Künstlerverfolgung in Russland

Die Kultur soll eine Waffe werden

Von Friedrich Schmidt, Moskau
 - 21:00
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Mit der geballten Macht von Staat und Kirche wurde in diesen Tagen im Zentrum Moskaus ein Bronzedenkmal für den sowjetischen Waffenkonstrukteur Michail Kalaschnikow und seine berühmteste Schöpfung eingeweiht. Ein Priester besprengte die dreifach überlebensgroße Statue mit Weihwasser und segnete sie, der Kulturminister Wladimir Medinskij pries die „Kalaschnikow“ als „echtes kulturelles Markenzeichen Russlands“. So hob Medinskij, dessen Russische Militärhistorische Gesellschaft das Monument initiiert hat, nicht nur das Sturmgewehr AK-47 auf eine Stufe mit den Leistungen von Russlands Dichtern, Musikern und Malern, sondern prägte zugleich eine Formel für die Rolle, die Kultur in Russland spielen soll: nämlich wie eine Waffe dem „Schutz des Vaterlandes“ dienen, den Medinskij ebenfalls beschwor.

Der Bildhauer Salawat Schtscherbakow erklärt, sein Werk symbolisiere die Waffe, die das Böse in der Welt bekämpft. Kalaschnikow sei an diesem Kampf beteiligt gewesen. Das soll am Fuß des Denkmals die Bronzefigur des Erzengels Michael, des Namenspatrons von Kalaschnikow, verdeutlichen, der hoch zu Ross einem Drachen eine Lanze in den Rachen bohrt. Die Silhouette eines Globus erinnert unfreiwillig daran, dass die unverwüstliche Waffe von Guerilleros auf dem ganzen Erdball geschätzt wird. Peinlich nur, dass anfangs die Abbildung des deutschen Sturmgewehrs StG44 das Postament zierte; Schtscherbakow hatte es, wie er zugab, aus dem Internet kopiert. Es wurde in einer Blitzaktion abgesägt.

Viele Moskauer sind über das Monument entsetzt. Wie der Jurist Dmitrij Schabelnikow, in dessen Augen es vor allem imperiale Komplexe und Aggressivität zum Ausdruck bringt. Der Popsänger Sergej Lasarew findet es schlimm, dass die Machthaber, die mit immer neuen Verboten die Psyche von Kindern zu schützen vorgäben, im öffentlichen Raum eine so bedrohliche Statue installiert haben.

Absurdität ist Programm

Das ist offenbar Absicht. Die Theaterkritikerin Marina Dawydowa spricht von einer „Atmosphäre der Angst“, die zumal seit dem Prozess gegen den Regisseur Kirill Serebrennikow um sich greife. Dawydowa, die die Zeitschrift „Teatr“ herausgibt, ist eine Weggefährtin Serebrennikows, hat seinen Aufstieg zum erfolgreichsten russischen Theaterregisseur begleitet. Serebrennikow, der das Moskauer Gogol-Center leitet, muss sich im landestypischen Angeklagtenkäfig gegen Vorwürfe verantworten, er habe staatliche Fördergelder veruntreut. Seit gut einem Monat steht er unter Hausarrest. Die Vorwürfe erscheinen absurd; so behauptet die Anklage, das Geld für die Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ sei gestohlen und das Stück nicht aufgeführt worden. Dabei ist es seit Jahren im Gogol-Center ein Renner.

