Drogenhandel

Das Ende der Prohibition

Von Hernán D. Caro, Claudius Seidl und Harald Staun
 - 13:31
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In der westlichen Welt ist die Kritik der Prohibition im Wesentlichen abgeschlossen, und diese Kritik ist die Voraussetzung dafür, dass die Gesetze sich ändern. Kein vernünftiger Mensch, der sich mit dem Problem der illegalen Drogen beschäftigt hat (und nicht andersgerichtete kommerzielle oder ideologische Interessen verfolgt), bestreitet die Richtigkeit der folgenden Aussagen:

dass der Krieg gegen die Drogen, 1972 vom amerikanischen Präsidenten Richard Nixon ausgerufen, weit mehr Elend und Tod gebracht hat als der Konsum der Drogen;

dass das Verbot von Cannabis, Kokain, Heroin die Grundlage ist für die Macht jener Verbrecherkartelle, die Produktion und Handel kontrollieren, ihre Interessen mit unfassbarer Brutalität und Feuerkraft durchsetzen und in manchen Bundesstaaten Mexikos sowie in den ärmeren Vierteln der großen Städte Lateinamerikas die Staatsmacht fast völlig verdrängt und sich selbst an deren Stelle gesetzt haben;

dass Guerrilla- und Terrorgruppen, schon weil der Feind derselbe ist, sich gern mit der Drogenmafia verbünden – die Waffen der Taliban werden auch mit den Gewinnen aus dem Opiumschmuggel bezahlt, und in Nordafrika steigen die örtlichen Ableger des IS gerade in den Drogenhandel ein;

und dass die Menschen in Europa und Nordamerika sich von keinem Verbot daran hindern lassen, sich an illegalen Drogen zu berauschen.

Längst eine gutbürgerliche Gewohnheit

Die Vorlieben wechseln, Heroin ist gerade nicht so gefragt, Cannabis zu rauchen ist dagegen längst zu einer gutbürgerlichen Gewohnheit geworden, und alles in allem, sagt der Weltdrogenbericht der UN, seien Produktion und Konsum in den letzten Jahren stabil: circa 240 Millionen Menschen, ungefähr fünf Prozent der Weltbevölkerung, haben im Jahr 2014 mindestens einmal eine verbotene Droge zu sich genommen.

Seit drei Jahren, seit dem panamerikanischen Gipfel von Cartagena, fordern die Regierungen Mittelamerikas die Vereinigten Staaten mit immer mehr Nachdruck dazu auf, den Drogenkrieg zu beenden und stattdessen mit der Entkriminalisierung auch der harten Droge Kokain zu beginnen. In Colorado, Washington und Kalifornien und neuerdings auch in Kanada hat sich schon die Erkenntnis durchgesetzt, dass, wenn die Leute unbedingt Marihuana rauchen wollen, man die Überschüsse aus dem Geschäft den Finanzämtern und nicht den schwarzen Kassen von Drogengangs zuführen sollte.

In Europa wird über diese Fragen naturgemäß mehr diskutiert, als dass daraus irgendein Handeln folgte. Aber dass sich gewisse Erkenntnisse ausbreiten, bis sie sogar in der europäischen Politik ankommen, das ist eine Hoffnung, die sich auch mit dem Erscheinen einiger sehr lesenswerter Bücher verknüpft: „Es reicht“ von Carmen Boullosa und Mike Wallace (Kunstmann-Verlag) zum Beispiel, das am Beispiel Mexikos die Sinnwidrigkeit der prohibitionistischen Politik beschreibt. Oder „Drogen“, der bewundernswerte Report von Johann Hari (S. Fischer), eine fast weltumspannende Recherche über die Profiteure und die Verlierer im Krieg gegen die Drogen – ein Buch, in dem so viel Richtiges steht, dass man den einen Fehler, den es macht, nicht groß herausstellen möchte, es muss aber sein, aus prinzipiellen Gründen: Cannabis, darauf kommt Hari immer wieder zurück, sei auch deshalb so populär, weil es eine oft sehr wohltuende und insgesamt nicht so furchtbar gefährliche Droge sei.

