieldiskutierten Studie über das Auswärtige Amt haben zahlreiche Ministerien und Behörden von Bund und Ländern ähnliche Studien in Auftrag gegeben, bei denen zumeist nach personellen und institutionellen Kontinuitäten zur NS-Zeit gefragt wird. Der weitaus überwiegende Teil dieser Projekte wurde nach eigenem Gutdünken vergeben. Die öffentliche Ausschreibung eines umfangreichen Projekts zur Geschichte des Bundeskanzleramts schien jüngst eine Trendwende anzuzeigen, doch nun folgt die Vergabe der Treuhandstudie an das Institut für Zeitgeschichte wieder der gewohnten Arkanpraxis. Damit stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien die Auswahl für die Vergabe solcher Studien erfolgt. Die Vermutung liegt nahe, dass neben der fachlichen Autorität insbesondere Faktoren wie öffentliche Bekanntheit und gesellschaftliche oder politische Nähe zur Ministerialbürokratie eine Rolle spielen.

Fast alle sitzen im Glashaus

Diese Angelegenheit wirft jedoch zugleich die grundsätzliche Frage der zunehmenden Bedeutung der von Ministerien, Behörden und Parlamenten in der Bundesrepublik vergebenen Forschungsaufträge auf. Mittlerweile tragen diese nicht nur am Institut für Zeitgeschichte, sondern auch anderswo zu einem erheblichen Teil der Personalausstattung bei, sie sind sozusagen zu einer tragenden Säule des Geschäftsmodells der Zeitgeschichte geworden. Damit verbinden sich Probleme, die nicht verkürzend in eine moralisierende Perspektive gerückt werden sollten, schließlich sitzen fast alle im selben Glashaus.

Neben dem Problem der oftmals intransparenten Auftragsvergabe stellt sich insbesondere die Frage, inwieweit viele zeithistorische Forschungsprojekte vor allem deshalb zustande kommen, weil das finanzielle Angebot die wissenschaftliche Nachfrage schafft. Produziert diese Form des akademischen Monetarismus eine Blase, die kurzfristig Beschäftigungsmöglichkeiten und Einfluss generiert und irgendwann platzen wird, vor allem auf Kosten der meist jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in den personell oft stark aufgeblähten Projekten beschäftigt werden? Und was bedeutet das eigentlich für die Dynamik der Suche nach innovativen Forschungsthemen? Natürlich orientieren sich die Fragestellungen der Zeitgeschichte immer auch an gesellschaftlichen Orientierungsbedürfnissen. Aber sollen Letztere nun von Ministerien, Behörden und Parlamenten bestimmt werden?

Was kann man wünschen?

Zu Recht ließe sich einwenden, warum denn die zeithistorische Forschung eigentlich dieses Spiel so bereitwillig mitmacht, wenn es denn gar so schrecklich sein soll. Die Erklärung liegt im Fetischcharakter der sogenannten Drittmittel, die mittlerweile die Geisteswissenschaften vollständig im Griff haben. Damit soll der tendenziell sinkende Anteil der finanziellen Grundausstattung kompensiert werden. Diesem Druck können sich Professoren und Institutsleiter nur individuell entziehen, wenn sie denn wollen, institutionell ist dies kaum möglich. Was kann man in dieser Situation also überhaupt wünschen? Kurzfristig wäre es sinnvoll, dass die Praxis der intransparenten Vergabe von Forschungsaufträgen durch Verfahren ersetzt wird, die unter wissenschaftlichen Wettbewerbsbedingungen die fachliche Qualität prämieren. Zyniker unter den Kollegen argumentieren freilich augenzwinkernd, dass sich das Ergebnis wenig unterscheiden würde.

Langfristig wäre aber vor allem auch darüber nachzudenken, inwieweit Drittmittel als Steuerungsinstrument der Geschichtswissenschaft inzwischen eine destruktive Wirkung entfalten. Denn was bedeutet es, wenn am Anfang eines Forschungsprozesses immer öfter zunächst die Vorgabe steht, ein bestimmtes Drittmittelvolumen zu erreichen, bevor es auf die mühsame Suche nach einer erfolgversprechenden Fragestellung geht? Die zeithistorische Auftragsforschung verkürzt diesen Prozess in bequemer Weise, indem mit dem schnellen Geld gleich das Thema mitgeliefert wird. Gleichzeitig verstärkt das die Konkurrenz zwischen den durch die Auftragsforschung stark expandierenden außeruniversitären Forschungsinstituten und der universitären Geschichtswissenschaft, die unter einem Konflikt zwischen einer vorgeblich studierendenfreundlichen Kostenloskultur und verschärfter Ökonomisierung im Inneren leidet. Und so landen wir bei einem klassischen Dilemma der Institutionenanalyse: Keiner ist böse, aber alle tun das Falsche.

Constantin Goschler ist Professor für Zeitgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum und leitet gegenwärtig ein Projekt zur Wahrnehmung und Bewertung der Treuhandanstalt, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie finanziert wird. Zuvor leitete er zusammen mit Michael Wala ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Bundesamts für Verfassungsschutz, das vom Bundesinnenministerium finanziert wurde.

Quelle: F.A.Z.
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