Doch Absurdität ist Programm. Es geht um Einschüchterung und, so sieht es Dawydowa, um Zensur, die zwar formal abgeschafft ist, aber faktisch schlimmer sei als zu sowjetischer Zeit. Mit Serebrennikow stehen zwei frühere Direktoren und eine Buchhalterin vor Gericht. Heute müsse ein Regisseur nicht mehr nur, wie zu Zeiten der Zensoren, fürchten, dass sein Stück nicht oder nicht wie gedacht aufgeführt und er selbst entlassen werde, sagt Dawydowa. Vielmehr werde jetzt ein künstlerischer Leiter zum Risiko für seinen Direktor, der die finanziellen Mittel vom Staat beantragen muss. Es helfe nichts, wenn etwa bewiesen wird, dass ein Direktor zur fraglichen Zeit gar nicht auf dem bestimmten Posten arbeitete, wie im Prozess gegen Serebrennikow. „Wenn man in diesen Fleischwolf gerät, wird man zweifellos schuldig gesprochen“, sagt Dawydowa. Es sei als Vorentscheidung zu verstehen, dass Präsident Wladimir Putin, der die Ermittler in diesem Fall im Mai noch als „Deppen“ bezeichnete, jüngst rhetorisch fragte: „Sollen wir jeden freisprechen, nur weil er in der Kultur tätig ist?“

Hinter dem Prozess stünden, glaubt Dawydowa, nationalistische, ultrakonservative Kräfte in der Elite, die einen anderen Teil der Elite, der als „liberal“ und „verwestlicht“ gilt, bekämpfen. Letztlich gehe es um die Abrechnung mit dem Personal und Ansätzen der Jahre 2008 bis 2012, als Dmitrij Medwedjew formal Präsident war und Putin als Ministerpräsident regierte. Medwedjew sei zwar zu Recht als Putins Statthalter angesehen worden, so Dawydowa. Doch Putins mittlerweile achtzehn Jahre währende Führung sei wie ein „Vorhang“, hinter dem sich regelrechte „Regimewechsel“ abgespielt hätten. Unter Medwedjew seien „Modernisierung“ und „Erneuerung“ Staatsideologie geworden, nicht auf Betreiben der schon damals ziemlich machtlosen Opposition, sondern als Kreml-Trend der Stunde. „Jedes dritte Wort des Kulturministeriums war ‚Innovation‘, jede zweite Äußerung ‚neue Formen‘“, erinnert sich Dawydowa.

Diese „Modernisierung von oben“ brauchte Protagonisten: „Kirill wurde zur Schlüsselfigur.“ Serebrennikow war der prominenteste von einigen jungen, zum Westen offenen Regisseure, kein Mann des Untergrundtheaters, sondern auf großen Bühnen erfolgreich, beliebt bei Künstlern und beim Publikum. Er inszenierte 2011 sogar den Roman „Nahe Null“, als dessen Verfasser der mächtige damalige Erste Stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung, Wladislaw Surkow, gilt, als Theaterstück. Manche halten Serebrennikow vor, er habe sich damals den Machthabern angedient. „Aber so war es nicht“, sagt Dawydowa. „Kirill stand, wo er war, die Macht kam zu ihm.“

Kulturelle Freiheit gilt als Bedrohung

Sie findet es bezeichnend, dass im Zentrum des Prozesses das Projekt „Platforma“ steht, das zeitgenössische Musik, Tanz, Theater, Dichtung vereinte und Fördergelder vom damaligen Präsidenten Medwedjew erhielt. Modernität als Staatsziel ist in der dritten Amtszeit Putins undenkbar. Kulturelle Freiheit wird, wohl nicht zu Unrecht, mit politischer Freiheit assoziiert und zunehmend als Bedrohung aufgefasst. Nach den Massenprotesten gegen Wahlfälschungen und die Rückkehr Putins ins Präsidentenamt, der prowestlichen „Majdan“-Revolution in der Ukraine, auf die Putin mit der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass reagierte, haben „patriotische“, ultrakonservative Kräfte Oberwasser. Staatsräson sticht alles. Vertreter des neuen Trends wie Medinskij glorifizieren auch Stalin, dem des Ministers Militärhistorische Gesellschaft soeben auch in Moskau ein neues Denkmal setzte: Im Hof des neuen „Museums für Militäruniformen“ wurde als Teil einer „Herrscher-Allee“ eine Büste des Diktators aufgestellt, der Millionen seiner Landsleute umbringen ließ. Die insgesamt sieben Herrscher-Bildnisse stammen von dem 83 Jahre alten Surab Zeretelij, der erklärte, auch sein Großvater sei unter Stalin erschossen worden.

