Buch über Fehlgeburt

Er hat gelebt

Von Theresia Enzensberger
 - 08:37

Um Ariel Levy zu besuchen, muss man in New York in den Jitney steigen, in die Hamptons fahren und von dort aus mit einer winzigen Fähre nach Shelter Island übersetzen. Man bezahlt einen Dollar an den Kapitän und teilt sich für zehn Minuten das kleine, sanft wankende Schiff mit verbeulten Pick-up-Trucks, Kombis und Leuten, die nicht so aussehen, als hätten sie irgendetwas mit den Hamptons zu tun. Der Kontrast zu den yachtbestückten Häfen und protzigen Glaskästen von South Hampton ist groß, auch hier säumen Sandstrände die Küste, aber die Natur hat die Oberhand, man geht zwischen zerklüfteten Felsen und riesigen Bäumen an Land. Nach fünfzehn Minuten auf der Hauptstraße der Insel steht man vor einem unauffälligen Haus, das, wie die meisten hier, mit graubraunen Schindeln verkleidet ist. Hier wohnt die Autorin, die für ihre halsbrecherischen Reportagen und eigenwilligen Porträts für den „New Yorker“ bekannt ist, und für „Female Chauvinist Pigs“, eine feministische Polemik, die 2005 erschien. Jetzt ist ihr neues Buch „Gegen alle Regeln“ erschienen, ein Memoir, in der es um ihre Fehlgeburt geht, um ihr Leben davor und danach und um die Frage, ob wir wirklich alles haben können.

Manhattan, Shelter Island – haben Sie eine Vorliebe für Inseln?

Ich bin im Staat New York aufgewachsen, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, und wenn man von dort kommt, ist es nicht ungewöhnlich, in die Stadt ziehen zu wollen. Das hier ist das Haus aus dem Buch. Ich habe es von meiner Exfrau gekauft. Sie musste es verkaufen, und das ist nicht einfach hier. Sie war froh darüber.

Hat es sich so angefühlt, als wären Sie in Ihr altes Leben zurückgekehrt, vor Ihrer Fehlgeburt, vor der Alkoholkrankheit Ihrer Exfrau Lucy?

Wir waren nur sieben oder acht Monate getrennt, das Haus und ich. Natürlich vermisse ich Lucy manchmal und denke an die Zeiten, in denen unser gemeinsames Leben gut war, aber das geht mir auch an vielen anderen Orten so.

Sie sind eine erfahrene Journalistin, für den „New Yorker“ porträtieren Sie häufig Frauen, denen die Adjektive „stark“ und „ungewöhnlich“ zugeschrieben werden. Nun also ein Selbstporträt. Ist es seltsam, auf der anderen Seite zu stehen?

Nicht wirklich. Es geht bei dem, was ich veröffentliche, um andere Leute, aber seit ich ein kleines Kind bin, schreibe ich in einem Tagebuch an mich selbst und über mich selbst. Das ist natürlich etwas völlig anderes. Wenn man in ein Tagebuch schreibt, kotzt man die Wörter so raus, bei einem Buch muss das Augenmerk dem Handwerk gelten. Aber es geht um dieselben Fähigkeiten: Eine Struktur zu finden und Charaktere echt erscheinen zu lassen. Durch das Tagebuchschreiben bin ich es gewohnt, eine Konversation mit mir selbst zu führen. Schon bevor ich Journalistin wurde, war ich im Schreiben in ständiger Unterhaltung mit mir selbst.

Im „New Yorker“ schilderte Levy 2013 in ihrem Essay „Thanksgiving in Mongolia“ zum ersten Mal die Szene, die das Kernstück ihres Buches ausmacht. Die Autorin ist im fünften Monat schwanger, der Samenspender ist ein guter Freund, und das Kind wollen sie und Lucy gemeinsam aufziehen. Sie fliegt für eine Reportage in die Mongolei. Dort, in einem Hotelzimmer, wird ihr Sohn geboren – und lebt nur wenige Stunden. Begriffe wie „Fehlgeburt“ und „Totgeburt“ erscheinen ihr mit einem Mal unzulänglich.

Sie sagen, „Thanksgiving in Mongolia“ kam Ihnen „einfach aus den Fingern“. Hätten Sie es auch nur für sich geschrieben?

