Die smarte Stadt der Zukunft

Den Menschen berechnen wie den Stromverbrauch

Von Adrian Lobe
 - 17:00

Hochauflösende Karten für autonom fahrende Autos und Programme für Datenschnittstellen: Noch liefert Google vor allem Software für smarte Städte. Doch Alphabets Geschäftsführer Larry Page weiß, dass städteplanerisch noch viel Luft nach oben ist und hat das Projekt „Google Y“ lanciert. Seit einem Jahr beschäftigt es sich mit der Frage, wie der Netzgigant die Datenströme in den Städten der Zukunft organisieren kann – und wie er selbst Städte nach Google-Maß errichten könnte. Denn wenn von der Ampel über den Wasserzähler bis zur Überwachungskamera alles miteinander vernetzt ist, warten auf Google ungeahnte Wachstumsmöglichkeiten. Seine Algorithmen sollen dann nach Möglichkeit die Verkehrsströme lenken, die Wasserversorgung und Müllabfuhr. Informationen über den privaten Energiebedarf kann Google Nest liefern, Reisepläne optimiert Google Maps.

Schon jetzt schickt der Konzern seine Street-View-Fahrzeuge aus, um Luftverschmutzung in Städten zu messen. Er beschäftigt sich auch mit dem Aufbau eines lückenlosen W-Lan-Netzes. Googles Tochter Sidewalk Labs etwa will von Ende 2015 an Telefonzellen in New York City in moderne Informationsstationen verwandeln. Die Zellen sollen Wifi im Umkreis von fünfzig Metern liefern sowie eine Ladestation für Handys und einen interaktiven Bildschirm bieten, der kostenlose Anrufe im Inland und Zugang zum Internet ermöglicht.

In seinem Buch „Triumph of the City“ argumentiert der Harvard-Ökonom Edward Glaeser, Städte seien ohnehin nur soziale Suchmaschinen, die dazu dienten, Menschen mit ähnlichen Interessen zusammenzubringen. Das aber ist bekanntlich Googles Kerngeschäft. Sidewalk-Chef Dan Doctoroff jedenfalls ist sicher: „Wir stehen am Anfang einer historischen Verwandlung unserer Städte.“ Wohin sie führen wird, bewegt auch den Städteplaner Mark Elliott, der für Melbourne einen Zukunftsplan entworfen hat. Er stellt sich vor, dass aus verkehrsreichen Straßen bald sichere Orte für Fußgänger werden könnten. „Man könnte über einen belebten Highway gehen, ohne den Verkehr zu unterbrechen, wenn die autonomen Fahrzeuge und die mit ihnen verbundenen Netzwerke sich der Annäherung durch Passanten bewusst wären und schon im Voraus ihre Fahrweise anpassten.“ Google lotst uns mit seiner Navigationssoftware längst an Geschäften vorbei, die mit unseren Präferenzen korrespondieren – und am meisten für Werbung bezahlen. Der Internetkonzern steuert nicht nur das Suchverhalten im Netz, sondern auch im realen Raum.

Die Vision einer privaten Stadt hinter Glas

Einen Eindruck davon, wie eine Google-Stadt aussehen könnte, vermittelt auch das Hauptquartier des Konzerns in Mountain View, das 2020 fertiggestellt werden soll. Unter gigantischen Glaskuppeln soll auf dreißig Hektar eine Bürowelt entstehen, in der die Beschäftigten mit dem Rad zur Arbeit fahren können. Der Komplex, halb Themenpark, halb Shopping Mall, will Le Corbusiers funktionale Trennung von Arbeit und Wohnen aufheben. Einzelne Gebäudemodule sollen von Robotern binnen Stunden auf- und abgebaut werden. So soll sich die architektonische Statik der virtueller Dynamik anpassen. Die das Projekt leitenden Architekten Bjarke Ingels und Thomas Heatherwick umschreiben die Anlage als eine Art Glasfabrik. Sie symbolisiert auch, dass alle Bereiche unseres Alltags gläsern sind.

