Französischer Philosoph

André Glucksmann gestorben

 - 09:23

André Glucksmann ist tot. Der französische Philosoph starb im Alter von 78 Jahren in der Nacht, wie der französische Radiosender „France Info“ unter Berufung auf Familienkreise berichtete. Glucksmann hatte an den Mai-Demonstrationen 1968 teilgenommen, war überzeugter Marxist und militanter Maoist, bevor er sich in seinen philosophischen Auseinandersetzungen hin zu einer grundlegenden Kritik des Totalitarismus entwickelte.

Als wichtigstes modernes Herrschaftsinstrument hatte Glucksmann die Verheißung der Freiheit erkannt. Tatsächlich aber würden „die Menschen in dem Maße unfrei, wie sie durch die Vorschrift eines richtigen Bewusstseins ihrer Freiheit und die anerzogene Bereitschaft, solche Vorschrift zu akzeptieren, entmündigt werden“, fasste diese Zeitung seine Argumentation in einem Artikel im September 1978 zusammen.

Am 19. Juni 1937 in Boulogne-Billancourt geboren, stammt André Glucksmann aus einer jüdischen Familie mit Wurzeln in Prag und Rumänien. Seine Eltern hatten sich in Palästina kennengelernt und waren 1930 nach Deutschland gegangen, wo sie sich dem kommunistischen Untergrund anschlossen. 1936 flohen sie vor den Nationalsozialisten nach Frankreich, wo sie in der Résistance kämpften. Der Vater Rubin kam 1940 nach dem Einmarsch der Deutschen bei einer Überfahrt auf dem Ärmelkanal ums Leben, als das Schiff torpediert wurde. Der Mut von Glucksmanns Mutter Martha retteten ihn und seine Schwestern Alisa und Michy 1941 vor der Deportation. Bis Kriegsende wurde André Glucksmann unter falscher Identität (Joseph Rivière) in Frankreich versteckt. Nach dem Krieg kehrte die Mutter ohne ihn nach Wien zurück.

Abkehr vom Marxismus

Glucksmann studierte Philosophie an der Ecole Normale Supérieure de Saint Cloud in Lyon. Bereits als Schüler war er Anhänger der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF). Mit siebzehn Jahren trat er in die Partei ein, wurde aber 1957 wegen Kritik am sowjetischen Einmarsch in Ungarn wieder ausgeschlossen. Später schloss er sich der maoistischen Linken an und wurde Mitglied der illegalen „Gauche Prolétarienne“. Öffentliche Aufmerksamkeit erregte Glucksmann als einer der intellektuellen Protagonisten der Studentenunruhen in Paris vom Mai 1968.

Anders als die meisten Mitstreiter verarbeitete Glucksmann die Erfahrungen der Studentenbewegung und die Konfrontation mit der kommunistischen Wirklichkeit zu radikaler Totalitarismus- und Utopiekritik. Daraus ging die Bewegung der „Nouveaux philosophes“ hervor, zu der neben Glucksmann auch Bernard-Henri Lévy und Alain Finkielkraut gehörten. Als Assistent bei dem Liberalen Raymond Aron am Centre National de la Recherche Scientifique der Sorbonne forschte Glucksmann über Krieg, Abschreckung und nukleare Strategie. 1968 veröffentlichte er mit „Diskurs über den Krieg“ sein erstes Buch. Seine Abkehr vom Marxismus und die massive Kritik am Kommunismus, etwa in „Köchin und Menschenfresser“ (in deutscher Übersetzung 1976 erschienen), wurden ausgelöst durch die Lektüre von Alexander Solschenizyns „Der Archipel Gulag“ (1973-1976) über die sowjetischen Vernichtungslager. In „Les maîtres penseurs“ (deutsch 1978) setzte Glucksmann sich kritisch mit den staatsphilosophischen Lehren der großen deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts, Fichte, Hegel, Marx und Nietzsche, auseinander, um deren Mythos zu entzaubern.