Kann schon sein, hilft aber, nur zum Beispiel, jenen Teenagern, die, weil sie zu viel gekifft haben, mit psychotischen Schüben in der Psychiatrie landen, auch nicht weiter. Und ist, was den Legalisierungsdiskurs angeht, ein unzulässiges Argument. Denn es würde ja bedeuten, dass gefährlichere Drogen verboten bleiben sollten.

Nicht auch noch mit der Kriminalität beschäftigen

Das Gegenteil scheint aber richtig zu sein: Gerade weil Cannabis und Kokain, Opium, Heroin und Crystal Meth starke und gefährliche Drogen sind, verschärft das Verbot nur die Probleme, die es eigentlich lösen soll. Gerade wer die Sucht bekämpfen, den Missbrauch verhindern und den gestreckten, verdreckten und vergifteten Stoff nicht in die Blutbahnen lassen will, hat damit zu viel zu tun, als dass er sich noch mit Fragen der Kriminalität beschäftigen wollte.

Das, so sieht es aus, ist der Stand im Drogendiskurs. Die Kritik ist abgeschlossen, die Verhältnisse sind dabei, sich zu verändern. Und die Frage ist, was damit gewonnen sei. Und was nicht.

In keiner anderen Region der Welt wird das Scheitern der prohibitiven Drogenpolitik so deutlich wie in Lateinamerika. Dennoch blieb die Entkriminalisierung von Cannabis in Uruguay im Jahr 2013 lange der einzige lateinamerikanische Versuch, mit dem totalen Drogenverbot zu brechen. Seit wenigen Monaten scheint nun etwas Bewegung in die Legalisierungsdebatte in der Region zu kommen: Auch in Mexiko und Kolumbien diskutiert man jetzt, immerhin, über die Zulassung von Cannabis zu medizinischen Zwecken.

Erst jetzt, nachdem die Vereinigten Staaten, die die Drogenpolitik Lateinamerikas schon immer bestimmten, den Weg zur Cannabislegalisierung geebnet haben, findet man auch in Lateinamerika endlich den Mut, über ein Ende des Verbotsmodells nachzudenken. Doch allein mit der Legalisierung von Cannabis werden die Probleme, welche Jahrzehnte des Drogenverbots und -kriegs in Lateinamerika geschaffen haben – die Entstehung eines kriminellen Wirtschaftsnetzes, umfassender politischer Korruption und Mafiagewalt –, nicht gelöst sein.

Schon lange ist Cannabis nicht mehr die Basis der illegalen Drogenwirtschaft Lateinamerikas. Wesentlich wirkungsvoller wäre es, Herstellung, Verkauf und Konsum von Kokain zu regulieren. Wie eine detaillierte Studie zeigt, die Jonathan Caulkins, Mitglied des US-amerikanischen Thinktanks Brookings, Anfang 2015 veröffentlichte, wäre eine Kokainlegalisierung in Lateinamerika, geführt unter starker staatlicher Aufsicht und begleitet von umfassenden Aufklärungs- und Präventionsprogrammen, aussichtsreich: eine staatlich kontrollierte Kokainindustrie könnte für ein armes Land wie Bolivien mehrere hundert Millionen Dollar pro Jahr generieren; in Kolumbien würde durch die Legalisierung die wichtigste Einkommensquelle illegaler bewaffneter Gruppen wegfallen.

Die Herrschaft der Kartelle

Die Frage ist aber, ob die Legalisierung von Kokain auch der Herrschaft der Drogenkartelle ein Ende setzen würde, deren krimineller Macht, der allgegenwärtigen Gewalt. Seit einigen Jahren werden die mexikanischen Kartelle und die kolumbianischen Banden zu Recht mit multinationalen Konzernen verglichen, die sich ständig erneuern und sich klug den Anforderungen der kapitalistischen Märkte anpassen.

Nach wie vor handeln die Kartelle mit Cannabis, Kokain und zunehmend auch mit synthetischen Drogen wie Crystal Meth. Wie aber die jüngsten Entwicklungen zeigen, sind diese Organisationen, die durch den illegalen Drogenhandel groß geworden sind, längst dabei, sich auf eine Welt ohne Drogenverbot vorzubereiten. Nach wie vor, versteht sich, auf der Basis von illegalen Geschäften – denn das ist, was Drogenkartelle nach Jahrzehnten Drogenschmuggels am besten können. Wie Caulkins sagt, ist „die Vorstellung, dass, wenn Kokain legalisiert würde, sich die Bösewichte sofort in der Universität einschreiben würden, naiv“.

