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Geplantes Werbeverbot

Der öffentliche Sex

Von Claudius Seidl
 - 14:55
Ist das überhaupt erlaubt? Bild: Picture-Alliance, F.A.S.

Vermutlich haben die meisten Männer schon einmal einen jener magischen Momente erlebt, die sich meistens im November ereignen oder im Februar, an jenen grauen Tagen, da unsere Städte noch ein bisschen trostloser sind – und plötzlich heitern sich die grauen Gedanken auf, weil da ein Engel vor einem steht, oder irgendein anderes Wesen, welches der Himmel geschickt haben muss, was man schon daran erkennt, dass dieses Wesen von innen zu leuchten scheint und außer einem Bikini nichts weiter trägt als schöne, glatte Haut. Und ein Lächeln, dem man nicht widerstehen möchte. Solche Freuden, das ist die Botschaft dieser Tage, will euch Männern der Justizminister rauben, weil er nämlich Werbung, die sexistisch ist, verbieten will.

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Vermutlich haben aber all die Frauen recht, die sich von solcher Werbung belästigt fühlen, weil diese Bilder und die Blicke, die Männer darauf werfen, schon das falsche Machtverhältnis etablieren und beide, Frauen wie Männer, erniedrigen. Die Männer, weil sie auf diese Bilder wie Hunde auf die Knochen reagieren – obwohl sie womöglich über vierzig sind und im Prinzip gleichaltrige Frauen viel interessanter finden als neunzehnjährige Models mit zu wenig Gewicht und zu viel Make-up im Gesicht.

Und die Frauen, weil sie, aus guten Gründen durch solche Tage im Regenmantel gehen, im Hosenanzug, im Rollkragenpullover. Und absolut keine Freude daran haben, wenn sie, weil diese Bilder eine Wirkung haben, von leicht erregten Männern verglichen, vermessen und gegebenenfalls in ähnlicher Pose imaginiert werden, während sie doch einfach nur die Trambahn kriegen wollen. Die Frage ist allerdings, ob in solchen Situationen wirklich das Justizministerium einschreiten sollte.

Der Bundesjustizminister, so hat vor einer Woche der „Spiegel“ gemeldet, ist anscheinend überzeugt davon, dass es zu seinen Aufgaben gehört, ein „moderneres Geschlechterbild“ zu „etablieren“; und dass es dazu notwendig sei, Plakate und Anzeigen zu verbieten, welche „Frauen und Männer auf Sexualobjekte“ reduzieren. Naturgemäß gab es in den Tagen darauf empörte Kommentare, und ebenso naturgemäß klang so mancher dieser Kommentare so, als wollte man bei dieser Gelegenheit auch endlich wieder „Krüppel“ zu Behinderten sagen dürfen oder das verpönte N-Wort, das doch nur lateinisch ist für schwarz, was man ja noch sagen darf.

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Noch mehr Verbote braucht vermutlich wirklich kein Mensch – wobei man vielleicht trotzdem mal fragen darf, ob die zentralen Freiheitsfragen der deutschen Gesellschaft wirklich auf jenen Seiten der eher billigen und schäbigen Zeitschriften verhandelt werden, auf welchen mehr oder weniger nackte Frauen sich auf Motorrädern flachlegen und damit dem, anscheinend für strohdumm gehaltenen männlichen Käufer suggerieren sollen, dass auch solche scharfen Weiber kriegt, wenn er sich nur das richtige Motorrad kauft.

Aus dem Kalten Krieg der Werbekritik

Die Frage ist allerdings auch, ob die Schaffung des „moderneren Geschlechterbildes“ zu den Aufgaben der Obrigkeit gehört. Und ob der Staat, falls er das wirklich wolle, das Ziel erreichen kann, indem er die Herstellung des unmodernen Geschlechterbildes einfach untersagt. Es steckt ja hinter der Ambition, Werbung zu verbieten, die Arbeitshypothese, dass die Werbung eine heimliche und unheimliche Macht besitze; dass sie also ihr Publikum nicht nur überzeugen oder überreden wolle, sondern dass sie die Leute manipuliere und steuere und in ihnen, gegen ihren Willen, Wünsche, Gelüste, Emotionen befeuere.