Zu der national-religiösen Welle gehört auch die Kampagne gegen den Film „Matilda“ des Regisseurs Alexej Utschitel, der Ende Oktober in die Kinos kommen soll. Darin geht es um die Liebesbeziehung des letzten Zaren Nikolaus II. zu der Ballerina Matilda Kschessinskaja, während er Thronfolger war. Nikolaus voreheliche Romanze ist historisch verbürgt. Doch die monarchistische Duma-Deputierte Natalja Poklonskaja und ein kleiner, radikal orthodoxer Sturmtrupp namens „Christlicher Staat – Heilige Rus“ wollen die Vorführung des Films verhindern, weil Nikolai heiliggesprochen wurde, Utschitels Werk also blasphemisch sei. Es gab Brandanschläge auf ein Kino in Jekaterinburg, das Petersburger Filmstudio von Utschitel und zwei Autos, die zufällig vor der Kanzlei seines Anwalts parkten. Dabei gilt der Regisseur, der die Krim-Annexion guthieß, als kremlloyal, sein Filmprojekt wurde staatlich gefördert. Der rechtsaußen überholte Medinskij warnte jetzt vor „illegaler Zensur“, ein Anführer des „Christlichen Staates“ wurde festgenommen. Dawydowa erblickt darin Machtkämpfe innerhalb des ultrakonservativen Lagers.

Doch der Fall Sebrennikow sei anders. Er betreffe nicht nur ihn, sondern die Leute, die ihn stützten, bis hinauf zu Medwedjew, sagt die Theaterexpertin. Die Spaltung gehe nicht bloß durch die Elite, sondern durch alle Segmente der Gesellschaft, versichert sie. Ein kleiner Teil wolle weiter gesellschaftliche Modernisierung und wolle die kulturellen Verbindungen zum Westen nicht kappen. Doch der große Teil habe „archaische Wünsche“.

Gespalten sei auch die Theaterwelt, wobei die Vertreter des aktuellen Kreml-Zeitgeists dominierten. Dawydowa war unlängst in Rostow am Don, Serebrennikows südwestrussischer Heimatstadt. Im wichtigsten Theater dort laufe ein Stück namens „Stalin der Uhrmacher“, das den Gewaltherrscher als „effektiven Manager“ – ein Putin-Wort – preise, außerdem „Jesus Christus, der ewige Wanderer“. Der Kulturwandel findet neue Protagonisten. Sollte hinter dem „Vorhang Putin“ die ultrakonservative Partei gänzlich obsiegen, werde das nicht nur für Russen wie sie ein Problem, ist Dawydowa überzeugt. Wenn Russland als „große eurasische Macht in die Hände von Fanatikern wie Iran und Nordkorea“ gerate, sei das auch für Europa verhängnisvoll.

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Gegen den Prozess gegen Serebrennikow mobilisiert sich Widerstand, vor allem jüngere Theaterschaffende verfassen Briefe und Petitionen. Der Dramatiker und Regisseur Iwan Wyrypajew rief seine Kollegen sogar auf, mit der Staatsmacht nicht zu kooperieren und, kein Geld anzunehmen. Das sei utopisch, sagt Dawydowa, den Brief habe praktisch niemand ernst genommen. In Russland gebe es kaum Mäzene, dem Staat gehöre alles. Wer nicht reines Untergrundtheater mit „dreißig Zuschauern und zwei Stühlen“ machen wolle, müsse Geld vom Staat nehmen, so er es bekomme. Dawydowa hatte zu Beginn der Saison dazu aufgerufen, jeder Theaterleiter solle sich zum Fall Serebrennikow äußern. Dem seien bei weitem nicht alle gefolgt. Einige hätten Angst, andere seien auch „bereit für Zensur“ und unterstützten den ultrakonservativen Kurs.