Die Drogenkartelle in Mexiko, Kolumbien und Mittelamerika haben Geschäfte entdeckt, die äußerst profitabel sind: Menschen- und Waffenhandel, Entführung und Erpressung. Aber auch vom illegalen Handel mit konventionelleren Gütern profitieren sie immer mehr. 2007 gab es in Mexiko etwa dreihundert Fälle von Kraftstoffdiebstahl aus staatlichen Leitungsnetzen; zwischen Januar und August 2015 mindestens 3500.

Nach offiziellen Angaben macht der durch kriminelle Banden gestohlene Kraftstoff etwa 30 Prozent der 200 Millionen Liter Benzin aus, die täglich in Mexiko verkauft werden. Und wie das „Time“-Magazin im vergangenen Jahr berichtete, ist die Haupteinnahmequelle des mexikanischen Kartells „Caballeros Templarios“, das jahrelang Kokain in die Vereinigten Staaten schmuggelte, heute nicht mehr der Drogenhandel. Es ist illegaler Eisenerzabbau. Die repressive Drogenpolitik der letzten vierzig Jahre scheint in Lateinamerika Ungeheuer erzeugt zu haben, die sich verselbständigt haben.

Gras im Apple-Store

Auf der anderen Seite der mexikanisch-amerikanischen Grenze dagegen ist die Cannabis-Branche im Rausch, und das liegt nicht am THC. In 23 der 50 amerikanischen Staaten ist der Konsum von Marihuana mittlerweile in der ein oder anderen Form zugelassen, und überall, wo die Restriktionen gelockert wurden, treibt nun der amerikanische Unternehmergeist Blüten.

Die Industrie für legales Marihuana, verkünden euphorisierte Marktforscher, sei schon jetzt der am schnellsten wachsende Bereich der amerikanischen Wirtschaft: Im Jahr 2014, behauptet die Investmentfirma ArcView Group, sei der Umsatz um 74 Prozent auf 2,7 Milliarden Dollar gewachsen, im kommenden Jahr soll er auf vier Milliarden steigen.

Dabei fangen die neuen kommerziellen Möglichkeiten schon an, bevor überhaupt der erste Joint gerollt wird: Internetdienste wie Medical Jane oder HelloMD helfen interessierten Kunden dabei, Ärzte zu finden, die unkompliziert Rezepte verschreiben – in dubiosen, improvisierten Praxen am Strand von Venice Beach oder online nach einer dreiminütigen Videokonsultation.

Hat man die ärztliche Empfehlung in der Hand, stehen dem Weg zum Cannabis-Rausch nur noch die Mühen der marktwirtschaftlichen Entscheidungsfindung im Weg: Das Angebot an Verkäufern ist mittlerweile so groß wie das Sortiment. Ob man sich Gras mit Grapefruitgeschmack gegen Kopfschmerzen in Läden kauft, die aussehen wie ein Apple-Store, oder lieber eine nach Banane schmeckende Züchtung gegen Schlaflosigkeit nach Hause liefern lässt, muss jeder „Patient“ selbst entscheiden.

Gesundheitsbewusste Kiffer vaporisieren

Natürlich helfen bei der Wahl Dutzende Websites, die die Produkte ausführlich testen und die neuesten Trends verkünden. Vorher allerdings muss sich der Käufer erst einmal für die Form des Konsums entscheiden: Nur altmodische Kiffer rauchen ihr Dope noch als Joint. Die gesundheitsbewussten Konsumenten von heute vaporisieren es mit handlichen Stiften, genießen es als Karamellbonbon, nehmen es als Tinktur zu sich oder reiben es sich als Creme auf die Haut.

Noch ist die Aufbruchstimmung in der Marihuana-Industrie geprägt vom Bild einer herrlichen Bio-Idylle. Eine Klientel, die Großkonzernen eher kritisch gegenübersteht, sowie der Trend zur Direktvermarktung, wie er sich derzeit im Erfolg der Mikrobrauereien ausdrückt, nährt die Hoffnung auf einen Markt, auf dem vor allem mittelständische Händler mit leidenschaftlichen Öko-Bauern zu tun haben, unterstützt von kreativen Start-ups, die Apps für den zeitgemäßen Online-Vertrieb und Software für die effektive Aufzucht der Pflanzen schreiben.

