Frankreich

Der Sieg der Salafisten

Von Jürg Altwegg, Genf
 - 14:16

Gibt es für Tariq Ramadan in Frankreich ein Redeverbot? Jack Lang verweigerte ihm im Institut du Monde Arabe die Teilnahme an einer Diskussionsrunde. Auch in Béziers, Orléans, Argenteuil durfte er nicht öffentlich reden. In Bordeaux verhinderte Bürgermeister Alain Juppé, der nächstes Jahr Präsident werden will, einen Auftritt Ramadans.

Man kann diese Zensur mit guten Gründen für fragwürdig halten. Der Protest gegen sie, den ein paar Intellektuelle um Edgar Morin formulieren, ist es nicht weniger. Sie verniedlichen den umstrittenen Genfer Ramadan, dessen Vorfahren die „Muslimischen Brüder“ begründeten und dessen Bruder die Steinigung von Ehebrecherinnen billigt, als „Theologen und Islamologen“. Mit Ramadans „Doppelzüngigkeit“ sei es wie mit den Verschwörungstheorien: Hirngespinste, die man nicht widerlegen kann: „Die Republik hat offensichtlich ein Problem mit dem Islam.“

„Die Salafisten sind im Begriff, den Kulturkampf im französischen Islam zu gewinnen“, stellte Premierminister Manuel Valls gerade fest. Auch den Begriff der „ideologischen Schlacht“ verwendete er. Die Salafisten machen ein Prozent der muslimischen Bevölkerung aus: „Aber ihre Botschaft ist die einzige, die man in den sozialen Netzwerken vernimmt.“ Und: „Alle Attentate der letzten Jahre wurden im Namen des Islams begangen.“

Brutstätten der Radikalisierung

„Es gibt in Frankreich hundert Molenbeeks“, sagt Patrick Kanner, Minister für Jugend und Sport. „In den Quartieren werden eigentliche Trainingslager unterhalten“, so die Abgeordnete Samia Ghali aus Marseille. Malek Boutih, ebenfalls Sozialist, der mit der antirassistischen Jugendbewegung „SOS Racisme“ Karriere machte, prangert die Duldsamkeit der Bürgermeister an, die sich mit dem Islam arrangieren, um den sozialen Frieden zu erhalten und denen die Stimmen der Muslime versprochen werden. Wer zählt die Moscheen, die im Bau sind?

Als Brutstätten der Radikalisierung beschreiben Farhad Khosrokhavar und weitere Soziologen die Gefängnisse. Laurence Rossignol, Ministerin für die Rechte der Frauen, hat die neue Masche der islamischen Mode und den Schleier als Symbol der Versklavung bezeichnet. In diesem Zusammenhang sprach sie ungeschickterweise auch von „Negerinnen“.

Es geht längst nicht mehr um Filme und Stücke, die aus Angst abgesetzt werden. Der „Figaro“ berichtet über die Zustände in den islamischen Privatschulen. Rund fünfzig von ihnen sind „hors contrat“, sie haben keinen Vertrag mit dem Staat und bezahlen die Lehrer selbst. Sie stehen unter dem Einfluss der „Islamischen Brüder“, berichten die Beobachter. 5000 Kinder besuchen islamische Schulen, 35.000 werden von der Jugendarbeit der Moscheen erreicht.

Ist in Frankreich die schleichende Islamisierung, wie sie Michel Houellebecq in seinem Roman „Unterwerfung“ nach der Wahl eines Muslimen zum Staatspräsidenten beschreibt, in Gang? „Der Schleier ist keine Mode“, kommentiert Valls die Kollektionen von Labels wie Dolce & Gabbana und H&M, die auf „islamic fashion“ setzen. Die Feministin Elisabeth Badinter ruft zum Boykott der Marken auf. Zu Tariq Ramadan sagt sie klipp und klar, dass die „Meinungsfreiheit nicht verhandelbar“ sei - solange es nicht um Hassaufrufe gehe. Entschieden verwirft sie den nach den Sex-Angriffen in der Silvesternacht in Köln in Frankreich vielfach formulierten Einwand, die katholische Kirche sei genauso frauenfeindlich wie der Islam: „Sie hat aufgehört, die Ungleichheit der Geschlechter zu predigen. Und sie verurteilt die Pädophilie, natürlich hat sie ihre Vertreter zu lange beschützt. Ein Imam kann die sexuelle Unterwerfung der Frau unter ihren Ehemann verlangen, ohne dass er irgendeine Instanz fürchten muss.“

Elisabeth Badinter situiert die Wende um die achtziger Jahre, als der Kult der Minderheiten und der „Differenz“ zum Tragen kam. Sie erinnert daran, dass Danielle Mitterrand, die Frau des damaligen Staatspräsidenten, die Beschneidung und die Polygamie als Ausdruck der Toleranz rechtfertigte. Und für einen demokratischen Fortschritt hielt. 1989 kam es zum ersten Prozess um ein Kopftuch. Elisabeth Badinter protestierte damals gegen das „München der republikanischen Schule“.

Im selben Jahr, in dem die Berliner Mauer fiel, zogen die Franzosen den Schleier hoch. In den neunziger Jahren wurde Frankreich zum Nebenschauplatz des islamistischen Terrors in Algerien und später der Intifada. Der Islam - nicht erst der radikale, aggressive - hat die Republik in ihren Grundfesten erschüttert. Frankreich reagiert immer ein bisschen hysterisch. Aber die geballten Äußerungen der Minister sind keine reine Panikmache: Zu den heilsameren Folgen der Attentate gehört die einsetzende Bewusstseinsbildung.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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