Ein „Kind deutscher Kultur“

Breites Aufsehen erregte Glucksmanns Buch „La force du vertige“, in deutscher Übersetzung 1983 als „Philosophie der Abschreckung“ erschienen, das die Fachkritik als scharfe Abrechnung mit der Politik und den geistigen Grundlagen der „Friedensbewegung“ und ihrem Nuklearpazifismus interpretierte. Als provozierend galt vor allem Glucksmanns Forderung, der Bundesrepublik Deutschland Zugang zu Atomwaffen zu gewähren. „Man kann von den Deutschen nicht verlangen, Freiheit und Demokratie zu verteidigen und ihnen gleichzeitig die dafür notwendigen Waffen verweigern“, hieß es in seinem Buch. In „Die Macht der Dummheit“ (1985) polemisierte Glucksmann gegen die sozialistische Führung in Frankreich, und in dem zusammen mit Thierry Wolton geschriebenen Band „Politik des Schweigens. Hintergründe der Hungerkatastrophe in Äthiopien“ (1987) stellte er das sozialistische Regime in Äthiopien und die Blauäugigkeit westlicher Hilfsaktionen an den Pranger. In der Studie „Die cartesianische Revolution.

Von der Herkunft Frankreichs aus dem Geist der Philosophie“ versuchte sich Glucksmann an einer Aktualisierung der Gedanken seines berühmten Landsmannes René Descartes (1596-1650). Zwiespältige Aufnahme fand bei der deutschen Fachkritik sein Werk „Am Ende des Tunnels. Eine Bilanz des 20. Jahrhunderts“ (1991). Vielbeachtet war dagegen der Band „Der Stachel der Liebe. Ethik im Zeitalter von Aids“ (deutsch 1995). Glucksmann forderte in dieser Schrift eine neue Aufklärung ein und verdammte alle positiven Werte in ihrer gemeinschaftsstiftenden Eigenschaft als beschönigende Ideologie. Besondere Aufmerksamkeit in Deutschland fand Glucksmanns 1995 veröffentlichtes Buch „De Gaulle où es-tu?“, in dem er die Notwendigkeit eines illusionslosen Verhältnisses zum Krieg darlegte und dafür Charles de Gaulle als Kronzeugen benannte. Obwohl er in Frankreich geboren wurde, verstand Glucksmann sich als ein „Kind deutscher Kultur“. Seine Themen der neunziger Jahre waren das Ende des Kalten Kriegs, das verlorene Vertrauen der Wähler in die Politik, die weltpolitischen Folgen eines extremen Nationalismus, der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien (ab 1992) oder die Atomtests der Jacques-Chirac-Regierung im Pazifik (1995). In dem als Briefwechsel zweier fiktiver Partner in Paris und Berlin konzipierten Buch „Das Gute und das Böse“ (1998) setzte er sich mit den Verhältnissen in Deutschland und Frankreich sowie den unterschiedlichen Erwartungen in diesen Ländern an den Geist Europas auseinander.

Kritik an westlicher Gleichgültigkeit

Mit der Zeit wendete Glucksmann sein antitotalitäres Erklärungsmodell auch auf den Terrorismus an und machte als Kritiker westlicher Nachlässigkeit gegenüber Gewalt-Regimes auf sich aufmerksam. So befürwortete er 1999 das Nato-Bombardement auf die Republik Jugoslawien und wollte dem „Quatsch- und Schlafpatriotismus“ ein Ende bereiten. Das Vorgehen der russischen Armee in Tschetschenien prangerte er im Jahr 2000 in verschiedenen Essays als Völkermord an und beschuldigte den Westen des heuchlerischen Wegsehens. Nach den von radikalen Islamisten verübten Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten forderte er einen Krieg gegen die „Internationale der Mörder“ und beantwortete die Frage, ob man mit Hiroshima drohen dürfe, um ein neues Workuta (russisches Gefangenenlager) oder Auschwitz zu verhindern, mit Ja.

Über den Anschlag vom 11. September 2001 und seine Folgen entstand das Essay „Dostoïevski à Manhattan“ (2002). Im Gegensatz zu anderen französischen Intellektuellen scheute Glucksmann sich nicht, sich in die aktuelle Politik einzumischen. So befürwortete er die UN-Missionen in Afghanistan und Irak und machte sich immer wieder für humanitäre Interventionen zur Verhinderung von Völkermorden stark. In Frankreich setzte er sich vor dem (negativen) Referendum über die EU-Verfassung 2005 für ein „Ja“ ein und 2007 unterstützte er den konservativen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy, weil die „offizielle Linke“ seiner Meinung nach auf ihren Lorbeeren eingeschlafen war.

Quelle: FAZ.NET
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