Längst haben aber Investoren den Markt entdeckt, die nicht die Pflanzen meinen, wenn sie von Wachstum reden: Das kalifornische Unternehmen Aquarius Cannabis etwa spricht von der Notwendigkeit der „Kultivierung“ – und meint damit die Entwicklung von Marken, die den Kunden helfen sollen, sich im Markt zurechtzufinden, und verlässliche Qualität versprechen. Den Anfang macht „Golden Gateway“, das „Premium Cannabis für den ultimativen kalifornischen Lifestyle“, eine Art Marlboro des Marihuana. Oder die Camel?

Die Tabakkonzerne dementieren noch

Die Konkurrenz steht schon bereit: Die Holdinggesellschaft Privateer hat sich von den Erben Bob Marleys die Namensrechte gesichert und will demnächst ihr Gras unter dem Label „Marley Natural“ auf den Markt bringen.

Die Angst, dass auch das Geschäft mit dem Stoff, aus dem die Träume der linken Gegenkultur gemacht sind, in Zukunft von Großkonzernen dominiert wird, ist naheliegend. Denn es ist kaum vorstellbar, dass die Marktwirtschaft eine Ware mit derart großem Suchtpotential einer Handvoll Tante-Emma-Läden überlässt.

Dass Tabakfirmen wie Reynolds oder die Altria Group (ehemals Philip Morris) zurzeit noch jedes Interesse an einer Einführung von Marihuana-Zigaretten dementieren, liegt wohl vor allem daran, dass die Legalisierung noch nicht weit genug vorangeschritten ist. Auch nach der Freigabe in einzelnen Bundesstaaten hat sich etwa an den staatlichen Steuergesetzen noch nichts geändert, was dazu führt, dass auch die lizenzierten Cannabishändler ihre Betriebskosten nicht absetzen können.

Dem Dealer war die Pestizidbelastung egal

Auch der Agrarkonzern Monsanto weist die immer wieder laut werdende Behauptung, man arbeite an genmanipuliertem Marihuana, auf seiner Website ausdrücklich als „Internetgerücht“ zurück. Aber es wäre ein Wunder, wenn sich nicht irgendwann auch Monsanto die Frage nach der Patentierbarkeit von Cannabissamen stellen würde.

Die Kommerzialisierung des Geschäfts mit den Drogen mag die Voraussetzung dafür sein, dass die gesunden Mechanismen des Marktes einsetzen: dass Konsumenten nicht als Kriminelle behandelt werden und Produzenten Steuern zahlen können, dass Produktionsbedingungen, Vertriebswege und Qualität der Produkte endlich kontrolliert werden können. Sie ist nur keine Garantie. In mehreren Marihuana-Produkten, die in Colorado verkauft werden, sind vor kurzem hohe Mengen von Pestiziden entdeckt worden. Man kann das als Versagen der Kontrollen interpretieren – oder eben als Erfolg. Nach einem Fernsehbericht wurden die Produkte aus dem Handel genommen; den Dealern im Park wäre früher so ein Problem wohl ziemlich egal gewesen.

Und trotzdem: So hilfreich die Prohibition für kriminelle Zustände des Drogenhandels sein mag, eine Voraussetzung dafür ist sie nicht. Umweltskandale und Korruption, Kinderarbeit und unterirdische Sicherheitsstandards sind ja nicht unbedingt Probleme, die man nur mit illegalen Drogen in Verbindung bringt; es reicht, Spielzeug zu produzieren.

Als im vergangenen Jahr 400 Kilo Kokain als Bananenlieferung getarnt in einem deutschen Supermarkt auftauchten, war die Erleichterung groß, dass kein Kunde in Kontakt mit dem gefährlichen Stoff gekommen war. Womit das Koks gemeint war. Niemand aber redete von den Bananen, dem Symbol für die gleichnamigen Republiken.