Ich habe es für mich geschrieben. Da gibt es keinen Unterschied. Als es fertig war, war ich sehr stolz darauf und wollte es veröffentlichen. Erstens fand ich es einfach gut. Und zweitens – ich weiß nicht, wie ich das erklären soll –, aber ich war so stolz auf meinen Sohn. Außer mir hat ihn niemand gesehen, und aus irgendeinem Grund wollte ich allen, die es lesen wollten, sagen: Diese Person hat existiert. So sah er aus. Das war meine Erfahrung mit ihm. Er hatte ein Leben. Ein kurzes, abgeschnittenes Leben, aber ein Leben. Und ich will nicht die einzige Person sein, die sich seiner Existenz bewusst ist.

In einem Interview sagten Sie: „Ich habe gemerkt, dass mein natürlicher Modus als Autorin das Geschichtenerzählen ist, nicht das Meinungsstück. Ich will die Ideen meinem Leser heimlich einflößen.“ Wissen Sie, welche Ideen das sind, bevor Sie eine Geschichte erzählen?

Ich glaube, wenn man mich festnageln würde, könnte ich meine Ideen artikulieren. Um das Buch zu verkaufen, musste ich das machen. Ich musste ein Exposé schreiben, in dem ich sagte: Die Idee ist, dass wir in einer Welt leben, in der so viel möglich ist, und vieles daran ist großartig. Wir hatten den ersten schwarzen Präsidenten, die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Alles nur, weil eine Person oder eine Gruppe von Leuten gesagt hat: Die Regeln, denen wir folgen, sind nicht richtig. Wir müssen sie ändern. Das ist toll. Die dunkle Seite dieser Idee ist, dass es keine Grenzen gibt, dass wir haben können, was immer wir wollen, und alles ist für immer möglich. Und das ist es nicht. Man braucht eine Idee, als Rückgrat, an dem alles andere haften kann. Aber es ist wohl der Teil, der mir am wenigsten wichtig ist. Die Geschichte selbst ist mir viel wichtiger.

Levys Geschichte hat eine überraschende Wendung. In der Klinik in der Mongolei behandelt sie ein südafrikanischer Arzt. Zurück in Amerika fängt sie mit ihm einen E-Mail-Austausch an, der sich bald in ein recht inniges Verhältnis verwandelt und der in Auszügen in „Gegen alle Regeln“ zu lesen ist. Das Buch endet aber nicht mit einer Liebesgeschichte, Levy fährt zwar nach Südafrika, aber für eine Reportage. Was aus ihr und „Doctor John“ wird, kann man lediglich aus den Interviews erfahren, die sie bereits gegeben hat.

Haben Sie viel über das Ende nachgedacht?

Nein, mir war immer klar, dass es hoffnungsvoll enden sollte. Aber auch, dass es enden sollte, bevor ich und John uns ineinander verliebt haben. Ich hätte das widerlich gefunden, so ein märchenhaftes Ende. Wir sind alle so durchdrungen von diesen „Prince Charming“-Geschichten, dass es fast unmöglich ist, zu hören „und dann sind wir zusammengekommen“ und nicht zu denken, „dann ist ja alles gut“. Es war nämlich nicht alles gut. Es ist nicht so, dass man jemanden kennenlernt und sich verliebt, und auf einmal betrauert man den Tod des eigenen Kindes oder das Ende der letzten Ehe weniger.

Sie haben das Einverständnis aller Personen, die in Ihrem Buch auftauchen, eingeholt. Hatten Sie trotzdem manchmal Bedenken?

Was Lucy angeht, kämpfe ich manchmal immer noch damit, ob es richtig war, über ihr Leben zu schreiben. Aber sie ist die Einzige. Bei meinen Eltern ist es mir egal. Und John! John findet es wunderbar.

Ihnen ist Ihre Privatsphäre egal?

Ja, ganz offensichtlich. Es ist mir einfach egal. Ich glaube nicht, dass es moralisch besser oder schlechter ist, ein privater Mensch zu sein. Ich erzähle nur die Wahrheit.

Aber ist es nicht ein seltsames Gefühl, dass sich die Leute so für Ihr Leben interessieren, jetzt, wo das Buch erschienen ist?

Erst seit kurzem denke ich: Wisst Ihr was? Das ist ein Buch. Es ist ein geschriebenes Werk, es sollte als solches bewertet werden, nicht danach, was jemand über mich oder mein Leben denkt. Ich weiß nicht warum, aber anfangs habe ich gar nicht darüber nachgedacht. Als ich mein erstes Interview gegeben habe, habe ich einfach gesagt: „Und ich konnte nie wieder schwanger werden.“ Manchmal wünsche ich mir, ich hätte das nicht zur Sprache gebracht, es ist zu einer Sache geworden, über die ich immer wieder sprechen muss, und es kommt im Buch nicht vor. Genauso wie meine Beziehung mit John. Für den Leser sollte das eigentlich irrelevant sein. In mancher Hinsicht ist es also vielleicht nicht so gut, dass ich kein privater Mensch bin.