Dawydowa selbst kämpft um ihr eigenes internationales Theaterfestival „NET“ (Neues Europäisches Theater), das seit drei Jahren keinerlei staatliche Unterstützung mehr bekommt, im November aber wieder stattfinden soll. Mit ihrer Zeitschrift „Teatr“ hat sie Probleme, seit sie nach der Krim-Annexion eine Ausgabe über ukrainisches Theater machte mit blaugelbem Deckblatt, den Farben der ukrainischen Fahne. Der Bund der Theaterschaffenden, der die Zeitschrift herausgibt, stehe unter Druck. „Alle Projekte von mir werden konsequent bekämpft“, so Dawydowa.

Wohin soll man gehen?

Für Russen wie sie stelle sich die Frage nach der Emigration. Auch für Serebrennikow sei das so gewesen. Aber wohin soll man gehen? Serebrennikow und sie wollten so lange wie möglich in Russland arbeiten, in der Heimat, in der Muttersprache, für das heimische Publikum, bekennt Dawydowa. Doch spätestens, als Serebrennikow seinen Reisepass abgeben musste, war klar, dass er in der Falle saß. Im Sommer wurde bekannt, dass die 2.Abteilung des Geheimdienstes FSB, die mit dem „Schutz der verfassungsmäßigen Ordnung und der Terrorismusbekämpfung“ betraut ist, den Fall beaufsichtigt. Ein ehemaliger Mitarbeiter erklärte ganz offen, dort säßen hochqualifizierte Spezialisten für Kunst und Kultur. Sie kümmerten sich speziell um Theater, Museen und Kunst, weil Kultureinrichtungen vom Gegner benutzt werden könnten, um Leute anzuwerben und eine feindliche Einstellung zur Russischen Föderation zu säen.

Dawydowa nennt Serebrennikow einen „Workaholic“. Trotz seines Hausarrests und weitgehender Kontaktsperre geht seine Arbeit weiter. Die im Sommer kurzfristig abgesetzte Premiere des Balletts über Rudolf Nurejew soll im Dezember im Moskauer Bolschoi-Theater stattfinden. Serebrennikows Film über Viktor Zoj, den Lead-Sänger der spätsowjetischen Band „Kino“, ist praktisch abgedreht; der Regisseur war während der Dreharbeiten in Petersburg festgenommen worden. Am Gogol-Center hatte kürzlich, in Abwesenheit des Regisseurs, Serebrennikows Neuinszenierung von Alexander Puschkins „Kleinen Tragödien“ Premiere. Die von Serebrennikow radikal aktualisierten Puschkin-Dramen bekamen begeisterte Rezensionen für die an Performances grenzende Intensität der Schaupielerleistung, sie sind bis in den Oktober ausverkauft. Wie in dem als Prolog vorangestellten Puschkin-Gedicht „Der Prophet“ dessen Darsteller täuschend naturalistisch die Zunge und das Herz herausgerissen werden, bevor er mit Worten die Herzen der Menschen „verbrennen“ soll, das wirkte auf viele Zuschauer beklemmend aktuell.

Zur Premiere waren nicht nur Serebrennikows Theaterkollegen erschienen, sondern auch die Milliardäre Roman Abramowitsch und Viktor Wekselberg, die für den Ausgleich mit dem Kreml stehen, aber nicht für den neuen Kulturkampf. Die Aufführung der Humperdinck-Oper „Hänsel und Gretel“ in Stuttgart ist weiter für den 22. Oktober geplant, freilich in einer Inszenierung, die nur den Stand von Serebrennikows Arbeit darstellt, als „Fest der Freiheit“, zu dem auch Marina Dawydowa anreisen will. Auch der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, will kommen. Ob das hilft? Dawydowa bezweifelt es. Aber Schweigen, sagt sie, „ist auf jeden Fall schlecht. Man muss Lärm machen, der Fall muss im öffentlichen Bewusstsein bleiben. Sonst wird der Mensch einfach vergessen.“

Quelle: F.A.Z.
Friedrich Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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