So natürlich wie Kaffee oder Bier

Nicht zuletzt das unkontrollierte Treiben amerikanischer Südfruchtexporteure, der unheilvolle Einfluss der United und der Standard Fruit Company vor allem, ist für die Zustände in Lateinamerika verantwortlich, welche die Entstehung der Drogenkartelle ermöglicht hat. Die Legalisierung mag dafür sorgen, dass der Anbau von Drogen in Zukunft auch unter den strengen Regeln westlicher Standards abläuft. Aber sie hält kein Unternehmen davon ab, die Produktion in Länder zu verlagern, die es mit der Kontrolle nicht so genau nehmen.

Zum Naturzustand verhält sich ein Löffel voller Heroin nicht viel anders als ein Glas Bier oder eine Tasse Kaffee. Der Mohn wächst auf dem Feld, so wie auf anderen Feldern und Plantagen der Hopfen, die Gerste, die Kaffeebohnen wachsen, und nach ein paar chemischen Prozessen ist aus dem Naturprodukt die Droge geworden. Cannabis ist noch naturnäher: Das Harz des Hanfes ist schon das Haschisch, die Blätter sind Marihuana, Gärung oder Acetylierung sind nicht notwendig – und insofern ist es auch für den Kopf des Abstinenzlers irgendwie verständlich, dass Menschen dazu neigen, sich am Saft des Mohns und den Blättern des Cocastrauchs zu berauschen.

Wie verkraftet es aber derselbe Kopf, wenn Menschen in schäbigen Kellern oder Schuppen aus ephedrinhaltigen Medikamenten wie Wick-Medinait, Salzsäure und anderen unappetitlichen Zutaten ein Gift kochen, welches, wenn man es einigermaßen regelmäßig nimmt, zu Paranoia, nervlicher Zerrüttung, Depressionen sowie extrem schlechter Haut und noch schlimmeren Zähnen führt? Wie verkraftet dieser Kopf also die starke und gefährliche Droge Methamphetamin, die meist bei ihrem Kosenamen „Crystal Meth“ genannt wird und deren Produktion und Konsum unter all den Drogen die höchsten Wachstumsraten hat?

Gefährliches Meth der Amateurköche

Die Intuition sagt einem, dass Gott oder die Natur schon wissen werden, warum sie den Mohn und den Hanf wachsen lassen, dass aber so schlimmes Zeugs wie Crystal Meth seine Existenz keiner Naturwüchsigkeit verdankt – es ist übles Menschenwerk und sollte so behandelt werden wie andere üble Menschenwerke, Mord, Diebstahl, Betrug. Man muss es verbieten. Man soll es, anders als die Drogen, die eh in der Welt sind, nicht legalisieren, man darf es gar nicht erst herstellen.

Das Dumme ist nur, das Crystal Meth ja verboten ist. Und gleichzeitig immer populärer wird. Und weil die Produktion nicht kontrolliert wird, fließen die giftigen Rückstände der Crystal-Meth-Küchen ins Abwasser, und niemand hindert Amateure daran, mit ihrem Amateurkönnen sehr schlechtes, unreines Crystal Meth zu kochen, was für den, der es dann raucht, eine Lebensgefahr bedeuten kann.

Es wird der Gesellschaft also nichts anderes übrigbleiben, als auch die unsympathische Droge Methamphetamin zu legalisieren, damit Produktion, Vertrieb, Konsum kontrolliert werden können. Und man ist versucht zu sagen, dass damals, als die Droge unter dem Namen Pervitin erst frei und dann auf Rezept relativ leicht erhältlich war, davon die Welt auch nicht untergegangen ist.

Nur ist sie eben untergegangen, weil Pervitin die Droge war, welche die Soldaten der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg enthemmte und antrieb. Ach, es ist kompliziert: Muss man Diesel verbieten, weil es die Panzer der Wehrmacht angetrieben hat?

Drogenkonsum nicht bewerten

Wie aber eine Welt nach der Legalisierung für die Konsumenten aussehen könnte, eine Welt, in der es normal wäre, halluzinogene Substanzen einzunehmen, aus Vergnügen, Verzweiflung, Neugier, Gruppendruck, Langeweile, in privaten Wohnungen, Parks, Büros oder auf Partys, das kann man auch heute schon ganz gut sehen: Viele Konsumenten sind ja keine Randfiguren, sondern ziemlich normale Bürger, die den Rausch suchen und genießen wollen.