Was ist feministisch an Ihrem Buch?

Alles daran. Was ist nicht feministisch daran? Mich interessiert das Hexenhafte, das Animalische. Das archaische Zeug, die Geburt, das Leben und der Tod, und dass das alles eine spezifische Erfahrung für Frauen ist, die es für Männer einfach so nicht gibt. Vor kurzem habe ich zu meinem Vater gesagt: „Stell dir vor, aus deinem Penis käme Blut geschossen, tagelang, jeden Monat, dreißig Jahre lang.“ Er sagte: „Das würde ich nicht mögen.“ Das ist ein anderes Leben. Und eine Person im eigenen Körper zu machen und sie aus sich rauszupressen! Und die Wechseljahre! Niemand redet über diese Sachen. Ich finde, Literatur sollte diese archaischen, animalischen Dinge über Frauen enthalten. Es ist verständlich, dass wir diese Dinge eine Zeit lang vermieden haben, eine Zeit lang haben wir gesagt: Hört auf, über uns als Körper nachzudenken. Konzentriert euch auf unsere Gehirne.

Und jetzt können wir wieder über unsere Körper sprechen?

Ich hoffe es. Nicht, dass sich jetzt alles andere erledigt hat. Ich meine, schau dir an, wer in dem blöden, verdammten Land, in dem ich lebe, jetzt Präsident ist! Wenn dieser Typ Präsident ist, was haben wir schon zu verlieren? Als Schriftsteller oder Künstler sollten alle Erfahrungen gültige Themen sein. Nur weil etwas eklig oder weiblich ist, heißt das nicht, dass ich nicht darüber schreiben werde. Und je mehr wir diese Dinge als legitime Gesprächsthemen ans Licht bringen, desto weniger denken wir, es ist irgendwie geheim und man muss sich daran halten, was die „Experten“ sagen. Ich habe so oft von Frauen gehört, die erleichtert waren, dass jemand im Radio über die eigene Fehlgeburt spricht. Da denke ich dann: Stimmt, warum geben wir nicht zu, dass das eine große Sache ist? Es ist die einflussreichste Erfahrung, die ich in meinem Leben gemacht habe.

Vor kurzem sagten Sie, Sie interessieren sich jetzt für den Tod. Ist das auch etwas, worüber nicht genug gesprochen wird?

Ich glaube, hier in Amerika leben wir unser Leben, als würden wir nicht sterben. Und die Todesindustrie ist sehr diskret. In der Minute, in der jemand stirbt, wird er so schnell wie möglich zu einem Bestattungsinstitut gebracht, und niemand interagiert mehr mit den Toten. Wir wollen nicht, dass es wahr ist. Und ich glaube, das ist die Parallele. Es ist nicht einfach, mit 39 ein Kind im Körper zu haben. Wir wollen nicht, dass das wahr ist.

Für den Tod gibt es aber Rituale . . .

Ja, und ich glaube, einer der Gründe dafür, dass Fehlgeburten und Totgeburten so die Hölle sind, sind die fehlenden Rituale. In manchen Kulturen gibt es das. In Japan gibt es zum Beispiel spezielle Friedhöfe für kleine, noch nicht ganz Mensch gewordene Personen. Aber ich glaube, weil nicht darüber geredet wird, denkt man: Bin ich verrückt, dass ich das Gefühl habe, mein Kind ist tot? Ich weiß, wie es für andere klingt, nämlich so, als hätte man ein medizinisches Problem gehabt. Manchmal ist es auch so. Aber eine Fehlgeburt zu haben, wo man die Person, die man gemacht hat, sieht, und dann stirbt sie, das ist schrecklich. Rituale könnten diesen Schmerz vielleicht ein bisschen lindern.

Ja, weil dann andere Leute anerkennen würden, dass es passiert ist.

Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum ich mir gesagt habe: Auf keinen Fall veröffentliche ich diesen Text nicht. Ich will, dass das anerkannt wird. Und das wurde es.

Ariel Levy: „Gegen alle Regeln. Ein Memoir über Liebe und Verlust“. Aus dem Englischen von Maria Hochsieder-Belschner. Knaur, 238 Seiten, 19,99 Euro

Quelle: F.A.S.
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