Google habe die Macht und das Geld, eine komplette Stadt zu bauen und eine neue Form der Urbanität zu verwirklichen, schrieb der Architekturkritiker Edwin Heathcote in der „Financial Times“. Und kritisierte: „Stattdessen hat der Konzern sich in eine Vision einer privaten Stadt hinter Glas zurückgezogen.“ Ideen für solche Privatstädte haben auch andere. Der Ökonom Paul Romer will in der Dritten Welt „Charter Cities“ bauen, für die Entwicklungsländer Investoren Land zur Verfügung stellen sollen. Und der Paypal-Gründer Peter Thiel plant ein Sozialexperiment mit schwimmenden Mikrostaaten. Das größte Potential für Google, eine Modellstadt zu errichten, sieht der Städteforscher Mark Lutter in den Entwicklungsländern. Google werde keine Städte aus dem Boden stampfen, aber das Know-how und technische Lösungen für Städteplaner anbieten. Ein erster Schritt ist das Projekt Loon, das per Stratosphären-Ballons Internet in die abgelegensten Weltgegenden tragen soll.

Der Architekt Carlo Ratti, Direktor des MIT Senseable City Lab in Boston, sagt zu all diesen Entwicklungen: „Was auf urbaner Ebene stattfindet, ist vergleichbar mit dem, was vor zwei Jahrzehnten in der Formel 1 passierte.“ Bis zu diesem Zeitpunkt hätten die Mechanik des Autos und die Fähigkeiten des Fahrers den Erfolg auf der Rennstrecke bestimmt. Dann sei die Telematik aufgekommen. Das Auto verwandelte sich in einen Computer, der in Echtzeit Rückmeldung von Tausenden Sensoren bekommt und auf die Rennstrecke reagiert. Ratti prophezeit: „Unsere Städte werden zu Computern unter freiem Himmel.“

Ein Zwei-Klassen-Internet

Was bedeutet das für ihre Bewohner? Tatsächlich könnten Sensoren jede Aktivität erfassen und lückenlose Bewegungsprofile erstellen. Der Städteplaner Mark Elliott sagt: „Google könnte Kalendereinträge und E-Mails auswerten, um Reiserouten zu erstellen, und so den Verkehr optimieren.“ Internetfähige Geräte im Smart Home könnten den Stromverbrauch an den Energieversorger weiterleiten, der die Daten wiederum mit den Behörden teilt. Was daraus folge? „Die googlianischen Möglichkeiten erfordern Vertrauen in das System – und dass Daten nicht nur mit Google geteilt werden, sondern auch mit Dritten, mit denen Google kooperiert“, so Elliott.

Dass der Netzkonzern nicht am Gemeinwohl, sondern an Profit interessiert ist, liegt auf der Hand. In einigen amerikanischen Städten wie Kansas City, in denen Google Glasfaserkabel installiert hat, zahlen die Einwohner für Internet plus Fernsehen 130 Dollar im Monat. Wer das nicht aufbringen kann, schaut in die Röhre. Das befeuert die Sorge, dass ärmere Viertel von der digitalen Infrastruktur abgeschnitten werden könnten und ein Internet der zwei Geschwindigkeiten sich durchsetzen wird. Google will bei Kunden seines Glasfaser-Dienstes in Kansas das Tracking von Sehgewohnheiten testen, um maßgeschneiderte Werbespots spielen zu können. Wer Googles Dienste nutzt, zahlt mit Geld oder Daten. Das aber widerspricht dem demokratischen Bild einer Stadt, in der die Infrastruktur allen Bürgern zugänglich und politische Partizipation kostenlos ist. Googles Idealstadt wäre vor allem eine Investorenstadt und ein Labor der Subjektivität, in dem das Individuum so berechenbar wird wie der Stromverbrauch.

Quelle: F.A.Z.
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