In dieser Umwelt sind auch heute schon Leute unterwegs, die sich dafür einsetzen, dass, wenn es schon Drogenkonsum gibt, dieser so sicher, verantwortungsbewusst und, nicht zuletzt, befriedigend wie möglich gestaltet wird. Eine von ihnen ist Anette Hofmann. Seit mehreren Jahren widmet sich die ausgebildete Krankenschwester und Sozialpädagogin in Berlin der sogenannten „akzeptierenden Drogenarbeit“ in informellen Vereinen, die in der Regel aus ehrenamtlichen Mitgliedern bestehen – darunter oft Ärzte oder Psychologen – und die sich zum Ziel gesetzt haben, junge Leute über Wirkung und Nebenwirkung von Rauschmitteln aufzuklären, die Lebenssituation von Drogenkonsumenten und -süchtigen zu verbessern sowie Wege aus der Sucht zu finden, und vor allem die Risiken und Schäden des Drogenkonsums zu minimieren.

„Wir bewerten es nicht, dass Leute Drogen konsumieren. Wir sagen nicht, dass sie es machen sollen, weisen aber auch niemanden ab, wenn er Drogen zu sich nimmt“, erklärt Hofmann. „Was wir versuchen, ist, dass Menschen, die sich dafür entschieden haben, Drogen zu nehmen, es vernünftig machen.“

Keine kaputten, willensschwachen Konsumenten

Was aber soll das heißen, „vernünftig“ Drogen zu nehmen? In Clubs, auf Partys und Musikfestivals informiert Hofmann über verantwortungsbewussten Drogenkonsum, verteilt zum Beispiel „Partypacks“, mit Informationsflyer und Taschentüchern, aber auch mit Nasenspülungen, sauberen Röhrchen und Kondomen. „Es geht uns einerseits um Aufklärung“, sagt Hofmann, „vor allem aber auch um Risikoreduktion; darum, die Übertragung von Hepatitis C oder Geschlechtskrankheiten zu verhindern, sowie Unfälle beim Konsum zu vermeiden.“

Schon vor Jahren, erzählt sie, habe sie gedacht, dass es auf jeder Party Leute geben sollte, „die Ahnung haben, wenn es zu Notfällen kommt“. So leisten manche Gruppen auf Festivals „Tripsitting“ beziehungsweise psychedelische Ambulanz: Sie betreuen und begleiten junge Menschen, die „schlechte Trips“ erlebt haben, und managen, meist durch beruhigendes Zureden, Körperkontakt oder vernünftiges Essen, Notfälle – von Muskelkrämpfen bis hin zu Angstzuständen.

Für den akzeptierenden Ansatz gilt es, Drogenkonsum ernst zu nehmen, ihn aber nicht zu verurteilen. Drogen, sagt Anette Hofmann, „gehören einfach dazu“. Außerdem sei das Bild vom Konsumenten als „kaputtes, willensschwaches Wesen, das sein Leben nicht im Griff hat, realitätsfremd. Die meisten wissen, wie viel sie vertragen, und können es auch sehr wohl dosieren.“

Da Konsum mit Risiken verbunden ist, sei die Arbeit an Gesundheitsförderung notwendig. Ist Drogenlegalisierung notwendig? „Sicher“, sagt sie. So könnte man die Beschaffungskriminalität schwächen, die Qualität von Substanzen besser kontrollieren und wirkungsvollere Prävention leisten. „Aber im Alltag ist sowieso die Frage, ob legal oder illegal, am Ende – egal, nicht? In der realen Welt sind Drogen einfach normal. Und jeder hat sein Recht auf Rausch.“

Verantwortungsbewusst mit Konsum-App

Kann man sich wirklich vorstellen, dass heute noch geächtete Drogen zum akzeptierten Teil des bürgerlichen Lebensstils werden? Dass Firmen ihre Angestellten ermutigen, ab und zu ein bisschen Crystal zu schnupfen, um mit ihrem stressigen Job klarzukommen? Dass die Familie am Weihnachtsabend nach der Bescherung ein paar besonders edle Haschkekse nascht?