Diese Vorstellung von der Werbung als „heimlicher Verführerin“ stammt aus einer Zeit, da die westliche Welt auch gern daran glauben wollte, dass sie von Kommunisten unterwandert werde. Oder von Außerirdischen, die nachts, wenn die Menschen schlafen, in deren Körper und Seelen kriechen.

Es ist also ein Albtraum der verängstigten fünfziger Jahre, eine Zeit also, von deren Überwindung zum Beispiel die Serie „Mad Men“ erzählte – und dass es darin, einerseits, um Werber und deren Strategien ging und, andererseits, um die Befreiung und Selbstermächtigung der Frauen, das war nur folgerichtig. Denn Werbung, wenn sie erfolgreich sein will, muss die Wünsche, die Gelüste, die Sehnsucht des Publikums ahnen, spüren, aufnehmen, und dann muss sie diese Wünsche womöglich noch schöner und anschaulicher artikulieren, als das Publikum das selber könnte.

Und wenn die Sehnsucht darauf hinausläuft, der Gefangenschaft in der Küche und dem Zwang, ganztägig die Kinder zu betreuen, zu entrinnen, dann wird die Werbung die Sehnsucht eher verstärken, als dass sie diese unterdrücken könnte. In „Mad Men“ wurde dieser Vorgang sehr schön am Beispiel eines Büstenhalters demonstriert, dessen Reiz eben nicht darin bestand, dass er die weibliche Brust besonders männerfreundlich präsentierte. Sondern darin, dass er seiner Trägerin endlich eine bis dahin unbekannte Bewegungsfreiheit verschaffte. Es waren ja die Frauen, an die sich diese Werbung richtete.

Und genau so ist es weitergegangen, und so wird es wohl auch weitergehen, ganz ohne dass Werbung und Publikum dafür eine Vorgabe aus dem Bundesjustizministerium brauchten. Wer durch unsere Straßen schlendert, durch die Magazine blättert, vor Plakatwänden stehen bleibt, der glaubt ganz deutlich zu sehen, dass das „modernere Geschlechterbild“ sich längst allseits durchgesetzt hat.

Die Restbestände werden schon von selbst ausgetrieben

Nur in den prolligeren Nischen finden sich noch die Miezen, die mit Schmollmund und Bikini für den Kauf eines bestimmten Motorenöls (oder was auch immer das Produkt sein mag; man behält ja eh nur das Mädchen im Gedächtnis) werben; im Mainstream bekommt man längst selbstbewusstere Körper und Gesichter in intelligenteren Posen zu sehen. Und wer das nur für zufällige, nicht repräsentative Eindrücke hält, der kann im Fachblatt „Absatzwirtschaft“ nachlesen, dass die Frauen, jene, die Werbung herstellen, und jene, die deren Adressatinnen sind, gerade erfolgreich dabei sind, der Werbung die letzten Restbestände von Sexismus auszutreiben.

Insofern rennt der Justizminister also sperrangelweit offene Türen ein – und dass man sich trotzdem wehren sollte gegen seine Pläne, das liegt am seltsamen Gebrauch des seltsamen Begriffs „Sexualobjekt“. Was ist denn das, wer bestimmt denn das? Wer definiert denn, wann ein Bild den Menschen aufs sogenannte Sexualobjekt reduziert?

Solche Begriffe laufen letztlich darauf hinaus, das ganze Spiel des Begehrens und Begehrtwerdens aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen und eine Schicklichkeitsnorm zu etablieren, welche heute mindestens so unzeitgemäß wirkte wie das Bikinimädchen in der Motorradwerbung.

Dass das „modernere Geschlechterbild“ kein entsinnlichtes, entsexualisiertes sein darf, das ist so evident, dafür, dachte man, braucht man heute nicht mal mehr Werbung zu machen.

Mit dem Begehren wird die Werbung weiterhin spielen. Hat nicht der Kapitalismus die Systemkonkurrenz auch deshalb gewonnen, weil des Sozialismus so unsexy war?

Quelle: F.A.S.
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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