Wenn man die Entwicklung des amerikanischen Cannabismarktes betrachtet: ja. Auffällig viele Firmen bemühen sich dort, Marihuana als Teil eines gesundheitsbewussten Lifestyles zu verkaufen, als Wellness-Droge, die Kreativität fördert, für Entspannung sorgt und beim Abnehmen hilft, solange man sie nur verantwortungsvoll verwendet.

Zum zeitgemäßen Konsum gehört dabei auch der Einsatz entsprechender Hilfsmittel, auch diese gibt es längst auf dem Markt: Computerprogramme, die den Konsum überwachen und auf das persönliche medizinische Profil anpassen, Tracking-Apps für Smartwatch oder Fitbit, die Dosierung und Wirkung überwachen. Wer sich von der Legalisierung eine bessere Kontrolle des Drogenkonsums erhofft, sollte jedenfalls nicht vergessen, wovon wir heute reden, wenn wir von Gesundheitskontrolle reden. Schon möglich, dass sich die Kiffer von morgen einmal die Freiheit zurückwünschen werden, die sie unter den Bedingungen der Kriminalität genossen.

Das Verdienst der Kultur

Die Drogen kommen zu uns, ob wir das wollen oder nicht – aber wenn man vom Innen- und vom Justizminister auf die Frage, wann Deutschland denn endlich mit deren Entkriminalisierung beginnen wolle, überhaupt eine Antwort bekäme, dann wäre es wohl die: Wir haben zurzeit ganz andere Probleme.

Es sind aber in Wahrheit ganz ähnliche Probleme, die Sache mit den Einwanderern und die mit den eingeschmuggelten Substanzen – man muss, um sich das klarzumachen, nur tief genug in jene Gläser schauen, aus denen wir unsere liebste einheimische Droge trinken. Dass Alkohol ein ungeheuer starkes Gift ist, weiß jeder, der im Rausch einmal Dinge getan hat, die er am nächsten Morgen lieber nicht getan hätte. Dass Alkohol sehr gefährlich ist, wissen all jene, die ihre Sucht nicht unter Kontrolle bekommen. Dass in einer Gesellschaft, die den Alkohol duldet, trotzdem der Alkoholiker eher die Ausnahme als die Regel ist: Das ist das Verdienst der Kultur.

Wir hier, im sogenannten Abendland, haben 3000 Jahre Erfahrung darin, wie die Droge mit Ritualen, kulturellen Formen und Konventionen eingehegt, gebändigt, weitgehend kontrolliert werden kann – und dass es nur darum geht, zeigt das Beispiel jener Völker und Stämme, die mit anderen Drogen vertraut waren und erst von den europäischen Kolonisatoren mit dem Alkohol bekanntgemacht wurden: Dort zerrüttete die Droge Alkohol ganze Gesellschaften.

Das gleiche Problem haben wir mit jenen Drogen, die zwar populär sind, aber immer noch Fremde in unserer Kultur. Sie zu verbieten hilft nichts, das zeigt ein Dreivierteljahrhundert Prohibition – Kokain und Heroin, ursprünglich beides Errungenschaften der deutschen chemischen Industrie, sind seit 1929 verboten.

Die Ächtung des Morgenjoints

Man muss sie also einhegen und bändigen, indem man sie kulturell integriert. So wie wir uns abends vielleicht einen Drink genehmigen, aber nicht schon morgens angeheitert durch den Tag stolpern, so wird der Joint am Morgen vielleicht erlaubt, aber gesellschaftlich geächtet sein.

Alles andere ist Volkswirtschaftslehre, wie der Nobelpreisträger Gary Becker in seiner Studie „The Economic Theory of Illegal Goods“ gezeigt hat. Man muss die Drogen legalisieren, staatlich kontrollieren – und dann so hoch besteuern, dass kein Neugieriger sich nur mal zum Vergnügen einen Schuss Heroin besorgt. Künstlich hochgetriebene Preise lassen zwar einen Schwarzmarkt entstehen, aber wenn man den konsequent genug bekämpft, steigen auch dort die Preise, und es lohnt sich wieder, den Stoff in der Apotheke zu kaufen.

Besser natürlich, man lässt es ganz bleiben.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Seidl, Claudius (cls)Autorenporträt / Staun, Harald (stau)
Claudius Seidl
Harald Staun
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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